Synagoge Buchara Juden

Die bucharischen Juden – wie kamen sie nach Zentralasien?

Die Juden von Buchara gehören zu den rätselhaftesten Einwohnern der Stadt im Süden Usbekistans. Obwohl sie seit mehreren Jahrhunderten in Buchara leben, kennen nur wenige in der Region die Gemeinde.

Die von Novastan übersetzte Reportage von „The Open Asia“ entdeckt eine der Synagogen von Buchara, die seit über 400 Jahren die Gläubigen im alten Stadtviertel empfängt.

Obwohl scheinbar alle in Zentralasien lebenden Juden als bucharische Juden bezeichnet werden, stammen sie nicht ausschließlich aus Buchara. Die Angehörigen dieser Religion leben seit Jahrhunderten auch in anderen Städten der Region, sie werden aber traditionell als „bucharisch“ bezeichnet.

Historiker haben dazu verschiedene Vermutungen aufgestellt: einige verbinden das Auftreten dieser Bezeichnung mit Eroberer Timur, welcher nach seiner Einnahme Bucharas mehrere hundert jüdische Familien nach Samarkand umsiedeln ließ und die neue Gemeinde als „Juden von Buchara“ bezeichnete. Andere nehmen an, dass bei der Eingliederung des heutigen Zentralasiens in das russische Reich die russischen Herrscher eine Bezeichnung suchten, um die einheimischen von den russischen Juden zu unterscheiden. Da sich die wichtigste jüdische Gemeinde in Buchara befand, wurden schließlich alle zentralasiatischen Juden „bucharisch“ genannt.

Der Weg nach Zentralasien

Verschiedene Erklärungen gibt es auch für die Ankunft der Juden in Zentralasien. Einige Wissenschaftlicher bestätigen, dass diese durch die Seidenstraße stattfand: die Juden kamen mit Handelskarawanen in die Region, fanden Arbeit und blieben. Einer anderen Hypothese zufolge kamen die Juden zu Zeiten des Achämenidenreichs (zwischen dem 5. und dem 3. Jh. v. Chr.), um Geschäfte zu machen. Schließlich findet eine dritte Version Erwähnung: im 7. Jh. wurden auf dem Territorium des heutigen Iran die Sassaniden besiegt und zahlreiche Flüchtlinge, unter ihnen die Repräsentanten der jüdischen Bevölkerung, kamen nach Zentralasien. Sicher ist jedoch, dass es schon seit langem Juden in Zentralasien gibt. Der erste schriftliche Beweis ihrer Präsenz stammt aus dem 13. Jh. und die älteste Synagoge, von Archäologen in Turkmenistan gefunden, aus dem 3. Jh. n. Chr.

Während ihrer langen Geschichte haben sich die Juden in die lokalen Gemeinschaften integriert, sodass es heute kaum möglich ist, die bucharischen Juden von Tadschiken oder Usbeken zu unterscheiden. Nach mehreren hundert Jahren des Zusammenlebens ähneln sie nicht nur der örtlichen Bevölkerung, sondern sprechen auch die jeweiligen Sprachen und haben sich der Kultur und Lebensweise ihrer Umgebung angepasst. Dennoch fand keine vollständige Assimilation statt: die Juden praktizieren ihre Religion, sie heiraten selten Einheimische und besitzen bis heute eine eigene Weltanschauung.

Für das Recht, ihre Identität zu wahren, hat die jüdische Bevölkerung einen hohen Preis gezahlt. Entbehrungsreiche Jahre voller Schwierigkeiten, die es zu überleben galt, sind im Gedächtnis der Gemeinschaft verankert. Dennoch scheinen sie heute keinen Zorn zu fühlen.

Eine kleine Synagoge mit einer großen Geschichte

Obgleich es einmal um die 30 Synagogen in Buchara gab, sind nur zwei davon in der Altstadt erhalten geblieben. In den 1970ern begann die massive Auswanderung der Juden aus der Sowjetunion, insbesondere aus Zentralasien, und ihre Synagogen wurden geschlossen. Die jüdische Gemeinde in Buchara ist daher signifikant geschrumpft: von einmal ca. 35.000 Mitgliedern auf ungefähr 420 Personen heute.

Synagoge Buchara Rabbi Usbekistan

„Von den Juden, die während der sowjetischen Periode hierher kamen, waren 250 bucharische Juden und der Rest Russen. Aber die bucharischen Juden lebten hier seit hunderten von Jahren“, erklärt uns der Wärter einer der Synagogen in Buchara. Diese Synagoge ist über 400 Jahre alt und befindet sich nahe des architektonischen Komplexes Labi Hovuz, im Herzen des alten Bucharas.

Die Synagoge ist inmitten der verflochtenen Gassen von Buchara nicht sofort erkennbar. Früher lebten hier ausschließlich Juden. Heute leben Usbeken und Tadschiken in den hohen Häusern mit den weißen Wänden und den kleinen Innenhöfen. Nichtsdestotrotz beginnen die Juden jeden Freitagabend die Feier des Sabbat mit ihrem traditionellen Gottesdienst.

Der Gottesdienst darf besucht, aber unter keinen Umständen gefilmt werden. Der Sohn des Rabbis, Don Sianov, erklärt, dass die hier stattfindenden Rituale sich kaum von den in Israel praktizierten unterscheiden.

Doch das war nicht immer so. Ende des 18. Jh. kam der marokkanische Rabbi Joseph Maman Maaravi nach Buchara. Er nahm am Gottesdienst teil und stellte fest, dass er sich stark von denen der europäischen Juden unterschied und die letzten zwei Bücher der Thora fehlten. Die bucharischen Juden hatten Teile ihre Religion und ihre Kultur verloren – der Rabbi entschied, diese wieder einzuführen. Bis heute finden die religiösen Zeremonien in Buchara nach seinen Vorgaben statt, sodass Juden aus Israel oder den USA, die sich einmal pro Woche in die Synagogen von Buchara begeben, fast keinen Unterschied erkennen.

Um ihre Kultur nicht zu verlieren, wurde 1994 gleich neben der Synagoge eine spezielle Schule eröffnet. Hier werden vier Sprachen gelehrt: Usbekisch, Englisch, Russisch und Hebräisch, außerdem werden die Geschichte Usbekistans und Israels unterrichtet.

Fremde unter sich – diskriminiert vor dem Gesetz

Juden weltweit widerfuhren tragische Schicksale, und die bucharischen Juden stellen keine Ausnahme dar. „Die Juden von Buchara leben unter großer Unterdrückung und werden von allen verachtet“, notiert Armini Vamberi, ein ungarischer Reisender, der Zentralasien Mitte des 19. Jh. durchquert.

Fußgänger in Buchara

Die Gesetze, welche für die jüdische Bevölkerung von Buchara galten und von den lokalen Autoritäten eingeführt wurden, sind erschreckend. So zahlten Juden eine Steuer für die „Erhaltung“ ihres eigenen Lebens und das Recht, ihre Religion zu praktizieren.

Juden hat kein Recht, in Buchara zu Pferd zu reiten, nur auf Eseln. Selbst dann mussten sie, falls sich vor ihnen ein Muslim befand, absteigen und sich verbeugen, andernfalls drohten harte Prügelstrafen wegen Beleidigung. Es war ihnen verboten, Seide zu tragen oder ein Tuch um ihr Hemd zu binden, wie es die lokale Bevölkerung tat; sie durften lediglich ein Seil umbinden. Ihnen war ebenso untersagt, den traditionellen Turban zu tragen. Stattdessen mussten sie Schapkas aus Pelz tragen, sodass Muslime sie schon von weitem als Angehörige eines anderen Glaubens erkennen konnten.

Erzwungene Konvertierung zum Islam

All diese Einschränkungen waren jedoch geringfügig im Vergleich zu den konstanten Versuchen, die Konvertierung zum Islam zu erzwingen, oft mit gewalttätigen Mitteln. Falls es zur Konvertierung kam, wurden den neu Konvertierten der abfällige Beiname „Tschala“ gegeben, was auf Russisch so viel bedeutet wie „zwischen den beiden“. Trotz der Konvertierung wandelte sich das Leben der Betroffenen zum Schlechteren, da die Muslime die Tschalas nicht anerkannten, sie aber ebenso von den Juden abgelehnt wurden. Die Tschalas lebten daher getrennt von ihrer alten Gemeinschaft in speziell für sie reservierten Vierteln um den jüdischen Vierteln.

„Oft erkannten die Juden den Islam an mit dem Ziel, die Steuern für die Praktizierung ihrer Religion zu vermeiden“, erklärt Don Sianov. In Buchara lebten drei Kategorien von Juden: die Cohens, die gutsituierten Juden, die Levis, die Mittelklasse, sowie die Yisrael, die Armen. Die Merheit der Tschalas entstammten der dritten Gruppe.

Die erzwungene Konvertierung zum Islam war daher oft nicht aussagekräftig. Der Sohn des Rabbis weiß, dass vor Pessach die Tschalas zur Synagoge kamen und dort nach Azyma fragten, dem traditionellen Brot dieses Feiertags, um sich anlässlich des Festes wieder als Juden zu fühlen. Als das Emirat von Buchara wiederkam, sind auch die Tschalas in großen Zahlen zum Judentum zurückgekehrt und heute gibt es praktisch keine Tschalas mehr.

Bucharische Juden als Botschafter der zentralasiatischen Kultur

Heute attackiert niemand mehr die jüdische Gemeinde in Buchara. Sie stellt einen integralen Teil der Stadt dar und jeder Reiseleiter berichtet von ihrer komplexen Geschichte und erwähnt den wichtigen Beitrag, den die Juden zur Entwicklung der Kultur und des Handwerks in ganz Zentralasien geleistet haben. Deshalb tragen die bucharischen Juden die Kultur ihrer Region auch weit über die Grenzen Zentralasiens hinaus: seit einigen Jahren findet in New York ein Festival klassischer Musik unter dem Titel “Chachmakoma“ statt. In den USA wurde außerdem eine Tanzschule eröffnet, welche die traditionellen Tänze der Länder Zentralasiens unterrichtet.

Don Sianov erklärt, warum dies in keiner Weise eine Ausnahme darstellt. Die Juden haben ihre Aufgaben über Jahrhunderte erfüllt – waren sie einst die besten Schneider und Ärzte von Buchara, sind sie heute große Kenner der alten Kultur der Region. Und ohne sie wäre Buchara nicht, wie es heute ist: reich, fleißig und sehr geduldig.

Lilia Gaisina


Aus dem Französischen von Luisa Podsadny

 

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