Nach mehr als zehn Jahren: Boykott usbekischer Baumwolle aufgehoben

Vertreter:innen von mehr als 300 Textilmarken und Einzelhändlern haben am 10. März beschlossen, den Boykott usbekischer Baumwolle aufzuheben. Baumwolle kann somit international verkauft werden und auch von Investitionen profitieren.

Ein wichtiger Schritt für die usbekische Baumwolle: Wie das usbekische Außenministerium auf seinem Telegram-Kanal mitteilt, hat die Cotton Campaign, eine NGO, die 331 Marken und Einzelhändler auf der ganzen Welt vereint, am 10. März beschlossen, den Boykott usbekischer Baumwolle aufzuheben. Diese Entscheidung wurde von der Cotton Campaign bestätigt. Sie erklärte, dass der Beschluss insbesondere mit dem Ende der Zwangsarbeit bei der Bauwollernte in Usbekistan zusammenhänge.

„Unsere Koalition, aber auch Vertreter der Zivilgesellschaft und internationaler Organisationen erkennen an, dass bei der Ernte von Rohbaumwolle Zwangsarbeit nicht zum Einsatz kommt und vollständig eliminiert wurde“, bekräftigte Bennett Freeman, Präsident der Cotton Campaign, gegenüber dem usbekischen Senat.

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Die Aufhebung des 2009 von der Cotton Campaign eingeführten Boykotts wurde nach der Veröffentlichung eines Berichts der International Labour Organization (ILO) am 1. März beschlossen. Beobachter:innen zufolge wurde 2021 weniger als 1 Prozent der gesamten Baumwollernte in Usbekistan unter Zwang geerntet. Auch die NGO Uzbek Forum veröffentlichte im März ein Dokument, das den Verzicht auf Zwangsarbeit im Jahr 2021 beschriebt –  eine Premiere in den letzten 11 Jahren.

Eine deutliche Verbesserung seit 2017

In ihrer Erklärung lobte die Cotton Campaign das Handeln des usbekischen Präsidenten Shavkat Mirziyoyev, der im Dezember 2016 an die Macht gekommen war. „Wir begrüßen Präsident Mirziyoyevs führende Rolle bei der Einleitung und Umsetzung der historischen Reformen, die zur Beendigung der staatlich verordneten Zwangsarbeit und zur Reform des Baumwollsektors in Usbekistan geführt haben“, erklärte Bennett Freeman.

Bereits 2017 sprach das Staatsoberhaupt das Thema gegenüber den Vereinten Nationen in einer Rede an, in der er seine Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit der ILO in diesen Fragen bekräftigte. Im selben Jahr wurde ein parlamentarischer Ausschuss zur Gewährleistung der Arbeitsrechte der Bürger:innen eingerichtet, um Aktivitäten im Zusammenhang mit Kinderarbeit zu überwachen.

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Im März 2018 wurde ein erstes Dekret zur Abschaffung der Zwangsarbeit unterzeichnet. Bei der ersten Ernte im Sommer 2018 stellten Menschenrechts-NGOs zwar fest, dass keine Kinder mehr bei der Ernte eingesetzt wurden, die Praxis aber Praxis für den Rest der Bevölkerung weiter bestand. Im September 2018 habe die usbekische Regierung damit begonnen, die Löhne der Baumwollbäuer:innen zu erhöhen und ausdrücklich erklärt, dass Zwangsarbeit keine Lösung sei, schildert die usbekische Onlinezeitung Gazeta.uz.

Im März 2019 strichen die Vereinigten Staaten Usbekistan von ihrer schwarzen Liste und kurz darauf sprach die ILO im April 2019 von einer deutlichen Verbesserung der Arbeitsbedingungen. 2020 folgte das Ende der Verpflichtung, Baumwolle für ausgewiesene Landwirte zu produzieren [fr/ru]. Außerdem erhielten Landwirt:innen einfachere Kreditmöglichkeiten. Für die Ernte 2020 konnte die ILO keine Kinderarbeit feststellen, verwies aber dennoch auf vier Prozent Zwangsarbeit über die gesamte Ernte. 2015 waren es allerdings noch 14 Prozent.

Wirtschaftliche Perspektiven

Mit dem Ende des mehr als zehnjährigen Boykotts hofft Usbekistan endlich auf Profit durch seine Baumwollproduktion. Baumwolle ist die wichtigste landwirtschaftliche Nutzpflanze in Usbekistan und bringt dem Staat jährlich mehr als eine Milliarde Dollar (828 Millionen Euro) an Einnahmen ein. Laut Angaben des usbekischen Nachrichtenportals Kun.uz ist das bevölkerungsreichste Land Zentralasiens mit 1,1 bis 1,2 Millionen produzierten Tonnen pro Jahr der sechstgrößte Baumwollproduzent der Welt.

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Usbekistan versucht auch über die Rohbaumwolle hinaus eine lokale Industrie aufzubauen. Alle geernteten Baumwollfasern werden im Land verarbeitet, während es 2016 laut dem usbekischen Wirtschaftsmedium Spot.uz lediglich 40 Prozent waren. Auch die Produktion von Garnen und Textilien hat zugenommen. Im Oktober 2021 schätzte Spot.uz, dass die Exporte bis Jahresende 3 Milliarden Dollar (2,7 Milliarden Euro) erreichen könnten.

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Mit dem Ende des Boykotts könnten auch zunehmend ausländische Investor:innen an Usbekistan interessiert sein. In diesem Punkt bleibt die Cotton Campaign jedoch vorsichtig. „Die Cotton Campaign fordert alle Marken, die an einer Beschaffung aus Usbekistan interessiert sind, dringend auf, menschenrechtliche Sorgfaltspflichten zu erfüllen und sicherzustellen, dass die Arbeitsrechte in allen Phasen der Produktion respektiert werden“, heißt es in der Pressemitteilung. Der usbekischen Regierung könnte so signalisiert werden, dass der Boykott gegebenenfalls schnell wieder eingeführt werden könnte.

Etienne Combier, Chefredakteur von Novastan France

Aus dem Französischen von Robin Roth

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