goEast-Festival: „100% Baumwolle“ stellt Zwangsarbeit in den Fokus

 „100% Baumwolle“ zeigt den harten Alltag usbekischer Baumwollpflücker:innen. Im Rahmen des 22. goEast-Filmfestivals in Wiesbaden feierte der Dokumentarfilm Europa-Premiere. Novastan war dabei.

Premiere in Wiesbaden: Im Rahmen des 22. goEast-Filmfestivals wurde 100% Baumwolle, der neue Dokumentarfilm von Regisseur Mikhail Borodin, nur zwei Tage nach seiner Weltpremiere in Taschkent erstmals einem europäischen Publikum vorgeführt. Moderne Sklaverei stand schon bei Borodins Spielfilmdebüt Produkty 24, das während der diesjährigen Berlinale Premiere feierte, im Fokus. Auch bei „100% Baumwolle“ bleibt er diesem Thema treu und richtet das Augenmerk auf Zwangsarbeit in Usbekistans Baumwollindustrie.

Zwangsarbeit im Fokus

Für den Film begleiteten Borodin und sein Kameramann, der Dokumentarfotograf Timur Karpov, zwei Frauen durch die drei Monate währende Erntesaison.

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Die Bäuerin Muhabbat Madraimova aus dem Bezirk Xiva hat Land vom Staat gepachtet und muss mit ihrer Baumwolle, die sie zu niedrigen Preisen an den Staat verkauft, jedes Jahr eine bestimmte Quote erfüllen. Parallel dazu arbeitet sie für die International Labour Organization (ILO) und setzt sich für bessere Arbeitsbedingungen der Baumwollpflücker:innen ein.

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Auch die Menschenrechtsaktivistin Elena Urlaeva fährt durch das Land und weist die oft zwangsrekrutierten Arbeiter:innen, die in heruntergekommenen Wohnheimen oder Sporthallen wohnen und ihr karges Gehalt nur selten pünktlich bekommen, auf ihre Rechte hin. Dabei macht sie auch nicht vor der Konfrontation mit Lokalpolitikern halt, auch wenn ihr Kampf gegen Windmühlen ausweglos erscheint, wenn etwa ihr Gegenüber erklärt, dass sich die baumwollpflückenden Bergmänner freiwillig gemeldet hätten, um dem Land bei der Ernte des „weißen Goldes“ zu helfen.

Ein eindrucksvolles Portrait

Neben der ernsten Problematik der Zwangsarbeit zu beleuchten, schafft es „100% Baumwolle“ mit Szenen aus Mahabbats Familienalltag auch einen Einblick in das Leben der usbekischen Landbevölkerung zu gewähren. Hierbei entwickelt der Film allerdings auch teilweise Längen, und ob die detailgenaue Dokumentierung einer Beschneidung oder des rituellen Schlachten eines Schafes einen Mehrwert haben, muss jede:r Zuschauer:in mit sich selbst ausmachen.

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Alles in allem gelingt dem Film aber ein eindrucksvolles Portrait beider Frauen und ihres Kampfes für bessere Arbeitsbedingungen in Usbekistans Baumwollindustrie. Dies ist nicht zuletzt der Kameraführung von Timur Karpov zu verdanken, der mit seinen präzisen Einstellungen und langsamen Bildern das geschulte Auge eines Dokumentarfotografen zur Schau stellt.

Eine neue Zeit?

Im Anschluss an die Premiere stellten sich Borodin, Karpov gemeinsam mit Produzentin Julia Shaginurova den Fragen des Wiesbadener Publikums. Karpov erklärte, dass die Aufnahmen während der Erntesaison im Herbst 2018 entstanden, einer Zeit „als die alte Diktatur [von Islom Karimov, Anm. d. Red.] beendet war und die neue noch nicht begonnen hatte“. Überholt scheint „100% Baumwolle“ deswegen aber nicht.

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Die Cotton Campaign hatte im März dieses Jahres verkündet, den mehr als ein Jahrzehnt währenden internationalen Boykott usbekischer Baumwolle aufzuheben, da das System der Zwangsarbeit in Usbekistan beendet sei. „Unsere Koalition, aber auch Vertreter der Zivilgesellschaft und internationaler Organisationen erkennen an, dass bei der Ernte von Rohbaumwolle Zwangsarbeit nicht zum Einsatz kommt und vollständig eliminiert wurde“, erklärte Bennett Freeman, Präsident der Cotton Campaign, damals gegenüber dem usbekischen Senat.

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Die Filmschaffenden gehen aber davon aus, dass sich nichts geändert habe. Auf die Frage nach dem Verbleib der Protagonistinnen erklärten sie, dass Mahabbat ihr Engagement für die ILO mittlerweile aufgegeben habe. Elena, die bei der Premiere in Taschkent zugegen war, führe hingegen ihren Kampf unermüdlich fort. Sie stehe unter ständiger Beobachtung des Geheimdienstes.

Robin Roth, Redakteur für Novastan

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Hat Politologie und Slavistik in Göttingen und Torun studiert und war von November 2015 bis Juni 2017 Sprachassistent des Goethe-Instituts Kasachstan mit dem Einsatzort Karaganda. Derzeit arbeitet er als DAAD-Lektor in Ufa, Russland.

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