Filmposter Baqyt

Kasachstan bei der Berlinale – viele Einblicke und große Preise

Vom 10. bis 20. Februar fand die 72. Berlinale statt. Drei Filme aus Kasachstan wurden gezeigt, zwei von ihnen haben eine Auszeichnung bekommen. Begleitet wurde die Berlinale von Protestaktionen der kasachstanischen Diaspora.

In Berlin war es dieses Jahr möglich einem Stück kasachstanischer Lebensrealität zu begegnen. Drei Filme aus Kasachstan, die Teil des offiziellen Programms der Berlinale waren, zeigten kritische Beobachtungen einer Gesellschaft, die als modern, traditionell, gewaltvoll und poetisch zugleich beschrieben wird.

Drei Filme, zwei Preise

An ‚Baqyt‘ (Hapiness) ging der Panorama Publikums-Preis 2022 in der Kategorie Spielfilm. Die Hauptprotagonistin in diesem Film inszeniert sich in ihrem Job als eine erfolgreiche und glückliche Geschäftsfrau, die ihren Weg im Leben gefunden hat. Ihrer Tochter gegenüber zeigt sie sich jedoch emotionslos und unnachgiebig. Zu Hause steht Gewalt durch den Ehemann an der Tagesordnung. „Das Thema unseres Films ist gesellschaftlich bedeutsam, wichtig nicht nur für Kasachstan, sondern für die ganze Welt – es geht um häusliche Gewalt, die immer wieder vorkommt„, sagte Askar Uzabaev, der Regisseur des Films, gegenüber dem russischen Fernsehsender Mir.

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Den Großen Preis der internationalen Jury in der Sektion Generation 14plus gewann ‚Skhema‘ (Schema) für den Besten Film. Der Regisseur Farkat Sharipov ist bereits durch zwei Filme über die Jugend im post-sowjetischen Kasachstan bekannt geworden. „In ‚Skhema‘ stellt Sharipov jedoch zum ersten Mal eine weibliche Figur in den Vordergrund und erforscht das komplexe Thema des Erwachsenwerdens bei modernen Teenagern“, so das Online-Magazin Orda.kz. ‚Skhema‘ erzählt dabei auch von der Macht des Geldes in einer auf Konsum ausgerichteten Gesellschaft.

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Der Film ‚Akyn‘ (Poet) von Dárejan Ómirbaevwirft die Frage nach der Rolle der Kunst in einer Gesellschaft der modernen Technologie und des Massenkonsums auf und schildert die Erfahrungen eines Dichters in einer Welt, in der die Poesie wenig Beachtung findet. Als er über das tragische Schicksal des rebellischen Dichters Mahambet Ótemisuly aus dem 19. Jahrhundert nachdenkt, ist er tief bewegt und versteht, wie schwierig und zerbrechlich das Leben eines Dichters schon immer war“, schreibt Inform.kz. Das Drehbuch von ‚Akyn‘ basiert auf der Erzählung ‚Autoren-Abend‘ von Herman Hesse. Bei der Berlinale gab es keinen Preis für ‚Akyn‘, bei den internationalen Film Festival in Tokyo gewann der Film jedoch bereits im Jahr 2021 in der Kategorie ‚Beste Regie‘.

Protestaktionen

Außerhalb der Kinosäle wurde die Berlinale auch von mehrere Protestaktionen von Vertreter:innen der kasachstanischen Diaspora begleitet. Bei der Eröffnungsgala, der Prämiere von ‚Akyn‘ und der Prämiere von ‚Baqyt‘ stand eine kleine Gruppe von Menschen vor den Kinosälen. „Stop terror Kazakhstan“ und „All eyes on Kazakhstan“ stand auf den Plakaten. Ihre Kleidung war Teil der Protestaktionen; sie bestand aus traditionellen kasachischen und weißen Kleidungsstücken, die mit roter Farbe beschmiert waren. „Wir wollten der ganzen Welt davon erzählen was in Kasachstan passiert“, sagt Raushan Tolganbaeva, eine Teilnehmerin der Protestaktionen.

Ihr zufolge sollen die Proteste Aufmerksamkeit schaffen für die Situation in Kasachstan nach den Ereignissen im Januar dieses Jahres, bei denen nach offiziellen Angaben innerhalb von wenigen Tagen 227 Menschen starben, Tausende verletzt und weitere Tausende verhaftet wurden.

Vor dem Delphi Theater bei der Prämiere von ‚Akyn‘ erzählt Dina Nurpeissova, die bereits eine erste Demonstration am 7. Januar in Berlin organisierte: „Wir wollten die Möglichkeit nutzen uns an die Menschen zu wenden, die ein Interesse an Kasachstan haben und sich diesen Film ausgesucht haben, um ihnen zu zeigen, was in Kasachstan passiert, weil die großen Medien diese Informationen nicht an die Leute bringen bzw. sind die Informationen sehr oberflächlich“, so die Künstlerin. „Wir werden jede Möglichkeit nutzen, um über die derzeitigen Geschehnisse in Kasachstan zu sprechen. Denn die freien Medien in Kasachstan stehen stark unter Druck. Wir bekommen direkte Informationen von Aktivist:innen aus Kasachstan. Das sind Listen von Personen, die verhaftet sind, von Personen, die gefoltert werden, darunter sind auch Minderjährige.“

Ich bin eigentlich kein politischer Mensch. Aber ich bin hier, weil ich mich geschämt habe. Weil ich es satt habe wegzulaufen. Weil ich nicht in zehn Jahren aufwachen will und sehen, dass mein Land ausgeraubt wurde. Und dass dort weiterhin so eine Scheiße passiert. Entschuldigen Sie den Ausdruck“, ergänzt die 29-Jährige Kamar-Sulu Atretkhany. Mit 18 Jahren ist sie aus Kasachstan ausgewandert und lebt derzeit in Berlin.

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Andere Länder Zentralasiens waren bei der 72. Berlinale nicht vertreten. Thematisiert wurde jedoch die Arbeitsmigration aus Zentralasien in einem Film aus Russland. In Produkty 24‘ (Convenience Store) beschreibt der Regisseur Mikhail Borodin die Arbeitssituation von Migrant:innen als ‚Moderne Sklaverei‘ und schockiert mit einer Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht. Mukhabbat, eine junge Frau aus Usbekistan arbeitet in einem Supermarkt in Moskau, lebt mit weiteren Gastarbeiter:innen in einem Hinterzimmer und steht unter ständiger Beobachtung der Besitzerin des Supermarktes. Die Ausweglosigkeit der Lebensbedingungen wird deutlich als ihre Kollegin einen Fluchtversuch unternimmt und von der örtlichen Polizei zurückgebracht wird, zu denen die Besitzerin Kontakt pflegt. Erst als Mukhabbat der Zugang zu ihrem Kind verwehrt wird, das sie dort geboren hat, nimmt die Geschichte einen anderen Lauf.

Olga Janzen
Novastan.org

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