Containerterminal Khorgos

Lagman und Paranoia in Khorgos – Über das Scheitern chinesischer „Soft power“ an der Grenze zu Kasachstan

Kein Ort an der chinesisch-kasachstanischen Grenze verkörpert die „Soft power“ des Reichs der Mitte so deutlich wie die Freihandelszone Khorgos. Doch die jüngsten politischen Wendungen zeigen, dass „Soft power“ nicht zwingend zum Erfolg führen muss. Der folgende Artikel erschien im russischsprachigen Original auf Fergana News. Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Seit dem Start des Programms One Belt, One Road haben KasachInnen – sowohl mit chinesischen als auch mit kasachstanischen Pass – damit begonnen die Grenze zwischen beiden Ländern häufiger zu überqueren. Sie kommen zum Einkaufen, eröffnen Geschäfte und gehen an Universitäten. China verwendet viel Energie darauf, seine grenznahen Gebiete in eine florierende Transitzone und in ein Instrument der eigenen „Soft power“ zu verwandeln. Doch zeitgleich wurden paranoide Sicherheits- und Kontrollmechanismen aktiviert – insbesondere in den letzten Jahren, in denen China die Repressionen in Xinjiang verschärfte. Was geschieht an der Grenze, am Übergang Khorgos? Inwieweit stoßen „Soft power“ und wirtschaftliches Wachstum einerseits und Sicherheitsfragen andererseits aufeinander? Warum erinnert jede Unterdrückung der KasachInnen sofort an die tragischen Episoden an der Grenze im 18. bis 20. Jahrhundert?

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Diesen Fragen ging der amerikanische Geograf Andrew Grant vom Boston College nach. Zwischen 2013  und 2014 sowie im Jahr 2017 arbeitete er an der Grenze und führte außerdem Interviews mit kasachstanischen Studierenden in Lanzhou, sowie mit chinesischen KasachInnen, die in Khorgos und Jarkent Handel betreiben. Die Ergebnisse seiner Beobachtungen werden in dem wissenschaftlichen Artikel Crossing Khorgos: Soft power, security, and suspect loyalties at the Sino-Kazakh boundary zusammengefasst, welcher in der Fachzeitschrift Political Geography erschein.

Terror und Business an der Grenze

Die Hunderte Kilometer Autobahn zwischen Khorgos und der am nähsten an der Grenze  gelegenen Metropole Gulja sind in der Regel mit Autos verstopft: Busse, die ChinesInnen zum Shopping nach Khorgos bringen, Autotransporter, grüne Militärlastwagen, Pick-ups mit müden BäuerInnen. Bereits bei der Anfahrt ist das turbulente Leben der Grenze mit ihren Militär- und Handelsposten bemerkbar – eine Doppelnatur, die es schon immer gab. Genauer gesagt seit der Festlegung der Grenze im 19. Jahrhundert, als das Russische Imperium und das Qing-Reich aus verschiedenen Richtungen kommend das Tal des Ili erreichten. Beide Mächte sorgten sich um die Treue der KasachInnen und UigurInnen in den Grenzgebieten und versuchten den Diebstahl von Vieh und die Flucht der TäterInnen zu den Nachbarn zu verhindern. Nach Abschluss des Ili-Vertrages von 1881 herrschten an der Grenze verhältnismäßig Frieden und Ordnung.

Umstürze und Unruhen sowohl in China als auch in Russland brachten aber in den Jahren 1910 bis 1920 den Geist von Gefahr und Abenteuer zurück in die Ili-Region. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die Ermordung des Kosaken-Atamans Alexander Dutow. Danach wurde die Grenze vom Blut gefärbt: Zehntauende an Hunger und Krankheiten leidende KasachInnen brachen nach China auf, um sich vor der Kollektivierung zu retten und viele fielen den Kugeln der Grenzer zum Opfer. In den Jahren 1940-1960 änderte sich die Situation ins Gegenteil. Bewaffnete Konflikte, die Machtübernahme der KommunistInnen und die brutale Kollektivierung im maoistischen China machten die UdSSR zu einem attraktiveren Gebiet für die KasachInnen. Allein im Jahr 1962 überquerten mehr als 60.000 Menschen die Grenze. Um seine Bevölkerung nicht zu verlieren, schloss China nicht nur die Grenze, sondern errichtete dort auch hunderte militarisierte Bauernhöfe – als Puffer und Mittel zur Überwachung.

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Erst 1987 wurde der Grenzübergang in Khorgos geöffnet. In den 90er Jahren entwickelte er sich schnell zum wichtigsten Übergangspunkt für kasachische „Shuttles“. Heute läuft der Großteil des Kraftverkehrs zwischen Almaty und Ürümqi über Khorgos. Das gelockerte Grenzregime veränderte das Leben der KasachInnen beiderseits der Grenze deutlich.

An der Straße nach Khorgos lernte der Geograf Andrew Grant zum Beispiel Marat (26 Jahre) kennen. Der chinesische Kasache arbeitet als Übersetzer in einer russischen Firma, die Autos aus dem Reich der Mitte importiert. Marat ist gebürtig aus Gulja, seine Mutter stammt aus dem Kasachischen Autonomen Bezirk, unweit von Ürümqi. Die Familie von Marat lebt an drei verschiedenen Adressen – in Almaty, Ürümqi und Gulja. Er hat einen chinesischen Pass und eine kasachstanische Aufenthaltsgenehmigung, aber er betrachtet sich als Chinese und hebt dies hervor. Sein Bruder ist hingegen kasachstanischer Staatsangehöriger. In Jarkent setzt sich Marat per WeChat mit seinem Freund Ershat in Verbindung – der wurde in China geboren, lebt aber seit 10 Jahren in Kasachstan, hat in einer Raffinerie in Shymkent gearbeitet und dann die glamourösere und lukrativere Arbeit als Reiseleiter vorgezogen (Er führt die vielen chinesischen TouristInnen zu den Petroglyphen und anderen Sehenswürdigkeiten in der Ili-Region). Diese jungen KasachInnen profitieren genauso wie die chinesischen TouristInnen in den Einkaufszentren von Khorgos und Jarkent von der neuen Freiheit an der Grenze.

„Soft power“ am Ziel vorbei

Der Grund für diese Freiheit ist nicht etwa in einem Liberalismus der chinesischen Staatsführung zu suchen, sondern steht in Zusammenhang mit einer bewussten Politik der „Soft power“. Die wirtschaftliche und politische Integration von Grenzgebieten wie Xinjiang oder Yunnan beinhaltet Kapitalanlagen, die Entwicklung von Verkehrsrouten und kommerziellen Verbindungen. Die Städte mit ihren Wolkenkratzern, Einkaufszentren und eleganten Straßen sind die greifbare Verkörperung des „chinesischen Wegs“. Die KasachInnen können vergleichen, was sie beiderseits der Grenze sehen, so funktioniert „Soft power“. In Jarkent lernte der amerikanische Forscher Grant Aidar kennen, dem  Kasachstan überhaupt nicht gefällt (auch wenn Bildung dort günstiger ist). „In 25 Jahren Unabhängigkeit haben sie nichts zustande gebracht“, sagt Aidar und vergleicht die bescheidenen Silhouetten der Städte und Dörfer im Umland von Almaty mit dem rasanten Wachstum in Khorgos.

Khorgos lockt nicht nur mit einer Vorzugsbehandlung für private Firmen, sondern vor allem mit dem riesigen Ausmaß des internationalen Zentrums für grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Diese Freihandelszone mit zahlreichen Geschäften und einem monumentalen Kulturzentrum, das China und Zentralasien „vereint“, befindet sich sowohl auf dem chinesischen (3,43 Quadratkilometer) als auch auf dem Kasachischen Territorium (1,85 Quadratkilometer). Allein 2017 besuchten 4,65 Millionen Menschen das Zentrum – vor allem dank der Visafreiheit für BürgerInnen beider Länder. Das Kulturzentrum (genauer gesagt das Zentrum für kulturellen Austausch) mit Inschriften in drei Sprachen bewirbt unauffällig Chinas Errungenschaften.

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„Soft power“, die den schwindelerregenden technischen und wirtschaftlichen Fortschritt Chinas demonstrieren soll, stellen auch die „Seidenstraßen“-Stipendien dar, die die kostenlose Ausbildung kasachstanischer Studierender an der Universität Lanzhou ermöglichen. Allein im Jahr 2016 kamen 14 000 Studenten nach China – mehr als im (kasachstanischen staatlichen Stipendienprogramm, Anm. d. Ü.) „Bolashak“. Dennoch stellt Grant die Wirksamkeit der „Soft power“ infrage. Die Studierenden äußern sich sehr kritisch über China und insbesondere Lanzhou, schimpfen über Kriminalität, den allgegenwärtigen Dreck und die geringe Qualität des Lagmans und des lokalen Essens allgemein. Sie meinen, dass Almaty und Nur-Sultan auch völlig moderne und technisierte Städte seien, aber ohne den Schmutz und die Staus chinesischer Metropolen. Außerdem meinen die Studierenden, dass der Islam in China „unrein“ und mit daoistisch-buddhistischen Praktiken verwässert sei – zum Beispiel mit dem Verbrennen von Weihrauch-Stäbchen an den Gräbern der Heiligen.

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Aber auch das Gegenteil ist Teil der Wahrheit: Die chinesischen KasachInnen genießen alle Vorteile des Repatriierungsprogramms, werden eingebürgert oder erhalten eine Aufenthaltserlaubnis, aber dennoch sehen sie Kasachstan oft kritisch. So schimpft zum Beispiel der oben erwähnte Aidar über die Dominanz der russischen Sprache, die er lernen musste. Viele Gesprächspartner von Grant – KasachInnen aus dem Reich der Mitte – versicherten ihm einstimmig, dass chinesischer Lagman schmackhafter und die kasachische Sprache in China reiner sei.

„Sicherheit“ und eine erneut verschlossene Grenze

Doch dieses Gemotze hinderte die BürgerInnen beider Staaten nicht daran, die Vorteile der offenen Grenzen und der rasant wachsenden Wirtschaft zu nutzen – bis vor kurzem. Seit 2016 hat China in Xinjiang den Kampf gegen den „Radikalismus“ verstärkt, der besonders mit muslimischen Minderheiten assoziiert wird, wie den UigurInnen und in geringerem Maße den KasachInnen. Es wird eine Politik der „Umerziehung“ verfolgt, in Städten wurden Tausende von Sicherheitsposten und Kameras aufgestellt. Diese Sicherheitspolitik hat auch die grenzüberschreitenden Beziehungen beeinflusst: Dutzende KasachInnen, darunter auch Staatsangehörige Kasachstans, werden für lange Zeit festgehalten, was dem Image Chinas bereits geschadet hat.

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In dieser Situation haben Studierende aus Grants Bekanntenkreis bereits die Entscheidung getroffen nicht weiter in China zu studieren. Auch Geschäftsleute befinden sich in einer schwierigen Situation: Káýsar, die Küchengeräte nach Kasachstan importiert, fürchtet weniger um sich selbst (an der Grenze werden selten KasachInnen aus Kasachstan festgehalten), als dass negative Beziehungen zu China sich auf den Verkauf auswirken könnten. Ihr WhatsApp ist voll von Warnungen vor Festnahmen an der Grenze, aber sie weiß nicht, welchen sie trauen soll und welchen nicht. Ihr Plan, den ständigen Wohnsitz nach China zu verlegen, ist bedroht. Die Erinnerung an das harte Grenzregime der 1960-80er Jahre sind noch lebendig und die langjährigen Investitionen in „Soft power“ und das Geschäftsleben von Khorgos laufen Gefahr sinnlos zu werden.

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Die neue Materialisierung, die „Verdichtung“ der Grenze, kann nach Meinung des Wissenschaftlers die Attraktivität des Projekts „One Belt, One Road“ zerstören. Wer die Grenze regelmäßig überquert, wird nicht mehr als Gast, Kapitalquelle und „Antreiber“ der wirtschaftlichen Entwicklung wahrgenommen, sondern als ausländischer Agent und potenzieller Terrorist. „Durch die Einschränkung der Mobilität und die Unterdrückung der Bevölkerung können die Grenzen die Spannungen aufblähen, die sie eigentlich zu beseitigen versuchen“, betont Grant. Paranoia ist mit Wirtschaftswachstum schlecht vereinbar.

Artjom Kosmarskij für Fergana News

Aus dem Russischen von Robin Roth

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