Coronavirus in Zentralasien: Eine Chance für China?

Im Impfwettlauf in Zentralasien nähert sich China der Nachbarregion weiter an. Zwar begann diese Annäherung bereits vor fast einem Jahrzehnt im Rahmen der „Neuen Seidenstraße“, doch bis heute verlangsamt der Widerstand der Bevölkerung die chinesischen Ambitionen.

Während die Entwicklung von Impfstoffen gegen das Coronavirus strategisch wird, gewinnt auch China in Zentralasien an Einfluss. Wie die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua berichtet, hat Peking Kirgistan am 5. Februar 2021 Dosen seines Impfstoffs Sinopharm angeboten. Usbekistan testet bereits seit November (und noch voraussichtlich bis Mai) einen anderen, vom chinesischen Unternehmen Anhui Zhifei Longcom entwickelten Impfstoff. Laut Radio Ozodlik, dem usbekischen Dienst von Radio Free Europe, soll Taschkent diesen Impfstoff sogar als „Co-Autor” produzieren.

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Diese Impfdiplomatie ist in Zentralasien besonders sensibel, da sie in der Region den Wettbewerbs zwischen Russland und China verschärft. Beide Mächte möchten, dass ihren jeweiligen Impfstoffen der Vorzug gegeben wird. Der russische Impfstoff Sputnik V wurde bereits von den Behörden in Usbekistan, Kasachstan und Kirgistan für Massenimpfungen zugelassen.

Das Rennen um Impfstoffe ist jedoch nicht die einzige Folge der Pandemie. Die wirtschaftliche Lage in einigen zentralasiatischen Ländern verschlechtert sich durch den zurückgehenden Welthandel rapide. Dies gilt insbesondere für Turkmenistan, das im Wesentlichen von seinen Gasexporten, vor allem nach China, abhängig ist. Diese Devisenquelle war stark von der infolge der Pandemie rückläufigen chinesischen Nachfrage betroffen. Die Schwierigkeiten beim Gasexport führt paradoxerweise zu engeren Beziehungen zwischen beiden Ländern, da Aschgabat mehr denn je von chinesischen Importen abhängig ist.

Im Schatten der Neue Seidenstraße

Der neue Gewinn an Einfluss stellt jedoch nur die jüngste Entwicklung dar. Wie die Forscherin Niva Yau in einem Interview mit der französischen Tageszeitung Le Monde beschreibt, gehört es seit langem zu Chinas Strategie, Erze und Energieträger aus den Ländern der Region zu importieren, um den energieintensiven chinesischen Wirtschaftsapparat am Laufen zu halten. Einige zentralasiatische Länder konzentrierten ihre Produktion auf diesen Bereich, um die chinesische Nachfrage – insbesondere nach Gas – zu befriedigen. Ein Beispiel dafür ist Turkmenistan, aber auch Usbekistans Gasexporte sind weitgehend von der chinesischen Nachfrage abhängig.

Mit dem 2013 erfolgten Start des Projekts der Neuen Seidenstraße (offizieller Name One Belt, One Road, Anm. d. Ü.), das China durch den Bau von Eisenbahn- und Straßenverbindungen mit Europa verbinden aber auch die Zusammenarbeit in Eurasien fördern soll, begann China laut Niva Yau daran zu arbeiten,  die Öl- und Gasinfrastruktur in Turkmenistan und Kasachstan auszubauen.

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Dennoch kann die chinesische Strategie nicht nur auf den Bau von Infrastruktur beschränkt werden. 2013 hat China ein Programm gestartet, um industrielles Know-how in die Länder Zentralasiens zu transferieren. Darüber hinaus nutzen einige große Städte in Zentralasien die von Huawei entwickelte Smart Cities-Technologie, mit der die Bevölkerung überwacht wird. So wurden beispielsweise in Tadschikistans Hauptstadt Duschanbe mehr als 800 Kameras installiert.

Wie Eurasianet berichtet, geht China über diesen Wissenstransfer hinaus und öffnet seinen Markt allmählich für die zentralasiatischen Länder. Seit 2019 unterzeichnete Peking zahlreiche Abkommen über bestimmte Pflanzenschutznormen und genehmigt die Einfuhr zahlreicher Lebensmittel. China unterstützt sogar zentralasiatische Unternehmen beim Eintritt in den chinesischen Markt, Maßnahmen wie diese verdeutlichen ein gestiegenes Interesse an der Region.

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Angesichts der ausgestreckten Hand Chinas hat Kasachstans Präsident Qasym-Jomart Toqaev im September 2019 laut The Astana Times eine Verdreifachung der Weizenexporte in das Reich der Mitte versprochen. Sein usbekischer Amtskollege Shavkat Mirziyoyev versprach im September 2020 sogar, die Nahrungsmittelexporte um das Fünffache zu erhöhen.

Eurasianet geht jedoch davon aus, dass trotz der Öffnung des chinesischen Marktes zwei Hindernisse bestehen bleiben werden: China ist einerseits ein äußerst wettbewerbsfähiger Markt. Andererseits müssen die zentralasiatischen Länder ihre Logistiksysteme sowie die Infrastruktur an ihren Grenzen verbessern, um Waren billiger nach China bringen zu können.

Eine umstrittene Präsenz in Zentralasien

Chinas neue Präsenz ist in Zentralasien jedoch bei weitem nicht unumstritten. Vielmehr seien laut Niva Yau vor allem in den letzten zwei Jahren zahlreiche antichinesische Demonstrationen zu verzeichnen.

Insbesondere Kirgistan war Schauplatz einer antichinesischen Stimmung. Dies zeigt unter anderem die im Februar 2020 erfolgte Annullierung eines Projekts zum Bau eines chinesischen Logistikzentrums in der Stadt At-Batschy, über die Le Monde berichtete. Im Februar 2019 hatten mehrere von der nationalistischen Bewegung Kyrk- Tschoro organisierte Demonstrationen die kirgisischen Behörden in Bedrängnis gebracht.

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Sinophobie ist auch in Kasachstan, das mit der Wirtschaftszone Qorģas besonders stark in das Projekt der Neuen Seidenstraße eingebunden ist, ein verbreitetes Phänomen. Derartige Bewegungen stellen Hindernisse für China dar, das umfassende Zusammenarbeit und treue Verbündete benötigt, um sich dauerhaft in Zentralasien etablieren zu können.

Niva Yau merkt an, dass die Menschen in Zentralasien generell gegen chinesische Projekte auf dem Staatsgebiet ihrer Länder sind, da die damit einhergehenden Investitionen zwar den lokalen Regierungen, aber aufgrund einer fehlenden Umverteilung nicht der Bevölkerung zugutekommen. Daher ist es unwahrscheinlich, dass die Zuweisung von Impfstoff diesbezüglich irgendeine Wirkung entfalten wird.

Corentin Goupil, Redakteur für Novastan

Aus dem Französischen von Robin Roth

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