Alexander Wolkow – Begründer der modernen Kunst Usbekistans (Teil 2/2)

Alexander Nikolajewitsch Wolkow zählt zu den herausragenden Künstlern sowohl Russlands als auch Usbekistans. Der russischstämmige Maler und Graphiker, der in Usbekistan aufwuchs und dieser Heimat einen zentralen Platz in seinem Werk einräumte, gilt nicht nur als Begründer einer eigenen Kunstschule, sondern auch einer Künstlerdynastie. Das Nachrichtenportal „Novosti Usbekistana“ widmete Alexander Wolkow und seinen Söhnen eine Reihe von Artikeln, deren zweiten Teil wir hier übersetzen.

1922 bekleidet Wolkow die Stellung als Bühnenmaler im Atelier des Theater der Proletarierkultur. Er macht Skizzen für Kostüme und Dekorationen zu Theaterstücken. Im Laufe eines Jahres entstehen drei große Ölkompositionen: Karawane I, Karawane II und Karawane III. In ihnen drückt Wolkow sein plastisches Suchen aus, das für sein Werk seit den 20er Jahren charakteristisch ist.

1923 wird Wolkows dritte Ausstellung in der Turkestaner Universität durchgeführt. 14 Gemälde aus den ersten von drei Ausstellungen des Künstlers waren vom Mittelasiatischen Kunstmuseum (z.Z. Staatliches Kunstmuseum Usbekistans) angeschafft worden. Diese Kunstwerke legten den Grundstein zur bedeutenden Sammlung von Wolkows Werken in Taschkent, die über 130 Gemälde und Graphikarbeiten zählt.

Erste Ausstellung in Moskau

Es folgte eine erste Ausstellung in Moskau, die mit Unterstützung von Sergei Jesenin stattfand. Jesenin und Wolkow sahen sich im Frühling 1921 während des Aufenthaltes des Dichters in Taschkent. Yesenin nannte ihn „Imaginist in der Malerei“. Über die Begegnung der zwei Meister berichtet ein Artikel, der im Magazin „Stern des Ostens“ (1999, Nr.6) veröffentlicht wurde. Wolkow schreibt in seinen Erinnerungen an Jesenin: „Drei Stunden saßen wir so auf dem Fußboden. Plötzlich fuhr er nervös auf, lehnte sich an die Wand an und begann mit schöner und heller Stimme vorzulesen. Später gingen wir ins alte Stadtviertel … Ja, es war etwas Seltsames in ihm. 1921 kam er unerwartet nach Taschkent … Damals malte ich das Bild „Begegnung“. Augenwinkel und Augenbrauenbogen, Sonnenkreis … es gefiel Jesenin.“

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Zwei Jahre später half Jesenin Wolkow, die Ausstellung in Moskau durchzuführen. Sie fand eine große Resonanz. Die Bestände des Staatlichen Jesenin-Museums in Taschkent bewahren den Entwurf eines Gedichtbandes von Turkestaner Dichtern, den man zu veröffentlichen plante. Der Entwurf ist voraussichtlich aus dem Jahr 1923 und enthält vier Gedichte von Wolkow. Schon damals war Wolkow auch als Dichter bekannt. Aber zu seinen Lebezeiten veröffentlichte man seine Gedichte nicht. Erst 1968 wurden zum ersten Mal seine 11 Gedichte und neun Vierzeiler im Magazin „Stern des Ostens“ herausgegeben. Sie wurden auch in Miliza Semskajas 1975 erschienenen Buch „Alexander Wolkow – Der Meister der Granatapfel-Teestube“ nachgedruckt.

In Moskau sah er auf der Straße einmal Wladimir Majakowskij, er trat an den Dichter heran und stellte sich vor: „Ich bin Künstler Alexander Wolkow. Kann ich Sie anschauen?“ – Majakowskij blieb stehen: „Hier bin ich – liege auf der Hand!“ Nachdem ich vom Alexander Nikolajewitschs Sohn Alexander Wolkow Geschichte über dieses Treffen erfahren hatte, erinnerte ich mich unwillkürlich an die Zeilen Majakowskijs: “Hey, Sonne, zieh deinen Hut aus, – ich komme!” Und ich lächelte und dachte, dass Wolkow seinen Hut natürlich nicht abnahm, wie er ihn vor niemandem abgenommen hat.

Ex oriente lux – ein eigener Stil entwickelt sich

Doch wie wirkten Wolkows Kompositionen der Serie „Karawane“, die im Laufe der Zeit ein Symbol für seine Arbeit und die Epoche der großen „nomadischen“ 20er Jahre wurde, auf die Betrachter? Wie Kritiker erwähnen, verschmelzen in den kubistischen Konstruktionen der Kompositionen die Traditionen der Avantgarde mit Motiven aus der Volkstradition, aus der Bibel und aus dem Sufismus. Die Linie der hakennasigen, keuchenden Kamele, von der Sonne gebrannte Gesichter der Kameltreiber, die an die mythischen Gesandten aus vergangenen Jahrhunderte erinnern, die rotglühende Wüstenluft … Bilder dieser Serie faszinieren durch den „Rhythmus des Weges“, den Nomaden von Generation zu Generation bis heute gehen.

Wir sind nur Nomaden hier –

Ein Kamel, eine Jurte und eine Steppe.

Berge – Strahlungsempfänger –

Erdige Glückskette.

Warum mehrstöckig –

Die Berge sind noch höher.

Die Erde wird Gier nicht ertragen,

Wirf den ganzen Überfluss weg …

(Aus dem Buch „Der Weg in die Berge“, 1923-1924)

 

Große und kleine „Karawanen“ wurden bis zum Ende der 20er Jahre geschaffen: im Sawitzki-Museum in Nukus wird ein wunderschönes Gemälde bewahrt, das im Jahre 1928 zu diesem Thema geschaffen wurde. Dort kann man das im Jahre 1930 gemalte Gemälde „Rote Karawane“ sehen, das die Merkmale der kommenden neuen Ära bildlich widerspiegelt.

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Wolkow hatte ein gutes Gespür für die Musik und die Melodik des Ostens, die er in seinen Bildern einfängt. Verbundkonstruktionen, Kontrastrhythmen der hellen Farben und die geometrisch angepassten Ebenen seiner Bilder kann man in seinen poetischen Zyklen spüren und in den Namen der Bilder wiederholen sich manchmal diese oder andere Verse der von ihm geschriebene Gedichte.

Das Volksleben in den Gemälden und poetischen Experimenten des Künstlers ist untrennbar mit der Natur Turkestans verbunden. In ihnen kommt der Nachhall der alten Zivilisation zum Vorschein, der sich in geistigen und alltäglichen Traditionen des Volkes erhält. Das Leben des Volkes war für ihn eine gewohnte Umgebung. Das Licht aus dem Osten (ex oriente lux) erscheint auf Wolkows Leinwänden wie eine Kohlenglut. Das lebendige Feuer und das Leuchten seiner Farben sind bis heute unübertroffen.

Gründung einer Kunstfachschule

Ab 1929 lehrte Volkov am Taschkenter Kunsttechnikum, auf deren Basis eine Kunstfachschule gegründet wurde. Man kann sagen, dass Wolkow der Gründungsvater dieser Lehranstalt war, die später den Namen eines anderen Künstlers – Benkow erhielt, aber nicht den Namen des für Neuerertum und Kompromisslosigkeit in Ungnade gefallenen Wolkow. Es ist erwähnenswert, dass der Künstler sein Bestes gab, um das Interesse der lokalen Jugend an der Kunst zu wecken. Das bescheinigen Aufzeichnungen, die er während seiner Arbeit in der Kunstschule gemacht hat: “Einer der Kunstlehrer sagte, dass Usbeken nur dekorativ arbeiten können. Sie waren sehr dadurch beleidigt, und alle wollten die Fachschule verlassen. Ich sagte, dass sie in der Lage sind, als Staffeleifachleute zu arbeiten, und ich nahm auf mich, es zu beweisen. Fünf Jahre lang habe ich in der Klasse der Usbeken gearbeitet und bewiesen, dass ich recht hatte. “

Viele usbekische Künstler betrachten Wolkow als ihren Lehrer. Hierzu zählen vor allem seine Söhne, die jetzt bekannten Moskauer Künstler Valerij und Alexander Wolkow, sowie befreundete Künstler wie Ewgenij Krawtschenko und der usbekische Bildhauer und Maler Damir Rusybajew. Obwohl der Meister ihnen keinen Unterricht im herkömmlichen Sinne gab – Die Anwesenheit und sein Anblick waren genug.

Nach vier Ausstellungen wurde Wolkows künstlerisches Schaffen Gegenstand des unverwandten Interesses, es wird darüber gesprochen und geschrieben, indem man die künstlerischen Merkmale und den Stil der geschafften Gemälde im Vergleich zu russischer und westlicher Kunst analysiert, So äußerte sich 1923 der Kritiker Alexej Sidorow über Wolkows Werke: „In vielen Dingen mehr Paris als Taschkent, mehr Matisse und Picasso als Orientteppich“. 1924 wird der Artikel „der Turkestanische Künstler A. Wolkow“ in der ersten Ausgabe der Zeitschrift „Kunst und Industrie“ dem Künstler gewidmet.

im selben Jahr schafft Wolkow eines seiner berühmtesten Gemälde, das ihm den Ruhm des großen Meisters gebracht hat: Die „Granatapfel-Teestube“ mit ihrem ungelösten, verborgen intuitiven Wissen und den Geheimnissen der Sufis. Es wird in der Tretjakow-Galerie in Moskau bewahrt.

Der extravagante Künstler

1924 hat Wolkow den verdienten Erfolg. Seine Jugend und seine rastlose Energie reißen andere mit. Zeitgenossen bemerkten, dass er den Eindruck eines Menschen der Renaissance machte – ein harmonischer, vielseitig begabter, von den Göttern gütig behandelter. Nicht von den irdischen Übergangsherrschern, sondern von denjenigen, die ihre Lieblinge von oben belohnen. So beschrieb seine Erscheinung einer seiner Zeitgenossen:

“Ich sah einen Mann, an dem man nicht vorbeigehen konnte, ohne auf ihn zu achten. Und es kommt nicht nur auf die ungewöhnliche Kleidung an: eine Art von einer schwarzen, auf der Brust aufgemachte Jacke, darunter – eine Art von einem Matrosenhemd, knapp über dem Knie kurze Hosen, schwarze Strümpfe und schwarze Stiefeletten. Nein! Es kommt eben auf ihn selbst, auf sein Aussehen an: eine mittelgroße, kräftige, sportliche Figur, eine breite Brust, ein auf einen kraftvollen Hals gesetzter Kopf und das Gesicht eines Römers. Schwarze, dünne, schön geformte Augenbrauen, klassische Nasenform, kreisförmig von Schläfe zu Schläfe leicht in die schön geformte Stirn gekämmte Haare. Und, am wichtigsten, die Augen! Schwarze, tiefe … Augen eines Adlers, der auf die Sonne starrt, ohne ein Auge zuzutun.”

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Oft war der Künstler auf den Bergpfaden von Chimgan zu sehen, wohin er zu Fuß mit Farbkasten und Gitarre ging. Als er einmal er in der sternenklaren Nacht aus dem kleinen Bergdorf Brichmulla zurückkehrte, traf er mit einer Gruppe bewaffneter Reiter auf der Straße zusammen. Als sie einen so seltsam gekleideten Mann sahen, hielten sie ihn für einen Derwisch und berührten ihn nicht. Wenig später fuhren die Männer der Roten Armee die Straße entlang und fragten, ob der Reisende die Basmatschi-Abteilung gesehen hatte. Dies war die Zeit, die durch den Bruch der Linien und den Kontrast der Farben, durch die Verwirrung der Karawanenspuren der Charaktere seiner Gemälde beeinflusst wurde.

Athletisch, mit der bronzenen Sonnenbräune, extravagant gekleidet im Stil der ihm nahestehenden Futuristen zog Wolkow überall unwillkürlich Blicke auf sich. In den Bergen, wo sich die Taschkenter Jugend oft sammelte, versammelte sich immer ein Schwarm von Bewunderern um den charismatischen Künstler, auch wenn er mit der Staffelei von Urlaubern wegging. Einmal, müde von ihrer aufdringlichen Aufmerksamkeit, warf er im Zorn seine Kleidung von sich und begann Skizzen zu zeichnen, indem er im Adam-Kostüm blieb. Damit befreite er sich von ungebetenen Beobachtern.

Schwerer Schicksalsschlag

Ebenso schön und hell, mit einer schönen Opernstimme begabt war seine Frau Maria Wolkowa (geborene Taratunina). Sie verstand, wie glücklich ihr Schicksal war – die Frau eines Mannes von Wolkows Begabung zu sein – und war bereit, alles für ihn zu tun, sogar das Unmögliche. Einmal als sie spät am Abend heimkehrte, betrat sie aufgeregt den Raum mit geheimnisvoll brennenden Augen. Ihr Rock stand seltsam ab – es stellte sich heraus, Maria, diese feine Opernsängerin, hatte auf der Straße eine Gans gefangen und eigenhändig ihren Hals gebrochen, um ihren Mann zu sättigen. Die Zeiten waren hart und kalt, der Künstler erschöpfte sich hinter der Staffelei, achtete nicht auf das häusliches Leben. Seine Geliebte versuchte ihn irgendwie zu unterstützen. Sie erkannte, wie schwierig es für ihren Mann war, in gefroren Händen den Pinsel zu halten. Sie riss einmal in der Nacht die Zauntür der Nachbar ab, zerlegte sie für Brennholz und heizte den Ofen.

Wahrscheinlich hat das Glück der jungen kreativen Familie den Neid der Götter verursacht, und unerwartet traf die junge Familie einen schweren Schlag. Eine schonungslose Krankheit nahm Maria das Leben. Sie lebten zehn Jahre zusammen und flößten einander Kraft und Ausdauer ein. Hunger und Kälte schienen nichts im Vergleich zu jener heißen Liebe und selbstaufopfernden Fürsorge, mit der Maria ihn umgaben den schweren Tagen der Einsamkeit und der hoffnungslosen Schwermut ging Wolkow auf den Friedhof und wollte seine Trauer mit keinem teilen. Dies waren seine einzigen Begegnungen mit jener, die in seiner Erinnerung warm und hell geblieben war, aber plötzlich zu dem grauen Buckel Erde geworden war, der das frische Glück bedeckte. Allein mit der Vergangenheit, sich vom ihn verratenen Himmel abkehrend, erstarrte er, indem er den lieben Hügel mit starken Händen umarmte. Die nahen Verwandten und Freunde hatten Angst um sein Leben. Einer von ihnen folgte Wolkow bis zum Friedhof. Er wagte es nicht, den auf dem Grab vornüber liegenden Künstler anzusprechen. Nach einer Stunde kehrte er ebenso leise heim.

Nur Gedichte und Farben retteten Alexander Nikolajewitsch. Er ging zu ihnen wie in die Wüste, indem er bettelte, das Recht zu atmen zu haben. In dieser Zeit erschienen immer wieder neuer Bilder und der zweite Gedichtzyklus „Die Tage der Nomaden“.

 

Tamara Sanajewa

Novosti Usbekistana

Aus dem Russischen von Esmira Saudkasowa

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