„Schwierige Vergangenheit“: Die Gedenkstätte Karlag und die Menschen dahinter

Im Dorf Dolinka in Zentralkasachstan befand sich einst die Hauptverwaltung des Karagandinsker Arbeits- und Besserungslagers (Karlag). Seit 2011 befindet sich in dem Gebäude eine Gedenkstätte, für deren Einrichtung lange gekämpft werden musste. Über die Menschen dahinter sowie darüber, warum das Thema der schwierigen Vergangenheit heute noch kaum Beachtung findet, berichtet folgende Reportage von Vlast. Wir übersetzen sie mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

„Ich sage immer: Wenn es Papa nicht gäbe, wäre das Gebäude nicht erhalten geblieben. Es zerfiel vor allen Augen. Jetzt möchte ich, dass zumindest ein Schild in einem der Säle aufgehängt wird: Es gab eine solche Person, Eltaı Jamanbekuly Jamanbekov – den Initiator des Museums.“

Der Sohn des verstorbenen Eltaı Jamanbekuly sagt diese Worte zum Abschied. Ohne Groll, eher um zu äußern: Es tut weh. Zu diesem Zeitpunkt wären wir bereits durch die Gänge und Keller des Museums in Dolinka gewandert, hätten an den Gräbern mit verrosteten Kreuzen auf dem Friedhof geschwiegen, der von den Einheimischen „Mamotschkino“ [„Mamadorf“, Anm. d. Ü.] genannt wird, da hier Kinder begraben wurden, die im Karlag [Karagandinsker Arbeits- und Besserungslager] starben. In etwa 10 Minuten würden wir um das Dorf selbst herumfahren – einst das Zentrum eines der größten Lager im Gulag-System.

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Vom Haus von Erganat Jamanbekov bis zum Hauptgebäude des Museums, für das Menschen aus aller Welt hierherkommen, sind es 500 Meter. Einst lebte hier Erganats Vater – ein Aqsaqal und Geschichtslehrer. Dank ihm wurde die monumentale Verwaltung des Karlag weder niedergebrannt noch abgerissen.

Erganat legt auf dem Tisch den Inhalt einer schäbigen Mappe aus, das Archiv seines Vaters: Zeitungsveröffentlichungen, Briefe an das Akimat [die Regionalverwaltung, Anm. d. Ü.], Fotos, Zeugnisse.

„Um ehrlich zu sein, haben wir irgendwann aufgehört zu glauben, dass die Bitten des Vaters den Staat erreichen würden. Sie sehen, wie viele Appelle an verschiedene Behörden… Er setzte sich im großen Zimmer an den Tisch und begann zu schreiben. In der Familie wurde er immer unterstützt, aber es gab Momente, in denen wir scherzten: Papa, zahlen sie dir dafür kein Geld?! [Er antwortete:] Jemand muss es tun. Die Seelen der Menschen, die hier gestorben sind, müssen sich beruhigen. Man darf ihre Namen nicht vergessen.“

Fast 20 Jahre forderte Eltaı Jamanbekov die Eröffnung eines Museums in Dolinka. Er konnte nicht mitansehen, wie sich das historische Gebäude in Ruinen verwandelte. Niemand bat ihn, er ging von selbst los, um einheimische Kerle und Betrunkene zu verjagen, die die Fenster einschlugen um ins Gebäude zu kommen. Sie wussten, dass Jamanbekov in der Nähe lebte und dass es besser war, sich nicht einzumischen. Sie respektierten ihn und hatten Angst.

„In den 90er Jahren wurde das Gebäude des heutigen Museums an ein Privatunternehmen verkauft. Einige Zeit war es herrenlos.“ Dann bewachten Erganat und sein Vater es ehrenamtlich. „Leere, stockfinstere Innenwelt. Fast schon zugewachsen damals: Man geht zum Eingang, man sieht die Wege nicht, die Bäume sind wuchtig – die Natur forderte ihren Tribut.“

„Die Zeiten waren hart. Was mit irgendeiner ehemaligen Verwaltung des Karlags in Dolinka los ist, das kümmerte das Akimat nicht, erst recht nicht Astana. Die Menschen kamen bereits hierher, um die Grabstätten ihrer Großväter und Urgroßväter zu suchen. Nachbarn schickten alle zu uns: Da wohnt ein kasachischer Großvater, der weiß alles über diesen Ort.“

Die Jamanbekovs zogen 1979 nach Dolinka. Zu dieser Zeit war das Sanatorium „Brigantina“ auf dem Gelände des heutigen Museums tätig, in dem Kinder mit geschwächter Immunität behandelt wurden. Jeder wusste, was für ein „Sanatorium“ es in den 30er und 40er Jahren gab, aber damals sprach man nicht laut über Repressionen. Erganats Vater war damals 65 Jahre alt und begann Stück für Stück Informationen zu sammeln. Als es dem Land besser ging, wurden zumindest Reparaturen in der ehemaligen Verwaltung des Karlags vorgenommen und sie wurde unter Schutz gestellt. Er fuhr nach Qaraģandy – zum Akimat und ins Archiv. Er ging durchs Dorf und sammelte Unterschriften zur Rettung des Gebäudes und er zeichnete Skizzen des zukünftigen Museums.

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„Sehen Sie, 1999 wandte sich mein Vater an das Kulturministerium mit der Bitte, ein Museum zu eröffnen“, macht Erganat auf einen von Dutzenden Briefen aufmerksam. Die Antwort: Es ist kein Geld im Budget. „Wie viele solcher Antworten hat er erhalten. Seine Beharrlichkeit ist erstaunlich.“

„Ihr Vater wurde wahrscheinlich gefragt: Aģa, warum machen Sie das?“, fragen wir.

„Die Leute sagten alle möglichen Dinge, aber viele unterstützten ihn. Am Ende seines Lebens nahm ihn diese Sache sehr ein. Er sagte oft: Das sind Menschenschicksale, sie starben im Karlag an Krankheiten, Kälte, Hunger, wurden gequält, erschossen. Zukünftige Generationen sollten sich daran erinnern, damit so etwas nie wieder passiert. Sonst gerät die Geschichte in Vergessenheit und nicht nur das Gebäude – die Erinnerung wird mit Gras überwuchert.“

Ksenia Morozova – die Historikerin

„Wir nähern uns einer Stelle im Keller, wo wir bei der Renovierung des Gebäudes ein Loch gefunden haben. Eine Person wurde auf den Boden einer solche Grube gelegt, Eiswasser wurde hineingegossen. Nach einer Weile bekam der Gefangene Krämpfe. Solche Foltermethoden werden in verschiedenen Quellen erwähnt. Ob diese Grube auch so genutzt wurde, können wir nicht mit Sicherheit sagen. Viele Archivdaten im Zusammenhang mit der Verwaltung des Karlags wurden vernichtet, einige sind noch geheim.“

„Wissen die Historiker, wie viele Menschen durch das Karlag gegangen sind?“, fragen wir.

„In 28 Jahren waren mehr als eine Million Menschen im Karlag. Aber es gibt keine genauen Daten. 1959, nach der Auflösung des Karagandinsker Lagersystems, zerstörten sie in der Nähe des Gebäudes, in dem wir uns jetzt befinden, die gelben Ordner, die für die ewige Aufbewahrung bestimmt waren. Auch das sagt viel aus – nicht alle Fälle haben bis heute überlebt. In der Geschichte der Karlag gibt es genug weiße Flecken, ein vollständiges Bild können wir noch nicht zeichnen.“

Wir sind im Museum und folgen der Route aller Besucher:innen. Ksenia Morozova, Historikerin und Mitarbeiterin des „Museums der Opfer politischer Repression“ in Dolinka, erzählt. Sie stammt von hier. Ksenias Mutter wurde im Karlag geboren – ihre Eltern wurden gemäß Artikel 58 nach Kasachstan verbannt. Ksenias Großmutter stammt aus Riga, ihr Großvater aus der Westukraine. Sie hat ihn nicht in einem bewussten Alter kennengelernt, aber ihre Großmutter erzählte von diesen Zeiten, auch wenn sie sich nicht gerne daran erinnerte. Aber sie erzählte nur die guten Dinge: Wie sie im Karlag arbeiteten, sich verliebten, anfreundeten. Über alles, aber nicht über Politik.

„Das Karlag ist nicht nur ein Lager, sondern ein ausgedehntes System, das die Arbeitskraft der Gefangenen ausbeutet. Absolventen der Timirjasew-Landwirtschaftsakademie in Moskau, prominente Pflanzen- und Viehzüchter, wurden hierher verbannt. Sie überführten alle wirtschaftlichen Aktivitäten des Karlags auf eine wissenschaftliche Grundlage, brachten neue Pflanzensorten, Tierrassen hervor. Den Kohl „Ruhm“, die Sonnenblume „Gigant“ – sie werden jetzt noch angebaut. Die Kasachische weißköpfige Kuh – sie gab mehr als 40 Liter Milch pro Tag – wurde zur Ausstellung der Volkswirtschaft nach Moskau geschickt.“

„Ksenia, welche Emotionen erleben Sie, wenn Sie darüber lesen?“„Die moderne Generation versteht nicht, was die Menschen damals erlebt haben. Auf Exkursionen erzähle ich, wie im Lager Konzerte organisiert, Aufführungen veranstaltet wurden, und manch einer ist ratlos: „Was? Sie wurden von ihren Familien getrennt, ihre Ehemänner und Ehefrauen erschossen, ihre Kinder im Stich gelassen! Wie konnten sie singen!? Wie konnten sie tanzen!?“ Sie konnten. Für diejenigen, die hier gelandet sind, war es die einzige Freude in dem grauen, eintönigen Leben. So versuchte man, die Festigkeit des Geistes zu bewahren.“

Ksenia gibt zu, dass ihre Arbeit sie verändert hat. Sie spricht über die Hauptsache: „Dass alle auf der Welt in Frieden leben. Dass so etwas nie wieder passiert.“

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„Wenn die Staatsmacht in unser Leben eingreift, ist der Mensch machtlos.“ Die Korridore, durch die wir gehen, bestätigen dies durch eine Million persönlicher Geschichten. „Viele, die aus dem Karlag entlassen wurden, zogen in ihre historische Heimat, und dort wartete absolut niemand auf sie. Sogar ihre Verwandten hielten sich von ihnen fern. Die Leute kamen hierher zurück. Denn hier hatten sie Freunde, Arbeit. Sie erinnern sich gerne an diesen Ort.“

„Die Leute sagen oft, dass in unserem Museum eine erdrückende Atmosphäre herrscht. Du kommst nach Hause und scheinst herausgedrückt zu werden… Manche haben so ein Gefühl. Ich versuche, nicht darauf einzugehen, denn ich liebe meinen Job sehr. Man erzählt den Leuten vom Karlag, und sie erzählen von ihren Großeltern. Es gab praktisch keinen Fall, dass eine Familie kam und nicht von Repressionen betroffen war.“

„Das ist unheimlich.“„Gruselig, aber das ist unsere Geschichte.“„Sie sind hier aufgewachsen. Wussten Sie als Kind, was dieses Gebäude war?“

„Wir lebten in einem anderen Dorf. Meine Mutter und ich fuhren auf Fahrrädern am Büro vorbei, als wir unsere Großmutter auf der benachbarten Sowchose „Karagandinskij“ besuchten. Danach stand es verlassen da. Ich fragte: „Was war da?“ [Sie antwortete:] „Hier habe ich früher gearbeitet“. Sie meinte das Sanatorium „Brigantina“. Nur Leute der älteren Generation erinnerten sich an die Verwaltung des Karlags, aber es sind nur noch wenige von ihnen übrig…“

Maria Baranyuk – Von der Ukraine nach Dolinka

„Es gibt keine lebenden Gefangenen des Karlags mehr, und ihre Nachkommen sind verstorben oder weggezogen. Vor zehn Jahren gab es viele von uns. Dies ist mein Vater – Dmitrij Iwanowitsch Baranjuk.“

Wir stehen an einer Glasvitrine mit Fotografien von Karlag-Häftlingen. Auf dem Schwarz-Weiß-Foto ist ein gutaussehender Mann mittleren Alters zu sehen. Maria Dmitrievna Baranyuk schaut ihn an. Sie ist 75 Jahre alt, Rentnerin, Tochter von Verurteilten nach Artikel 58.

„Haben Sie ein solches Foto zu Hause?“„Ja, da wurde Vater nach seiner Freilassung in den frühen 70er Jahren aufgenommen.“„Wie war er?“

„Gut. Im Dorf erinnert man sich noch heute gern an ihn. Und meine Mutter war auch gut. Ich war zwei Jahre alt, als sie eingesperrt wurden. Ich wurde im Gebiet Riwne in der Westukraine geboren. Die Eltern landeten in verschiedenen Lagern: Mutter in Russland, in Mordwinien, Vater zuerst in Ekibastuz, dann wurde er nach Dolinka überstellt. Hier hatte er seine 10 Jahren abzusitzen. Sieben Jahre arbeitete er ab, drei Jahre wurden ihm erlassen. 1956 rief mein Vater meine Mutter und uns (mein Bruder war sieben Jahre älter) hierher.“

„Wir kamen am Bahnhof in Qaraģandy an. Mama flüsterte mir zu: Da ist Papa. Mein Vater nahm mich sofort in seine Arme. Daran erinnere ich mich gut. Ich war 9 Jahre alt. Seitdem lebe ich in Dolinka. Es gab Versuche, umzuziehen. Aber mir wurde klar, dass es keinen besseren Ort als Dolinka gibt.“

„Haben Sie, als sie älter waren, ihren Vater nicht gefragt, warum er nicht in seine Heimat zurückgekehrt ist?“, fragen wir.

„Ich habe gefragt. Es ist so, dass Vater von seinem eigenen Bruder verraten wurde. Er hat ihn angezeigt. Die Eltern wurden abgeholt. Wir lebten zuerst bei meinen Großeltern. Im März 1951 starb mein Großvater, im August wurden meine Tante und meine Großmutter nach Sibirien verbannt. Und am selben Tag zog der Bruder meines Vaters in sein Elternhaus ein, als ob er alles im Voraus wüsste. Mein Bruder und ich hingen bei Verwandten herum – es gab nichts Gutes mehr in unserem Leben.“

„Als wir in Dolinka ankamen, war es das pure Glück: Mama und Papa sind in der Nähe. Das Dorf war damals sauber und gepflegt. Die Menschen waren freundlich – wir waren Freunde auf der Straße. Nach der Auflösung des Karlags wurde im Verwaltungsgebäude eine Fachschule eröffnet. Früher sind wir hier tanzen gegangen.“

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„Haben die Eltern haben nicht gesagt: Mascha, geh nicht dorthin!“„Wissen Sie, Papa hat nichts Schlechtes gesagt über die Staatsmacht und über um diese Zeit.“

„Hatte er Angst?“„Nein. Er hatte eine normale Einstellung. Er hatte dennoch Respekt.“

„Wie erklären Sie sich, dass Menschen, die unschuldig unter dieser Regierung gelitten haben, sie mit Respekt behandeln?“„Erstens waren so die Zeiten. Zweitens hing es nicht von allen Behörden ab, es war eine Art Einzelperson, die das tat.“

„Glauben Sie nicht, dass alles von den Behörden abhing?“„Überhaupt nicht. Das war das System. Und das Schicksal der Menschen wurde nicht in diesem Gebäude entschieden. Es gab einen anderen Ort, an dem gefoltert wurde. Ihn gibt es nicht mehr.“

„Sie erinnern sich gerne an diese Zeiten. Kein Groll?“„Was für ein Groll? Und warum? Ja, das Leben hat wehgetan. Aber was wird sich ändern, wenn ich darüber nachdenke? Es ist schwer, mit Ressentiments zu leben.“

„Haben sie schon seit langem davon abgelassen?“ – „Seit langem. Manchmal erinnere ich mich, sitze, denke. Besonders an die Kindheit in der Ukraine. Mein Bruder und ich sind zum Glück nicht an Hunger gestorben. Ich träume dann davon, mich mit Brot satt zu essen. Wir haben nur Kartoffeln im Überfluss. Aber ich wollte Brot! Jetzt kommst du auf die Müllhalde und siehst: Da liegt ein Brötchen herum. Das ist schon schlimm. Die Leute sind satt und haben nie Hunger gesehen. Gott sei Dank haben sie ihn nicht gesehen. Ich werde mich also nicht beschweren. Ich habe bereits zwei Urenkel, sie leben hier in Dolinka. Alle sind in der Nähe. Alles ist gut. Was braucht man noch?“

Zurück zu Erganat Jamanbekov

Es ist Ksenia Morozova, die Maria Dmitrievna bittet, ins Museum zu kommen. Und auch von Eltaı Jamanbekov erzählt man uns hier. Wir verabschieden uns von ihr und gehen zu Eltaı-Aģas Haus, wo wir im Hof ​​sitzen und uns Fotos und Zeitungsartikel ansehen werden.

„Papa hat sein Ziel erreicht: Zuerst haben sie ihn im Akimat von Dolinka unterstützt, dann der Akim von Shahtinsk. Auf regionaler Ebene haben sie ihn nicht mehr ignoriert. Es entstand Kontakt zu Mitstreitern in der Ukraine und in Polen – Nachkommen von Menschen, die im Karlag starben. Sie schrieben auch, baten darum, die Erinnerung zu retten. Später haben viele mitgemacht, ich will nicht sagen, dass das Museum allein der Verdienst meines Vaters ist. Aber trotzdem war Papa der Erste.“

„War er bei der Eröffnung anwesend?“„Damals wurde der Grundstein für das Museum gelegt, der die zukünftige Arbeit symbolisierte. Er sprach, wurde aufgeregt, die Emotionen gingen mit ihm durch, sodass er Herzprobleme bekam. Wir haben ihn nach Hause gebracht. Das Museum wurde zwei Jahre später, im Jahr 2011, eröffnet. Papa war 80 Jahre alt, er konnte kaum laufen. Deshalb nahm er nicht an der Eröffnung teil. Wir haben ihm Bilder gezeigt.“

Eltaı Jamanbekov starb am 13. September 2013. Das Wetter war bis zu vierzig Tage lang klar. Die Angehörigen glauben: Die Seelen der in Dolinka gestorbenen Gefangenen kamen zu ihm, um ihm zu danken. Zum Abschied wird Eltaı-Aģas Sohn jenen Satz sagen: „Ich möchte, dass zumindest ein Schild in einem der Säle aufgehängt wird: Es gab eine solche Person, Eltaı Jamanbekuly Jamanbekov – den Initiator des Museums.“

Ich schreibe es zweimal, damit sich die Leute an diesen Namen erinnern …

Die Expertin: Kulturwissenschaftlerin Alexandra Tsaı im Interview

Warum wird so wenig über das Thema der schwierigen Vergangenheit geredet?

Es scheint, dass die Gesellschaft seit langem (zumindest seit den frühen 1960er Jahren und Chrutschtschows Tauwetter) über staatliche Repressionen in der Sowjetunion spricht. Wir versuchen zu verstehen, was damals geschah und wie es die heutige Zeit beeinflusst hat. Und dennoch bleibt dieses Thema nicht vollständig verstanden. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Die sowjetische Vergangenheit gehört nicht nur Kasachstan. Russland wurde der Nachfolger der UdSSR. Dieses Land spielte auch eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung von Diskursen über die sowjetische Vergangenheit. In Russland hat es leider kein umfassendes Umdenken über die sowjetische Geschichte und die mit dieser Zeit verbundenen staatlichen Repressionen gegeben. Viele soziale Erinnerungsprozesse, die sich dort abspielten, sind inzwischen eingefroren oder sogar verboten. Das letzte, allen bekannte Beispiel ist das Verbot der internationalen Gesellschaft Memorial. Der Staat erlaubte der Gesellschaft nicht, die Arbeit im Bereich des kollektiven Gedächtnisses […] fortzusetzen. Ähnliches geschah in Kasachstan.

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Es besteht eine ständige Verbindung zwischen dem Kontext, den der Staat schafft, und dem Gefühl der Gesellschaft in diesem Kontext. Welche Wünsche hat sie? Ist sie bereit, über die schwierige Vergangenheit zu sprechen? Und was meinen wir überhaupt, wenn wir sagen: „schwierige Vergangenheit“. Die Stalinistische Repressionen der 30er und 40er Jahre? Die Hungersnot der frühen 30er? Den Bau des Karlag? Die Deportationen verschiedener Völker nach Kasachstan? Oder alle auf einmal?

Vielleicht hat jemand das Gefühl, dass diese Ereignisse der Geschichte angehören und die moderne Gesellschaft nichts angehen. Man mag fragen: „Warum sollten wir 2022 über den Stalinismus der 30er und 40er Jahre diskutieren?“ Wurde das Thema der kollektiven Unterdrückung nicht von Generationen vor uns ausgearbeitet? Nein, es ist nicht passiert. Und wir erleben eine neue Phase des Umdenkens der Geschichte, auch durch das Prisma der Entkolonialisierung.

Warum ist es wichtig, über die schwierige Vergangenheit zu sprechen?

Für die Gesellschaft ist dies eine Gelegenheit, reifer zu werden, sich zu einigen und die Probleme in ihrer Geschichte zu diskutieren. Man kann versuchen, eine gemeinsame Basis zu finden und sich bei kontroversen und schmerzhaften Themen zu einigen.

Die einzigartige persönliche Geschichte einzelner Personen sollte in den Vordergrund treten. Ich denke, das ist unglaublich wichtig für das Studium der Erinnerung und Aktivismus in diesem Bereich. Tausende Tote haben Namen, die wir vielleicht immer noch nicht kennen, sehr unterschiedliche Geburtsdaten. Und es ist beängstigend, dass sie manchmal durch ein Todesdatum vereint sind.

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Wenn wir uns an diejenigen erinnern, die unter der Unterdrückungsmaschinerie gelitten haben, schätzen wir die unschuldigen Menschen, die gestorben sind. Und somit das menschliche Leben im Allgemeinen. Wir lernen, den Staat in Sachen Gewaltanwendung zur Rechenschaft zu ziehen. Diese Worte klingen sehr einfach. Aber wenn wir das nicht tun, kann sich die Geschichte wiederholen.

Traumaforscher haben folgendes Muster abgeleitet: Wenn das Trauma nicht aufgearbeitet wird, kann der Verstand es nicht bis zum Ende eindämmen und realisieren. Das Trauma kann wiederkehren. Das Bewusstsein scheint dies zu tun, damit eine Person einen Weg zur Heilung findet. Solange sie nicht an sich selbst arbeiten, laufen sie Gefahr, zum traumatischen Ereignis zurückzukehren. Dies gilt teilweise auch für kollektive Traumata. Wenn sie nicht mit einer schwierigen Geschichte und dem kollektiven Gedächtnis daran arbeiten, kann sie sich auf unerwartete Weise wiederholen.

Der Artikel ist Teil der Serie „Hinter der Mauer“. Weitere Bilder findet ihr im Originalartikel.

Oksana Akulova (Text) und Oleg Bitner (Fotos) für Vlast

Aus dem Russischen von Robin Roth

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Hat Politologie und Slavistik in Göttingen und Torun studiert. Von 2015 bis 2017 war er Sprachassistent des Goethe-Instituts Kasachstan mit dem Einsatzort Qaragandy und hat während dieser Zeit Zentralasien kennen und lieben gelernt.

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