Ürümqi

Uigurische Region: Schriftsteller Perhat Tursun veröffentlicht Roman aus der Haft

Zwischen Kommunismus nach chinesischem Vorbild und grassierendem Islamismus hat die westlich geprägte Prosa des uigurischen Schriftstellers Perhat Tursun ihn nicht vor einem sogenannten Umerziehungslager bewahrt. Sein amerikanischer Übersetzer veröffentlicht „The Backstreets“, einen originellen Roman mit universeller Relevanz. Rückblick auf einen einzigartigen Lebensweg, der mit dem tragischen Schicksal Xinjiangs verbunden ist.

Ein Uigure irrt auf der Suche nach einer unwahrscheinlichen Mietwohnung durch die Straßen von Ürümqi, die von einem Nebel aus verschmutzter Luft überzogen sind. Er ist besessen von Zahlen und ihrer Interpretation, von Gerüchen, die ihn an seine Kindheit erinnern, oder von den Frauen in der Hauptstadt der Uigurischen Autonomen Region Xinjiang im Nordwesten Chinas.

In dieser Szenerie entwickelt sich der Roman The Backstreets, der in englischer Übersetzung im September 2022 erscheinen soll und den Novastan einsehen konnte. Dort beschreibt Perhat Tursun, ein uigurischer Autor, der heute in chinesischen Umerziehungslagern inhaftiert ist, den Alltag dieses namenlosen uigurischen Mannes. „The Backstreets“ scheint einerseits von Franz Kafka und seinem zermürbenden Verwaltungslabyrinth beeinflusst zu sein, andererseits von Albert Camus, in der Absurdität und Irrationalität seiner Situation.

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Der uigurische Ich-Erzähler wird von Fremden, die er nach dem Weg fragt, systematisch ignoriert oder abgewiesen. Sein kleiner Bürojob bringt ihm nur das Misstrauen und die Ausgrenzung seiner Kollegen. Der bescheidene Wachmann an seinem Arbeitsplatz, der perfekt Mandarin spricht, wird sicherlich mehr beachtet.

„Ich kenne niemanden in dieser seltsamen Stadt“

Ich kenne niemanden in dieser seltsamen Stadt, es ist mir unmöglich, mit jemandem befreundet oder befeindet zu sein“. Dieser Satz, der im Laufe des Buches neunmal wiederholt wird, gibt den Ton an: ein Gefühl der Entmenschlichung, der Isolation, des Verlorenseins in einer Stadt, die einst die Hauptstadt der Uiguren war und heute eine Metropole der Han ist, der ethnischen Mehrheit Chinas.

Oder ist das nur die politische Interpretation eines einfachen Romans? Perhat Tursun, der von der Zeitschrift Foreign Policy als der „chinesische Salman Rushdie“ beschrieben wird, scheint dafür empfänglich zu sein. „Milan Kundera beschreibt menschliche Erfahrungen, aber aufgrund der Umstände können seine Fiktionen auf eine politische Weise gelesen werden“, schreibt der uigurische Autor in der Einleitung zu „The Backstreets“.

Obwohl es nicht eindeutlig zum Ausdruck gebracht wird, scheint der Roman tatsächlich auf die innere Kolonisierung Xinjiangs unter dem Deckmantel der wirtschaftlichen Entwicklung anzuspielen. Akteure und Nutznießer sind dabei die frisch eingewanderten Han mit ihrer Sprache und Kultur, deren Zahl zwischen 2011 und 2021 um 25 Prozent gestiegen ist, wie die chinesische South China Morning Post beschreibt. Die Zahl der Uiguren sei im selben Zeitraum um 16 Prozent gewachsen.

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Die Uiguren seien wie Fremde in ihrem eigenen Land, wie der amerikanische Politikwissenschaftler Gardner Bovingdon bereits 2010 beschrieb. Im schlimmsten Fall seien sie als Außenseiter wahrgenommen, die mit ihrer rückständigen Kultur das Wachstum bremsen. Bestenfalls seien sie Schatten, die man zu tolerieren versucht, während man ihnen klarmacht, dass sie nie den Anforderungen genügen werden, wie der Antiheld des Romans in der chinesischen Verwaltung. Ein anonymer Uigure, der zusammen mit Darren Byler an der Übersetzung von „The Backstreets“ mitgewirkt hat, sagt in der Einleitung des Buches, er habe „das Gefühl, dass dieses Buch für mich geschrieben wurde“.

Die westliche Orientierung von Perhat Tursun

Die Veröffentlichung von „The Backstreets“ ist nicht zuletzt aufgrund der Persönlichkeit des Autors ein wichtiges literarisches Ereignis. Tursun entdeckte Anfang der 1980er Jahre in einer der wenigen Sammlungen, die in uigurischer Sprache erhältlich waren, Auszüge westlicher Literatur. Es war die Zeit der Öffnung und Liberalisierung des Landes, zwischen dem Tod Mao Zedongs und der Unterdrückung nach dem Tian’anmen-Massaker. Um Zugang zu diesen ins Mandarin übersetzten Werken zu erhalten, studierte er zunächst Mandarin an der Nationaluniversität in Beijing.

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Diese erste Welle uigurischer Studiereder, von denen das Regime hofft, sie zu sinisieren und für sich zu gewinnen, ist schockiert von der Mauer des Unverständnisses, die ihnen von den Han entgegengesetzt wird. „Fünf von ihnen erlitten einen Nervenzusammenbruch“, erzählt Tursun seinem Übersetzer Darren Byler, wie in der Einleitung von „The Backstreets“ beschrieben wird. Er begeistert sich für Schopenhauer, Faulkner, Joyce und Freud, aber auch für Kafka und Camus. „Ich hatte den Eindruck, dass Schopenhauers Sprache Chinesisch war“, erinnert sich Tursun in der Einleitung zum Roman.

Die Kunst des Selbstmords

Als der verwestlichte Perhat Tursun 1989 nach Ürümqi zurückkehrte, fand er sich ganz selbstverständlich im Mikrokosmos der prominenten uigurischen Intellektuellen wieder. Er begann, Gedichte, Kurzgeschichten und 1999 einen Roman zu veröffentlichen: „Die Kunst des Selbstmords“. Der Roman, der zu den 100 wichtigsten Werken der uigurischen Literatur gezählt wurde, löste einen allgemeinen Aufschrei aus. Ein Gegner von Tursun, der sehr konservative Yalqun Rozi, beschuldigte ihn, ein Feind des Islams und sogar ein Christ zu sein.

Von seinem Umkreis als Ketzer bezeichnet und mit dem Tod bedroht, wurde Tursun mit einem Publikationsverbot belegt und hielt sich bedeckt. „Die Leute haben mir gesagt, dass ich bei einem Autounfall oder von den Taliban getötet werden würde. Ich habe den Propheten nicht gedemütigt, aber ich kann kein einziges Wort veröffentlichen, um mich zu verteidigen“, erklärte Tursun 2015 gegenüber Foreign Policy. Sein Gegner Yalqun Rozi, der den Verfechter westlichen Denkens an den Rand gedrängt hat, genießt seinerseits die Gunst der Behörden und setzt seinen Aufstieg als Verteidiger uigurischer Traditionen fort.

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Die Gewalt dieses Literaturskandals spiegelt die sozialen Veränderungen in Xinjiang [fr] wider. Die Liberalisierung der 1980er Jahre, die Kontakte mit der muslimischen Welt ermöglichte, führte schnell zu einer Bekräftigung der religiösen Identität. Die uigurische Gesellschaft, in ihrer Existenz bedroht durch den wirtschaftlichen Aufschwung, die Einwanderung und den Einfluss der Han, verkrampfte sich um ihre traditionellen Werte. Sie polarisierte sich zwischen zwei vermeintlichen Lagern: Entweder pro Uiguren, also gläubige Muslime, oder pro Han, also Befürworter des offiziellen Atheismus, die Mandarin lernen, um am Wohlstand und an der Macht teilzuhaben. Diese Situation erlaubt keine intellektuelle Debatte mehr, keinen Raum für einen liberalen Geist wie Tursun.

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Auf ethnische Unruhen folgten islamistische Anschläge, die immer brutaler unterdrückt wurden, und dann, ab 2016, die Masseninternierungen. Der Ende 2017 „verschwundene“ Perhat Tursun gesellt sich zu seinem alten Widersacher Yalqun Rozi [fr], der ebenfalls mit vielen anderen Intellektuellen aller Prägungen deportiert wurde. Darren Byler drückt es im Vorwort zu „The Backstreets“ so aus: „Es ist klar, dass die Umerziehungslager gezielt auf Uiguren mit sozialem und kulturellem Einfluss ausgerichtet waren“.

Perhat Tursun, der im Januar 2018 festgenommen wurde, wurde laut des uigurischen Zweigs von PEN International, einer Organisation, die sich für die Meinungsfreiheit einsetzt, im Februar 2020 zu 16 Jahren Haft verurteilt. Über seinen aktuellen Gesundheitszustand ist nichts bekannt. Im Jahr 2036, am Ende seiner Haftstrafe, wird Perhat Tursun 67 Jahre alt sein.

Stéphane Duperray
Redakteur für Novastan

Aus dem Französischen von Florian Coppenrath

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