Termez – die Stadt, die vom Krieg und von der Grenze lebt

Die Stadt Termez im Süden Usbekistans an der afghanischen Grenze war früher ein Zentrum des Schmuggels. Heute lebt sie von einer „Gemüsegarten und Taxi“- Wirtschaft. Ein Korrespondent des Pressedienstes Centre-1 war vort Ort, inder Hauptstadt des Surchandarja-Gebietetes in Usbekistan, die circa 600 km von Taschkent entfernt am Fluss Amudarja liegt. Wir übersetzen seine Reportage und übernehmen seine Bilder mit freundlicher Genehmigung der Redaktion von Centre-1. 

Termez ist eine der ältesten Städte Zentralasiens. Einst war der südliche Vorposten Usbekistans reicher. Hier gibt es „lebende“ und „tote“ Häuser. Alle, die konnten, zogen als Arbeitsmigranten nach Russland. Die, die geblieben sind, versuchen über die Runden zu kommen, indem sie Brot auf dem örtlichen Markt verkaufen.

Die “Potemkinschen Dörfer” von Termez

Breite Boulevards mit neuen, ordentlichen, mehrstöckigen Häusern im Zentrum der Stadt – eine vollkommen logische Stadtlandschaft für einen Ort mit 135.000 EinwohnerInnen.

Termez, „Potemkinsche Häuser“, die fast komplett leerstehen; Fotos: C-1

In den unteren Etagen der Neubauten befinden sich Geschäfte und Salons für Hochzeitsmode, neben den Häusern Bänke, frische Grünflächen, Beete und Spielplätze. Und keine Menschenseele, mit Ausnahme von vereinzelten, seltenen Passanten.

Aufgrund dieser Leere erinnert das gepflegte Zentrum von Termez an eine Kulisse aus einem Fantasy-Film, in dem alle Bewohnern der Stadt plötzlich verschwanden.

Ein Teil dieser Häuser ist auch tatsächlich nur Dekoration. Der Großteil der Geschäfte und Büros steht leer – die Einheimischen sagen, dies liege an überhöhten Mieten. Auch aus den Wohnungen kein Lebenszeichen – an den Leinen trocknet keine Wäsche, an den Fenstern hängen keine Vorhänge und vor den Häusern spielen keine Kinder.

Das echte Leben von Termez ist ein anderes und es spielt sich nicht hier ab. Es versteckt sich vor den Augen durchreisender Staatsbeamter hinter einer hohen Betonmauer mit der Aufschrift, dass 2017 zum „Jahr des Dialoges mit dem Volk und der Interessen des Menschen“ ernannt wurde.

Die TeilnehmerInen des Dialogs leben hier, direkt hinter  der Mauer, in Häusern aus Stampflehm ohne Kanalisation und Zentralheizung (die es in der Stadt seit Mitte der 90er nicht mehr gibt).

Auf den Straßen von Termez; Fotos: C-1

Die Blütezeit: Krieg und Schmuggel

Der örtliche Taxifahrer Olim erinnern sich mit Wehmut, wie sauber und behaglich Termez zur Zeit des Afghanistankrieges 1979-1989 war. Die Zeit des Krieges war für die Stadt eine Blütezeit.

Hier lebten die Soldaten und ihre Familien. Es gab Kulturhäuser, eine Philharmonie, verschiedene Klubs und Sportangebote für Kinder. Auf dem Zentralmarkt fand man gebrauchte Kleidung und allerlei elektronische Geräte und Technik.

Aus Taschkent, Duschanbe und Samarkand kamen die Leute wegen Videorekordern, Jeans und Kaugummi nach Termez, obwohl der Zugang zur Stadt aufgrund der Anwesenheit der Armee beschränkt war.

In den Schmuggel waren praktisch alle EinwohnerInnen der Stadt miteinbezogen. Selbst Milizionäre und Grenzpolizisten waren am Schwarzmarkt mit aus Afghanistan eingeführten Waren vertreten.

Ein nicht funktionierender Springbrunnen auf einem Platz in Termez; Foto: C-1

Man verbrannte Bücher um sich zu wärmen

Nach dem Ende des Afghanistankrieges 1989 und dem Zerfall der UdSSR 1991 verließen die Soldaten Termez. Zusammen mit ihnen begann auch der Wohlstand die Stadt zu verlassen. Anstelle der Soldaten siedelten Dorfbewohner aus den umliegenden Raijons (Verwaltungskreise, Anm.d.Red.) über.

Der illegale Handel fand sein Ende in der zweiten Hälfte der 90er, als die Kämpfer der Taliban das afghanische Mazar-i-Scharif, rund 100 km von Termez entfernt, einnahmen. Ab dem Zeitpunkt wurde auf Initiative Taschkents die Grenze zwischen Usbekistan und Afghanistan geschlossen.

Fast zeitgleich wurden schlagartig die Gehaltszahlungen eingestellt und das Leben der örtlichen Bevölkerung wurde in allen Bereichen schwer.

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Die Heizung sowie die Gas- und Stromversorgung wurden teilweise unterbrochen.

Um sich zu wärmen, verbrannten die Leute alles  – Mist, Bücher, alte Kinderhefte, selbst Archivdokumente fanden Ihren Weg in den Ofen“, erinnert sich Olim.

Termez ist zwar eine der heißesten Städte  Zentralasiens, aber im Winter liegen die Durchschnittstemperaturen hier bei 10 Grad, auch Frost ist möglich.

Selbst zu Nawruz wurde die Stadt nicht gereinigt

Die Stadions, Boulevards und Wohnblöcke befinden sich in direkter Nachbarschaft der einstöckigen Lehmhäuser.

Überall liegen Baugeräte und Müllhaufen herum. Die Stadtreinigungsdienste scheinen nur ein paar zentrale Straßen zu reinigen, der Rest von Termez versinkt im Schmutz und im Staub der Baustellen.

Selbst die Vorbereitungen für das Frühlingsfest Nawruz änderten daran nichts. Unansehnliche Orte wurden einfach mit Metallzäunen verdeckt.

Keine Bedingungen für Tourismus

Termez mit seiner jahrhundertealten Geschichte und seinen verschiedenen Kulturen könnte eigentlich ein Touristenmagnet sein. Hier liegen die prähistorische Siedlung Dalverzintepe, die als das älteste buddhistische Bauwerk auf dem Gebiet Usbekistans gilt sowie der Komplex Karatepa und die buddhistische Stupa Zurmala. Auch die mittelalterliche Festung Kirk-Kiz und das Sufi-Kloster Kykildor-ota, das Sultan-Saodat-Ensemble sowie das Mausoleum Hakim-at-Termezi findet man hier.

Das Archäologiemuseum in  Termez – ein Neubau in pseudohistorischem Stil; Foto: C-1

Der Großteil der antiken Bauwerke sieht frisch restauriert aus.

Aus Taschkent gibt es zwar Flüge nach Termez, aber dem, den es hierher verschlägt, ergeht es nicht leicht. Der städtische Flughafen bietet einen kläglichen Anblick. Als öffentlicher Verkehr fungieren Marschrutkas (Sammeltaxis, Anm.d.Red.) und Schwarztaxis.

In der Stadt gibt es weder Stadtpläne noch Wegweiser auf Englisch und Russisch spricht bei weitem nicht jeder Einwohner.

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Der ehemalige Polizist Bachtijar macht hierfür die „Dorfbauern-Verwaltung“ der Stadt verantwortlich. Die seiner Meinung nach ungebildeten Leute in der Stadtverwaltung sähen keine Perspektive in der Entwicklung des touristischen Potenzials von Termez und seiner Umgebung, deshalb befinde sich die Stadt im Niedergang.

„Gemüsegarten und Taxi“-Wirtschaft

Auf dem Zentralmarkt der Stadt ist traditionell viel los. Es scheint als tobe nur hier das städtische Leben – die einen verkaufen, die anderen kaufen. Sowohl Verkäufer als auch Käufer beklagen sich, dass das Geld nicht reiche und dass es keine Arbeit gebe.

Basar in Termez; Fotos: C-1

Die Brotverkäuferinnen erzählen, das verdiente Geld reiche gerade so zum Essen und um die kommunalen Dienste zu bezahlen.

Die Schwiegermutter backt Brot und ich verkaufe es. Das ganze Geld geben für dringende Bedürfnisse aus. Wir leben von der Hand in den Mund. Mein Mann ging als Arbeitsmigrant nach Russland, er hat dort nun schon seine eigene Familie. Er hilft ein bisschen, aber es reicht nicht“, erzählt eine von ihnen.

Diese Geschichte ist beispielhaft für das heutige Usbekistan. Aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit werden die Männer gezwungen als Arbeitsmigranten im Ausland zu arbeiten. Nicht selten verlassen sie ihre Familie und überlassen Frau und Kinder ihrem Schicksal.

Basar in Termez; Foto: C-1

Der durchschnittliche Lohn in der Region beträgt nicht mehr als 600.000 Sum (85 Dollar). Dabei liegen die Preise für Immobilien, Bildung und Lebensmittel nicht niedriger als in Taschkent. Für viele Männer ist die Arbeitsmigration die einzige Möglichkeit ihre Familien zu ernähren.

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Die Industrie, die es in Termez gab, wurden schon in den 90ern geschlossen. Seitdem überleben die Stadtbewohner mit kleiner Landwirtschaft: sie halten Vieh und züchten Obst und Gemüse in Gärten. Weidende Schafe und Kühe auf den Straßen der Stadt sind ein gewöhnliches Bild.

„Gemüsegarten und Taxi“-Wirtschaft – damit halten sich viele Provinzstädte in Usbekistan, in der Hoffnung, dass sich in Zukunft etwas ändert.

 

Im russischen Original  erschienen auf  Centre-1

Aus dem Russischen übersetzt von Robin Roth 

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