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Zentralasien auf der Kinokarte

Das GoEast Filmfestival schaut dieses Jahr nach Zentralasien. Neben zahlreichen Filmen aus der Region war auch ein dreitägiges Symposium zwischen dem 22. und dem 24. April der Filmkunst in der Region gewidmet. Filmschaffende, -wissenschaftlerInnen und ExpertInnen lieferten dabei einen ausführlichen Überblick über Vergangenheit und Gegenwart des zentralasiatischen Kinos.   

“Zentralasien enthüllen”, ist dieses Jahr ein zentrales Motto beim GoEast Filmfestival in Wiesbaden, das dieses Jahr aber weitgehend Online stattfindet. Zum Anlass von 30 Jahren Unabhängigkeiten in der Region zeigt die Festivalorganisation zahlreiche historische und aktuelle Filme aus Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan, zusätzlich zum Hauptwettbewerb und weiteren Programmteilen. 

Der Kinokunst in Zentralasien war auch das dreitägige Symposium gewidmet, das zwischen dem 22. und dem 24. April WissenschaftlerInnen, Filmschaffende und ExpertInnen versammelte. Somit “eröffnet das Festival ein Fenster in eine Filmlandschaft, die bisher zwar bei goEast vertreten war, doch nie im Mittelpunkt stand”, heißt es in der entsprechenden Pressemitteilung. So leitet auch die usbekische Regisseurin und Künstlerin Saodat Ismailova dieses Jahr die Festivaljury. 

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In insgesamt 13 Vorträgen und Gesprächsrunden bot das Symposium ausführliche Einblicke in die Geschichte, Produktion, Verbreitung und Rezeption von Filmen aus den fünf zentralasiatischen Ländern. Aufgrund von wirtschaftlichen und politischen Unterschieden sind diese dabei nicht ganz gleichmäßig vertreten, entsprechend der nationalen Kinoindustrien .  

Unterschiedliche Filmindustrien

Während Kasachstan die zentralasiatische Filmproduktion bei weitem anführt – und auch als einziges zentralasiatisches Land mit zwei Filmen im Hauptwettbewerb vertreten ist – gibt es so gut wie keinen aktuellen Film aus Turkmenistan zu zeigen, erläuterte die Slawistin und Filmforscherin Prof. Dr. Birgit Beumers in der Auftaktdiskussion. Zusammen mit Joël Chapron, der mitunter die ehemaligen Sowjetstaaten bei den internationalen Filmfestspielen von Cannes vertritt, kuratierte sie das Symposium. 

Der in Kirgistan nach der Erzählung von Tschyngyz Aitmatow gedrehte Film “Der erste Lehrer” des russischen Regisseurs Andrei Kontschalowski (1965) wurde auf der Biennale in Venedig ausgezeichnet (Quelle: GoEast Filmfestival)

Unterschiede zwischen den Ländern wirken sich auch auf ihre Vertretung bei großen Filmfestivals wie Cannes, der Berlinale und der Biennale in Venedig aus. Von den 60 zentralasiatischen Filmen, die insgesamt auf den drei Festivals gezeigt wurden, kommen 34 aus Kasachstan, so Chapron. In den letzten fünf Jahre hatten aus der Region nur Kasachstan und Kirgistan dort Filme auf der Leinwand, zwei Länder, die auch am aktivsten ihre Kinokunst im Ausland bewerben. 

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In Cannes wurden 1954 erstmals Bilder aus Zentralasien gezeigt: Der Kurzfilm “Pik Druschby” (Freundschaftsgipfel) von Iliya Gutman (1953) erzählt die Geschichte einer Expedition in die Berge des Tienschan. Einige weitere Festivalfilme wie “Zwanzig Tage ohne Krieg” (1976) oder “Der letzte Schuss” (1956) wurden zwar in Zentralasien gedreht, jedoch von russischen Filmemachern.   

Die Entstehung des Kinos in der Region 

Tatsächlich ist es auch für FilmwissenschaftlerInnen schwer zu definieren, ab wann man von “nationalem Kino” sprechen kann, betonten die Kuratoren. Das gilt gerade in Zentralasien, wo die Entwicklung der Filmproduktion aktiv von den Sowjetbehörden angetrieben wurde. Somit startete die Kinoproduktion in Zentralasien bereits in den 1920ern mit sogenannten “Kulturfilmen” der Gesellschaft “Vostokkino” (Ostkino). In der Zeit starteten auch erste lokale Kinostudios, allen voran “Bukh-Kino” (später Uzbekfilm). Mit der Gründung von Kyrgyzfilm im Jahr 1941 hatte jede der fünf zentralasiatischen Republiken ihre eigene Filmgesellschaft. 

Die Evakuierung der großen sowjetischen Filmstudios nach Zentralasien während des Zweiten Weltkriegs war ironischerweise ein wichtiger Moment in der Entwicklung des zentralasiatischen Kinos. Durch den Austausch und die Arbeit mit führenden sowjetischen Regisseuren wie Sergei Eisenstein (der zwischen 1942 und 1944 den ersten Teil von seinem Film Iwan der Schreckliche in Kasachstan drehte) und das eingeführte Material gewannen Filmschaffende vor Ort wertvolle Erfahrung. So war Alma-Ata (heute Almaty) eine Zeit lang das Herz des sowjetischen Kinos, erzählte die französische Historikerin Gabrielle Chomentowski in ihrem Beitrag über die Ausbildung von Filmschaffenden in Zentralasien im 20. Jahrhundert. 

Das sowjetische Kino Zentralasiens war, wie Gulnara Abikayeva, Vorsitzende des Filmkritikerverbandes von Kasachstan und Dozentin an der Turan-Universität in Almaty, betont, von sowjetischer Propaganda durchzogen. Die Filme folgten der Formel: “Nationalistisch in der Form, sowjetisch im Inhalt”, wie Abikayeva erklärt. Besonders Komödien sollten, jeweils an den regionalen Hintergrund angepasst, die Illusion von Wohlstand, Glückseligkeit der einfachen Bevölkerung und interethnischer Freundschaft aufrechterhalten. Besonders die Beziehung zum “großen Bruder” Russland wird in den Filmen gerne betont, etwa in der Komödie “Unser Lieber Doktor” aus dem Jahr 1957. Auch weibliche Emanzipation spielte eine wichtige Rolle: Viele kasachische Filmproduktionen handeln von starken und unabhängigen weiblichen Protagonistinnen und tragen dementsprechend ihre Namen, beispielsweise im Film “Reyhana”. 

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Laut Chomentowski wuchs vor allem nach 1953 eine bedeutende Generation von Filmschaffenden in Zentralasien heran, die das Moskauer Filminstitut WGIK besucht hatten. Darunter finden sich zum Beispiel Regisseure wie Bolot Schamschijew (Kirgistan), Ali Hamroyev (Usbekistan) und Hojakuli Narlyýew, dessen “Wenn eine Frau das Pferd sattelt” (1974) der einzige turkmenische Film im GoEast-Programm ist. “Die emotionale Erfahrung der Ausbildung in Moskau und der Austausch in Masterskajas (“Ateliers”) mit führenden Filmemachern hatten einen starken Einfluss auf das Arbeitsbild dieser jungen Leute aus Zentralasien”, erläuterte Chomentowski.

Bild aus “Wenn eine Frau das Pferd sattelt” (Quelle: GoEast Filmfestival)

Das WGIK war auch ein guter Ort, um Filme zu sehen, die ansonsten in der Sowjetunion verboten waren oder kaum gezeigt wurden. In seiner Masterskaja mit Filmstudierenden aus Kasachstan in den frühen 1980ern zeigte der Regisseur Sergei Solowjow vorzugsweise Filme der französischen Neuen Welle und des italienischen Neorealismus und ermutigte seine Studierenden, ihr “Innenleben” auf die Leinwand zu bringen, statt sich an Konventionen zu orientieren. Das Ergebnis war eine als “Kasachische Neue Welle” bekannte Kinobewegung in den späten 1980ern und frühen 1990ern, der ein Vortrag der französischen Filmwissenschaftlerin Eugénie Zvonkine gewidmet war. Der bekannteste Film dieser Bewegung ist Raschid Nugmanows “Igla” (Die Nadel, 1988).

Neben der Filmausbildung spielen auch Festivals eine große Rolle für die Entwicklung lokaler Kinosprachen. So zum Beispiel das Internationale Filmfestival der Länder Asiens, Afrikas und Südamerikas, das zwischen 1968 und 1988 in Taschkent abgehalten wurde. Das Festival wurde durch Filmvorstellungen in ganz Zentralasien begleitet und bot eine “filmische Kontaktzone” und viel Ausdrucksfreiheit für Filmschaffende, die sich sonst kaum begegnen konnten, so Chomentowski. Später entwickelte sich das 1998 gegründete Eurasia International Film Festival, das seitdem insgesamt 14 Mal organisiert wurde, zu einem wichtigen Treffpunkt für die regionale Filmindustrie.

Widerstandskino in Kasachstan

Nach der Unabhängigkeit der zentralasiatischen Länder musste sich auch die zentralasiatische Filmszene neu orientieren: Die zuvor staatlich von Moskau aus organisierte Filmproduktion brach quasi weg, private Finanzierung von Filmvorhaben war nur schwer möglich. Doch nach und nach investieren die neu gegründeten Staaten und auch Privatpersonen wieder in die Filmindustrie: In Kasachstan produzierte Kazakhfilm in den 2000ern große und aufwendige historischen Epen wie “Nomad” oder “Myn Bala – Krieger der Steppe”. Rico Isaacs, Professor für Politik an der Lincoln University, erklärt das mit der Suche der zentralasiatischen Staaten nach einer neuen nationalen Identität. Doch einige kasachische Filmemacher kritisierten diese Entwicklung: Das kasachische Kino wiederhole so nur sowjetische Muster und die Mythologisierung des Landes, der Nation und der Bevölkerung.   

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Aus dieser Kritik entwickelte sich in Kasachstan die Bewegung “Partisanen-Kino” um den Regisseur Ádilhan Erjanov. 2014 veröffentlichten sie ein Manifest, in dem sie sich für ein Kino aussprachen, das die soziale Realität widerspiegelt und sich von alten Formen abgrenzt. Die Filme dieser Strömung, insbesondere von Erjanov, aber auch beispielsweise von Janna Isabaeva, thematisieren, so Isaacs, das Ringen mit lokalen Behörden und Bürokratie, Korruption, Fragen der Zugehörigkeit sowie von Gender und Klasse. Sie bilden damit eine künstlerische Form des Widerstands gegen die politischen und gesellschaftlichen Strukturen und den noch immer starken Personenkult um den früheren Präsidenten Nazarbaev.

Erjanovs neuster Film “Ulbolsyn” startet beim goEast-Festival dieses Jahr im Wettbewerb und wird bereits hoch gelobt. Der Film handelt von der jungen kasachischen Schauspielerin Ulbolsyn, die versucht, ihre Schwester vor ihrer Verheiratung zu retten und die patriarchalen Strukturen ihres Dorfes zu überwinden (der Film kann noch bis zum 28. April online ausgeliehen werden).  

Zwischen Tradition und Moderne 

Ulbolsyn trifft damit den Kern der aktuellen Debatte um zentralasiatisches Kino, die sich zwischen Tradition und Moderne bewegt. Wie stark dieser Konflikt auch heute noch die zentralasiatische Filmlandschaft prägt, zeigt die Abschlussdiskussion des goEast-Symposiums, bei der junge Regisseurinnen und Regisseure aus Usbekistan, Kasachstan und Kirgistan zu Wort kommen. Für Filme, die eher Szenen des alltäglichen Lebens beleuchten, finden sich nur schwer Finanzierungsmöglichkeiten, da sie den Behörden oft rückwärts gewandt erscheinen. Staatlich oder durch Stiftungen werden eher Filme subventioniert, die die Modernität der zentralasiatischen Gesellschaften verdeutlichen. 

Dante Rustav, Regisseur aus Taschkent, dessen Kurzfilm “Invasion” bei goEast läuft, muss sich seinen nächsten Film daher selbst finanzieren: Ab Mai dreht er einen Dokumentarfilm über Roma in Usbekistan. “Hier hat niemand ein großes Interesse daran, derartige Themen zu beleuchten”, erklärt er – dabei habe sich der Status von Filmschaffenden seit dem Regierungswechsel in Usbekistan 2016 bereits deutlich verbessert. Auch Elisaweta Stischowa und Elnura Osmonalijewa, beide aus Kirgistan, halten eine weitere Modernisierung der kirgisischen Filmlandschaft für unabdingbar. “Mit bestimmten Themen kann man sich einfach nicht um eine staatliche Förderung bewerben – weder in Moskau, noch in Bischkek”, so Osmonalieva, die zwischen Kirgistan und Russland arbeitet und bei goEast ihren Kurzfilm “Seide” zeigt. Etwas leichter hat es da der kasachische Filmemacher Ashat Kúshensherekov. Seine Filme wurden bereits mehrfach international ausgezeichnet – als Schauspieler spielte er etwa in “Tulpan” mit, der 2008 in Cannes prämiert wurde. Beim preisgekrönten Film “Ayka” fungierte Kichincherikov als Assistent. Durch die Preisgelder hat er eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit erlangt. Sein Kurzfilm “Der Tank ist leer” ist ebenfalls bei goEast zu sehen.      

Von der lokalen Szene auf die internationale Bühne

Eine große Stütze für die jungen Filmschaffenden ist ihr Netzwerk, das in Zentralasien stetig wächst. In Taschkent gibt es beispielsweise erst seit Kurzem mit der Focus-School wieder eine eigene Filmschule, die Filmszene wächst. Gerade in der Kurzfilm-Szene unterstützen sich die Filmschaffenden gegenseitig. Die Produktion von Langfilmen bleibt für die jungen Regisseurinnen und Regisseure allerdings weiterhin eine Herausforderung. Kurzfilme – das bestätigen alle Podiumsgäste – werden hingegen mittlerweile in allen zentralasiatischen Ländern gefördert.

Ausschnitt aus Dante Rustavs Kurzfilm “Die Invasion” (Quelle: GoEast Filmfestival)

Trotzdem bleibt die Frage, was von der Filmkunst bei der lokalen Bevölkerung ankommt. Die zentralasiatischen Arthouse-Filme, die beispielsweise im Programm des goEast-Festivals laufen, sprechen oft eher ein internationales als ein lokales Publikum an. Rico Isaacs erklärt, oft seien die Filme, etwa die vom kasachischen Regisseur Ádilhan Erjanov, zwar für ein lokales Publikum gemacht, spielen auf lokale Traditionen und Begebenheiten an. “Das Publikum dafür in Kasachstan ist jedoch begrenzt”, so Isaacs. Bei internationalen Filmfestivals hingegen ist ein derartiges Programm beliebt.   

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Ob als Archiv aus der sowjetischen Vergangenheit, als künstlerische Netzwerke und Bewegungen, als Ausdrucksform oder als kommerziell ausgerichtete Industrie: zu einem gewissen Grad ist die Kinokunst in Zentralasien stets ein Spiegel ihrer Zeit. “Wir sind es gewohnt, über Wörter zu kommunizieren. Aber ich denke, die Kraft von Bild und Ton geht tiefer. Sie ist indirekter, aber kann dich wirklich mit dem vereinnahmen, was sie mitteilen will”, kommentierte die Jurypräsidentin Saodat Ismailova ihren Film “40 Tage schweigen” (2014). “Kino ist die beste Art, Zeit zu erfassen!

Novastan ist 2021 Medienpartner von goEast – Festival des mittel- und osteuropäischen Films. Das Festival zeigt noch bis zum 26. April zeitgenössische und historische Filme aus Osteuropa, Russland und Zentralasien. 

Annkatrin Müller, Florian Coppenrath & Veronika Haluch
Novastan.org

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