Standesamt Xiva

Der Jungfräulichkeitskult in Usbekistan

Die erste Nacht nach der Hochzeit, die Kontrolle der Jungfräulichkeit der Braut und die Rolle des Jungfernhäutchens im Leben der Frau vor der Hochzeit sind sehr heikle, aber auch wichtige Themen im Leben der usbekischen Frauen. Ein Artikel darüber, wie Traditionen das Leben der Frauen beeinflussen können.

Ende 2017 erfolgten in Usbekistan, vor allem in Samarkand und Ferganatal, Kontrollen der Jungfräulichkeit von jungen Frauen. In Usbekistan ist es gesellschaftlich kaum akzeptiert, dass Frauen vor der Ehe ein Sexleben haben. Dadurch geraten Frauen, die vor der Ehe schwanger werden oder nicht mehr jungfräulich sind, unter sehr starken gesellschaftlichen Druck.

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Laut einem Bericht von Radio Ozodlik, dem usbekischen Ableger von Radio Free Europe, war ein Grund für die Kontrollen die Prävention von Selbstmorden unter jungen Frauen. Der usbekische Präsident Shavkat Mirziyoyev hatte während eines Besuchs in Samarkand im November 2017 seine Besorgnis über die zunehmende Anzahl von Selbstmorden bei Frauen und Mädchen geäußert. Der ausschlaggebende Grund dafür seien frühe und außereheliche Schwangerschaften bei jungen Frauen.

Jungfräulichkeitstests

Um solchen Fällen vorzubeugen, haben die lokalen Behörden Jungfräulichkeits- und Schwangerschaftskontrollen von jungen Frauen im Alter von 14 bis 17 Jahren eingeführt. In seinem Bericht, zitiert Ozodlik eine Studentin, die auch von dieser Kontrolle betroffen war: „Ich habe mich sehr geschämt. Als unser Lehrer die Mädchen aus der Arztpraxis holte, begannen unsere Jungen über uns zu lachen. An diesem Tag wurde bei einem Besuch beim Frauenarzt bekannt, dass eine unserer Schülerinnen schwanger war. Bereits am Freitag wurde dies dem gesamten College bekannt. Sogar die Lehrer sprachen über sie mit Sarkasmus. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich niemals zu einem Frauenarzt gehen“.

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In Farg’ona, im Südosten Usbekistans, war Ende 2017 die Schwangerschaft einer Neuntklässlerin der Auslöser für massive Jungfräulichkeitskontrollen. Wie ein Mahalla-Vertreter (die Mahalla, das Stadtviertel, ist eine wichtige lokalpolitische Institution in Usbekistan) Radio Ozodlik erzählte, wurden Schülerinnen per Ultraschall in den örtlichen Kliniken geprüft. „Massenkontrollen der Jungfräulichkeit haben bei uns vor langer Zeit begonnen. Aber nachdem bekannt wurde, dass ein 15-jähriges Schulmädchen schwanger ist, mussten wir diese Kontrollen verstärken“ berichtete er.

Der Blutfleck „auf den eine Frau stolz sein muss“

Das Jungfernhäutchen bestimmt einen wichtigen Aspekt des Lebens der Frauen. Laut einer usbekischen und auch tadschikischen Tradition gelangt ein frisch verheiratetes Paar nach der Hochzeit in den Chimildiq (ein durch ein weißes Stofftuch getrennter Teil des Raumes, in dem das Ehepaar die Hochzeitsnacht verbringt). „Der Chimildiq ist ein Traum von jeder jungen Frau“ lautet ein usbekischer Spruch, ein Hinweis auf die Wichtigkeit der Hochzeit im Leben der Frauen.

In Chimildiq verbringt das Ehepaar die erste Nacht zusammen. Hinter der Tür warten drei bis vier sogenannte Frauen-Prüferinnen auf die frohe Nachricht: Blutflecken auf dem Spannbetttuch. „Etwas, worauf eine Frau stolz sein muss“ meint Sabohat, eine Englischlehrerin in einer usbekischen Grundschule, im Gespräch mit Novastan. Wenn Blutflecken auf dem Tuch sind, verbreiten diese Prüferinnen die frohe Nachricht an die Verwandten des Ehepaares. Die Kontrolle des Sexlebens der Frauen auf diese Art und Weise ist eine einseitige Durchführung eines kulturellen und / oder islamischen Brauchs, demnach sowohl der Mann als auch die Frau den Chilimdiq „rein“ betreten müssen. Sie dürfen davor keinen Geschlechtsverkehr gehabt haben. In der Realität sind nur die Frauen davon betroffen.

Kaum Aufklärungsmöglichkeiten

Der Jungfräulichkeitskult wird den Mädchen bereits in jungen Jahren vermittelt. In der Erziehung spielt das „Aufklärungsthema“ über Hymen eine bedeutende Rolle. Leider erklären die Mütter das Thema sehr oft falsch, weil sie nur davon ausgehen, dass eine Frau in ihrer ersten Nacht bluten muss. Die physiologisch falsche Erklärung sowie das falsche Verständnis des weiblichen Körpers können einige Probleme im späteren Sexleben der junger Frauen verursachen. Darüber, dass nicht jede Frau beim ersten Sex bluten muss oder dass manche Frauen überhaupt nicht bluten, wird kaum diskutiert.

Im Jahr 2008 wurde ein Kurzfilm namens „Bremja dewstwennosti“ (Die Last der Jungfräulichkeit) zu diesem Thema gedreht, der jedoch in Usbekistan wegen „falscher Darstellung des realen Lebens der Usbeken“ sowie dem vermeintlich ‚unislamischen und unpatriotischen Verhaltens‘ der Filmregisseurin Umida Axmedova heftig kritisiert wurde. Axmedova wurde sogar für „Verleumdung und Beleidigung des eigenen Volkes“ verhaftet. Manche medizinische Internetseiten versuchen zwar, die Menschen aufzuklären, aber das reicht kaum,  um gesellschaftliche Vorstellungen zu ändern.

Im Gespräch mit Novastan erzählt Adolat* wie es für sie damals war, über das Jungfräulichkeitsphänomen der Frauen zu erfahren. „Das Thema der Jungfräulichkeit ist eng mit dem Thema „Menstruation“ verbunden. Nachdem ich meine erste Periode bekommen habe, musste ich Vieles aufgeben: Fahrrad fahren, Jeanshose anziehen, mit Jungs draußen spielen“, sagt die junge Frau. Ihre Mutter wiederholte ständig, dass sie jetzt auf ihr Jungfernhäutchen aufpassen muss und auch auf die Ehre ihrer Familie. „Die Ehre meiner Familie sei mit meinem Hymen verbunden. Ich war laut meiner Mutter damals kein Kind mehr und würde in ein paar Jahren vermutlich verheiratet werden. Deshalb sei mein Jungfernhäutchen ein lebenswichtiges Thema. Ich war damals 12 Jahre alt“, erinnert sie sich heute noch.

Geschäfte rund um das Tabu  

Geschlechtsverkehr vor der Ehe ist ein Tabu. Die Frauen, die vor der Ehe Geschlechtsverkehr hatten und ihre Jungfräulichkeit verloren haben, geraten unter einen starken sozialen Druck der Gesellschaft. Dies fördert auch einige Geschäfte.

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Eines davon ist Prostitution. Guli*, eine junge Frau aus Buchara, die seit ihrer Heirat Hausfrau ist, erwähnte in einem Gespräch vor zwei Jahren, dass sie einen Freund hatte und sie unbedingt bald heiraten wollten. Aber ihr Freund ging „regelmäßig“, also drei bis vier Mal im Monat, zu Prostituierten: „Er war gestern mit einem Freund bei einer Prostituierten. Sie hat nur einen Blowjob gemacht. Währenddessen hat er seinem Freund über mir erzählt, wie sehr er mich liebt“. Auf die Frage, ob sie damit gut klarkommt, sagte sie: „Ja, klar. Ich kann ihm das doch im Moment nicht geben. Ich bin eine Jungfrau. So machen es alle“.

Ein weiterer Geschäftszweig um das Tabu sind Operationen zur „Wiederherstellung“ der Jungfräulichkeit. Wie Dilbar* eine Bankkauffrau aus Navoiy erzählt, hatte auch sie einen Freund. Alle in ihrem Freundeskreis wussten, dass sie einander sehr liebten und bestimmt heiraten würden. Nach ein paar Jahren haben sie sich aber getrennt und Dilbar hat einen anderen Mann geheiratet. Das Problem war, dass sie mit ihrem vorherigen Freund bereits Geschlechtsverkehr gehabt hatte. Sie war keine Jungfrau mehr. In einer solchen Situation lassen sich manche Frauen operieren, um „da unten alles zusammenzunähen“.

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Diese Art der Operation ist ein weiteres Geschäft, das gefragt ist und für viele Frauen eine Art „Rettung“ darstellen kann. Laut einem Bericht von Radio Ozodlik, kostete solch eine Operation 2014 etwa 100-150 US-Dollar. Jedoch hat Dilbar in ihrer ersten Nacht mit ihrem Ehemann nicht geblutet und es kam heraus, dass sie eine Operation gemacht hatte. Der Ehemann brachte sie zu ihrem Elternhaus zurück. Die ganze Stadt redete über diese Geschichte. Dilbar wohnt immer noch in ihrem Elternhaus. Da diese Operationen illegal sind, gibt es keine genauen Zahlen bzw. Schätzungen darüber, wie viele solcher Operationen jährlich in Usbekistan durchgeführt werden.

Keine Daten, keine politische Reaktion

Der Mangel an verlässlichen Zahlen steht auch einer öffentliche Debatte über den Jungfräulichkeitskult im Weg: „Das ist meiner Meinung nach ein Kernproblem der Debatte über Jungfräulichkeit: so lange ich nicht mit Hilfe von Zahlen das Ausmaß dieser Form von sexualisierter und vergeschlechtlichter Gewalt beziffern und benennen kann und somit auch einer größeren Masse an Menschen kommunizieren kann, bleibt das Thema unwichtig, am Rande der Diskussion“, meint die Forscherin Dr. Elisabeth Militz, die sich mit der Wiederherstellung von Jungfräulichkeit in Zentralasien befasst hat, im Gespräch mit Novastan.

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Ohne öffentliche Diskussionen wird sich für junge Frauen in der Region jedoch kaum etwas ändern. „Solange Frauenkörper weiterhin kontrolliert und sexuelle Aktivitäten reguliert werden (durch Mechanismen wie Scham, weibliche Reinheit, Geschlechterrollen, Ausschluss/Einschluss in die Gesellschaft durch Regulierung der sexuellen Aktivitäten usw.), so lange wird auch der Jungfräulichkeitsimperativ dominant bleiben und dazu gehört auch über Jungfräulichkeit nicht zu sprechen bzw. das Thema nicht zu problematisieren“, fügt Militz hinzu.

Themen wie „Jungfräulichkeitszwang“ oder „illegale Operationen“ haben es bis heute nicht auf die politische Agenda in Usbekistan geschafft. Da es sich vor allem um eine lokale Angelegenheit handelt, wenden sich die Menschen mit ihren Problemen sowie Fragen vor allem an die Mahalla-Komitees. Diese können jedoch im besten Fall nur Gespräche mit den Betroffenen führen und versuchen, die Menschen über das Thema aufzuklären. Der Jungfräulichkeitskult bleibt ein wichtiger Teil der usbekischen Kultur. Deshalb werden viele Frauen auch in Zukunft entweder leiden müssen oder voller Stolz vom „Chimildiq“ schwärmen.

Nadira Khalikova
Journalistin für Novastan.org

Redakion: Florian Coppenrath

*Die Namen einiger Quellen wurden geändert

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