Novastan sprach mit dem Archäologen und Museumsspezialisten Oktyabr Dospanov über die verlorene Welt von Moynaq, die Erinnerung an den Aralsee und das kulturelle Erbe Karakalpakstans.
Der Großteil der Welt verbindet Moynaq mit einem einzigen Bild: rostende Schiffe, die in einer Wüste gestrandet sind. Für Oktyabr Dospanov hingegen war die Stadt einst eine Insel, ein geschäftiger Hafen und Schauplatz einer Kindheit voller Schiffsglocken, Möwen, Musik und dem Geruch von frisch gefangenem Fisch. In diesem Interview erinnert sich der karakalpakische Archäologe an die Welt, die mit dem Aralsee verschwand. Er erläutert, warum die Kulturgeschichte der Region weit über die ökologische Katastrophe hinausreicht, und reflektiert darüber, was für künftige Generationen bewahrt werden sollte.
Die Geschichte des Aralsees wird meist anhand von Statistiken erzählt: sinkende Wasserspiegel, steigender Salzgehalt, verlassene Häfen sowie Millionen Tonnen Salz und Staub, die vom freigelegten Meeresboden aufgewirbelt werden. Diese Zahlen beschreiben zwar das Ausmaß der Katastrophe, können jedoch nicht vollends vermitteln, was der Verlust eines „Meeres“ [im Russischen wie im Englischen spricht man vom „Aralmeer“, Anm. d. Ü.] bedeutet, welches Wirtschaft, Kultur und den Lebensrhythmus einer ganzen Region geprägt hatte.
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Novastan: Sie sind in Moynaq aufgewachsen, als es noch eine lebendige Hafenstadt war. Was war das für ein Ort?
Oktyabr Dospanov: Ich verbrachte meine Kindheit in Moynaq, das damals eine echte Insel [defacto eine Halbinsel, Anm. d. Red.] im Aralsee war. Für mich ist es nicht einfach nur mein Geburtsort. Es war eine ganze Welt, erfüllt von Geräuschen, Gerüchen und dem Gefühl eines stetigen Lebens. Heute ist es schwer vorstellbar, dass Moynaq einst eines der größten Fischereizentren der Region war.
Das Leben in der Stadt war untrennbar mit dem See verbunden. Es gab fünf große Fischereigenossenschaften, zwölf Fischannahmestellen und zwei Frachthäfen. Der eine befand sich direkt in Moynaq am Ufer, der andere etwa zwanzig Kilometer entfernt in Uchsay, auf der gegenüberliegenden Seite der Insel. Die Fischereiindustrie gab den Rhythmus der gesamten Stadt vor.

Moynaq schien niemals zu schlafen. Selbst spät in der Nacht waren stets Menschen auf den Straßen unterwegs: die einen auf dem Weg zur Arbeit, die anderen auf dem Rückweg nach ihrer Schicht. Rund um die Uhr wurde gearbeitet. Noch heute höre ich die Schiffsglocken, das Knirschen der Hafenkräne und das Summen der Fischereifahrzeuge und Motoren. Diese Geräusche waren ein fester Bestandteil des Alltags.
Die Stadt war zudem äußerst vielfältig. Ingenieur, Seeleute, Fischer, Lehrer, Ärzte, Wissenschaftler und Künstler kamen aus der gesamten Sowjetunion. Karakalpaken, Usbeken, Kasachen, Russen, Tataren, Koreaner, Ukrainer und viele andere lebten Seite an Seite. In den Mahallas halfen sich die Nachbarn gegenseitig beim Hausbau, feierten gemeinsam Feiertage und unterstützten Familien in schwierigen Zeiten. Dieses Gemeinschaftsgefühl war einer der größten Reichtümer Moynaqs.
Was ist Ihnen vom See selbst am lebhaftesten in Erinnerung geblieben?
Für meine Generation war der Aralsee kein Symbol der Tragödie. Er war das Symbol einer glücklichen Kindheit, erfüllt vom Rauschen der Wellen und den Rufen der Möwen. Hunderte von Schiffen lagen an den Kais von Moynaq: Frachter, Fischereischoner, Tanker, Lastkähne und Schlepper. Der Hafen war Tag und Nacht in Betrieb. Es schien unmöglich, dass der See jemals verschwinden könnte.
Die Küste war reich an Leben. Es gab Schilfgürtel, Seen und Feuchtgebiete sowie eine außergewöhnliche Vielzahl an Vögeln: Fasane, Wildenten, Flamingos, Pelikane und vor allem Möwen. Die Silbermöwen, die von den Einheimischen liebevoll „Lachmöwen“ genannt wurde [nicht zu verwechseln mit der Lachmöwe, die im Englischen wie im Russischen einen anderen Namen trägt, Anm. d. Ü.], begleiteten uns von morgens bis abends. Die Fischer beobachteten sie, da sie den Standort von Fischschwärmen verraten konnten.
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Ich erinnere mich auch an die saubere, frische Luft. Das Meer hatte nicht diesen beißenden Salzgeruch, den man sich oft vorstellt. Ein ständiger Wind machte selbst die heißesten Sommertage erträglicher. Im Winter gefror das Meer, und die Kälte war streng. Wir schwammen, angelten und spielten Fußball am Ufer. Kinder aus vielen Teilen der Sowjetunion kamen in das nahegelegene Pionierlager, und an der Küste gab es Ferienhäuser, Sanatorien und touristische Einrichtungen.
Was mir am eindrücklichsten in Erinnerung geblieben ist, ist keine Landschaft, sondern ein Geruch. Als ich fünf oder sechs Jahre alt war, nahmen mich mein Vater und sein Freund Ibadulla in einem kleinen Holzboot mit hinaus. Weit vom Ufer entfernt trafen wir auf einen großen Fischkutter unter dem Kommando eines Mannes namens Tajibay-aga. Er zeigte mir die Brücke, die Kabinen und den Maschinenraum. Der Laderaum war voller Fische. Ich zeigte auf den größten – einen riesigen Wels – und beharrte darauf, dass es ein Hai sei. Alle lachten.
Wir blieben fast zwei Tage lang auf dem Schiff. Ich sah, wie die Fischer arbeiteten und lebten. Im Maschinenraum roch es nach Diesel, Motoröl, Metall, Feuchtigkeit, frischem Fisch, Holzdecks und salzgetränkten Seilen. Es war ein beißender, aber warmer und lebendiger Geruch. Für mich war das der Geruch des echten Aralsees. Manchmal schließe ich die Augen und bin wieder dort; ich höre den Motor und das Schlagen der Wellen gegen den Schiffsrumpf.
Moynaq besaß auch ein soziales und kulturelles Leben, das nur selten erwähnt wird. Wo trafen sich die jungen Leute?
Das Leben in Moynaq bestand nicht nur aus Arbeit. Es gab zwei Kinos. Das bekannteste war das „Sputnik“, nur wenige Schritte vom Ufer entfernt und direkt am Markt gelegen. Nach einer Abendvorstellung im Sommer spazierten die Menschen am Ufer entlang, lauschten den Wellen und blieben noch lange draußen, um sich zu unterhalten. Später, in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre, eröffnete in einem anderen Stadtteil das Kino „Berdaq“. Es war ein modernes Kulturzentrum für Filme, Konzerte und öffentliche Veranstaltungen.
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Das Kulturzentrum der Fischkonservenfabrik war ein weiterer wichtiger Ort. Es verfügte über eine Bibliothek und bot Raum für Theateraufführungen, Laienvorführungen, Konzerte und Feiern. Besonders beliebt bei jungen Leuten waren die Tanzveranstaltungen am Wochenende. Viele Menschen lernten dort ihre zukünftigen Partner kennen.
Es gab auch mehrere Cafés. Das bekannteste war das „Tolqyn“, was auf Karakalpakisch „Welle“ bedeutet. Es war nicht einfach nur ein Ort, um etwas zu essen oder Tee zu trinken. Familien feierten dort Geburtstage und Hochzeiten, Freunde trafen sich, Musik spielte, und die Menschen tauschten Neuigkeiten aus und schmiedeten Pläne.

Überall war Musik. An warmen Abenden versammelten sich junge Menschen spontan in Innenhöfen, auf Plätzen oder am Meer. Jemand brachte eine Gitarre, ein Akkordeon oder ein Bajan mit, und man sang gemeinsam. Es gab weder Handys noch soziale Netzwerke. Die Menschen hörten einander zu und verbrachten lange Abende in Gesellschaft. Bei Hochzeiten und großen Familienfeiern trugen Bachschi – traditionelle Erzähler und Musiker – Epen und Legenden vor, begleitet von Instrumenten wie der Dotar. Uralte mündliche Überlieferung und moderne Jugendkultur existierten ganz selbstverständlich nebeneinander.
Wann haben die Menschen begriffen, dass der Rückzug des Sees irreversibel war?
Der Prozess verlief schleichend. Die ersten alarmierenden Anzeichen wurden in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren sichtbar. Zunächst hoffte man, es handele sich um ein vorübergehendes Phänomen und der See würde zurückkehren. Vom Hafen aus wurde ein spezieller Kanal in Richtung des zurückweichenden Wassers gegraben, damit die Schiffe weiterhin fahren konnten. Doch das Wasser zog sich schneller zurück, als die Menschen sich anpassen konnten.
Die Fischer bemerkten die Veränderung zuerst. Ihr Fang wurden geringer. Weniger Schoner liefen aus. Schiffe, die zuvor ungehindert in den Hafen eingelaufen waren, begannen auf Grund zu laufen – umgeben von Sand und Salz, die vom freigelegten Seeboden herüberwehten.
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Ich erinnere mich daran, wie sich der Klang der Stadt veränderte. Moynaq hatte stets vom Lärm seines Hafens gelebt: Glocken, Kräne, Motoren, die Stimmen der Fischer, Metallseile und das Schlagen der Wellen an den Kaimauern. Dann kam die Stille. Sie stellte sich fast unmerklich ein, doch gerade diese Stille war das Erschreckendste. Wenn die Schiffe verstummen, wenn das Meer nicht mehr zu hören ist und der Hafen aufhört zu leben, begreift man, dass mehr als nur das Wasser verschwindet. Eine ganze Welt geht unter.
Der Marinemaler Rafael Matevosyan, der sich mehr als ein halbes Jahrhundert dem Aralsee gewidmet hat, schilderte einen frühen Morgen, an dem er durch Stimmen und Weinen geweckt wurde. Am Ufer hatten sich Bewohner versammelt. Über Nacht war das Wasser um Dutzende von Metern zurückgewichen. Boote, die zuvor am Steg gelegen hatten, lagen nun auf trockenem Sand. Manche Menschen beteten, andere weinten, und wieder andere starrten einfach auf das zurückweichende Wasser. Matevosyan hielt diesen Moment später in einem Gemälde mit dem Titel „Das Meer ist fort“ fest.

Die menschlichen Folgen ließen nicht lange auf sich warten. Betriebe schlossen, die Fischerei ging zurück, und Familien verloren ihre Lebensgrundlage. Viele Menschen verließen Moynaq in Richtung anderer Städte oder Republiken. Die Stadt verlor nicht nur Arbeitsplätze und Einwohner, sondern auch den Glauben an ihre Zukunft.
Was ist mit dem See verschwunden – abgesehen von der Fischereiindustrie?
Der Fischfang war nicht bloß eine Einnahmequelle. Er zählte zu den ältesten Formen des Wirtschaftslebens in der Aralsee-Region und hatte über Jahrhunderte hinweg die Identität der Menschen geprägt. Archäologische Ausgrabungen belegen, dass Fische auf Keramik, Bronzeobjekten, Wandmalereien und Haushaltsgegenständen dargestellt wurden. Auch auf Teppichen, in Stickereien, Schmuckstücken, Holzschnitzereien und Textilien waren sie zu finden. In dieser trockenen Region symbolisierten sie Wasser, Leben und Wohlstand.
Für viele Familien wurden Fischerei und Fabrikarbeit von den Eltern an die Kinder weitergegeben. Die Arbeit in der Fischkonservenfabrik galt als angesehen. Die Menschen waren stolz darauf, dass ihre Arbeit für das ganze Land von Bedeutung war. Als das Meer verschwand, schwanden auch die über Generationen gewachsenen Traditionen: handwerkliche Techniken und praktisches Wissen, Rezepte, Lieder, Geschichten sowie der alltägliche Wortschatz des Lebens am Wasser.

Der psychologische Verlust wog ebenso schwer. Viele Menschen hatten das Gefühl, am Rande einer leblosen Wüste zurückgelassen worden zu sein – von der Welt verlassen und mit dem besten Teil ihres Lebens bereits hinter sich. Wenn sich ehemalige Einwohner heute treffen, fließen oft Tränen. Diese Tränen zeugen von der Freude über das Wiedersehen, aber auch von der Wehmut nach einer Welt, die sich nicht wiederherstellen lässt.
Deshalb sind die Erinnerungen der letzten Zeitzeugen so wichtig. Es gibt noch Menschen, die sich an die Hafenkräne, das geschäftige Treiben am Ufer, den Geruch von frischem Fisch und den Horizont des offenen Wassers erinnern – doch ihre Zahl nimmt von Jahr zu Jahr ab. Ihre mündlichen Überlieferungen, Familienfotos, Lieder und persönlichen Gegenstände sind Teil des kulturellen Erbes der Region. Der Aralsee ist nicht bloß ein Umweltproblem. Er steht für das Schicksal von Millionen von Menschen.
Mittlerweile kommen Touristen, um den Schiffsfriedhof zu fotografieren. Was sollten sie Ihrer Meinung nach über Moynaq wissen?
Ich freue mich, dass sich die Menschen für unsere Region interessieren, doch ich möchte, dass sie mehr darin sehen als nur eine ungewöhnliche Touristenattraktion. Hinter jedem Schiff steht ein Menschenleben. Hinter jeder Fotografie verbergen sich Tausende von Familien, die die Welt verloren haben, die sie kannten. Jeder Meter des freigelegten Bodens birgt die Erinnerungen von Menschen, die von diesem Hafen aus in See stachen, Fische fingen, Häuser bauten, Kinder großzogen und glaubten, der See würde ewig bestehen.
Besucher sollten versuchen, sich ein anderes Bild vorzustellen: eine Wasserfläche bis zum Horizont, in den Hafen zurückkehrende Fischerboote, Möwen über sich, lachende Kinder am Ufer und eine Stadt voller Leben. Erst dann können sie verstehen, was verloren gegangen ist.

Gleichzeitig sollte Karakalpakstan nicht auf die Katastrophe reduziert werden. Diese Region ist seit Jahrtausenden ein Schnittpunkt nomadischer und sesshafter Kulturen. Die Kunst der Aralsee-Region ist geprägt von Darstellungen von Tieren, Vögeln, Pflanzen, Wasser und Steppe. Ihre Teppiche, Textilien, Schmuckstücke, Stickereien, Holzschnitzereien und Jurten bewahren Symbole, die die Menschen mit der Natur verbinden. Moynaq war Teil einer weitaus umfassenderen Kulturlandschaft.
Ihre eigene Laufbahn begann mit der Archäologie. Wie hat Igor Sawizki Sie beeinflusst?
Mein Weg in die Wissenschaft begann 1979, als ich Igor Witaljewitsch Sawizki kennenlernte. Er lud mich ein, an einer archäologischen Expedition nach Janpiq-Qala teilzunehmen – einer der bedeutenden Stätten des antiken Choresmiens am rechten Ufer des Amudarja. Diese Expedition wurde zu meiner Schule der Archäologie. Sie führte mir vor Augen, wie reichhaltig und zugleich unzureichend erforscht die Geschichte Karakalpakstans war.
Später lud Sawizki mich ein, im Museum von Nukus zu arbeiten. Er war nicht nur ein außergewöhnlicher Künstler, Sammler und Museumsgründer. Er lehrte eine ganze Generation, Kultur als ein zusammenhängendes Ganzes zu betrachten. Durch ihn begriff ich, dass Archäologie nicht bloß aus Ausgrabungen besteht. Sie ist ein Weg, die Menschen, ihre Weltsicht und ihre Beziehung zu Natur, Geschichte und Kunst zu verstehen.
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Karakalpakstan ist ein Freilichtmuseum. Es beherbergt Hunderte archäologischer Stätten, die von der Antike bis ins Spätmittelalter reichen. Das antike Choresmien lag am Schnittpunkt bedeutender eurasischer Handels- und Kulturrouten. Hier trafen nomadische und sesshafte Lebensweisen aufeinander, ergänzt durch Einflüsse aus dem Iran, dem Mittelmeerraum, der Steppe, den Turkreichen, der arabischen Welt und Zentralasien. Bewässerungssysteme, die spätestens im ersten Jahrtausend v. Chr. angelegt wurden, ermöglichten die Entstehung von Städten, Festungen, Palästen und Siedlungen inmitten der Wüstenlandschaft.
Die spirituelle Geschichte der Region ist ebenso vielschichtig. Zoroastrische, buddhistische, frühchristliche und islamische Traditionen haben Spuren in Monumenten, Ritualen, Ornamentik und Symbolik hinterlassen. Die Archäologie dokumentiert diese Prozesse in Bodenschichten und Fundstücken, während die mündliche Überlieferung sie in Bildern und Geschichten bewahrt. Beides ist notwendig.

Sawizkis Bedeutung liegt auch in der Art und Weise, wie er das Museum aufbaute. Als er es 1966 gründete, schuf er neben der Kunstsammlung auch Abteilungen für Archäologie und Ethnografie. Er war ursprünglich im Rahmen der Archäologischen und Ethnografischen Choresmien-Expedition nach Karakalpakstan gekommen. Während seiner Feldforschung fertigte er Hunderte von Gemälden und Zeichnungen an, die archäologische Stätten, das Dorfleben, Pflanzen, Tiere sowie das wechselnde Licht der Region festhielten. Er interessierte sich für die kleinsten Details der traditionellen Kultur – sei es ein Keramikornament, eine Holzschnitzerei, ein Textilmuster oder eine Metallarbeit. In jedem dieser Elemente sah er eine Sprache, durch die ein Volk seine Weltsicht zum Ausdruck brachte.
Seine Studie zur traditionellen Holzschnitzkunst der Karakalpaken ist für mich von besonderer Bedeutung. Er zeigte auf, wie die dekorative Kultur der Region aus der Begegnung zwischen sesshaften bäuerlichen Traditionen und der nomadischen Kultur der Steppe hervorging. Zugleich war ihm bewusst, dass viele russische Künstler der 1920er und 1930er Jahre durch Repressionen und ideologischen Druck aus dem öffentlichen Leben verdrängt worden waren. Er gab seine eigene künstlerische Laufbahn weitgehend auf, um deren Werke aufzuspüren, zu bewahren und zu sammeln. Aus diesem Engagement entstand eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen russischer Avantgarde-Kunst und Kunst der frühen Sowjetzeit.
Er setzte sich ebenso engagiert für die aufstrebende karakalpakische Malschule ein. Qydyrbay Saipov, seinerzeit der einzige professionell ausgebildete Künstler der Region, wurde zu seinem engen Freund und Verbündeten. Gemeinsam förderten sie jüngere Künstler, organisierten Ausstellungen und trugen dazu bei, ein künstlerisches Umfeld zu schaffen, in dem sich herausragende Talente entfalten konnten. Zu den Malern dieser Generation zählten Jollibay Izentaev, Joldasbek Qutymuratov, Abdulla Erimbetov, Bazarbay Serekeev, Aman Atabaev, Murat Hudaybergenov, Daribay Tajimuratov und Amangeldy Utegenov.
Meine eindrücklichste Erinnerung an Sawizki stammt nach wie vor aus der Zeit der Expeditionen. Er war bescheiden und arbeitete außerordentlich hart. Er konnte Stunden damit verbringen, ein Keramikgefäß, ein Ornament oder ein Stofffragment zu untersuchen und dabei dessen Symbole sowie die zu seiner Herstellung angewandten Techniken zu erläutern. Jeder Fund und jede Begegnung mit einem traditionellen Kunsthandwerker begeisterten ihn. Er erforschte Kultur nicht nur; er lebte sie.
Welche Landschaften oder historischen Orte offenbaren am besten die Tiefe Karakalpakstans?
Das Ustjurt-Plateau ist einzigartig. Seine Felsspalten, Steilwände und Schluchten sind imposant, doch die Landschaft birgt auch antike und mittelalterliche Grabhügel, Nekropolen, Karawansereien, Brunnen und Signaltürme. Sie zeugen von den Routen, die Ost und West durch eine äußerst unwirtliche Umgebung miteinander verbanden. Die Saiga-Antilope ist ein Symbol des Ustjurt, und Darstellungen dieser Tiere finden sich in jahrtausendealter Felskunst.
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Der ehemalige Boden des Arasees entwickelt sich zudem zu einer neuen, außergewöhnlichen Landschaft. Er zieht Ökologen, Geologen, Archäologen und Paläontologen an. Entlang der einstigen Uferlinien finden sich fossile Muscheln, Überreste von Meereslebewesen und – Berichten Einheimischer zufolge – sogar Zähne urzeitlicher Haie. Sie zeugen davon, dass die geologische Geschichte dieses Gebiets bis in Meere zurückreicht, die weit älter sind als der Aralsee.
Karakalpakstan ist daher weit mehr als der Ort einer Katastrophe. Es ist ein Ort, an dem sich die Geschichte der Erde und der menschlichen Zivilisation in ein und derselben Landschaft ablesen lassen. Natur- und Kulturerbe sind hier untrennbar miteinander verbunden.
Kann sich die Region ökologisch erholen, und was hat sich durch die Pflanzung von Saxaul verändert?
Als der See austrocknete, verwandelte sich der freigelegte Boden in eine Salzwüste. Staub- und Salzstürme trugen Sand, Salz und chemische Rückstände über enorme Entfernungen hinweg. Die Anpflanzung von Saxaul und anderen Wüstensträuchern erwies sich als eine der wirksamsten Methoden zur Bodenstabilisierung. Nach jahrzehntelanger Arbeit bedeckt die Vegetation heute weite Teile des ehemaligen Seebodens. Dies verringert die Intensität der Staub- und Salzstürme und schafft Voraussetzungen für neue Ökosysteme. Auch einige Tier- und Vogelarten kehren zurück.
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Das bedeutet nicht, dass die Krise gelöst ist. Sicheres Trinkwasser, ein effizientes Wassermanagement, öffentliche Gesundheit, Bildung, Verkehr und nachhaltige Beschäftigung bleiben von grundlegender Bedeutung. Der Klimawandel verschärft die Lage: Niederschlagsmuster ändern sich, das Abschmelzen der Gletscher im Pamir und Tian-Shan beeinflusst die Wasserführung von Amudarja und Syrdarja. Die vollständige Wiederherstellung des Sees ist eine äußerst komplexe Herausforderung, die nicht von einem einzelnen Land allein bewältigt werden kann. Sie erfordert regionale Zusammenarbeit und einen rationalen Umgang mit der Ressource Wasser.
Die wichtigste Lehre ist, dass wirtschaftliche Entwicklung nicht erneut auf der Annahme aufbauen darf, die Natur sei unerschöpflich. Jede neue Investition sollte menschenwürdige Arbeitsplätze vor Ort schaffen, einen verantwortungsvollen Umgang mit Wasser gewährleisten und hohe Umweltstandards erfüllen. Die Menschen, die hier leben, müssen direkt davon profitieren.
Wessen Arbeiten sollte man lesen oder sehen, wenn man Karakalpakstan über die Aralsee-Katastrophe hinaus verstehen möchte?
Zunächst möchte ich Berdaq nennen, den bedeutenden karakalpakischen Dichter. Sein Werk wurde zu einem der geistigen Fundamente der nationalen Kultur. Es thematisiert die Geschichte des Volkes, moralische Werte, die Liebe zur Heimat sowie das Streben nach Gerechtigkeit und Freiheit. Nicht weniger bedeutend ist Ajiniyaz, einer der großen Dichter und Denker Zentralasiens, dessen Schaffen die Solidarität zwischen den Völkern, den Humanismus und die Achtung der Menschenwürde würdigte.
Im Bereich der bildenden Kunst muss man natürlich auf Igor Sawizki und jene Künstler zurückkommen, deren Werk er bewahrt hat. Auch für das Gedenken an den Aralsee ist Rafael Matevosyan unverzichtbar. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang malte er dessen Wasser, die Boote, die Fischer und den Alltag. Immer wieder tauchen Möwen in seinem Werk auf. Nachdem der See weitgehend verschwunden war, pflegte er den freigelegten Boden zu besuchen und zu sagen: „Ich glaube, meine Möwen werden zurückkehren.“ Diese Worte wurden später auf seinem Grabstein verewigt.
Es gibt zudem einen für mich persönlich sehr wichtigen Menschen, den ich nicht unerwähnt lassen möchte: meinen Onkel, den karakalpakischen Schriftsteller und Übersetzer Shaniyaz Mambetmuratov. Er starb im Alter von nur 43 Jahren, hinterließ jedoch bedeutende Spuren in der Literatur und Kultur Karakalpakstans. Im Mittelpunkt seines Schaffens stand der Aralsee – seine offenen Gewässer, der Amudarja, die Fischer, die Landschaft sowie das Leben, die Arbeit und die Hoffnungen der einfachen Menschen.

Er war außerordentlich belesen. Es schien, als gäbe es in der Stadtbibliothek von Moynaq kaum ein Buch, das er nicht aufgeschlagen hätte. Er übersetzte ausländische Autoren ins Karakalpakische, in der Hoffnung, den einheimischen Lesern die Weltliteratur nahezubringen und Außenstehenden zugleich den Reichtum seiner eigenen Kultur zu zeigen. In den 1960er und 1970er Jahren pflegte er zu sagen, dass eines Tages Europäer nach Moynaq und an den Aralsee kommen würden, um die Schönheit, die Geschichte und die Kultur dieser Region zu entdecken. Damals klang das beinahe unmöglich.
Ein Teil seiner Werke wurde ins Deutsche übersetzt, und in Deutschland erschien eine Sammlung – auch wenn er deren Veröffentlichung selbst nicht mehr erlebte. In gewisser Weise hat sich seine Vorhersage bewahrheitet: Menschen aus aller Welt kommen hierher, nicht nur, um Zeuge einer ökologischen Katastrophe zu werden, sondern auch, um mehr über die Literatur, Kultur, Geschichte und die Bewohner Karakalpakstans zu erfahren. Solange seine Bücher gelesen werden, spricht seine Stimme weiter.
Dospanov teilte zwei Gedichte seines Onkels, die hier – eigens für Novastan – aus dem Karakalpakischen über das Russische übersetzt wurden.
Die Möwe, 1959
— Möwe, hoch am Himmel schwebend,
Du scheinst eine Botin meiner Liebe zu sein.
Warum kreist du unruhig über mir
Und rufst mich noch einmal ans Meeresufer?
— Möwe, die du durch das Blau des Himmels ziehst,
Warum erfüllst du mein Herz mit unruhigen Gedanken?
Hätte ich nicht die Wogen des Meeres liebkost –
Wäre der Frühling je an diese Gestade zurückgekehrt?
Das blaue Meer, 1958
Verurteile mich nicht hart, wenn ich das Meer preise;
Blicke einfach zum blauen Saum der Erde.
Wie ein festlicher Salut, der einen großen Sieg verkündet,
lacht das blaue Meer vor meinen Augen.
Dieses blaue Meer ist mein heimischer Aral;
Mit ganzer Seele atme ich seinen frischen Wind.
Und willst du wissen, was es so majestätisch macht,
So wisse: In ihm leben sowohl mein Schicksal als auch mein Leben.
Mit wem sonst sollten Journalisten sprechen, solange die Erinnerung an das alte Moynaq noch lebendig ist?
Sie sollten bei den verbliebenen Vertretern der älteren Generation beginnen: ehemaligen Fischern, Schiffskapitänen, Arbeitern der Fischkonservenfabrik und Bewohnern der Küstensiedlungen. Sie erinnern sich an die Kräne, die Boote, die Fabrik, das geschäftige Treiben am Ufer, den frischen Fisch und den ununterbrochenen Horizont. Solche Erinnerungen lassen sich nicht aus offiziellen Archiven rekonstruieren, sobald die Zeitzeugen nicht mehr da sind.
Ebenso wichtig ist es, Künstler, Musiker, traditionelle Kunsthandwerker und die Bewahrer mündlicher Überlieferungen zu Wort kommen zu lassen. Auch junge Ökologen, Archäologen, Museumsfachleute, Historiker und zivilgesellschaftliche Aktivisten sollten gehört werden, denn sie verbinden die Vergangenheit mit der Zukunft der Region. Zudem sollten Journalisten Lehrer, Landwirte, Ärzte, Studierende und Frauen, die Familien großziehen, nicht außer Acht lassen. Die wahre Geschichte Karakalpakstans setzt sich aus vielen gewöhnlichen Lebensgeschichten zusammen, nicht nur aus berühmten Namen.
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Wir gehören zu den letzten Zeitzeugen, die den Aralsee noch in seiner vollen Ausdehnung erlebt haben. Daraus erwächst die Pflicht, mündliche Überlieferungen, Familienfotos, private Archive, Alltagsgegenstände, Lieder und Geschichten zu bewahren. Diese Zeugnisse sind für das kulturelle Erbe der Region ebenso bedeutend wie archäologische Denkmäler und Museumssammlungen.
Was gibt Ihnen Hoffnung, wenn Sie an die Zukunft von Moynaq und Karakalpakstan denken?
Vor allem geben mir die Menschen Hoffnung. Trotz allem, was diese Region durchgemacht hat, haben ihre Bewohner weder die Liebe zu ihrer Heimat noch die Bereitschaft verloren, an deren Zukunft zu arbeiten. Die menschliche Widerstandskraft war schon immer die größte Stärke der Aralsee-Region.
Ich sehe eine jüngere Generation, die sich Fremdsprachen, Ökologie, Archäologie, Kunst, Museumswesen, Wissenschaft und Informationstechnologie widmet. Viele von ihnen wollen sich nicht von ihrer Geschichte abwenden. Sie wollen sie bewahren und der Welt zeigen, dass Karakalpakstan eine Region mit außergewöhnlichem kulturellen Erbe und Zukunftsperspektiven ist.
Auch das wachsende weltweite Interesse spielt eine Rolle. Archäologen, Künstler, Wissenschaftler, Fotografen, Reisende und Studierende kommen nicht nur wegen des Aralsees, sondern auch wegen des antiken Choresmien, des Ustjurt-Plateaus, des Sawitzki-Museums und der Kultur der Karakalpaken.
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Wenn mir unbegrenzte Mittel zur Verfügung stünden, würde ich drei Prioritäten setzen. Die erste wäre das Wohlergehen der Menschen: Trinkwasser, Gesundheitsversorgung, Bildung, Infrastruktur und gute Arbeitsplätze – insbesondere, damit sich junge Menschen hier eine Zukunft vorstellen können. Die zweite wäre die ökologische Wiederherstellung und der verantwortungsvolle Umgang mit natürlichen Ressourcen, einschließlich wassersparender Technologien und der fortgesetzten Bepflanzung des ehemaligen Seebodens. Die dritte wäre Kultur, Wissenschaft und internationale Zusammenarbeit. Ich wünsche mir, dass Karakalpakstan zu einem bedeutenden Zentrum für Archäologie, Museumspartnerschaften, Künstlerresidenzen, Umweltbildung und Kulturtourismus wird.
Die Zukunft darf sich nicht allein auf natürliche Ressourcen oder allein auf Wirtschaftswachstum stützen. Sie muss Mensch, Natur und Kultur in Einklang bringen.
Gibt es eine Geschichte, die europäische Leser Ihrer Meinung nach am ehesten mitnehmen sollten?
Ich würde ihnen die Geschichte des Kamelpfads erzählen. Die Ältesten berichteten, dass lange vor dem Bau moderner Straßen Karawanenrouten das Ustjurt-Plateau und die Ufer des Aralsees durchzogen. Kamele verbanden Choresmien mit der Wolgaregion, Kasachstan sowie weiter östlich und westlich gelegenen Gebieten. Sie fanden sich auf den Routen besser zurecht als die Menschen und konnten selbst bei Nacht, in Sandstürmen oder bei Nebel Brunnen und Karawansereien aufspüren.
Ein Pfad, der von Generationen von Karawanen genutzt wurde, führte in Richtung Aralsee. Er war nicht bloß eine Straße. Er vermittelte Handel, Begegnungen, Wissen und Kultur. Kaufleute, Handwerker, Dichter und Pilger zogen auf ihm dahin. Mit den Waren verbreiteten sich Lieder, Legenden, Ideen und Traditionen.

Als sich der See zurückzog, verschwanden Häfen und Wege wurden von Sand bedeckt. Doch man sagt, der Kamelpfad sei nicht verschwunden. Er überdauerte in der Erinnerung. Man mag ihn zwar nicht mehr auf einer Karte sehen, doch man kann ihn spüren, wenn man durch die Region reist. Er ist ein unsichtbares Band zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Für mich bedeutet die Legende, dass die wichtigsten Wege nicht nur durch Wüsten und Steppen führen. Sie verlaufen durch das menschliche Gedächtnis. Heute kann der Weg eine neue Bedeutung gewinnen. Wo einst Karawanen Waren transportierten, können nun Forschung, Kulturprojekte, Kunst und die Freundschaft zwischen den Völkern ihren Weg finden. Er kann zu einem Symbol für den Dialog zwischen Zentralasien und Europa werden.
Vielleicht existiert der Pfad im Gelände nicht mehr. Doch solange die Erinnerung lebendig bleibt, endet der Weg niemals.
Mathieu Lemoine für Novastan
Aus dem Englischen von Robin Roth
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„Meine Kindheit verbrachte ich am Ufer eines Meeres, das nicht mehr existiert“