Tausende von Kilometern, bevor im Sand von Moynaq verrostende Fischerboote auftauchen, entspringt der Amudarja im Gebirge.
Seine Quellen liegen im Pamir und im nördlichen Hindukusch und fließen über die Flusssysteme von Pjandsch und Wachsch ab. Der Pjandsch bildet einen Großteil der afghanisch-tadschikischen Grenze, bevor er auf den Wachsch trifft. Ab ihrem Zusammenfluss trägt der Fluss den Namen Amudarja. Von hier an verlässt er das Gebirge und tritt in eine völlig andere Welt aus Wüsten, bewässerten Ebenen, alten Städten und modernen Staatsgrenzen.
Über Jahrhunderte hinweg hat der Amudarja – der Oxus der Antike – mitbestimmt, wo sich Menschen ansiedeln und wo politische Macht gedeihen konnte. Die Bewässerung mit seinem Wasser bildete die Lebensgrundlage für einige der großen Zivilisationen Zentralasiens. Veränderungen seines Flusslaufs konnten die eine Siedlung begünstigen und einer anderen das Wasser entziehen. Im 20. Jahrhundert versuchten sowjetische Planer, den Fluss in weitaus größerem Maßstab technisch umzugestalten.
Unterstützt Novastan – das europäische Zentralasien-Magazin
Als vereinsgetragene, unabhängige Plattform lebt Novastan vom Enthusiasmus seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen – und von eurer Unterstützung!Wer dem Fluss heute von den Bergen bis zum Aralsee folgt, begegnet vielen der entscheidenden Fragen, vor denen das heutige Zentralasien steht: Wasserkraft und Klimaresilienz, die zunehmende Nutzung des Flusses durch Afghanistan, grenzüberschreitender Handel, Bewässerung, landwirtschaftliche Abhängigkeit sowie das ökologische Erbe der Aralsee-Katastrophe.
Auf seinem Weg wandelt der Fluss immer wieder seinen Charakter. Er entspringt in den Bergen und wird entlang des Pjandsch zur Grenze. Am Wachsch liefert er Strom. Bei Termiz trennt und verbindet er zugleich Usbekistan und Afghanistan. In Choresmien wird er zur verborgenen Infrastruktur der Zivilisation. Und nahe Moynaq endet seine Geschichte in einer Landschaft, die durch das Ausbleiben des Wassers grundlegend verändert wurde.
Gebirgswasser
Es gibt keine einzelne, spektakuläre Quelle, an der der Amudarja plötzlich entspringt. Sein Ursprung verteilt sich auf ein gewaltiges Gebirgssystem. Der Pjandsch entwässert Hochlandgebiete Afghanistans und Tadschikistans und bildet einen Großteil der Grenze zwischen diesen Ländern. Der Wachsch durchfließt Tadschikistan, bevor er in den Pjandsch mündet. Von diesem Zusammenfluss an fließt der vereinte Strom unter dem Namen Amudarja nach Westen.

Die Landschaft bildet das Gegenstück zu dem, was flussabwärts wartet. Steile Täler sowie schneebedeckte und vergletscherte Berge speisen einen Fluss, der später einige der trockensten bewohnten Gebiete Eurasiens durchqueren wird. Wasser, das hoch in den Bergen als Niederschlag fällt oder gefriert, wird schließlich Felder bewässern, die Hunderte von Kilometern entfernt liegen.
Diese physische Verbindung ist einer der Gründe, warum Klima und Wassermanagement am Oberlauf so wichtig für die Gebiete flussabwärts sind. Das Aralbecken selbst ist letztlich stark von Flusssystemen abhängig, die durch Gebirgsschnee und Gletscherschmelze gespeist werden.
Der Wachsch: Stromgewinnung durch Wasserkraft
Bevor er in den Pandsch mündet, übernimmt der Wachsch eine weitere Rolle: die der Energiegewinnung. Tadschikistan hat sein Stromversorgungssystem weitgehend auf Wasserkraft ausgerichtet, und das riesige Rogun-Projekt, das derzeit am Wachsch errichtet wird, bildet das Herzstück dieser Strategie.
Im Juni 2026 genehmigte die Weltbank weitere Mittel in Höhe von 300 Millionen US-Dollar zur Finanzierung des Projekts. Nach der vollständigen Inbetriebnahme soll das Kraftwerk jährlich rund 14.400 Gigawattstunden Strom erzeugen – was etwa 60 Prozent der derzeitigen Stromerzeugung Tadschikistans entspricht. Zugleich soll es umfangreichere Stromexporte in die Nachbarländer ermöglichen.
Dies veranschaulicht eine der wiederkehrenden Komplexitäten der zentralasiatischen Wasserpolitik. Für Tadschikistan bedeuten Gebirgsflüsse Energiesicherheit, Stromversorgung im Winter und potenzielle Exporte. Flussabwärts ermöglichen dieselben Wassermassen die Bewässerung der Landwirtschaft.
Diese Interessen sind nicht zwangsläufig unvereinbar. Stauseen können sowohl den Wasserfluss regulieren als auch Wasser speichern. Sie machen jedoch deutlich, dass Wasser nicht allein unter dem Aspekt der Menge betrachtet werden kann. Auch der Zeitpunkt der Speicherung und der Freisetzung spielt eine Rolle. Noch bevor der Name Amudarja überhaupt auf der Karte erscheint, ist der Fluss bereits zu einer wirtschaftlichen Infrastruktur geworden.
Termiz: Afghanistan am anderen Ufer
In Termiz wird die Geopolitik des Amudarja greifbar. Der Fluss bildet die Grenze zwischen Usbekistan und Afghanistan. Jenseits des usbekischen Ufers liegt die Provinz Balch, während nahe der Freundschaftsbrücke die afghanische Grenzstadt Hairatan eines der wichtigsten Tore Afghanistans nach Zentralasien darstellt. Hier ist Afghanistan kein abstraktes Thema regionaler Diplomatie. Es liegt physisch präsent auf der anderen Seite des Flusses.
Lest auch auf Novastan: Termez – die Stadt, die vom Krieg und von der Grenze lebt
Die Freundschaftsbrücke führt Straßen- und Bahnverbindungen über den Amudarja. Über Jahrzehnte hinweg hat sie eine politische Symbolik erlangt – sowjetische Truppen überquerten sie während des Abzugs aus Afghanistan. Doch heute möchte Usbekistan, dass Termiz zunehmend für etwas anderes steht: Handel, Logistik und Vernetzung.
Dieser Wandel lässt sich unweit davon in Airitom beobachten. Die Freihandelszone nahm im August 2024 nahe der afghanischen Grenze ihren Betrieb auf. Sie wurde eigens zur Förderung des internationalen und grenzüberschreitenden Handels eingerichtet und umfasst Einrichtungen aus den Bereichen Einzelhandel, Logistik, Hotellerie und Gesundheitswesen. Afghanische Staatsangehörige können die Zone für Aufenthalte von bis zu 15 Tagen ohne usbekisches Visum betreten.

Die geografische Lage ist markant: Die Zone liegt direkt am Amudarja. Derselbe Fluss, der als Staatsgrenze fungiert, wird somit zunehmend auch als Rand eines Wirtschaftskorridors zwischen Zentral- und Südasien wahrgenommen.
Afghanistans Anspruch auf Wasser
Handel ist nicht der einzige Weg, auf dem Afghanistan die Politik rund um den Amudarja neugestaltet. Während des Großteils der Sowjetzeit erfolgte die Wasserverteilung flussabwärts innerhalb eines einzigen politischen Systems. Afghanistan wurde nie vollständig in die institutionellen Strukturen integriert, die die zentralasiatischen Republiken nach 1991 übernommen hatten.
Diese Asymmetrie lässt sich mittlerweile nur noch schwer ignorieren. Afghanistan baut derzeit den 285 Kilometer langen Qosh-Tepa-Kanal, der durch die nördlichen Provinzen des Landes verläuft. Erklärtes Ziel ist es, Wasser aus dem Amudarja in dürregefährdete landwirtschaftliche Gebiete zu leiten.
Aus afghanischer Sicht ist das Argument eindeutig: Das Land hat einen erheblichen landwirtschaftlichen Bedarf und ein Interesse daran, einen Fluss zu nutzen, der entlang seiner Nordgrenze verläuft – und das nach Jahrzehnten, in denen seine Möglichkeiten zur Nutzung dieser Gewässer vergleichsweise eingeschränkt waren.
Aus der Sicht der flussabwärts gelegenen Staaten Usbekistan und Turkmenistan stellt sich das Projekt anders dar. Jede nennenswerte Wasserentnahme im Oberlauf verringert potenziell die Wassermenge, die in ihre Bewässerungsgebiete gelangt. Das Projekt hat sich daher zu einer der folgenreichsten neuen Fragen der zentralasiatischen Wasserpolitik entwickelt.
Es wäre jedoch irreführend, das Qosh-Tepa-Projekt schlicht als drohenden „Wasserkrieg“ darzustellen. Treffender ist es, die Angelegenheit als das Auftreten eines weiteren Großverbrauchers an einem ohnehin schon stark beanspruchten Fluss zu betrachten. Dies unterstreicht die zentrale Gegebenheit im Einzugsgebiet des Amudarja: Alle Beteiligten haben Gründe, mehr Wasser zu nutzen. Doch niemand kann einen weiteren Fluss erschaffen.
Turkmenabat: Die Wüste gestalten
Weiter westlich erreicht der Amudarja Turkmenistan und fließt an Türkmenabat vorbei. Hier ist das Verhältnis zwischen Wasser und menschlicher Besiedlung noch stärker durch technische Eingriffe geprägt. Nahe der Stadt wird das Wasser des Amudarja in das gewaltige Karakum-Kanalsystem geleitet, das es nach Westen durch Turkmenistan führt.
Das Projekt verkörperte eines der zentralen Ziele der sowjetischen Wasserwirtschaftsplanung: Anstatt sich den durch die Trockenheit auferlegten Beschränkungen zu beugen, sollten Ingenieure Wasser durch die Wüste leiten. Und technisch gesehen war dieses Vorhaben erfolgreich. Das Wasser ermöglichte den Betrieb von landwirtschaftlichen Betrieben, Siedlungen und Industrieanlagen, die Hunderte von Kilometern vom Fluss entfernt lagen.
Doch im gesamten Einzugsgebiet kam dieselbe Logik zur Anwendung. In Usbekistan und Turkmenistan breitete sich die bewässerte Landwirtschaft massiv aus, während dem Amudarja zunehmend Wasser entzogen wurde, noch bevor er sein Delta erreichte. Dabei war die großflächige Bewässerung keineswegs eine sowjetische Erfindung; schon seit Jahrtausenden hatten flussabwärts gelegene Siedlungen den Fluss umgeleitet.
Choresmien: Eine Zivilisation erbaut durch Kanäle
Kaum eine Landschaft verdeutlicht dies so sehr wie Choresmien. Wer in Xiva ankommt, trifft auf eines der historisch dichtesten Stadtbilder Zentralasiens: Mauern aus Lehmziegeln, türkisfarbene Kacheln, Minarette und Innenhöfe, die sich aus einer extrem trockenen Umgebung erheben. Was man nicht zu Gesicht bekommt, ist der Amudarja. Xiva liegt nicht am heutigen Flussufer. Dieser scheinbare Widerspruch verrät uns so gut wie alles über das historische Verhältnis zwischen Choresmien und dem Wasser.

Die Stadt existiert, weil der Fluss zu ihr geleitet wurde. Xiva liegt am Rande des Kulturlandes und bezog historisch gesehen Wasser aus dem Amudarja über einen der Hauptkanäle der Oase. Lange vor der Entstehung moderner Staaten oder sowjetischer wasserbaulicher Großprojekte hatten die Bewohner Choresmiens gelernt, die Wüste durch Bewässerung in eine Oase zu verwandeln.
Die UNESCO-Dokumentation der antiken Städte und Festungen in der Aralsee-Region datiert die Bewässerungslandwirtschaft am Unterlauf des Amudarja auf das Ende des zweiten Jahrtausends v. Chr. und stellt einen direkten Zusammenhang zwischen Bewässerungskanälen und der Entstehung früher Städte in dieser Region her.
Hierbei geht es nicht nur um Archäologie. Die Bewässerungssysteme helfen zu erklären, wie es Generationen von Menschen möglich war, in einer ansonsten extrem trockenen Landschaft zu leben, Landwirtschaft und Handel zu betreiben und Städte zu errichten. Der Unterlauf des Flusses war selbst nie völlig beständig; sein Lauf verlagerte sich immer wieder. Kanäle versandeten oder wurden umgeleitet. Siedlungen blühten auf und verfielen, je nachdem, wie sich ihr Zugang zum Wasser veränderte.

Die UNESCO-Dokumentation zum antiken Choresmien hält ausdrücklich fest, dass Veränderungen im Verlauf des Amudarja Auswirkungen auf die städtischen Zentren hatten und dass die Siedlungen der Region eng mit den wechselnden Flussläufen verknüpft waren. In Choresmien bedeutete die Kontrolle über das Wasser zugleich die Kontrolle über die Geografie der Zivilisation selbst.
Nukus: flussabwärts von allen
Auf dem Weg nach Nukus hat der Amudarja eine außergewöhnliche Abfolge menschlicher Eingriffe hinter sich. Flussaufwärts gelegene Stauseen regulieren seinen Lauf. Afghanistan und Turkmenistan leiten sein Wasser ab. Landwirtschaftliche Regionen in Usbekistan sind von ihm abhängig. Wenn der Fluss Karakalpakstan erreicht, spiegelt er die Summe aller Entscheidungen wider, die im gesamten internationalen Einzugsgebiet getroffen wurden.
Lest auch auf Novastan: Der Enthusiast der Wüste – Wie in Nukus eine der bedeutendsten Avantgarde-Sammlungen entstand
Nahe Nukus breitet sich der Amudarja in einer weiten, flachen Landschaft aus; sein Flussbett ist von freiliegenden Uferbereichen und flachen Inseln durchsetzt. Er unterscheidet sich stark von dem Gebirgswasser, mit dem die Reise einst begann. Nukus liegt nicht nur geografisch, sondern auch politisch flussabwärts. Gemeinden am Unterlauf eines Flusses bestimmen nicht allein über ihre Wasserversorgung. Sie erhalten das kumulierte Ergebnis von Entscheidungen, die überall flussaufwärts getroffen wurden.

Diese Realität ist nach wie vor hochaktuell. Im Juni 2026 unterzeichneten Usbekistan, das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) und die Globale Umweltfazilität (GEF) das Konzept für einen Plan zum integrierten Management der Wasserressourcen im Becken des unteren Amudarja. Die Initiative zielt darauf ab, einen stärker koordinierten und wissenschaftlich fundierten Rahmen für die Bewirtschaftung der Wasserressourcen und Ökosysteme in der Region des Unterlaufs und des Aralsees zu schaffen.
Dies stellt den Versuch dar, den unteren Amudarja als zusammenhängendes hydrologisches System zu betrachten – und nicht bloß als Gewässer, das zwischen verschiedenen Verwaltungsgebieten aufgeteilt ist. Doch das Ausmaß der historischen Schäden wird weiter nördlich deutlicher.
Moynaq: ein Hafen ohne Wasser
In Moynaq ist eines der bekanntesten Bilder Zentralasiens fast schon zu vertraut geworden: Fischerboote liegen im Sand. Besucher fotografieren ihre rostenden Rümpfe. Was einst als Zeugnis des wirtschaftlichen Zusammenbruchs galt, hat ein seltsames Nachleben als Touristenattraktion gewonnen.
Doch die Boote sind von Bedeutung aufgrund dessen, was sie umgibt – oder vielmehr: was fehlt: Wasser. Einst war der Aralsee der viertgrößte Binnensee der Erde. Sein Wasserstand hing maßgeblich von den Flüssen Amudarja und Syrdarja ab. Die massive Umleitung von Flusswasser zur Bewässerung führte dazu, dass die Zuflussmenge einbrach. Der See schrumpfte und zerfiel in mehrere Teile.

Für Moynaq war dies nicht bloß eine Umweltstatistik. Es bedeutete das Verschwinden jener wirtschaftlichen Basis, um die herum sich die Stadt entwickelt hatte. Fischerei und Fischverarbeitung waren auf eine Uferlinie angewiesen, die sich immer weiter entfernte.
Die rostenden Boote lassen sich gewissermaßen als die letzten Glieder einer Kette betrachten, die in den Bergen ihren Anfang nimmt. Stauseen, Kanäle, Bewässerungssysteme und landwirtschaftliche Entscheidungen, die Hunderte oder Tausende von Kilometern flussaufwärts getroffen wurden – sie alle beeinflussen, wie viel Wasser schließlich den untersten Teil des Beckens erreicht. Von Moynaq aus lässt sich die Geschichte des Flusses gleichsam rückwärts nachvollziehen.
Der See ist nicht ganz verschwunden
In verbreiteten Darstellungen heißt es oft, der Aralsee sei „verschwunden“. Die Realität ist jedoch komplexer. Der See zerfiel in einzelne Gewässer. Große Teile seines ehemaligen Bodens liegen heute trocken, während sich zwischen den verbliebenen nördlichen und südlichen Wasserflächen erhebliche Unterschiede herausgebildet haben. Die ökologische Katastrophe war gewaltig, doch der Aralsee ist nicht buchstäblich verschwunden.

Diese Unterscheidung ist wichtig. Sie verhindert, dass die Region auf das bloße Bild einer unumkehrbaren Apokalypse reduziert wird. Der nördliche Kleine Aralsee hat beispielsweise gezeigt, dass gezielte wasserwirtschaftliche Maßnahmen zumindest eine teilweise ökologische Erholung bewirken können. Auf der usbekischen Seite hingegen vermittelt die Landschaft rund um die südlichen Überreste das Ausmaß dessen, was verloren gegangen ist.
Ein Fluss, konkurrierende Zukünfte
Es wäre ein Leichtes, die Geschichte des Amudarja allein als eine Geschichte der Umweltzerstörung zu erzählen. Das wäre jedoch unvollständig. Der Fluss versorgt nach wie vor Millionen von Menschen und dient als Grundlage für mehrere sehr unterschiedliche Entwicklungsstrategien.
Tadschikistan benötigt Strom. Afghanistan braucht bewässertes Ackerland. Usbekistan benötigt Wasser für die Landwirtschaft und bemüht sich zugleich um eine effizientere Bewässerung. Turkmenistan ist nach wie vor in hohem Maße auf das Wasser angewiesen, das über sein Kanalsystem aus dem Fluss abgeleitet wird. Karakalpakstan benötigt ausreichende Wassermengen, um die Gemeinden und Ökosysteme am Ende des Einzugsgebiets zu erhalten. All diese Anforderungen sind verständlich. Die Schwierigkeit liegt darin, dass sie gleichzeitig bestehen.
Lest auch auf Novastan: Der Aralsee heute: Nur „kleinere Pfützen“ – Ein Interview mit dem Ökologen Yusup Kamalov
Der Qosh-Tepa-Kanal ist daher nicht deshalb von Bedeutung, weil der Wettbewerb um den Amudarja neu wäre, sondern weil sich die politische Geografie dieses Wettbewerbs wandelt. Afghanistan entwickelt sich zu einem weitaus bedeutenderen Wassernutzer in einem System, dessen postsowjetische Institutionen weitgehend ohne das Land errichtet wurden. Zugleich müssen der Ausbau der Wasserkraft in Tadschikistan, die Bewässerung flussabwärts, ökologische Wiederherstellungsmaßnahmen und der durch den Klimawandel bedingte Druck innerhalb desselben hydrologischen Systems nebeneinander bestehen.
Es gibt keine einzelne technologische Lösung, die diese grundlegende Einschränkung beseitigt. Effizientere Bewässerung kann helfen. Bessere Kanäle können helfen. Eine verbesserte regionale Koordinierung kann helfen. Ein Management auf Ebene des Einzugsgebiets kann helfen. Doch nichts davon kann den Amudarja unerschöpflich machen.
Von Eis zu Sand – und wieder Wasser
Das Außergewöhnliche daran, dem Lauf des Amudarja zu folgen, ist die Vielfalt der Welten, die zu einem einzigen Fluss gehören können. In den Bergen entspringt sein Wasser inmitten von Schnee und Gletschern. Entlang des Pjandsch trennt er Afghanistan und Tadschikistan. Am Wachsch wird er zu Elektrizität.
Bei Termiz bildet der Fluss die Grenze Usbekistans zu Afghanistan, während Airitom versucht, diese Grenze in ein Handelsportal zu verwandeln. In Choresmien leiteten Kanäle das Wasser zu Städten, die ohne den Fluss niemals hätten überleben können. Nahe Nukus zeigen sich gebündelt die Folgen von Entscheidungen, die im gesamten Einzugsgebiet getroffen wurden. In Moynaq liegen Schiffe dort auf dem Trockenen, wo einst Wasser stand. Und weiter dahinter sind noch Teile des Aralsees erhalten.
Lest auch auf Novastan: Was passiert, wenn die Wasserressourcen Zentralasiens knapp werden?
Die Städte Zentralasiens werden meist über Denkmäler, Herrscher und Reiche erklärt – die Mauern von Xiva, das buddhistische Termiz, die Museen von Nukus. Doch unter all dem verläuft eine andere Geschichte: die Geschichte von Gletschern, Wasserläufen, Staudämmen und Kanälen.
Über Jahrtausende hinweg hat der Amudarja bestimmt, wo Besiedlung möglich war, wo die Landwirtschaft florieren und wo sich politische Macht konzentrieren konnte. Hoch in den Bergen beginnt das Wasser noch immer seine Reise in die Ebenen. Am anderen Ende dieser Reise liegen Schiffe in der Wüste, während dahinter ein geschrumpftes Meer fortbesteht.
Zwischen diesen beiden Landschaften liegt ein Großteil der Vergangenheit Zentralasiens – und eine der entscheidenden Fragen für seine Zukunft.
Mathieu Lemoine für Novastan
Aus dem Englischen von Robin Roth
Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei Twitter, Facebook, Telegram, Linkedin oder Instagram. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem wöchentlichen Newsletter anmelden.
Vom Pamir an den Aralsee: Eine Reise entlang des Amudarjas