Der Gemeindevorsteher führt die Kleidung fürs Gebet vor

Vom Aussterben bedroht: Die letzte jüdische Gemeinde Tadschikistans

Die einst mehrere tausende Mitglieder starke jüdische Gemeinde Tadschikistans zählt heute nur noch 50 Mitglieder. Ursache hierfür ist vor allem die massenweise Emigration von Juden seit Beginn der 1990er Jahre. Die einzige verbliebene Synagoge Tadschikistans befindet sich in Duschanbe. Über das Leben von Juden in Tadschikistan heutzutage berichtet der Korrespondent Tilaw Rassul-sade für Fergana News. Wir übersetzen den Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Noch vor zehn Jahren befand sich die Synagoge direkt im Zentrum Duschanbes. Im Rahmen eines allumfassenden Stadtentwicklungsplanes wurde sie im Juni 2008 abgerissen. Für einige Monate blieb die jüdische Gemeinde ohne Gotteshaus. Anfang 2009 schenkte dann der Vorsitzende der Orionbank, Hasan Asadullosoda, der Diasporagemeinde ein neues geräumiges Haus in einem reichen Bezirk in der Nähe der Pädagogischen Universität. Grundsätzlich bietet das Gebäude Platz für viele Menschen, es kommen aber nur vereinzelte. Sogar am Sabbat, der von Freitagabend bis Samstagabend andauert, versammeln sich hier zum Gebet kaum mehr als 10 Personen. Für einen Gottesdienst oder religiöse Riten braucht es im Judentum aber mindestens 10 erwachsene Juden – eine Regel, die auch Minjan genannt wird.

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Laut den Daten der Volkszählung von 1989 lebten zu dieser Zeit circa 15.000 Juden in Tadschikistan. Im Jahr 2000 waren weniger als 200 übrig und um 2010 lediglich 36. In der Synagoge geht man aktuell von 50 Gemeindemitgliedern aus.

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„Die Migration der Juden in die historische Heimat Israel sowie in die USA, nach Kanada und Europa begann schon in den 1970er Jahren, aber in den 1990ern beschleunigte sich dieser Prozess“, erzählt Jakow Urijewitsch Matajew, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Tadschikistans. „Geblieben sind vor allem alte Menschen. Der jüngste in unserer Diaspora war ich. Als mir vor vier Jahren vorgeschlagen wurde, Gemeindevorsitzender zu werden, habe ich zugestimmt. Jemand sollte doch die Verantwortung übernehmen…“

Synagoge ohne Rabbiner

Jakow Urijewitsch ist inzwischen 50 Jahre alt, kommt gebürtig aus Samarkand und zog mit seinen Eltern als Kind nach Duschanbe. Nach der Schule wurde er Schneider. Jetzt verwendet er all seine Zeit darauf, die Gemeinde zu erhalten und ihre Mitglieder zu unterstützen.

Jakow Urijewitsch Matajew

„Als ich zum Gemeindevorsitzenden gewählt wurde, bemühte ich mich darum, der Tätigkeit neues Leben einzuhauchen. Die alten Menschen, die hier zurückgeblieben sind, können nicht oft in die Synagoge kommen. Aber sofern es ihnen möglich ist, kommen sie, denn die Synagoge ist nicht nur ein Ort des Gebetes. Hier unterhalten sich die Gemeindemitglieder, reden über persönliche und gemeinschaftliche Probleme. In der Vergangenheit versammelte sich die Gemeinde in der Synagoge um Feste zu begehen, Pessach, Chanukka, Purim, aber inzwischen kommen nur noch vereinzelte an den Feiertagen. Für die alten Menschen ist es zu schwer aus den unterschiedlichen Ecken der Stadt hierher zu kommen. Jeden Monat lassen wir ihnen eine kleine materielle Hilfe im Umfang von 10 Dollar zukommen. Es gibt eine wohltätige Frau, die den alten Menschen jeden Monat Lebensmittel vorbeibringt: Zucker, Butter und Mehl“, erzählt Matajew.

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In der Synagoge von Duschanbe hängen Fotos aller Rabbiner, die hier seit dem Bau des Gebäudes Gebete abgehalten haben. Doch schon seit einigen Jahren gibt es hier keinen Rabbiner mehr, weshalb keine regelmäßigen samstäglichen Gebete stattfinden. Diese kommen nur zustande, wenn Gäste aus Israel, Deutschland oder den USA die Gemeinde besuchen und in der Regel einen Rabbiner mitbringen.

„Dann versammle ich meine Juden aus Duschanbe zum Gebet. Zusammen lesen wir die Torah, die heilige Schrift der Juden. Sie wird in der Synagoge an einem speziellen Platz aufbewahrt. Die Texte der Torah sind auf Hebräisch verfasst. Leider können unsere Gemeindemitglieder die Sprache nicht gut genug, um selbst in der Torah lesen zu können“, erklärt Matajew.

Der letzte Jude Chudschands

Bis 2015 befand sich in Chudschand noch eine Synagoge. Tatsächlich war sie auch in den 20 Jahren davor nicht mehr in Gebrauch, da fast keine Gemeindemitglieder in der Stadt übrig geblieben waren. Dennoch gehörte sie der Gemeinde, obwohl ihre Türen dauerhaft verschlossen waren. Vor vier Jahren riss die Stadtverwaltung die Synagoge trotzdem ab und errichtete an ihrer Stelle ein Einkaufszentrum. Heute lebt in der Stadt der einzige Jude ganz Nordtadschikistans, Dschura Abajew. Er ist 82 Jahre alt und die letzten zwei Jahre bettlägerig. Vor mehr als 10 Jahren nahm er eine tadschikische Frau mit ihren fünf Kindern in seinem Haus auf, die nach der Scheidung von ihrem Mann obdachlos war. Sie wurden zu seiner Adoptivfamilie und kümmern sich nun um ihn.

Dschura Abajew hat selbst fünf Töchter, von denen zwei in Israel leben. Vor vielen Jahren hatte er beschlossen, zu ihnen zu ziehen. Alles schien gut zu laufen, er bekam ein Zimmer und eine ordentliche Rente. Allerdings fühlte er sich als Rentner einsam.

Dschura Abajew

„In Israel fand ich keine engen Vertrauten, mit denen man sich wenigstens an den freien Tagen hätte unterhalten können. Dort war ich ein Niemand, aber hier, in Chudschand, war ich ein angesehener Mensch. Jeden Tag ging ich auf den Markt und im Teehaus saß ich mit Freunden zusammen. Hier habe ich viele Freunde und ein eigenes Haus. Nach einem halben Jahr entschied ich, aus Israel nach Tadschikistan zurückzukehren. Es stimmt schon, jetzt kann ich mich aufgrund meiner Krankheit nur mit wenigen unterhalten. Meine Töchter rufen fast nie an, gelegentlich rufe ich sie an. Meine Rente beläuft sich auf 200 Somoni (20 US-Dollar). Andere Einkünfte habe ich nicht“, teilt Abajew mit.

Er bedauert sehr, dass die Synagoge in Chudschand abgerissen wurde. Am Gemeindeleben in der Synagoge hatte er seit 1967 aktiv teilgenommen.

Erinnerung an vergangene Zeiten

„Dort organisierten wir Anfang der 1990er Hebräisch- und Torahkurse. Damals gab es dort viele bucharische Juden. Aber bald zogen alle fort und die Synagoge leerte sich. Einige Zeit sah ich noch nach der Synagoge, aber dann war ich nicht mehr in der Verfassung, um das zu tun. Wenn jetzt Juden hierherreisen, können sie nur den einzigen jüdischen Friedhof besuchen, der sich am Stadtrand befindet. Dort sind mehr als 1000 Menschen beerdigt. Selbst war ich dort seit drei Jahren nicht mehr. Früher, als ich noch gesund war, kümmerte ich mich um die Gräber, aber jetzt geht das nicht mehr“, klagt Dschura Abajew.

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In Duschanbe gibt es zwei jüdische Friedhöfe, auf denen mehr als 3000 Menschen begraben liegen. Obwohl in Tadschikistan fast keine Juden verblieben sind, sind beide in einem guten Zustand. Es gibt Wächter, Gärtner und Putzkräfte. Der Weltkongress der Bucharischen Juden mit Sitz in New York teilt jährlich den Friedhöfen in Duschanbe und Chudschand Mittel zur Erhaltung und Renovierung zu. Und wenn Angehörige der hier beerdigten Menschen nach Tadschikistan reisen, besuchen sie in erster Linie die Grabstätten ihrer Angehörigen.

Fokus auf die Gemeinsamkeiten

„Die Nachkommen bucharischer Juden, die inzwischen in Israel und anderen Ländern leben, kommen oft nach Tadschikistan, um hier die Gräber ihrer Väter und Großväter zu besuchen. Aber auch, um die Veränderungen zu sehen, die im Land nach ihrer Auswanderung stattgefunden haben. Alle erinnern sich mit Nostalgie an die Jahre zurück, die sie hier verbracht haben. Tadschiken und Juden lebten immer friedlich zusammen, es gab keine Konflikte zwischen ihnen. Wir haben mit den Muslimen viel gemein. Wie im Islam ist es auch im Judentum verboten, Schweinefleisch zu essen, das Schlachtritual ist dasselbe. Nur nennt man es bei den Muslimen „halal“ und bei den Juden „koscher“. Muslime begraben Verstorbene in einem weißen Kaftan, also einem Leichentuch, bei den Juden ist es genauso. Wir haben den Brauch, Jungen am achten Lebenstag zu beschneiden. Männer und Frauen beten in der Synagoge getrennt, so wie in der Moschee auch“, erklärt Jakow Matajew.

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„Die Juden in Tadschikistan konnten immer ein angenehmes Leben führen und sie sind nicht ausgewandert, weil man sie etwa unterdrückt hätte, sondern weil sich die Möglichkeit auftat, in die historische Heimat zurückzukehren. Außerdem brachen damals in Tadschikistan unruhige Zeiten an, der Krieg begann. Übrigens sprechen sogar die in anderen Ländern geborenen Nachkommen bucharischer Juden Tadschikisch. Als ich nach Tel Aviv reiste kam es mir vor, als sei ich wieder in Duschanbe gelandet. Überall sprechen bucharische Juden untereinander Tadschikisch. Sie haben dort ihre eigenen Restaurants, Festsäle für Hochzeiten, Theater und durchweg hört man Tadschikisch“, erläutert der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Tadschikistans weiter.

Gegen Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts begannen die bucharischen Juden sich auf dem Gebiet des heutigen Tadschikistans anzusiedeln. Durch das Leben Seite an Seite mit den lokalen Völkern, darunter Tadschiken und Usbeken, übernahmen sie viele Traditionen und Bräuche aus dieser Kultur. Einige von ihnen konvertierten zum Islam – die meisten gewaltsam, andere aber auch freiwillig. In Zentralasien wurden die zum Islam konvertierten Juden „Tschala“ (Tadschikisch für „weder das eine noch das andere“) genannt und solche Juden versuchten ihre Herkunft zu verstecken.

Die Geschichte der Juden Tadschikistans

„Die ersten jüdischen Siedler gab es in Chudschand. Sie kamen aus Buchara, Samarkand, Shahrisabz, Taschkent und Kokand dorthin. Sie waren vor allem im Handel und Handwerk tätig“, erzählt der Historiker und Journalist Kodir Muruwwat. „Ab der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts siedelten sie sich auch im Zentrum Tadschikistans an, unter anderem auf dem Gebiet des heutigen Duschanbe. Aufgrund von Geflüchteten stieg die Zahl der jüdischen Gemeindemitglieder während und nach dem Zweiten Weltkriegstark  an. Unter ihnen waren viele Gelehrte, die einen großen Beitrag zur Entwicklung der nationalen Wissenschaft leisteten. […] Und heute bringen viele emigrierte bucharische Juden die tadschikische Kultur nach Israel und in andere westliche Länder. […] Das zeugt davon, dass sie, obwohl sie außerhalb Tadschikistans leben, die Liebe zu ihrem Volk im Herzen tragen“, schließt Muruwwat.

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Auf die Frage, was wohl in zehn Jahren mit der jüdischen Gemeinde und der Synagoge in Tadschikistan sein wird, antwortet Jakow Urijewitsch Matajew: „Das weiß ich nicht. Ich hoffe, die Synagoge bleibt nicht leer…“

Tilaw Rassul-sade für Fergana News

Aus dem Russischen von Marie Schliesser

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