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Warum spricht Usbekistan China und Russland sein Beileid aus, aber niemals der Ukraine?

Immer wieder bekundet Usbekistans Präsident Shavkat Mirziyoyev sein Beileid, wenn sich Tragödien in Russland oder China ereignen. Bei ukrainischen Opfern ist dies aber nicht der Fall. Alles Kalkül, sagt Daniil Kislov, Chefredakteur unseres Partnermediums Fergana News, in einem Kommentar.

Shavkat Mirziyoyev - hin- und hergerissen zwischen Ost und West, Bild: Fergana News

Immer wieder bekundet Usbekistans Präsident Shavkat Mirziyoyev sein Beileid, wenn sich Tragödien in Russland oder China ereignen. Bei ukrainischen Opfern ist dies aber nicht der Fall. Alles Kalkül, sagt Daniil Kislov, Chefredakteur unseres Partnermediums Fergana News, in einem Kommentar.

Am 6. Mai 2026 übermittelte Usbekistans Präsident Shavkat Mirziyoyev umgehend sein Beileid an den Präsidenten der Volksrepublik China, Xi Jinping. Anlass war eine Explosion in einer Feuerwerksfabrik in der Provinz Hunan, bei der 26 Menschen ums Leben kamen und mehr als 60 verletzt wurden. Diese Geste ist vollkommen verständlich: In einem Land, das nach wie vor zu den wichtigsten Wirtschaftspartnern Usbekistans zählt, hatte sich eine technische Tragödie ereignet.

Standard-Diplomatie – ohne politische Risiken. Doch genau an jenem Tag – dem 6. Mai 2026 – griffen russische Drohnen einen Kindergarten im Zentrum der ukrainischen Stadt Sumy an. Zwei Mitarbeiterinnen der Einrichtung kamen dabei ums Leben, zwei weitere Zivilist:innen wurden verletzt. Glücklicherweise befanden sich zum Zeitpunkt des Angriffs keine Kinder im Gebäude; dennoch bildete allein die Tatsache eines Angriffs auf eine Einrichtung der Kinderinfrastruktur ein weiteres Glied in der langen Kette von Angriffen auf ukrainische Städte – Attacken, bei denen seit nunmehr über vier Jahren Zivilist:innen, darunter auch Kinder, ihr Leben verlieren.

Und kein einziges Wort wurde vom offiziellen Taschkent an die Ukraine gerichtet – weder Beileidsbekundungen an das ukrainische Volk noch auch nur eine formelle Anteilnahme.

Warum diese Selektivität? Weil sich Usbekistans erklärte Neutralität in der Praxis als äußerst bedingt erweist. Moskau bleibt Taschkents „Seniorpartner“ im postsowjetischen Raum: Millionen usbekischer Arbeitsmigrant:innen sind in Russland beschäftigt, und ihre Rücküberweisungen sind für die Volkswirtschaft von entscheidender Bedeutung. Zudem bestehen traditionell starke Bindungen zwischen den beiden Ländern – in den Bereichen Energie, Logistik und regionale Sicherheit. All dies schafft in der Realität eine Abhängigkeit Usbekistans von Russland – eine Tatsache, die sich nicht ignorieren lässt.

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Dies bedeutet, dass jede öffentliche Sympathiebekundung für Opfer russischer Aggression vom Kreml als unfreundliche Geste wahrgenommen wird. Und die derzeitige Führung Usbekistans zieht es vor, ihre Beziehungen zu Moskau nicht aufs Spiel zu setzen.

Gleichzeitig – und das ist hoch anzurechnen – bekräftigt Usbekistan konsequent seine Anerkennung der territorialen Integrität der Ukraine, erkennt die selbsternannten „Donetsker Volksrepublik“ und „Luhansker Volksrepublik“ nicht an und setzt sich für friedliche Verhandlungen ein. Dies ist eine ausgewogene und im Großen und Ganzen korrekte Haltung. Doch wenn es um konkrete menschliche Tragödien geht – insbesondere um Kinder, die infolge dieser Aggression getötet oder verstümmelt wurden, herrscht ohrenbetäubendes Schweigen.

Ein pragmatisches Kalkül

Dies ist keine Neutralität in ihrer Reinform. Es handelt sich vielmehr um ein pragmatisches Kalkül, bei dem Menschenleben in der Ukraine im Vergleich zu den Opfern in China als „drittrangig“ behandelt werden. Eine solche Logik ist aus der Perspektive der Realpolitik eines Kleinstaates, der zwischen Großmächten eingeklemmt ist, durchaus nachvollziehbar. Dennoch offenbart sie zugleich die Grenzen dieser Politik: Wenn es um universelle humanitäre Grundsätze geht, entscheidet sich Taschkent für das Schweigen.

Eine wahrhaft unabhängige Außenpolitik erfordert nicht nur die Weigerung, militärischen Bündnissen beizutreten, sondern auch moralische Konsequenz. Solange diese fehlt, bleibt das Gerede von „Ausgewogenheit“ lediglich eine bequeme Tarnung für die Unwilligkeit, die Beziehungen zu Moskau aufs Spiel zu setzen – selbst aus offensichtlichsten humanitären Gründen.

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Ein weiterer Punkt ist erwähnenswert: Wir haben in offenen Quellen keinerlei öffentliche Kondolenzbekundungen des usbekischen Präsidenten an die Ukraine – oder an die Opfer russischer Angriffe auf deren Territorium – verzeichnet. Das umgekehrte Bild ist jedoch aufschlussreich.

Mirziyoyev hat der russischen Seite wiederholt und ausdrücklich sein Beileid ausgesprochen: im Dezember 2024 – persönlich gegenüber Putin nach dem Tod von General Kirillow, wobei er den Vorfall als „niederträchtigen Terrorakt“ verurteilte; nach dem Terroranschlag in der Crocus City Hall im März 2024; sowie nach den Anschlägen in Dagestan im Juni 2024. Im Dezember 2025 ging Mirziyoyev sogar so weit, gegenüber Putin seine „Empörung“ über einen ukrainischen Drohnenangriff auf die Residenz des russischen Präsidenten zum Ausdruck zu bringen, und bezeichnete diesen als „rücksichtslose Terrorakte des Kiewer Regimes“.

Daniil Kislov für Fergana News

Aus dem Russischen von Robin Roth

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