Coronavirus Zentralasien

Coronavirus: Neue Zunahme der Infektionen in Zentralasien

Drei Monate nach den ersten Fällen und etwa einen Monat, nachdem die meisten Eindämmungsmaßnahmen zurückgenommen wurden, sehen sich die zentralasiatischen Staaten nun mit einem Wiederaufleben der Coronavirus-Epidemie konfrontiert. Die Region hat inzwischen mehr als 25.000 Infektionen und fast 200 Todesfälle zu verzeichnen. Novastan zieht Bilanz, Land für Land.

Nach drei Monaten Epidemie übersteigt die Zahl der Coronavirus-Infektionen in Zentralasien 25.000 Fälle, mehr als die Hälfte davon in Kasachstan, dass auch die höchste Zahl an Todesfällen aufweist. Während Tadschikistan das wahre Ausmaß der Gesundheitskrise zu verschleiern scheint, gibt es in Turkmenistan bisher noch gar keine registrierten Fälle.

In Kasachstan, Kirgistan und Usbekistan scheint mit der Aufhebung der Eindämmungsmaßnahmen im vergangenen Monat eine weitere Beschleunigung der Epidemie einherzugehen. In der Coronavirus-Krise sehen sich die Länder der Region gezwungen, einen Kompromiss zwischen der epidemiologischen Kontrolle und der Begrenzung des wirtschaftlichen Schadens einzugehen. Ein Überblick über die jüngsten Entwicklungen in Zentralasien.

Kasachstan intensiviert seine Bemühungen

Nach Angaben des kasachstanischen Gesundheitsministeriums wurden bis zum 16. Juni 15.192 Infektionsfälle im Land festgestellt, 9.488 Menschen sind genesen und 81 gestorben. Das Gesundheitsministerium hat jedoch 5.492 asymptomatische Träger nicht in die allgemeine Statistik der Infizierten aufgenommen. Nach Angaben der kasachstanischen Nachrichtenagentur Tengrinews zähle das Land am 16. Juni somit insgesamt 20.684 Infizierte.

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Seit dem 3. Juni trennt Kasachstan in der Gesamtstatistik zwischen symptomatischen und asymptomatischen Patienten. Symptomatische Patienten stellen eine größere epidemiologische Gefahr dar, so die nationale Chefärztin Aıjan Esmaǵambetova laut der Onlinezeitung Vlast.kz.

Generell nimmt die Zahl der Infektionen in Kasachstan weiter zu. Einer ersten Abflachung der Kurve folgte eine zweite Welle, erklärte der Gesundheitsminister Eljan Birtanov am 4. Juni nach Angaben von Vlast.kz. Diese Entwicklung fällt mit dem Beginn der Aufhebung der Quarantänebeschränkungen am 11. Mai zusammen. Das Gesundheitsministerium erklärt dieses anhaltende Wachstum durch genauere Vorsorgeuntersuchungen, aber auch durch das Entstehen von lokalisierten Clustern.

Die anhaltende Ausbreitung von Covid-19 habe den Staat daher veranlasst, in bestimmten Regionen wieder verstärkte restriktive Maßnahmen einzuführen, so Tengrinews. Dies ist seit dem 13. Juni für die Region Qaraǵandy und seit dem 15. Juni für die Region Nordkasachstan der Fall. Straßensperren wurden errichtet, die Arbeitszeiten in kommerziellen Einrichtungen und die Fahrpläne der öffentlichen Verkehrsmittel wurden begrenzt, während die Kommunalverwaltungen ihre Umstellung auf Telearbeit beschleunigt haben.

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Es wurden auch neue Regeln zur Behandlung der Patienten erlassen. Die neunte Ausgabe des Protokolls zur Behandlung von Coronavirusinfektionen wurde am Dienstag, den 16. Juni, verabschiedet, teilte die stellvertretende Gesundheitsministerin der Republik Kasachstan, Lıýdmila Bıýrabekova, auf ihrer Facebook-Seite mit. Demnach werden asymptomatischer Patienten und Personen mit leichten Formen von Covid-19 zu Hause oder in Quarantäneeinrichtungen gepflegt, in Koordination mit der primären Gesundheitsversorgung sowie einer verbesserten ambulanten Nachbetreuung.

Kasachstan hat laut Tengrinews auch beschlossen, in der Region Jambyl eine Produktionsanlage für Impfstoff zu bauen. Sie soll bis Dezember 2020 fertiggestellt werden und jährlich bis zu 60 Millionen Dosen Biopharmazeutika produzieren. Die Anlage soll mitunter einen Impfstoff gegen Coronavirusinfektionen herstellen. Gegenwärtig ist der Covid-19 Impfstoffkandidat des kasachischen Forschungsinstituts in der WHO-Liste aufgeführt und durchläuft erfolgreich präklinischen Studien.

Gleichzeitig öffnet Kasachstan behutsam seine Grenzen. Eine vollkommene Quarantäne ist nicht länger eine Option. Das Land hat beschlossen, seine Grenzposten mit Kirgistan wieder zu öffnen. Nach Angaben von Tengrinews wurde auch der Flugverkehr mit sechs Ländern genehmigt. Ab dem 20. Juni werden nach und nach Flüge in die Türkei, nach China, Südkorea, Thailand, Georgien und Japan ermöglicht.

Die möglichen Zielländer von internationalen Flügen werden in drei Kategorien unterteilt. Zur ersten Kategorie gehören China, Südkorea, Japan, Georgien und Thailand. Menschen, die aus diesen Ländern ankommen, werden bei der Einreise befragt und ihre Temperatur wird gemessen. Für Ankünfte aus Ländern der zweiten Kategorie, die vorerst nur die Türkei betrifft, wird es zusätzliche Bedingungen geben. Um sich in Kasachstan frei bewegen zu können, benötigen diese Ankömmlinge eine Bescheinigung über einen negativen Coronavirus-Test. Falls kein Zertifikat vorliegt, müssen sich die Bürger innerhalb von 48 Stunden nach ihrer Ankunft einem Coronavirus-Test unterziehen. Die dritte Kategorie umfasst alle anderen Länder, mit denen der Flugverkehr verboten bleibt.

Trügerische Normalität in Kirgistan

Fast drei Monate nach dem Auftreten der ersten Fälle von Coronavirus in Kirgistan zählt das Land 2.472 Infektionen, darunter 28 Todesfälle und 1.847 genesene Patienten. Das Wachstum der Infektionszahlen hat sich seit Anfang des Monats beschleunigt, mit einer Rekordzahl von 100 neuen Fällen am 16. Juni. Dies gilt insbesondere für die Hauptstadt Bischkek, auf die mehr als 35 Prozent aller Infektionen entfallen.  Fast die Hälfte sind es, nimmt man die Nachbarregion Tschüi hinzu. In relativen Zahlen ist die Stadt Naryn im Zentrum des Landes mit mehr als 6 Fällen pro 1.000 Einwohner (0,9 in Bischkek) am stärksten betroffen. Die Region Talas im Nordwesten, die lange virusfrei war, verzeichnete ab dem 10. Juni die ersten Fälle, berichtet die kirgisische Onlinezeitung Kloop.kg.

Seit dem Übergang vom Notstand zur Ausnahmesituation am 11. Mai wurden die meisten Eindämmungsmaßnahmen aufgehoben. Moscheen und Kirchen wurden am 8. Juni vorbehaltlich der Einhaltung der Gesundheitsvorschriften wieder für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dasselbe gilt für öffentliche Verkehrsmittel, Cafés und Restaurants, die Ende Mai ihren Betrieb wieder aufgenommen haben. Während sich das öffentliche Leben fast wieder normalisiert zu haben scheint, weisen die Behörden auf einen Mangel an Verantwortung in der Bevölkerung hin. „Wir sehen Menschenmassen im öffentlichen Raum, einige halten Familienfeiern in Restaurants mit einer großen Anzahl von Menschen ab. Dies ist eine unverantwortliche Haltung im Hinblick auf die pausenlose Arbeit unserer Ärzte“, stellte Präsident Sooronbai Dscheenbekow am 15. Juni fest.

Während die Organisation von Massenveranstaltungen nach wie vor verboten ist, drohen die Behörden in Bischkek Einrichtungen, die gegen die Gesundheitsvorschriften verstoßen, mit der administrativen Schließung. Mehrere Restaurants und Cafés sind bereits wegen der Organisation von Banketten geschlossen worden, so die kirgisische Nachrichtenagentur 24.kg.

Angesichts des Anstiegs der Fallzahlen hat der Covid-19-Krisenstab zudem die Behandlungsmechanismen geändert: Asymptomatische Patienten werden nun in Heimquarantäne geschickt, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Laut dem von 24.kg zitierten wahrscheinlichen neuen Premierminister Kubatbek Boronow entspricht die Lage einer „mäßig pessimistischen“ Prognose. „Aber die Situation ist unter Kontrolle. Es gelingt uns, die Ausbreitung der Krankheit zu stoppen. Bischkek gibt jedoch Anlass zur Sorge. Aber es gibt zu diesem Zeitpunkt keine Pläne, Einschränkungen einzuführen und die Hauptstadt zu schließen“, fügte er hinzu.

Tatsächlich würden solche Beschränkungen, die ohnehin schon schwierige wirtschaftliche Lage weiter verschärfen. Nach Angaben des stellvertretenden Finanzministers Marlen Amandykow hat Kirgistan in den ersten fünf Monaten des Jahres ein Haushaltsdefizit von mehr als 13 Milliarden Som (154 Millionen Euro) angehäuft. Ganz zu schweigen von mehreren krisengeschüttelten Wirtschaftssektoren, wie dem Tourismus, der in den letzten Jahren immer wichtiger für die Gesamtwirtschaft geworden ist. Der überwiegende Teil der Hilfsmittel für Bedürftige, die hauptsächlich aus privaten Spenden bestehen, ist bereits ausgegeben worden.

So geht der Trend trotz der Zunahme der Infektionen in Richtung Öffnung. Es wird erwartet, dass die Grenzübergänge mit Kasachstan in diesem Monat schrittweise wieder geöffnet werden. Der Luftverkehr innerhalb des Landes wurde am 12. Juni wieder aufgenommen. Seit dem 15. Juni bereiten sich die Flughäfen auf eine Wiederaufnahme der internationalen Flüge vor, deren Datum noch nicht bekannt gegeben wurde. Die Einreisebeschränkungen für ausländische Staatsbürger könnten jedoch erstmal bestehen bleiben.

Wiederaufflammen der Epidemie in Usbekistan?

Drei Monate nach dem ersten Fall von Coronavirus sind am 16. Juni in Usbekistan 5.293 Menschen mit dem Virus infiziert. Davon sind 4.019 wieder genesen und 19 gestorben. Auch wenn diese Zahlen in einem Land mit 33 Millionen Einwohnern bescheiden erscheinen mögen, ruft die Kurve der Epidemie zur Vorsicht. Wie die von der amerikanischen Johns Hopkins University zusammengestellten Statistiken zeigen, nimmt die Zahl der offiziell gemeldeten täglichen Fälle in der Tat ständig zu.

Der bisherige Höhepunkt liegt am 7. Juni mit 237 neuen Fällen. Auch die Zahl der aktiven Infektionen ist wieder angestiegen. Sie liegt über 1.000 Fällen, während sie Mitte Mai noch auf unter 500 Fälle gesunken war. Nach Angaben des russischen Medienunternehmens Fergana News könnte dieser Anstieg der Fallzahlen jedoch zumindest teilweise auf die verbesserte Testkapazität Usbekistans zurückzuführen sein.

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Zur Bewältigung der Gesundheitskrise kündigte die Regierung am 14. Juni an, dass die Einteilung des Landes in Zonen (grün, gelb und rot) und die entsprechenden Quarantänemaßnahmen bis zum 1. August in Kraft bleiben würden. Wie das usbekischen Medium Gazeta.uz berichtet, wird die Liste der Zonen regelmäßig aktualisiert: Seit dem 16. Juni befindet sich die Hauptstadt Taschkent in der gelben Zone, während die Provinzen Farg’ona und Andijon in der grünen Zone liegen. Die Städte Urganch und Termiz liegen in der roten Zone.

Am 15. Juni genehmigte die Regierung nach Angaben der russischen Onlinezeitung Sputnik die Wiederaufnahme des Bahnverkehrs zwischen grünen und gelben Zonen. In diesen Gebieten konnten auch Cafés, Restaurants und Bekleidungsgeschäfte wiedereröffnet werden, während der Bausektor ebenfalls wieder anlaufen konnte.

Darüber hinaus wurden die Außengrenzen, die seit dem 16. März geschlossen sind, am 15. Juni teilweise wieder geöffnet. Tatsächlich hat die Regierung, wie das usbekischen Medium Kun.uz berichten, grünes Licht für die Wiederaufnahme internationaler Flüge gegeben und gleichzeitig große Einschränkungen auferlegt. Nur bestimmte Gruppen ausländischer Staatsbürger, darunter Experten, die an Investitionsprojekten beteiligt sind, oder Personen mit Wohnsitz in Usbekistan, dürfen in das Land einreisen. Voraussetzung ist, dass sie sich in Ländern aufgehalten haben, deren epidemiologische Situation als „stabil“ gilt.

Demnach dürfen Touristen vorerst nicht nach Usbekistan einreisen. Am 27. Mai versprach der usbekische Präsident Shavkat Mirziyoyev jedoch Maßnahmen zur Unterstützung des Tourismussektors, der für die Wirtschaft des Landes lebenswichtig ist. Tatsächlich wurde nach Angaben der usbekischen Präsidentschaft das Einkommen von mehr als 250.000 Menschen durch den Zusammenbruch dieses Wirtschaftszweigs „ernsthaft beeinträchtigt“. So wurden beispielsweise die Befreiungen von bestimmten Abgaben und Steuern bis Ende 2020 verlängert, während Hotels direkte Beihilfen vom Staat erhalten werden.

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Der Tourismussektor ist bei weitem nicht der einzige betroffene Sektor, während die Zahl der offiziell registrierten Arbeitslosen in die Höhe geschnellt ist. „Vor der Pandemie lag die Zahl der Arbeitslosen in Usbekistan bei 1,35 Millionen, aber jetzt [am 7. Juni 2020] ist die Zahl der Arbeitslosen aufgrund der Schließung einer Reihe von Unternehmen auf fast 2 Millionen gestiegen“, sagte Arbeitsminister Nozim Husanov gegenüber Kun.uz. Nach Angaben des Ministers wurden bereits 3,6 Milliarden Sum (rund 311 Millionen Euro) zur Unterstützung von Arbeitslosen freigegeben. Eine beträchtliche Summe, die aber bei weitem nicht ausreichen wird, sollte die Krise anhalten.

Ein fragwürdiger „Sieg“ über das Virus in Tadschikistan

Bis zum 15. Juni wurden in Tadschikistan nach Angaben des Gesundheitsministeriums 5.097 Personen positiv auf das Coronavirus getestet. Von diesen Menschen haben sich 3.503 offiziell erholt und 50 sind gestorben. Tadschikistan, zwischenzeitlich das zentralasiatische Land mit der höchsten Zahl an registrierten Todesfällen, hat diesen wenig beneidenswerten Titel nun Kasachstan übergeben.

Laut den Daten der Regierung ist das Virus rückläufig, wobei Tadschikistan seine ersten Fälle erst am 30. April meldete. Am 29. Mai teilte der Gesundheitsminister Dschamoliddin Abdullosoda der tadschikischen Onlinezeitung SSSR.tj mit, die Epidemie habe am 15. Mai mit 211 neuen Fällen ihren Höhepunkt erreicht. Seitdem ist die Zahl der täglichen Fälle nach offiziellen Angaben stetig zurückgegangen. Am 15. Juni wurden nur 62 neue Fälle identifiziert.

Trotz der zuversichtlichen Erklärungen des Gesundheitsministers wirft der „Sieg“ Tadschikistans über das Virus Fragen auf. Tatsächlich standen die Behörden bereits im März und April unter Verdacht, die Präsenz des Virus im Land zu leugnen. Seit Anfang Mai wurden sie dann verdächtigt, das wahre Ausmaß der Krise zu verheimlichen. Auch heute, während die Regierung den Sieg beansprucht, bleiben viele Zweifel bestehen.

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Diese Zweifel werden durch die Website Kvtj.info genährt, die schnell von den tadschikischen Behörden blockiert wurde. Die Seite listet alle Fälle verdächtiger Todesfälle auf, insbesondere solche, die auf eine „Lungenentzündung“ zurückgeführt werden. Bis zum 13. Juni wurden auf dieser Seite bereits 434 Todesfälle verzeichnet, also neunmal mehr, als die offiziellen Daten angeben. Darüber hinaus mussten nach Angaben der amerikanischen Mediums Eurasianet einige Patienten das Krankenhaus verlassen, obwohl sie noch nicht genesen waren. Schließlich, so Radio Ozodi, der tadschikische Zweig des amerikanischen Mediums Radio Free Europe, verdeckt die medizinische Diagnostik bestimmte Fälle von Coronaviren weiterhin als „Lungenentzündung“.

Wie das russischen Medium Sputnik am 3. Juni berichtete, teilt auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Zweifel am tadschikischen „Sieg“. Am 7. Juni entsandte die WHO, die bereits im Mai eine zweiwöchige Mission in Tadschikistan durchgeführt hatte, medizinische Notfallteams und mobile Labors in das Land.

Als Zeichen dafür, dass die Regierung möglicherweise nicht so sicher ist, wie sie behauptet, wurden am 10. Juni neue Änderungen des tadschikischen Strafgesetzbuches verabschiedet. Laut Radio Ozodi können dadurch Geldstrafen oder Gefängnisstrafen gegen jeden verhängt werden, der keine Maske trägt, zur Verbreitung des Virus beiträgt oder falsche Informationen verbreitet.

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Wer ohne Gesichtsschutz erwischt wird, muss mit einer Geldstrafe zwischen 116 und 290 Somoni (etwa 10 bis 25 Euro) rechnen. „Eine Maske kostet mehr als fünf Somoni (etwa 43 Cent). Viele Menschen können es sich nicht jeden Tag leisten, eine Maske zu kaufen. Woher sollen sie 290 Somoni zur Zahlung der Strafe nehmen?“, beklagt eine Bewohnerin von Duschanbe, die von Radio Ozodi interviewt wurde.

Diese drastischen Maßnahmen treten in Kraft, obwohl die Behörden beschlossen haben, ab dem 15. Juni einige Geschäfte wieder zu öffnen. Wie die unabhängige tadschikische Medienorganisation Asia-Plus berichtet, ist es Cafés, Restaurants, Geschäften und Hotels nun erlaubt, Gäste zu empfangen, sofern sie desinfiziert werden und physische Distanz eingehalten wird. Ein willkommener frischer Wind in einem Land, in dem die Wirtschaftskrise mit der Gesundheitskrise verflochten ist: Nach Prognosen der Weltbank, die von Asia-Plus zitiert werden, dürfte Tadschikistans Wirtschaft bereits in diesem Jahr in eine Rezession geraten.

Turkmenistan leugnet weiterhin

Offiziell gibt es noch immer keine Fälle von Covid-19 in Turkmenistan, doch die Krankenhäuser des Landes seien mit Patienten mit Covid-19-Symptomen überfüllt, und das medizinische Personal arbeite in Vollschutzanzügen, berichtet Radio Azatlyk, der turkmenische Zweig des amerikanischen Medienunternehmens Radio Free Europe.

Laut Mitarbeitern des turkmenischen Gesundheitssektors, die anonym von Radio Azatlyk interviewt wurden, gebe es bereits viele Fälle von Covid-19, darunter auch tödliche Fälle. Demnach sei es verboten, die charakteristischen Symptome und durch Covid-19 verursachte Todesfälle zu erfassen. Dieser Mangel an Transparenz auf Seiten des turkmenischen Staates veranlasste die Bewertungsgruppe Deep Knowledge dazu, Turkmenistan hinsichtlich des Coronavirus-Risikos als das gefährlichste Land in Zentralasien einzustufen.

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Generell bezweifeln internationale Beobachter die Zuverlässigkeit der turkmenischen Daten. Der bevorstehende Besuch einer Inspektionsmission der Weltgesundheitsorganisation (WHO) könnte etwas Licht in die Situation bringen. Hans Kluge, Direktor des WHO-Büros für Europa und Zentralasien, sagte in einem Interview mit Sputnik am 3. Juni, die WHO-Mission nach Turkmenistan werde innerhalb von zwei Wochen stattfinden. Dem im Ausland ansässigen Chronicles of Turkmenistan zufolge bereite sich Turkmenistan aktiv auf den Besuch vor, indem es neue Ausrüstung in Krankenhäusern in Türkmenabat platziert und infizierte Personen nach Hause schickt.

Diese Leugnung könnte durch finanzielle Interessen motiviert sein. Die aktuelle Weltkrise, der Rückgang der Ölpreise und die verhängten Lebensmittelbeschränkungen sind allesamt harte Schläge für die turkmenische Wirtschaft. Der Staat versucht somit, die derzeitige Gesundheitssituation zu minimieren, um Eindämmungsmaßnahmen zu vermeiden. Dies ermöglicht es, die nationale Wirtschaft so gut wie möglich zu erhalten.

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Gleichzeitig organisiert das Land weiterhin Massenveranstaltungen, wodurch die Bevölkerung zunehmend der Ansteckungsgefahr ausgesetzt ist. Am 3. Juni wurde in Turkmenistan die dritte Auflage des Weltfahrradtags mit großem Pomp und Umstand gefeiert, ohne jegliche Schutzmaßnahmen. Zu diesem Anlass zogen mehr als 7.500 Menschen auf einer 12 Kilometer langen Strecke zwischen dem Fuße des Köpetdag-Gebirges, das südlich der Hauptstadt liegt, und dem zentralen Platz der Stadt umher.

Gleichzeitig zeigt das Land um eine verstärkte internationale Zusammenarbeit bei der Bekämpfung des Coronavirus. Nach Angaben der aserbaidschanischen Mediums Trend.az fanden am 12. Juni Online-Gespräche zwischen den Außenministern der zentralasiatischen Länder und dem Hohen Vertreter der Europäischen Union für Außen- und Sicherheitspolitik, Josep Borrell i Fontelles, statt. Die Parteien erörterten die Konsolidierung der Bemühungen zur Bekämpfung der Ausbreitung der Coronavirus-Infektion sowie die Aussichten für eine Zusammenarbeit zwischen der Europäischen Union und den Ländern der Region.

Aschgabat bereitet sich auch auf die Wiederöffnung vor, mit dem Bau von Quarantänezentren an seinen Grenzen zu Usbekistan, Afghanistan und Iran. Letzteres Land scheint in diesem Punkt ein privilegierter Partner zu sein, denn am 8. Juni wurde eine Brücke zwischen den beiden Staaten eingeweiht. Es wird erwartet, dass die Grenzen zwischen den beiden Nachbarn bald wieder geöffnet werden.

Turkmenistan beteiligt sich laut Radio Azatlyk auch am Bau eines Zentrums für den Nachweis von Coronavirusinfektionen in Afghanistan. Es wird berichtet, dass dem Coronavirus-Forschungszentrum ein separates Gebäude zugewiesen wurde. Coronavirus-infizierte Patienten können in allen Teilen der Provinz Faryab und ihrer zentralen Stadt Maimana im Nordwesten Afghanistans untersucht werden.

Florian Coppenrath
Redaktionsleiter, Novastan

Quentin Couvreur
Journalist für Novastan

Tanguy Martignolles
Journalist für Novastan

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