Ein 17-jähriger Schüler aus Bochtar dokumentiert tadschikische Mosaike, die vielerorts vom Verschwinden bedroht sind. Mit seinem Engagement bewahrt er ein Stück kulturelles Erbe – oft dort, wo es sonst unbeachtet verloren gehen würde.
Abdurahmon Karajew besucht die 11. Klasse und führt ein normales Leben: Schulalltag, Freunde und Spaziergänge durch die Stadt. Doch gibt es auch Raum für ein ungewöhnliches Hobby: Systematisch sucht, fotografiert und dokumentiert er tadschikische Mosaike.
Im Sommer 2025 richtete Abdurahmon seinen Instagram-Account tajikmosaics ein. Dort veröffentlicht er Fotos und Videos von Mosaiken – von solchen, die noch erhalten sind und bald verschwinden könnten.
Sein Interesse an dieser Kunstform entstand in Moskau. Als er mit der U-Bahn fuhr, begann er plötzlich, nach oben zu schauen – auf die Mosaike in den Bahnhöfen.
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„Einmal habe ich einfach beschlossen, eins dieser Mosaiken über meinem Kopf genauer zu betrachten und merkte, dass es aus winzigen Teilen besteht. Dann erfuhr ich, dass sie aus Smalte waren, und das hat mich sehr beeindruckt“ erzählt er.
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Keine Nostalgie für die UdSSR, sondern ein Gespräch über sein Land
Abdurahmon unterstreicht: Sein Interesse hat nichts mit einer Idealisierung der sowjetischen Vergangenheit zu tun.
„Mosaike interessieren mich nicht als Teil des sowjetischen Erbes, sondern als Teil der Geschichte unseres Landes, das auch zur Sowjetunion gehörte“.
An den Mosaiken begeistern ihn gleich mehrere Aspekte: der historische Wert, die kunstvolle Komplexität und ihr harmonisches Zusammenspiel mit der umgebenden Architektur.
„Aus Glas und Stein ganze Meisterwerke zu schaffen – das ist unglaublich faszinierend. Dabei fügen sie sich so harmonisch in die Architektur der Stadt ein, was ich über moderne Neubauten nicht behaupten kann“.
Gerade der Kontrast mit den zeitgenössischen Gebäuden ist einer der Gründe, warum er anfing, die Mosaike zu dokumentieren.

Der Abriss der Teestube Rohat (eine wahre Perle im Herzen der Stadt, die für ihre künstlerische und historische Bedeutung geschätzt wurde, aber für viele Einwohner auch einen emotionalen Wert hatte. Gegen ihren Abriss haben sich ungewöhnlich viele Einwohner engagiert, dies hat aber nicht geholfen, A.d.Ü.), des Kinotheaters Tadschikistans, des Majakowskij-Theaters – diese Liste kann man ohne Ende weiterführen, sagt er.
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Besonders schmerzhaft war für ihn die Nachricht, dass nun auch die Mosaik mit Abu Ali Ibn Sino (Avicenna) abgerissen wird.
„Das Haus ist schon von einem Zaun gesperrt und wird bald abgerissen. Dabei ist das eins der bekanntesten Mosaiken in Zentralasien und überhaupt die bekannteste, wo Avicenna abgebildet ist. Und es befindet sich ausgerechnet in Tadschikistan!“.

Auf Mosaiksuche
In Bochtar (besser bekannt als Qurghonteppa, A.d.Ü.) sind nicht viele Mosaike erhalten geblieben. Abdurahmon hat die ganze Stadt abgeklappert und hat sogar ein Wandbild gefunden, von dem nicht mal die Bewohner:innen des Ortes wussten.
Derzeit kennt er mindestens acht Mosaike, die erhalten sind, unter denen eine Arbeit von Sabzali Scharipow, zur Hälfte von einem angebauten Laden verdeckt. Einige Mosaike sind an sich „erhalten“, man kann sie aber nicht sehen: Einige sind komplett mit Putz bedeckt, andere übermalt.
Die stärksten Emotionen empfindet der Schüler bei zufälligen Funden. Wie zum Beispiel beim Mosaik von Ikarus im halbverfallenen Haus der Kultur der Transformatorenfabrik.
„Wir haben ein Gebäude ohne Dach gesehen. Wir haben den Wachmann darum gebeten, uns reinzulassen, und haben wahnsinnig schöne Fresken und Mosaike gefunden. Wir waren einfach begeistert.“
Und einmal entdeckte er einen ganzen Saal, vollständig mit Mosaiken verziert. Das war ein ehemaliger Bankettsaal.
„Stellen Sie sich das nur vor: in einem Raum zu Abend zu essen, wo alle Wände mit Mosaiken verziert sind“ – schwärmt Abdurahmon.
Die Menschen beginnen, die Dinge mit anderen Augen zu sehen
Auf die Frage, ob er seine Altersgenossen für dieses ungewöhnliche Hobby begeistern konnte, antwortete er mit einem klaren „Ja“. Mit seinen Freunden – Abdullo, Obid und Adham – ist er sogar in andere Städte auf der Suche nach Mosaiken gegangen. Aber auf ähnlichen Suchaktionen ist er meistens allein – denn schließlich, gibt er zu, kann dieser Prozess ziemlich anstrengend sein.
„Eines weiß ich aber genau: Mit meinem Interesse konnte ich nicht wenige Leute begeistern, vor allem in Dushanbe“ erzählt er.
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Besondere Unterstützung erlebte er, als er letzten Sommer seinen Instagram-Account eröffnete. Dort veröffentlicht Abdurahmon regelmäßig gefundene Mosaike, und konzentriert sich dabei weniger auf Duschanbe, sondern vor allem auf die anderen Regionen des Landes.
Ein Archiv für die Zukunft
Auf die Frage nach der Zukunft der Mosaike antwortete Abdurahmon, dass die beste Lösung wäre, sie einfach nicht anzurühren. Noch besser wäre es aber, ihnen den Status eines Kulturerbes zu verleihen. Seiner Beobachtung nach ist das Schicksal der Mosaike in Tadschikistan eins der traurigsten in den postsowjetischen Ländern. Besonders in den abgelegeneren Regionen, wo Abrissarbeiten unbemerkt voranschreiten.
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„Die Menschen verstehen nicht, dass Mosaike Geschichte, Kunst, Architektur und touristisches Potenzial in einem sind“, beklagt Abdurahmon.
Abdurahmon träumt davon, dass sein Instagram-Account Teil eines großen Projekts wird – eines Archivs oder einer Ausstellung: „Ich wäre bereit, alle meine Archive und Daten, die ich zwei Jahre lang gesammelt habe, zur Verfügung zu stellen.“
Bislang hat er keine professionelle Kamera – die meisten Aufnahmen sind mit den Handys von Freunden oder mit der Schulkamera entstanden, die er sich manchmal ausleiht.
Aber vielleicht sind es gerade diese Fotos, die in 20 Jahren der einzige Beweis dafür sein werden, wie die Städte Tadschikistans aussahen…
Weitere Fotos befinden sich im Artikel von Asia-Plus und auf Instagram
Alina Valamat-Zade für Asia-Plus
Aus dem Russischen von Giulia Manca
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Wie ein Schüler versucht, tadschikische Mosaike zu retten