‚Stihia‘ – Wie stehen die Einheimischen zu dem Elektrofestival auf dem Grund des Aralsees?

Bereits zum vierten Mal hat Anfang Mai das ‚Stihia‘, ein Festival für elektronische Musik, auf dem Grund des ausgetrockneten Aralsees stattgefunden. Doch wie erleben die Anwohner:innen das Event? Reporterinnen von Hook haben sich in dem Ort Moʻynoq umgehört. Wir übersetzen den Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Die Kleinstadt Moʻynoq war nun zum vierten Mal Austragungsort des Elektro-Festivals ‚Stihia‘ (russ.: Element, Urgewalt). Die Mission der Organisator:innen ist es, so viele Menschen wie möglich für das Problem des Aralsees zu gewinnen und zur nachhaltigen Entwicklung von Moʻynoq beizutragen. In diesem Jahr hat das Festival vom 6. bis 8. Mai stattgefunden und mehr als 1.500 Gäste angezogen. DJs aus Usbekistan (insbesondere aus Karakalpakistan), Kasachstan, Kirgistan, Georgien, Russland, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Indien sind aufgetreten. Neben Musik hat das Festival Vorträge zum Thema Ökologie, Workshops mit lokalen Künstler:innen sowie eine Ausstellung zeitgenössischer karakalpakischer Kunst angeboten.

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Unsere Autorinnen aus Nukus helfen zu verstehen, wie die Bewohner:innen Karakalpakstans das ‚Stihia‘ sehen und ob sie ein solches Festival überhaupt brauchen. Gulnara Zholdasbayeva spricht darüber, warum elektronische Musik den Karakalpak:innen nicht fremd ist, wie das Festival der Stadt hilft und warum einige Einheimische mit dieser Veranstaltung unzufrieden sind. Und Gulban Abatbayeva half dabei, die Meinungen der Einwohner:innen von Moʻynoq zum ‚Stihia‘ zu sammeln.

Betrunkene und halbnackte Tourist:innen verärgern Einheimische

Einige Anwohner:innen lehnen die Durchführung des Festivals kategorisch ab und erklären, es handele sich um eine fremde Kultur, die „nicht unserer Mentalität entspricht“. So wurde in einer karakalpakischen Facebook-Gruppe ein Post veröffentlicht, in dem es hieß, solche „Orgien-Discos“ seien eher eine Naturkatastrophe und sollten nicht an Wallfahrtsorten stattfinden. Der Schiffsfriedhof und die Stele „Gefallener Stern“ seien ein Ort der Trauer und der Erinnerung des karakalpakischen Volkes.

Der Hauptgrund für die Unzufriedenheit der Einheimischen ist, dass sich letztes Jahr einige Tourist:innen nicht ganz ethisch verhalten haben sollen, was in der gesamten lokalen Öffentlichkeit diskutiert wurde. Kritiker:innen wollen, dass Regeln aufgestellt werden, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Für viele ist der Zweck des Festes nicht ganz klar: Wie soll dieses Ereignis die Tragödie des Aralsees lösen?

„Der Gebrauch verschiedener schädlicher Substanzen, freizügige Kleidung, uns fremd erscheinende Frisuren – all das ist unangenehm. Die Touristen betrinken sich und wüten. Sie verteilen ihren Müll überall, und deshalb verstehen unsere Leute das ‚Stihia‘ nicht“, sagt einer der Einheimischen.

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Allerdings ist der Alkoholkonsum nicht ausschließlich eine Sache ausländischer Gäste. In einem kleinen Restaurant neben dem Campingplatz treffen sich die Einheimische jeden Abend (und manchmal sogar am Tag) und entspannen sich bei Bier, Wodka und verschiedener Musik.

Die in Usbekistan bekannte karakalpakische Wodka-Marke ‚Karatau‘ erfreut sich auch bei den Tourist:innen einiger Beliebheit. ‚Karatau‘ ist Gegenstand von faszinierenden Geschichten, zahlreichen Memes und Aufklebern geworden. In der ‚Stihia‘-Telegrammgruppe suchen ausländische Besucher:innen jetzt aktiv nach Wodka-Lieferanten in ihren Städten und tauschen Tipps aus, wie man das Original von Selbstgebranntem unterscheidet.

„Lebensmittelabfälle und Müll, den die Tourist:innen überall hinterlassen, belasten die Umwelt und stören das natürliche Gleichgewicht. Die ältere Generation von Moʻynoq steht dem Festival ablehnend gegenüber. Frisuren und Kleidung der Tourist:innen entsprechen nicht unserer Mentalität, und die Leute denken, dass dies die Spiritualität der jüngeren Generation negativ beeinflussen kann“, sagt Temur Eshanov, ein junger Einwohner von Moʻynoq.

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Obwohl die Organisator:innen des Festivals betonen, dass das Hauptziel die Entwicklung der Region sei und sie dazu aufrufen, der Wüste mit Respekt zu begegnen und auf Müll zu verzichten, haben leider viele Menschen diesen Punkt unbeachtet gelassen. Während im Vorjahr das Projekt Hashar Week im Rahmen des ‚Stihia‘ funktionierte, Müllsortierbehälter auf dem Gelände des Zeltlagers aufgestellt wurden und Freiwillige die Reinigung organisierten, war es dieses Jahr anders. Es gab zwar Gäste, die bewusst mit ihrem Müll umgingen und sogar fremden Müll einsammelten, aber zur gleichen Zeit wurden Flaschen, Tüten und Zigarettenstummel während des Festivals verstreut, und viele räumten nicht einmal ihr Plastikgeschirr weg. Die Situation verschärfte sich besonders abends, als die Party begann.

Im vergangenen Jahr wurde auch darauf aufmerksam gemacht, dass das ‚Stihia‘ trotz der Positionierung eher ein Treff für Ausländer:innen und Besucher:innen aus anderen Städten Usbekistans sei. Anwohner:innen standen hinter dem Zaun und durften weder in das Lager des Festivals noch zur Bühne. Aus diesem Grund gab es das Gefühl, dass die Einwohner:innen von Moʻynoq absichtlich von der Veranstaltung ferngehalten wurden.

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Tatsächlich war das Festival aber in den vergangenen Jahren kostenlos. Man musste sich nur auf der Website registrieren und erhielt dann einen QR-Code, mit dem man vor Ort ein Armband als Einlass erhielt. Jeder konnte sich anmelden. Allerdings wussten viele Anwohner:innen einfach nichts von dem bevorstehenden Festival – entweder informierten die Stadtverwaltung und die lokalen Medien unzureichend über das Festival, oder die Organisator:innen dachten nicht daran, Werbung in den populären karakalpakischen Medien zu schalten.

Obwohl in diesem Jahr die Teilnahme am Festival nicht kostenlos war, war eine große Anzahl Karakalpak:innen anwesend. Und die Organisator:innen machten eine der Bühnen für die Bürger:innen zugänglich, die keine Armbänder hatten.

Wie das ‚Stihia‘ der Region hilft

Für uns Einwohner:innen von Karakalpakstan ist die Aralsee-Tragödie ein Teil des Lebens geworden, und daher scheint es uns, dass der ausgetrocknete riesige See auf der ganzen Welt bekannt ist. Aber wir verstehen, dass dies nicht der Fall ist. Und dank des Festivals besuchen jedes Jahr mehr junge Menschen Moʻynoq und können aus eigener Erfahrung die Lebensbedingungen in der Aralkum – der Wüste, die sich auf dem Grund des austrocknenden Aralsees bildet – erleben.

„Menschen aus dem Ausland kommen, um den Aralsee zu sehen. Sie interessieren sich sehr für den aktuellen Zustand des Sees, der Wüste, der wirtschaftlichen Situation und der Lebensweise der hier lebenden Menschen. Am 7. und 8. Mai wurden Seminare organisiert, bei denen junge Erfinder:innen verschiedene Start-ups vorstellten, die darauf abzielen, die dringenden Probleme des Lebens in der Aralsee-Region zu lösen“, erzählt Muldir Maratova aus Karakalpakstan. Ein ähnliches Programm mit Diskussionen, Workshops und Präsentationen von Startups fand bereits 2021 statt.

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Andererseits tragen Tourist:innen, die Moʻynoq und andere Städte Karakalpakstans besuchen, zum wirtschaftlichen Wachstum in der Region bei. „Tourist:innen aus verschiedenen Ländern der Welt, die zum ‚Stihia‘-Festival kommen, leisten einen großen Beitrag zur Entwicklung des Tourismus in unserer Republik“, sagt Temur Eshanov. „Zum Beispiel zahlten sie 100.000 bis 300.000 Som [circa 8,50 bis 25 Euro, Anm. d. Ü.] für die Übernachtung in den Häusern der Anwohner:innen. Sie kauften große Mengen in lokalen Geschäften ein, sie nutzten die Dienste von Taxifahrer:innen und Angestellten von Hotels und Herbergen. Dies verbessert natürlich die finanzielle Situation in Moʻynoq in gewissem Maße. Für die Tourist:innen blieb unser Regionalmuseum rund um die Uhr geöffnet. Das Festival ist nicht nur für Menschen aus dem Ausland, sondern auch für die lokale Bevölkerung zu einem guten Kultur-Urlaub geworden. Und moderne Musik aus dem Ausland wird von den jungen Leuten gemocht.“

Im Übrigen hat sich die elektronische Musik in Karakalpakstans Hauptstadt Nukus bereits vor dem ‚Stihia‘ gut entwickelt. Das Genre ist bei jungen Leuten sehr beliebt, und bei vielen Hochzeiten werden statt Sänger:innen lokale DJs gebucht. Zu den Top DJs aus Nukus zählen DJ Chars, Renatulin, T-Shunk, Shax. T-Shunk wirkt schon lange in Taschkent und trat dieses Jahr auch bei Stihia auf.

„Eine weiterer Vorteil des ‚Stihia‘ ist, dass man die Besucher:innen mit den Bräuchen, der Kultur und der Kunst der Karakalpak:innen und Usbek:innen vertraut machen kann“, meint Moldir Maratova. „In diesem Jahr kamen zwei-dreimal mehr Tourist:innen als in der Vergangenheit. Dies ist ein Beweis dafür, dass das touristische Potenzial nicht nur in Moʻynoq, sondern in ganz Usbekistan wächst. Wir haben festgestellt, dass 70-80 Prozent der Ausländer:innen, die zum Festival kamen, Hüte und Kleidung mit nationalen karakalpakischen Mustern und usbekischem Atlas trugen. Ich denke, dies ist eine weitere gute Möglichkeit, unser Volk der Welt vorzustellen.“

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Odyl Muhamedov, einer der Organisator:innen des Festivals, sagt, dass die schwierigsten Momente der Organisation in der Gewährung der Sicherheit und in den Wetterbedingungen lagen. Am Eröffnungstag regnete es in Strömen, weshalb einige Auftritte verschoben und die Veranstaltung vorzeitig beendet werden musste, damit die Ausrüstung nicht nass wurde.

Doch trotz der schwierigen Bedingungen wollen die Organisator:innen die Tradition des Festivals in Moʻynoq fortsetzen. Sie sind erfreut zu sehen, wie sich die Stadt jedes Jahr verändert, und die Einheimischen bereiten sich auf das Ereignis vor. Odil bewundert insbesodere die starken karakalpakischen Frauen mit ihrem Unternehmerinnengeist.

Nurjamal, der als Führer im Savitsky-Museum arbeitet, glaubt auch, dass Stihia eine großartige Möglichkeit ist, den Tourismus in der Region zu entwickeln: „Während das Savitsky-Museum der größte Tourist:innen-Magnet als Ort ist, so ist das Festival die beliebteste Veranstaltung geworden. Leider war Karakalpakstan seit Sowjetzeiten für Menschen aus dem Ausland gesperrt, und das Problem des Aralsees selbst war außerhalb Zentralasiens nicht bekannt.

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Ich denke, dass ein solches Festival eine gute Gelegenheit für die Menschen in Moʻynoq ist. Dank der Anziehungskraft für Tourist:innen aus aller Welt könnte es sogar zu einem zweiten Las Vegas werden. Die Entwicklung des Tourismus ist gut für das Geschäft und dementsprechend für das Wirtschaftswachstum. Deshalb denke ich, dass unsere Leute einfach toleranter gegenüber einer fremden Kultur sein sollten. Man kann sie besser kennenlernen, muss sie aber nicht annehmen. Bald werden sie sich daran gewöhnen und auf etwas Ungewöhnliches nicht mehr besonders reagieren. Von solchen Events muss es einfach mehr geben.

Mir gefällt auch nicht alles. Um ehrlich zu sein, war ich sauer, dass sie den Leuchtturm bemalt haben. Und unter der lokalen Bevölkerung möchte ich keine halbnackten Menschen mit grünen Haaren sehen. Ansonsten unterstütze ich die Idee, Festivals und kreative Selbstdarstellung zu veranstalten.“

Die meisten Jugendlichen in Karakalpakstan und insbesondere in Moʻynoq sind begeistert von dem Festival. Sie schlagen vor, mehr solcher Veranstaltungen abzuhalten und die Geographie zu erweitern. Dank des Festivals ist Moʻynoq zu einem Ort geworden, an dem Menschen aus verschiedenen Ländern zusammenkommen und ihre Energie, Kultur und Positivität teilen.

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„Das ‚Stihia‘ wird benötigt. Es ist für uns nützlich, wenn Menschen aus dem Ausland kommen. Schließlich muss man sich entwickeln. Alle Überreste der Vergangenheit verschwinden, auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen. Bei allem Gerede von Scham und Widersprüchlichkeit mit unserer Mentalität verschwindet nach und nach vieles. Ich denke, es ist nicht nötig, auf die alte Art und Weise zu denken“, meint Alpamis Muratbayev, Student am Institut für Tourismus.

Alles in allem kann man sagen, dass das ‚Stihia‘ unter den Einwohner:innen von Karakalpakstan sowohl Fans als auch Gegner:innen hat. Doch trotz der Tatsache, dass die Veranstaltung für die lokale Bevölkerung ungewöhnlich bleibt, versucht die Mehrheit, davon zu profitieren. Und es wäre gut, wenn die lokale Bevölkerung stärker in das Festival eingebunden werden würde und ihre Kultur in einem Format präsentieren könnte, das für junge Menschen relevant und interessant ist.

Gulnara Zholdasbayeva und Gulban Abatbayeva für Hook

Aus dem Russischen von Robin Roth

mit Fotos von Jana Luisa Aufderheide

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Hat Politologie und Slavistik in Göttingen und Torun studiert und war von November 2015 bis Juni 2017 Sprachassistent des Goethe-Instituts Kasachstan mit dem Einsatzort Karaganda. Derzeit arbeitet er als DAAD-Lektor in Ufa, Russland.

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