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Von Usbekistan an den Rhein: Dirigent Aziz Shohakimov im Interview

Der aus Usbekistan stammende Aziz Shohakimov dirigiert seit 2021 das Philharmonische Orchester in Straßburg. Mit 38 hat der von der französischen Musik begeisterte Konzertmeister einen Weg ohne Umwege geschafft. Ein Gespräch.

Aziz Shohakimov dirigiert das Philharmonische Orchester Straßbourg seit 2021. Foto: Offizielle Seite des Philharmonischen Orchesters Straßbourg

Der aus Usbekistan stammende Aziz Shohakimov dirigiert seit 2021 das Philharmonische Orchester in Straßburg. Mit 38 hat der von der französischen Musik begeisterte Konzertmeister einen Weg ohne Umwege geschafft. Ein Gespräch.

Seit September 2021 ist Aziz Shohakimov in Straßburg Musik- und Künstlerischer Leiter der Straßburger Philharmonie. Zu seinen Aufgaben gehört die enge Zusammenarbeit mit der Opéra national du Rhin, wo das Orchester regelmäßig in Opernaufführungen auftritt. Shohakimov ist schon länger bestens mit dem Straßburger Orchester vertraut, da er es ab 2014 als Gastdirigent dirigierte, bevor er die Leitung komplett übernahm.

Der in Usbekistan geborene und in der Hauptstadt Taschkent ausgebildete Aziz Shohakimov wählte das Dirigieren nicht bewusst, sondern ist damit aufgewachsen. Bereits mit elf Jahren lernte er im Kinder- und später im Schulorchester sein Handwerk durch praktisches Spielen: Manchmal kompensierte er den Mangel an Instrumenten, indem er selbst Stimmen übernahm. Diese frühe Begabung förderte eine tiefe Verbundenheit mit dem Kollektiv, dem Orchester als lebendigem Organismus, der auf Zuhören, Disziplin und Vertrauen basiert.

Shohakimov bewundert die deutsch-französische Verschmelzung Straßburgs und seine Anwesenheit wurde fester Bestandteil der großen öffentlichen Veranstaltungen des Orchesters. Zu den Silvester- und Neujahrskonzerten 2026 lockte das Straßburger Philharmonische Orchester über 3.800 Zuschauende in den ausverkauften Erasmussaal zum Programm „Florilège lyrique“ [„Lyrische Blütenlese“, d. h. Auswahl musikalischer Werke, Anm. d. Übers.]. Unter der Leitung von Aziz Shohakimov präsentierte der Abend zwei internationale Stars: die usbekischen Sopranistin Barno Ismatullaeva und dem Tenor René Barbera. Auch der Auftritt des Chors der Opéra national du Rhin sorgte für eine festliche Atmosphäre und ihm wurde kräftig applaudiert.

Neben seiner Präsenz in Straßburg ist Aziz Shohakimov in der Dokumentation O’zbekistonlik zu sehen, die vom Uzbekistan’s Club produziert wurde. Die Folge mit ihm (zu sehen auf YouTube mit englischen Untertiteln) ist Teil einer Reihe, die Persönlichkeiten aus Usbekistan vorstellt, die trotz Hindernissen höchste Positionen erreicht haben. Dies ist eine Möglichkeit, konkrete Vorbilder zu präsentieren und international ein positives Bild des Landes zu vermitteln. Aziz Shohakimov, der in Frankreich lebt, bezeichnet sich selbst mitunter als „informellen Kulturbotschafter“, jemand, der durch Begegnungen Menschen dazu inspiriert, Zentralasien in einem neuen Licht zu sehen.

Novastan: Zum Einstieg: Bitten stellen Sie sich kurz vor und schildern Sie die wichtigsten Meilensteine, die entscheidenden Momente, die Ihren künstlerischen und beruflichen Werdegang geprägt haben

Aziz Shohakimov: Ich bin Dirigent, geboren und aufgewachsen in Usbekistan, und habe meine musikalische Ausbildung in Taschkent erhalten.

Ein Wendepunkt in meiner beruflichen Laufbahn war 2010 der Gewinn des zweiten Preises beim Internationalen Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerb in Bamberg. Es ist einer der renommiertesten Wettbewerbe für Dirigenten! Von da an erhielt ich Einladungen aus Europa, den USA und Japan. Man kann sagen, dass meine internationale Karriere mit diesem Wettbewerb ihren eigentlichen Startschuss erhielt.

Welche Momente haben Sie rückblickend am deutlichsten als Künstler und Dirigent geprägt?

Ehrlich gesagt hatte ich nie den Eindruck, dass ich diesen Beruf bewusst gewählt habe. Dirigent zu werden, hat sich ganz natürlich ergeben.

Ich begann schon sehr früh, mit elf Jahren, zu dirigieren. Es war zunächst eine Art Experiment, angeregt von meinem Lehrer Wladimir Borissowitsch Nejmer. Zuerst dirigierte ich ein Kinderorchester, dann ein Schulorchester. Oft fehlten uns Instrumente: Gab es keinen Perkussionisten, spielte ich die Stimmen selbst; fehlten andere Instrumente, setzte ich mich ans Klavier.

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Tatsächlich bin ich buchstäblich im Orchester aufgewachsen. Natürlich absolvierte ich später eine akademische Ausbildung am Konservatorium, aber meine Ausbildung zum Dirigenten begann bereits in meiner Kindheit durch den Kontakt mit echten Musizierenden.

Hat sich Ihr künstlerischer Schwerpunkt im Laufe der Zeit verändert?

Absolut. Mit der Zeit verändern sich viele Dinge: die Prioritäten beim Repertoire, die Arbeitsmethoden, die Art und Weise, an Resultate zu gelangen.

Doch ich habe das Gefühl, dass ich seit meiner Kindheit ein inneres Gehör besitze, eine musikalische Energie, die mich nie verlassen hat. Die Werkzeuge entwickeln sich weiter, die Erfahrung vertieft sich. Aber dieser innere Antrieb – meine grundlegende Beziehung zur Musik – ist derselbe geblieben.

Was war Ihr erster prägender Kontakt mit Musik?

Musik begleitet mich seit meiner frühen Kindheit, da meine Eltern beide musizierten.

Ein wirklich prägendes Erlebnis kam jedoch später, als ich in einem Jugendsinfonieorchester in der Wolgaregion Russlands Bratsche spielte. Dort sah ich junge Menschen verschiedener Nationalitäten, Religionen und Länder, die gemeinsam musizierten, dieselben Noten, denselben Klang teilten – voller Freude und Hingabe.

Das hat mich tief beeindruckt. Als Kind war ich wahrscheinlich ziemlich idealistisch, aber diese Erfahrung hat mir etwas Wichtiges bestätigt: Musik hat tatsächlich die Kraft, Menschen zu vereinen.

Welche Professoren, Mentorinnen oder Institutionen haben Ihr Fachgebiet und Ihre musikalische Vorstellungskraft am meisten beeinflusst?

Alle meine Lehrer haben mich beeinflusst, jeder auf seine Weise. Aber vor allem Wladimir Borisowitsch Nejmer, der mir wie ein zweiter Vater war.

Sowohl gute als auch schlechte Lehrer prägen uns: Gute Lehrer zeigen uns, wie man arbeitet und wie man andere behandelt; schlechte Lehrer lehren uns meist, was man nicht tun sollte.

Ich bin überzeugt, dass wir nie auslernen. Es gibt ein indisches Sprichwort, das mir sehr gefällt: „Niemand ist dein Freund, niemand ist dein Feind – jeder ist dein Lehrer.“ Ich versuche, jede Begegnung als Lernmöglichkeit zu begreifen.

Spielen Sie noch ein Instrument? Und waren sie auch gesanglich aktiv?

Ja, heute spiele ich hauptsächlich Klavier. Ich habe lange Zeit Bratsche gespielt, aber das Klavier ist zu meinem wichtigsten Arbeitsinstrument geworden.

Ich habe auch Gesang studiert. Zuerst in der Schule, dann intensiv am Konservatorium. Nicht, weil ich Sänger werden wollte, sondern um die Gesangstechnik, die Atmung und die Funktionsweise der Stimme zu verstehen. Für einen Dirigenten, der mit Opern und Chören arbeitet, ist dieses Wissen unerlässlich.

Für jene, die Ortasaray nicht kennen: Wie würden Sie den Ort beschreiben, an dem Sie aufgewachsen sind?

Ortasaray war, als ich dort aufwuchs, von Natur umgeben. Es gab viel Grün, Vögel, man konnte angeln gehen und im Frühling Pilze sammeln. Von meinem Haus aus hatten wir einen herrlichen Blick auf die Berge.

Diese Verbundenheit mit der Natur hat mich tiefgreifend geprägt. Ich liebe die Berge noch immer, und wann immer es möglich ist, verbringen meine Familie und ich unsere Ferien dort, sei es im Schwarzwald oder in den Alpen.

Leider hat sich in meiner Heimat seither viel verändert und ein Großteil dieser natürlichen Umgebung von Ortasaray ist verschwunden.

Haben die Berglandschaft und das multikulturelle Umfeld Ihre Empfindungen nachhaltig geprägt?

Absolut. Die Berge prägten meine Beziehung zum Raum und zur Stille, während das multikulturelle Umfeld meine Beziehung zu anderen Menschen prägte.

In Ortasaray wuchs ich gemeinsam mit Menschen kasachischen, koreanischen, russischen und türkischen Hintergrundes auf. Ich bin von Kindheit an mit verschiedenen Sprachen und Kulturen aufgewachsen, und das erschien mir völlig natürlich. Ich glaube, dass es mir deshalb später auch so leicht fiel, mich an verschiedene Länder anzupassen, ohne kulturelle Konflikte oder inneren Widerstand.

Sie bewegen sich in verschiedenen sprachlichen und kulturellen Umgebungen. Wie „leben“ Sprachen in Ihnen, persönlich und beruflich?

Für mich ist Sprache nicht nur ein Werkzeug zur Kommunikation: Sie ist eine Denkweise, ein kultureller Rahmen und in gewisser Weise sogar Teil der Musik.

Um beispielsweise deutsche Musik zu verstehen, sind Deutschkenntnisse unerlässlich. Die Phrasierung bei Beethoven, Brahms, Mozart oder Haydn folgt oft einer sprachlichen Logik. Dies beeinflusst Artikulation, Struktur und insbesondere Phrasenenden.

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Im Deutschen haben Endungen ein besonderes Gewicht. Im Russischen oder Französischen funktionieren sie anders, und dies kann manchmal Einfluss darauf haben, wie Musizierende die Form intuitiv erfassen.

In den Proben wird Sprache oft zu einem Element der musikalischen Erklärung. Generell glaube ich, dass wir uns umso mehr öffnen und uns kulturell weiterentwickeln, je mehr wir über Sprachen sprechen – sowohl als Musiker als auch als Menschen.

Welches Bild hatten Sie von Straßburg, bevor Sie dorthin zogen?

Ich kannte Straßburg schon recht gut, bevor ich dorthin zog. Seit 2014 war ich dort fast alle zwei Jahre tätig, daher hatte ich Zeit, die Stadt, ihre Architektur und ihr Musikleben kennenzulernen – und ich hatte hier bereits Freunde.

Ich liebe diese Stadt wirklich. Man spürt die Verschmelzung der französischen und deutschen Kultur, die eine ganz besondere Atmosphäre schafft. Auch geografisch ist sie ein einzigartiger Ort: Deutschland und die Schweiz sind sehr nah.

Deshalb bin ich wirklich glücklich, hier zu leben.

Was hat Sie hier am meisten überrascht, und was vermissen Sie an Ihrer Heimat?

Mich fasziniert die Verbindung von französischer Freiheit und deutscher Präzision. Das macht Straßburg so einzigartig.

Persönlich vermisse ich meine Familie am meisten, obwohl ich eigentlich nicht besonders sentimental bin. Dank der Technologie spielt die Entfernung heutzutage eine geringere Rolle, und ich versuche, Taschkent regelmäßig zu besuchen.

Wie wird Usbekistan von den Menschen wahrgenommen?

Während manche Menschen Zentralasien sehr gut kennen, wissen andere fast gar nichts darüber. Doch oft werden sie nach einer Begegnung mit mir neugierig und beginnen zu lesen, zu recherchieren und zu lernen. Insofern fühle ich mich manchmal wie eine Art inoffizieller Kulturbotschafter meiner Region.

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Und ja, Usbekistan ist präsenter als zuvor. Das Land wirkt kulturell offener, und das verändert die Wahrnehmung des Landes.

Welche Orchester haben Sie im Laufe Ihrer internationalen Engagements am meisten beeindruckt?

Jedes Orchester hinterlässt etwas: einen Klang, eine Atmosphäre, eine menschliche Verbindung.

Doch in dieser Saison hat mich das Royal Scottish National Orchestra besonders beeindruckt. Ich habe erst vor Kurzem mit ihnen zusammengearbeitet und war von ihrem Enthusiasmus, ihrer Professionalität und ihrem Engagement tief beeindruckt.

Welchen Rat würden Sie jungen Musizierenden mit auf den Weg geben?

Seid zunächst ehrlich zu euch selbst: Seid ihr wirklich bereit, euer Leben der Musik zu widmen? Musik erfordert immenses Engagement und große Opfer: Zeit, Stabilität, manchmal sogar euer Privatleben. Ihr könnt niemals aufhören, euch weiterzuentwickeln; sobald ihr aufhört, fallt ihr zurück.

Es gibt ein Sprichwort: „Wähle einen Beruf, den du liebst, und du wirst nie das Gefühl haben, einen Tag in deinem Leben gearbeitet zu haben.“ Da ist etwas Wahres dran, aber Musizierende arbeiten unglaublich hart. Die Liebe zur Musik verleiht dieser Arbeit einfach Sinn.

Wenn Sie eine Illusion über Erfolg in der Musik korrigieren könnten, welche wäre das?

Die Illusion des schnellen Erfolgs. Wahrer Erfolg in der Musik stellt sich nicht im Handumdrehen ein: Er ist ein langer Prozess, der auf täglicher Arbeit, Zweifeln, Fehlern und stetigem Fortschritt beruht. Und genau das macht Musik für mich so wertvoll.

Mathieu Lemoine für Novastan

Aus dem Französischen von Michèle Häfliger

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