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Zwischen Großfamilie und persönlichen Grenzen: Wie sich Elternsein in Kasachstan verändert

Jedes Jahr am 1. Juni feiert Kasachstan den Internationalen Kindertag. In vielen Städten wird er mit Konzerten, Theateraufführungen und kostenlosen Angeboten für Kinder begangen. Für Familien ist es ein Festtag. Zugleich stellt sich eine größere Frage: Was bedeutet es heute, ein Kind zu schützen? Nur für Sicherheit, Bildung und Gesundheit zu sorgen, oder auch seine Gefühle, Grenzen und eigene Stimme ernst zu nehmen?

Anar Kakimova mit ihren Töchtern. Foto: Anar Kakimova

Jedes Jahr am 1. Juni feiert Kasachstan den Internationalen Kindertag. In vielen Städten wird er mit Konzerten, Theateraufführungen und kostenlosen Angeboten für Kinder begangen. Für Familien ist es ein Festtag. Zugleich stellt sich eine größere Frage: Was bedeutet es heute, ein Kind zu schützen? Nur für Sicherheit, Bildung und Gesundheit zu sorgen, oder auch seine Gefühle, Grenzen und eigene Stimme ernst zu nehmen?

Wer über Elternsein in Kasachstan spricht, stößt schnell auf Widersprüche. Kinder wachsen oft in einem starken familiären Netz auf, umgeben von Großeltern, Tanten, Onkeln und älteren Geschwistern. Gleichzeitig stehen sie unter hohem Erwartungsdruck: Sie sollen gut in der Schule sein, mehrere Sprachen beherrschen, selbstständig sein und in einer globalen Welt bestehen. Neben die traditionelle Vorstellung von Gehorsam und Respekt tritt allmählich eine neue Sprache: die der emotionalen Nähe, der persönlichen Grenzen und des Dialogs.

Elternsein in Kasachstan bewegt sich damit zwischen mehreren Welten: der kasachischen Großfamilie, sowjetisch geprägten Bildungsidealen, urbanem Leistungsdruck, globalen Zukunftsängsten und einer wachsenden psychologischen Sensibilität für Kinder.

Beobachtungen von Expert:innen zeigen: In Kasachstan verändert sich nicht die Liebe zu Kindern. Was sich verändert, ist die Sprache dieser Liebe. Früher zeigte sich Fürsorge vor allem in Taten – ein Kind ernähren, kleiden, ausbilden, ihm später vielleicht beim Wohnen helfen. Heute kommt zunehmend eine andere Frage hinzu: Was fühlt das Kind selbst?

Familie als Schutzraum – und als Quelle von Druck

Eines der beständigsten Merkmale kasachischer Erziehung ist die große Rolle der erweiterten Familie. Ein Kind wächst oft nicht nur mit Mutter und Vater auf, sondern inmitten eines breiten Kreises von Verwandten. Manchmal gehören auch Nachbarn, Freunde der Familie oder Menschen aus dem Hof dazu.

Anar Kakimova, Mutter von vier Kindern, Gründerin der Elterngemeinschaft „Parentsclub“ und des Kinderclubs „Readkids“, beschreibt eine solche Familie als „ganzheitlichen Organismus“. In diesem Modell lernt ein Kind früh: Hinter ihm steht nicht nur ein Erwachsener, sondern ein ganzes Netzwerk. In der kasachischen Gesellschaft, sagt sie, haben viele oft das Gefühl, dass sie in dieser Welt nicht allein sind. Ayana Tokeyeva, Psychologin, Dozentin und Mutter von drei Kindern mit 15 Jahren Praxis in Schule und Vorschulbildung, sieht eine zentrale Stärke kasachischer Erziehung in der Kontinuität der Generationen. Werte würden weniger durch direkte Belehrung vermittelt als durch Vorbild, Atmosphäre und Beziehungen zwischen den Generationen.

Der Satz, es brauche ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen, klingt im kasachischen Kontext deshalb fast wörtlich. Doch Maiya Li, Kunsttherapeutin und psychologische Beraterin mit internationaler Erfahrung, weist auf eine Veränderung hin: In den Städten gibt es dieses „Dorf“ nicht mehr immer in seiner früheren Form. Junge Familien leben oft weit entfernt von den Großeltern, ein Elternteil arbeitet viel, und Mütter bleiben mit kleinen Kindern nicht selten fast allein.

Die Großfamilie hat jedoch auch eine andere Seite. Sie kann Halt geben, aber auch Druck ausüben. Kinder wachsen in einem dichten Netz von Erwartungen auf: wie sie sich verhalten sollen, wen sie respektieren sollen, wie sie lernen sollen, welchen Beruf sie wählen sollen, was einen „guten Sohn“ oder eine „gute Tochter“ ausmacht.

Tradition und moderne Psychologie

In der kasachischen Kultur gibt es einen bekannten Grundsatz: Bis zum fünften Lebensjahr gilt ein Kind als Khan, von fünf bis fünfzehn wird es erzogen, und ab fünfzehn soll man es wie einen Erwachsenen respektieren. Ayana Tokeyeva sieht darin nicht nur Tradition, sondern auch eine Nähe zur modernen Psychologie. In den ersten Lebensjahren brauche ein Kind vor allem Liebe, Annahme, Sanftheit und emotionale Sicherheit. Genau daraus entstehe ein grundlegendes Vertrauen in die Welt.

Dieser Gedanke zeigt, dass ein sanfter Umgang mit Kindern nicht einfach ein westlicher Import ist. In kasachischen Erziehungsvorstellungen gab es schon lange die Idee, dass kleine Kinder Schutz, Nähe und Akzeptanz brauchen. Erst später werden sie Schritt für Schritt an Verantwortung und Selbstständigkeit herangeführt.

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Auch Geschlechterrollen werden neu verhandelt. Während Jungen traditionell stärker als künftige Stützen der Familie und Mädchen als Hüterinnen von Wärme und Geborgenheit gesehen wurden, fragen jüngere Eltern heute häufiger, wie sich Fürsorge mit Bildung, Berufswahl und Selbstverwirklichung verbinden lässt. Maiya Li macht darauf aufmerksam, dass in manchen Familien weiterhin die Erwartung besteht, der zentrale Lebensweg eines Mädchens müsse vor allem über Ehe und Mutterschaft führen. Für Kasachstan ist diese Frage sensibel: Das Land modernisiert sich, Frauen erhalten mehr Bildungs- und Berufschancen, doch traditionelle Rollenerwartungen wirken weiter.

Vom Gehorsam zum Dialog

Lange zeigte sich elterliche Fürsorge in Kasachstan vor allem praktisch. Eltern investierten in Ausbildung, halfen beim Studium, unterstützten finanziell und blieben oft auch im Erwachsenenleben ihrer Kinder stark eingebunden. Liebe zeigte sich weniger in Worten als in Verantwortung.

Nach Beobachtungen von Anar Kakimova dreht sich die Kommunikation mit Kindern in vielen Familien jedoch noch immer stark um Alltag und Schule: Sind die Hausaufgaben gemacht? Hat das Kind gegessen? Warum hat es diese Note bekommen? Was wurde aufgegeben? Eltern tun viel für ihre Kinder, wissen aber nicht immer, was in ihnen vorgeht: wovor sie Angst haben, was sie mögen, wovon sie träumen, was sie belastet.

Während ihres Lebens in den USA fiel Kakimova auf, wie selbstverständlich viele Eltern dort mit Kindern über Gefühle, Eindrücke und Wünsche sprechen – und wie sichtbar Väter im Alltag beteiligt sind. In Kasachstan wird die Rolle der Väter zwar ebenfalls stärker diskutiert, doch die tägliche Verantwortung für Schule, Essen, Kleidung, Freizeit und emotionale Atmosphäre liegt häufig weiterhin bei den Müttern.

Kunsttherapie mit Vorschulkindern. Foto: Maiya Li

Maiya Li beschreibt den Wandel mit dem Begriff bewusste Elternschaft, im englischsprachigen Raum oft „gentle parenting“ genannt. Immer mehr Eltern in Kasachstan lösen sich demnach von einem streng autoritären Modell, in dem das Wort des Erwachsenen nicht hinterfragt wird. Dabei geht es nicht darum, das Kind zum Zentrum der Familie zu machen. Eltern setzen weiterhin Grenzen. Doch sie versuchen, Bedürfnisse, Gefühle und Alter des Kindes stärker zu berücksichtigen und Regeln zu erklären, statt nur Gehorsam zu verlangen.

Dieser Wandel verläuft nicht gleichmäßig. In manchen Familien bleiben körperliche Strafen, psychischer Druck oder Erziehung durch Angst Teil des Alltags. Gleichzeitig beobachtet Ayana Tokeyeva eine Veränderung: Eltern nehmen die Folgen von Druck häufiger wahr und wenden sich öfter an Kinderpsychologen – besonders in Phasen hoher schulischer Belastung, vor Abschlussprüfungen oder beim Übergang in neue Bildungsstufen.

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Neue Erziehungskultur beginnt damit nicht beim Kind, sondern beim Erwachsenen: bei der Bereitschaft, eigene Erfahrungen zu hinterfragen, alte Muster nicht automatisch zu wiederholen und mit Kindern anders zu sprechen.

Bildung als Sprungbrett für sozialen Aufstieg

In den großen Städten Kasachstans, vor allem in Astana und Almaty, ist Elternsein zunehmend mit Bildungsinvestitionen verbunden. Englischkurse, Privatschulen, Förderzentren, Sport, Musik, Programmieren, kreative Angebote, internationale Prüfungen und die Vorbereitung auf ein Studium im Ausland gehören für viele Familien zur neuen Strategie.

Englisch ist dabei nicht mehr nur ein Schulfach. Es steht für Mobilität, Zukunft und Zugang zu einer größeren Welt. Rufina Adeleva, Mutter von zwei Kindern und Masterstudentin der Pädagogik und Psychologie, verbindet dieses Interesse mit Globalisierung: Die digitale Welt habe Entfernungen kleiner gemacht, Kinder kämen früher mit Menschen und Möglichkeiten außerhalb Kasachstans in Berührung, und Fremdsprachen erweiterten Bildungs- und Lebenswege.

Maiya Li ergänzt, dass Mehrsprachigkeit heute Teil der Wettbewerbsfähigkeit geworden ist — nicht nur international, sondern auch im eigenen Land. Neben Englisch, Chinesisch, Koreanisch oder anderen Sprachen gewinnt auch Kasachisch für Familien an Bedeutung, die die Zukunft ihrer Kinder in Kasachstan sehen. Mehrsprachigkeit ist damit nicht nur ein Weg ins Ausland, sondern ein Schlüssel zur Teilhabe innerhalb des Landes.

“Readkids” – Englischer Sprach- und Buchclub für Kinder. Foto: Anar Kakimova

Ayana Tokeyeva betont, dass Bildung in Kasachstan schon lange als zentraler Wert gilt. Neu sei jedoch die Anspannung, mit der Eltern heute darauf blicken. Künstliche Intelligenz, technologische Umbrüche und das Verschwinden vertrauter Berufe verstärken die Sorge, das Kind könne in der Zukunft nicht mithalten. Der Wunsch, ihm „das Beste“ zu geben, entsteht daher nicht nur aus Ehrgeiz, sondern auch aus Angst.

Anar Kakimovas Erfahrung als Mentorin im Projekt „iQanat“ [ein soziales Bildungsprojekt, das von kasachstanischen Unternehmern ins Leben gerufen wurde, um ländliche Schulkinder zu unterstützen, Anm. der Autorin] zeigt, wie ungleich diese Chancen verteilt sind. Für Jugendliche aus ländlichen Regionen bedeuten internationale Prüfungen, Berufsorientierung oder ein mögliches Studium im Ausland nicht nur Motivation, sondern auch finanzielle, organisatorische und informative Hürden. Für ein Kind aus der Stadt kann ein Englischkurs Teil des Wochenplans sein. Für Jugendliche aus ländlichen Regionen kann dieselbe Sprache eine seltene Chance sein, den vorgezeichneten Weg zu verlassen.

Wenn Zukunftsdruck die Kindheit verdrängt

Das Bild des erfolgreichen Kindes ist in Kasachstan weiterhin oft klar umrissen: gute Noten, ein Stipendium, ein angesehener Beruf, ein sicherer Arbeitsplatz, später vielleicht Auto, Wohnung und sozialer Status. Der Erfolg des Kindes bestätigt nicht selten auch den Erfolg der Eltern.

Heute wird dieses Bild noch anspruchsvoller. Nach Maiya Lis Beobachtung soll ein modernes erfolgreiches Kind nicht nur gut in der Schule sein. Es besucht mehrere Kurse, lernt Fremdsprachen, treibt Sport oder macht Musik, nimmt an Wettbewerben teil, hat langfristige Ziele, denkt über ein Studium im Ausland nach, bewegt sich sicher in der digitalen Welt und bewahrt zugleich Respekt gegenüber Familie, Gesellschaft und Land.

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Der Druck liegt damit nicht nur auf den Kindern, sondern auch auf den Eltern. Viele Eltern wollen nichts falsch machen und gerade dadurch zu viel kontrollieren. Die zentrale Frage moderner Erziehung lautet daher: Wie gibt man einem Kind Zukunft, ohne ihm die Kindheit zu nehmen?

Stadt und Land, Freiheit und Aufsicht

Der Unterschied zwischen Stadt und Land bleibt in Kasachstan deutlich. In Städten können Eltern die Kindheit stark strukturieren: Der Wochenplan eines Kindes kann fast so voll sein wie der Arbeitskalender eines Erwachsenen.

In ländlichen Regionen gibt es weniger solcher Angebote. Rufina Adeleva, die selbst auf dem Land aufgewachsen ist, beschreibt den Unterschied so: In der Stadt steht häufiger intellektuelle und kulturelle Förderung im Vordergrund, auf dem Land eher Arbeits- und Alltagskompetenz.

Kunsttherapie mit Teenagern. Foto: Maiya Li

Anar Kakimova beobachtet zudem, dass Jugendliche aus ländlichen Regionen oft genauer wissen, welchen Wert Geld, Zeit und Chancen haben. Sie seien vorsichtiger, bescheidener und gingen sorgsamer mit Möglichkeiten um. Gleichzeitig fehlt Familien auf dem Land oft der Zugang zu Informationen über Stipendien, internationale Programme, Berufsberatung und Bildungswege.

Eine weitere Besonderheit ist die frühe Selbstständigkeit vieler Kinder. In Kasachstan gehen Grundschulkinder nicht selten allein zur Schule, spielen im Hof, gehen in kleine Geschäfte oder bleiben zeitweise ohne ständige Aufsicht zu Hause. Für viele Familien gilt das als normal: Ein Kind soll Schritt für Schritt selbstständig werden. Doch die Grenze zwischen Freiheit und fehlender Aufsicht ist schmal. 

Digitale Medien als neue Grenze der Erziehung

In den vergangenen 10 bis 15 Jahren hat sich Elternsein auch in Kasachstan durch digitale Medien verändert. Smartphones, soziale Netzwerke, Online-Spiele, Cybermobbing und Cybersicherheit gehören heute zu den alltäglichen Sorgen von Familien.

Ayana Tokeyeva bestätigt, dass viele aktuelle Anfragen von Eltern mit digitalen Medien verbunden sind. Übermäßige Bildschirmnutzung könne mit Unruhe, Aggression, emotionalem Rückzug, Wutausbrüchen, Schulverweigerung oder allgemeinem Energiemangel einhergehen. Dabei seien nicht immer die Geräte allein das Problem. Oft zeigten sich darin auch familiäre Spannungen, Kommunikationsprobleme, Schwierigkeiten mit Gleichaltrigen oder innere Belastungen des Kindes.

Hier tritt der zentrale Konflikt zutage: Technologien verändern den Alltag schneller, als Familien ihre Erziehungsmodelle anpassen können.

Eine neue Formel des Elternseins

Modernes Elternsein in Kasachstan ist weder vollständig traditionell noch einfach westlich. Vielleicht liegt genau darin die neue Formel des Elternseins in Kasachstan: die Stärke der Familie zu bewahren, ohne ihren Druck zu vergrößern; Kindern Bildung zu ermöglichen, ohne ihnen die Kindheit zu nehmen; Selbstständigkeit zu fördern, ohne sie allein zu lassen; Traditionen zu respektieren, ohne die Stimme des Kindes zu überhören.

Nurgul Adambayeva für Novastan

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