Demonstration Frauentag Almaty

8. März in Almaty: „Frauen gehören in die Politik!“

Zum zweiten Mal in Folge fand in Almaty, im Süden Kasachstans, eine Frauenrechtsdemonstration zum 8. März mit offizieller Genehmigung statt. Mehrere hundert Personen versammelten sich vor der Akademie der Wissenschaften unter dem Motto “Der Platz der Frauen ist in der Politik”. Unsere Reportage. 

Am 8. März haben sich mehrere hundert Menschen in Almaty, im Süden Kasachstans, für einen Protest aus Anlass des internationalen Frauentags versammelt. Im Vorjahr, am 8. März 2021, hatte die Stadt bereits den bislang größten genehmigten Frauenmarsch erlebt. Im Anschluss darauf hofften Feminist:innen darauf, einen weiteren Grundstein für eine Tradition friedlicher Versammlungen in Kasachstan zu legen.

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Dieser Wunsch sollte jedoch nicht in Erfüllung gehen. Das Akimat (das lokale Verwaltung) verbot in diesem Jahr einen feministischen Marsch auf der einzigen dafür vorgesehenen Straße. Der Vorwand: Reparaturarbeiten. Davon ließen sich die Organisator:innen nicht aufhalten: eine einfache Demonstration blieb ihnen gewährt.

Nur 39 Frauen vertreten 9,8 Millionen

Zwei Jahre hintereinander fällt der 8. März in Almaty auf einen kühlen und trüben Tag. Eine halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltung schreitet eine kleine Gruppe von bis zu zehn Menschen unter der Leitung der Mitorganisatorin Mira Ungarova zum verabredeten Treffpunkt am Denkmal des kasachischen Ethnographen Shoqan Ýáalihan vor der Wissenschaftsakademie. Sie skandieren dabei viele Parolen, unter anderem “Der Feminismus rettet Kasachstan!” – auf die Art gelingt ihnen zumindest ein kleiner spontaner Marsch.

Der offizielle Teil der Demonstration beginnt um 14 Uhr mit einer Schweigeminute zum Gedenken an die Opfer der Januar-Ereignisse. Das Motto der diesjährigen Demonstration lautete “Der Platz der Frauen ist in der Politik!”. Die insgesamt 9,8 Millionen Frauen in Kasachstan repräsentieren zwar mehr als die Hälfte der Bevölkerung, seien aber in der Politik deutlich unterrepräsentiert, erläuterte die Menschenrechtsaktivistin Tatiana Chernobil in ihrer Rede. Auf staatlicher Ebene bekleiden in Kasachstan nur 37 Frauen Parlamentsposten, nur jeweils ein Ministerium und eine Regionalverwaltung werden von einer Frau geführt.

Chernobil betont, dass die Lokalverwaltungen in den Städten Nur-Sultan, Petropavl und Aqtóbe feministische Demonstrationen untersagt haben. Die Organisator:innen in Almaty seien ihrerseits einer Zensur ausgesetzt und dürften nicht von der beantragte Tagesordnung abweichen. Dennoch sind unter der Menschenmenge auch einige Teilnehmer mit ukrainischen Fahnen zu sehen. Glücklicherweise verläuft die Demonstration fast ohne Zwischenfälle. Kurz nach dem Beginn wird eine Teilnehmerin ohnmächtig. Die Freiwilligen und die diensthabenden Sanitäter helfen ihr. Insgesamt sind wenig Polizist:innen zu sehen, aber wie so oft bei Demos in Kasachstan gibt es viele Männer im Schwarz – vermutlich Polizisten in Zivil. Sie stehen am Rand und fotografieren die Demonstrierenden heimlich.

Mehr Repräsentanz für alle Frauen

Die Mitorganisatorin Fariza Ospan lenke die Aufmerksamkeit der Menschen auf drei Damen, die weit von der Menge entfernt stehen. Sie halte großen rote Plakate und verlangten die Senkung des Rentenalters für Frauen auf 58 Jahre. Aktuell beträgt das Renteneinstiegsalter 60 Jahre und soll bis 2027 auf 63 Jahre erhöht werden. Eine separate Aktion zu dem Thema vor der Hauptdemonstration hatte das Akimat ihnen laut Ospan untersagt. “Können wir auf eine Rente und ein wohlgenährtes Alter hoffen? Nein! Das Akimat hört sie nicht an, genauso wenig wie uns. Hören wir auf, Männer für uns entscheiden zu lassen!”, unterstützte Ospan die Damen. Sie wagt es auch, “Der Platz der Frau ist in der Revolution!” zu skandieren.

Demonstration Frauentag Almaty Buehne

Tatiana Chernobil (2. v.l.), Fariza Ospan (5. v.l.), Mira Ungarova (4. v.r.), Zhanar Sekerbayeva (3. v.r.), Arina Osinovskaia (1. v.r.). [legend]
Aizere Malaisarova

Ich sehe keine Frau, die mich vertreten würde”, beginnt Zhanar Sekerbayeva ihre Rede. Sie ist Mitanmelderin der Demonstration und eine der Gründerinnen der Initiative “Feminita”, die die queer-feministische Gemeinschaft vertritt. “Frauen lassen andere Frauen wie Lesben, Bisexuelle, Transfrauen, Queer, Frauen mit HIV, Drogensüchtige, Frauen in einer schwierigen ökonomischen Situation, Migrantinnen, Sex-Arbeiterinnen nicht im Stich. Den Männern im Parlament sind Feminismus, Freiheit und Gleichheit fremd. Sie müssen weg!”, fordert Sekerbayeva und ruft die Demonstrantinnen auf, sich politisch zu engagieren.

Der hoffnungsvollste und der traurigste Moment

Ein besonders emotionaler Moment in der Demonstration kommt auf, als die 18-jährige Mitorganisatorin Mira Ungarova ein circa fünf Jahre altes Mädchen auf die Bühne einlädt. Auf dem Poster der kleinen Esenia steht “Ich versäumte meinen Mittagsschlaf, um euch an meine Rechte zu erinnern!”. Die Menge unterstütze das kleine Mädchen laut: “Vielleicht ist sie unsere nächste Präsidentin!”.

Es folgt noch eine Schweigeminute von der “KazFem” Initiative. Die Menge macht einem Trauerzug Platz. Aktivistinnen tragen einen schwarzen Sarg aus Karton mit der Zahl 67 – genauso viele Frauen wurden im Jahr 2021 laut Angaben von “KazFem” von ihren Partnern ermordet. Auf der Seitenfläche stand “Häusliche Gewalt ist ein Problem von nationalem Ausmaß”. Eines der Projekte von “KazFem” ist die Webseite schitaetsya.kz (“Es zählt”), auf der wahren Geschichten von Überlebenden häuslicher Gewalt aufgeführt sind, um das Problem anschaulich darzulegen. “Das ist unsere allgemeine Tragödie, und wir werden dafür kämpfen, bis jede Frau in Sicherheit ist!”, kommentiert die Leiterin des Projekts Veronika Fonova die Aktion.

Lest auch bei Novastan: Kasachstan: Droht nach dem historischen Internationalen Frauentag eine offizielle Gegenreaktion?

Nach einer Pause fängt der zweite Teil der Demo an. Aktivistinnen und Gender-Forscherinnen halten Reden und äußern ihren Unmut zu der aktuellen Lage im Land. Danach singen die Demonstrierenden auf Russisch „L’hymne des femmes“, eine Hymne der französischen und weltweiten feministischen Bewegung. Die Organisatorinnen lesen die Resolution der Demo vor und um 15:30 bitten sie die Menschenmenge, ein großes Friedenszeichen zu bilden. Bei Rauchsignalen in blauen und gelben Farben ruft die Menge “Wir sind für den Frieden!” und “Nein zum Krieg!”.

Kampf für das Demonstrationsrecht

Aktivistinnen beantragten bereits im November 2021 die Abhaltung eines Marsches zum Anlass des 8. März. Nach zwar Wochen kam zunächst eine Absage vonseiten des Akimats: es seien andere Massenveranstaltungen am geplanten Ort der Demonstration geplant, und die und die Schewtschenko-Straße, auf der ein Marsch hätte stattfinden können, sollte repariert werden. Im Februar versuchten Aktivistinnen zum zweiten Mal, eine Genehmigung zu bekommen. Ein Marsch wurde zwar weiterhin nicht erlaubt, die Kundgebung durfte jedoch stattfinden.

Demonstration Frauentag Almaty

„Mehr Frauen in der Politik bedeutet weniger Kriege“ – auf der 8. März Demonstration in Almaty [legend]
Aizere Malaisarova

Somit ist es die zweite genehmigte Aktion zum Frauentag in Almaty, nachdem bereits 2021 ein Marsch stattgefunden hatte. “Im vorigen Jahr war es für das Akimat von Vorteil, den Marsch zu erlauben, um zu zeigen, dass das neue Gesetz zu friedlichen Versammlungen funktioniert”, vermutete Arina Osinowskaia, eine der Mitorganisatorinnen der Demonstration und Aktivistin der Initiative “KazFem” im Interview dem Online-Medium The Village Kazakhstan.

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Laut dem im Mai 2020 verabschiedeten Gesetz müssen Einzelmahnwachen angemeldet und Massendemonstrationen und Aufzüge beantragt werden. In beiden Fällen muss man auf eine positive Rückmeldung des Akimats warten. Protestieren dürfen Einwohner Almaty nur an drei vom Stadtzentrum entfernten Orten, marschieren nur auf einem fünf Kilometer langen Abschnitt der zentral gelegenen Schewtschenko-Straße. Die maximal vorgesehene Teilnehmerzahl ist 1000 Menschen. Menschenrechtler:innen behaupten, das Gesetz entspreche nicht internationalen Standards und verstoße gegen die Grundrechte.

Ist es möglich, nach den Januar-Unruhen zu demonstrieren?

Das Hin- und Her rund um die Frauenrechtsdemonstration könnte auch mit den jüngsten Unruhen im Januar zu tun haben, glauben andere Organisatorinnen. “Wahrscheinlich brachten die Januar-Ereignisse die Staatsbeamte dazu, vorsichtiger zu sein, aber es bedeutet nicht, dass unser Recht auf friedliche Versammlung eingeschränkt werden kann”, so Sekerbayeva. Seit den Unruhen hat das Akimat von Almaty bereits zwei weitere Demonstrationen genehmigt: eine für frische Luft am 26. Februar, zu der mehr als 200 Menschen zusammenkamen, und eine weitere am 6. März gegen den Krieg in der Ukraine, an der etwa 2000 Menschen teilnahmen.

Lest auch bei Novastan: Unser Dossier zu den Ereignissen in Kasachstan im Januar 2022

Wie Osinowskaia erklärte, fand die erste Frauendemonstration in Kasachstan am 18. März 1907 im damaligen Semipalatinsk statt: „Schon 115 Jahre lebt der Feminismus in Kasachstan! Wenn jemand euch sagt, dass es keinen Feminismus in Kasachstan gebe, dass Demos und Märsche nicht Frauensache sei, zeigt ihnen Fotos von allen unseren Demos„, erklärte sie. Dabei ist auch nach 115 Jahren noch eine Genehmigung nötig, um für den Einhalt der Grundrechte von Frauen zu protestieren. Niemand sollte sagen, dass Kasachstan keinen Feminismus braucht.

Aizere Malaisarova
Redakteurin für Novastan.org

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