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Nawruz und der Islam: Eine Koexistenz mit Konflikten

Der tadschikische Wissenschaftler Akbar Tursun erklärt die Gründe der Proteste gegen Nawruz. Versuche das persische Neujahrsfest zu verbieten gab es seit der Frühzeit des Islam. Gescheitert sind sie aber trotzdem.

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Nawruz in Tadschikistan (Symbolbild), Photo: Schuchrat Sadijew / Wikimedia Commons

Der tadschikische Wissenschaftler Akbar Tursun erklärt die Gründe der Proteste gegen Nawruz. Versuche das persische Neujahrsfest zu verbieten gab es seit der Frühzeit des Islam. Gescheitert sind sie aber trotzdem.

Der folgende Artikel von Akbar Tursun ist vor zwei Jahren als eine Antwort auf die neueren Debatten über Nawruz und seine Beziehung zur Religion erschienen. Unser Partnermedium Asia-Plus veröffentlichte ihn erneut, da die hier diskutierten Fragen nach wie vor aktuell sind.

Für uns Tadschiken symbolisiert Nawruz, als Brücke zwischen sozialen Epochen, nicht nur die Überlebung unserer Urahnen über schwere Zeiten hinweg, sondern auch die Aufbewahrung des historischen Lebens unserer Generation in der Zukunft.

Die Anerkennung von Nawruz als Nationalfeiertag nach während der politischen Unabhängigkeit unserer sowjetischen Republik, war eine zeitgemäße Maßnahme, ein Mittel und ein wichtiger Schritt auf dem Weg der historischen Entwicklung und Festigung der tadschikischen Nation im modernen Sinne des Wortes.

Diese zukunftsorientierte Entscheidung hatte auch einen wichtigen pädagogischen Zweck: Sie war ein wichtiger Schritt zur Gestaltung und Stärkung der Kontinuität der Generationen und der Wurzeln im Kontext der historischen und kulturellen Integrität der iranisch-turanischen Zivilisation, einer der ältesten Zivilisationen der Welt.

Dank der reichen Bräuche und Traditionen unserer frühen Vergangenheit hat sich der Horizont des tadschikischen Patriotismus erweitert, und die nationale Einheit der Tadschiken hat eine besondere historische und spirituelle Bedeutung bekommen.

Leider gibt es unter den persisch- und turksprachigen Geistlichen heute noch Gelehrte, die Nawruz ausschließlich als Fest der Zoroastrier sehen und gleichzeitig die Anhänger des Zoroastrismus als Feueranbeter, also Götzenanbeter, und die Feier von Nawruz als „verbotenen“ Ritus für Muslime betrachten. Es ist schade, dass dieses wissenschaftlich bedeutsamen und gesellschaftlich wichtiges Thema bis heute keine angemessene akademische Aufmerksamkeit genießt.

Gründe und Ziele der Proteste gegen Nawruz

Was ist der Grund und das Ziel der aktuellen Proteste gegen Nawruz? Ich halte die Handlungen dieser islamischen Gelehrter nicht für ein Akt der Opposition gegen den Nationalstaat oder eine Art Selbstdarstellung. Deshalb werde ich ihre Namen nicht nennen und nicht ins Detail gehen. In der Tat bin ich überzeugt, dass die kritische Stellung dieser neuen Gegner von Nawruz nicht aus den heiligen Quellen des Islam stammt. Ich kritisiere jedoch nicht die religiösen Überzeugungen der Kritiker und halte sie nicht für dogmatisch oder nachahmend.

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Ich frage nur mit den Worten des Heiligen Korans: „Warum streitet ihr über etwas, von dem ihr keine Kenntnis habt? Und möge euer Argument in dem, was ihr wisst, richtig sein!“

Doch dann… wenn wir diese Frage grundsätzlich stellen, stoßen wir unvermeidlich auf eine Quelle der Meinungsverschiedenheit mit dem salafitischen Klerus. Nämlich geht es in diesem Fall um das richtige Verständnis bestimmter Koranverse und prophetischer Hadithe. Bei ihrer Auslegung spielt der menschliche Faktor keine Rolle.

Was ist denn nun der „menschliche Faktor“?

Um diese Frage zu beantworten, greife ich auf ein bekanntes Zitat von Dschamaluddin Asadabadi zurück. In einem Gedicht, als Anmerkung zu seiner Diskussion mit dem französischen Islamwissenschaftler Ernest Renan, sagte er: „Im Wesen des Islams selbst gibt es keine Mängel. Alle existierende Mängel entspringen daraus, dass wir Muslime sind! “

In diesem Satz erkennen wir, dass Asadabadi zwei miteinander verbundene Begriffe unterscheidet: „Islam“ und „Muslim“. Diese Unterscheidung ist methodologisch sehr relevant. Im Wesentlichen verkörpert der Islam die göttliche Offenbarung durch das Koran und die Überlieferungen des Propheten (der Sunna), und dieser Titel ist eine ewige Wahrheit. Das Muslimsein ist das menschliche Verständnis religiöser Prinzipien und Heiligtümer auf der Grundlage der Auslegung und Interpretation von Informationen aus maßgeblichen Quellen des Islam, unter denen Analogien und Konsens.

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Die Grundlagen der Religionsgemeinschaft bleiben an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten unverändert. Doch die Auslegung und das Verständnis religiöser Prinzipien können im Laufe der Zeit verbessert, korrigiert oder verändert werden. Wenn das nicht so wäre, hätte sich der Islam in verschiedene Strömungen, Sekten und verfeindete Richtungen gespalten und wäre so zu einem Schlachtfeld der „72 Völker“ geworden?!

Diese Krisensituation kann man mit den Worten Rumis erklären: „Ich bin in meinem Streben nach dem richtigen Verständnis gestorben!“ In Bezug darauf muss eine wissenschaftliche Diskussion zwangsläufig die Wurzel des Problems untersuchen. Wenn wir die eine oder andere islamische Regelung zum „Haram“ („bid’a“ oder „makruh“) im Bezug auf Nawruz betrachten, wird deutlich, dass es neben rein religiösen Argumenten eine Vielzahl eigennütziger oder opportunistischer Überlegungen gab, die ideologisch, politisch und wirtschaftlich gefärbt waren.

Verbote seit über tausend Jahren

Nehmen wir die Zeit des arabischen Kalifats: Im ersten Jahrhundert nach der Hidschra wurde Nawruz als heidnischer Ritus verboten. Doch später stellten die arabischen Kalifen und die Ideologen der neuen Religion zwei Dinge fest: Erstens die Tradition, zu Nawruz Geschenke zu machen und anzunehmen, die an den Höfen der persischen Könige besonders verbreitet war! Omar Khayyam beschrieb in seiner Abhandlung „Nawrunama“, die er als eine Art Unterweisung für die Nachkommen des Seldschuken-Sultans Malik-Shah verfasste, ausführlich den Brauch, dem König am Tag des Großen Nawruz Geschenke zu bringen.

Zweitens verstanden die Kalifen sofort: Statt die Bräuche und Traditionen der Nichtmuslime (die zur Erfüllung ihrer Pflichten verpflichtet waren) zu verbieten war es vorteilhafter, ihnen zu ermöglichen, ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu führen und ihre Bräuche und Traditionen beizubehalten, im Austausch gegen die Zahlung einer zusätzlichen Steuer (der sogenannten Dschizya). Die besondere Bedeutung dieser Religionspolitik lag darin, dass man dadurch, wie ein tadschikisches Sprichwort sagt, sowohl gewinnen als auch nichts verlieren konnte.

Der dritte Grund war reiner politischer Natur. Der Gelehrte Ustod Aini erläuterte ihn am Beispiel des Verhaltens der Manghitumaren-Dynastie, die unter Berücksichtigung der Ratschläge und Empfehlungen der Gelehrten von Buchara regierten: „Unter den Emiren von Buchara hat Emir Musaffar das Nawruz-Fest seiner volkstümlichen Form entzogen und ihm formellen Charakter verliehen. Das tat er nach der Niederlage im Krieg gegen Russland. Nach den Worten ehrlicher alter Männer, die dem Autor dieser Zeilen berichteten, verlor Emir Musaffar nach der Kriegsniederlage jegliches Ansehen unter dem Volk. Insbesondere als er die Menschen ausraubte und versuchte, die durch den Krieg leere Staatskasse wieder aufzufüllen, wuchs der Hass des Volkes auf ihn noch mehr.

Deshalb organisierte er überall, wo er sich niederließ, ein Fest (d. h. einen öffentlichen Feiertag) und beschäftigte die Menschen damit, ihn zu beobachten, damit sie die Augen vor seinen unbeliebten Handlungen verschlossen oder keine Zeit hatten, diese zu sehen… Die letzten Emire von Buchara nutzten dieses Fest, um die Menschen lange Zeit mit nutzlosen und schädlichen Beschäftigungen zu beschäftigen und so wollten in Frieden für sich selbst leben.“

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Laut Aussagen des Korans und anderer heiliger islamischer Quellen ging die Gier des Klerus manchmal so weit, dass sie sogar das Wort Allahs missachteten! Die Suren Al´-Baqara und Al´-Imran enthalten einen sehr interessanten Hinweis: Einige der früheren Propheten und ihre Anhänger verdrehten willkürlich die Worte Allahs und stellten ihre Verfälschungen als Gebote und Taten Allahs selbst dar; damit versuchten sie ständig, die Menschen in die Irre zu führen. Zweifellos taten sie dies absichtlich.

Andererseits sind die koranischen Zeugnisse eine heilige Bestätigung der universellen Wahrheit: Die Ausleger des Korans und der Sunna stammen nicht aus dem Geschlecht der Engel; da sie Menschen sind, waren und sind sie nicht vor Verständnislücken und Ungenauigkeiten in der Auslegung sicher. Eben das gilt auch für ihr spirituelles Bild, das ebenfalls ein wichtiger Bestandteil eben dieses menschlichen Faktors ist! (Vergleichen Sie dies mit den Worten und Taten derer, die im Koran als „Heuchler“ dargestellt werden).

In diesem Sinne ist der Muslim gewissermaßen ein Spiegelbild des Reife der spirituellen Kultur seiner Gesellschaft. Angesichts all dieser allgemeinen Argumente und Überlegungen muss man sich fragen: Womit genau steht die Feier des Nawruz im Widerspruch? Mit den Vorschriften des Islam im Allgemeinen? Oder mit der Auslegung und Interpretation einzelner koranischer Vorschriften? Oder vielleicht mit bestimmten Fatwas, die einige muslimische Rechtsgelehrte oder Gelehrte unter bestimmten Umständen oder in Bezug auf eine bestimmte Frage verfasst oder schriftlich geäußert haben?

Kein einheitlicher Ansatz

Der Kern der Überlegung ist in Endeffekt, dass es keinen einheitlichen, allumfassenden, grundlegenden islamischen Ansatz zum Nawruz-Fest gibt, den alle Denkschulen, Sekten oder Rechtsschulen (zumindest im Rahmen des geistigen Bereichs der beiden wichtigsten islamischen Denkschulen) als universelle Wahrheit anerkennen.

Eine Quelle der heutigen Protesten gegen Nawruz-Feierlichkeiten sind die religiösen Schriften von al´-Ghazali, einer der einflussreichsten sunnitischen Gelehrten. In der Geschichte der islamischen Wissenschaft ist al´-Ghazali nicht nur als Autor einer Reihe grundlegender Werke: Der Imam verfügte zudem über ein seltenes kritisches Denken, das sich durch Scharfsinn und Einsicht auszeichnete. So suchte Ghazali beispielsweise in seinem berühmten Werk „Tahafut al-Falasifa“ Spuren von Gotteslästerung und Ketzerei in den Gedanken und Taten seiner Vorgänger und Zeitgenossen.

Zu den prominenten Denkern, die der Imam scharf kritisierte und verurteilte, gehörte auch der Nationalheilige der Tadschiken, ibn Sina: Ghazali verurteilte nicht nur seine Werke, sondern auch seinen Alltag mit solcher feindseliger Kritik, dass dies für uns erstaunlich und bedauerlich ist, unter anderem angesichts unserer nationalen Moral und Ethik.

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Die Imane stammten zwar selbst von den Tadschiken aus Khorasan ab; jedoch an manchen Orten lehnten sie systematisch und sogar fanatisch die wichtigsten Teile des kostbaren Erbes ihrer Vorfahren ab. Insbesondere jene, die heute als Perlen der tadschikischen und iranischen Kultur im Schatzhaus der Weltkultur gelten!

So forderte Ghazali in seinem Buch „Die Alchemie des Glücks“ von den Muslimen, insbesondere von der persischsprachigen Gemeinschaft, kategorisch, die Namen und Symbole zweier alter tadschikischer und iranischer Feste – Nawruz und Sada – aus dem Gedächtnis zu löschen: „Das Verwenden von Parolen der Verstorbenen ist verboten und widerspricht dem Gesetz … Nawruz und Sada müssen ausgelöscht werden [es darf keine Spur von ihnen zurückbleiben], und niemand darf sie erwähnen.“

Anschließend wechselten die Imame vom Bereich der Moral direkt in den Bereich der militanten Ideologie; ihr Hauptziel war es, die Feierlichkeiten der vorislamischen Feste der Adscham aus Sicht des (vermeintlich) rechtschaffenen Islam offiziell zu verbieten.

Akbar Tursun für Asia-Plus

Aus dem Russischen (und gekürzt) von Giulia Manca

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