Alatau

Immer stärkere Temperaturschwankungen durch den Klimawandel in Zentralasien

Nach dem jüngsten Bericht des Weltklimarats ist Zentralasien eine der wenigen Regionen der Welt, in der sowohl Dürren als auch übermäßige Regenfälle zu beobachten sind. Die Durchschnittstemperatur in den Ländern der Region liegt bereits mehr als 2°C über den Werten von 1990.

Gleichzeitig mangelt es den IPCC-Forschern an detaillierten Daten über die Region, was eine Modellierung erschwert. Wie wird sich das Klima in Zentralasien entwickeln? Unsere Kolleg:innen von Novastan France haben in ihrer kostenpflichtigen Rubrik décryptage (dt.: Entschlüsselung) eine Analyse vorgenommen, die wir mit freundlicher Genehmigung übersetzen.

In den letzten Jahren wurden extreme Wetterereignisse wie Hitzewellen, Überschwemmungen und Dürren in Zentralasien immer deutlicher sichtbar. Die Region bleibt, wie der Rest der Welt, nicht von dem sich beschleunigendem Klimawandel verschont.

Am 9. August veröffentlichte der Weltklimarat (IPCC) den ersten Teil seines Berichts über den Zustand des Weltklimas. Der Bericht, der fast 4.000 Seiten umfasst, konzentriert sich auf bekannte physikalische Veränderungen. In dem Bericht ist Zentralasien – wie in der allgemeinen Berichterstattung – kaum erwähnt und zwischen zwei Abschnitten eingebettet.

Extreme Niederschläge und Trockenheit

Große Gebiete Zentral- und Ostasiens erlebten in den frühen 2000er-Jahren eine Austrocknung aufgrund wärmerer Temperaturen, niedrigerer Luftfeuchtigkeit und abnehmender Bodenfeuchtigkeit“, beschreiben die IPCC-Wissenschaftler:innen die regionalen Entwicklungen.

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Die Gletscher des Himalaya speisen zehn der wichtigsten Flusssysteme der Welt und sind entscheidende Wasserquellen für fast zwei Milliarden Menschen. Sie gehören jedoch zu den am stärksten gefährdeten ‚Wassertürmen‘, für die je nach den globalen Emissionsszenarien bis zum Jahr 2100 ein Volumenverlust von etwa 30-100 Prozent prognostiziert wird. Unter durchschnittlichen Emissionsszenarien werden die Gletscher in dieser Region voraussichtlich zwischen 2020 und 2040 ihren maximalen Abfluss erreichen“, so die Expert:innen weiter.

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Generell ist Zentralasien eine der wenigen Regionen der Welt, in der es sowohl häufigere extreme Niederschläge gibt als auch extreme Hitze und Dürre, so der IPCC. Für Alisher Mirzabayev, Klimawandelforscher an der Universität Bonn, liegt das daran, dass die Region eine große Vielfalt an Klimazonen aufweist. „Der Großteil der Anbauflächen in Kasachstan wird mit Regenwasser versorgt, während andere Länder ihre Flächen hauptsächlich mit Gletscherwasser bewässern“, erklärt der usbekische Forscher auf Anfrage von Novastan. Diese Unterscheidung zwischen den Ursprüngen des Wassers könnte für die kommenden Jahre entscheidend sein.

Veränderte Wasserquellen

Nordkasachstan erlebt normalerweise alle drei bis vier Jahre eine Dürre. Durch den Klimawandel kann es in diesem Gebiet in manchen Jahren viel mehr Regen geben, in anderen Jahren aber auch mehr und größere Dürreperioden“, so Mirzabayev. „Diese Situation führt zu einer größeren Variabilität bei den Getreideernten. In den Bergregionen, vor allem in Tadschikistan und Kirgistan, besteht bei starken Regenfällen ein erhöhtes Risiko von Überschwemmungen, die zu Erdrutschen führen können“, führt er fort.

Tadschikistan und Usbekistan werden wahrscheinlich mehr Niederschläge im Winter, aber weniger im Sommer erhalten. Dies ist problematisch, da im Winter keine Pflanzen angebaut werden und es keine Bewässerung gibt. Das Wasser wird sich in den – glücklicherweise zahlreichen – Stauseen ansammeln. Gebirgsregionen werden jedoch Schwierigkeiten mit mehr Überschwemmungen haben“, erklärt der Forscher.

Diese Veränderung des Regenwassers in Gebieten, die ihr Wasser sonst aus der Schneeschmelze ziehen, ist das größte Problem. Diese Veränderung würde auch erklären, warum es in Zentralasien sowohl mehr Regen als auch mehr Trockenheit geben kann, da das durch den Regen aufgenommene Wasser in den Berggebieten nicht gespeichert werden kann.

Diese Änderung scheint Mirzabayev jedoch nicht allzu sehr zu beunruhigen. „Es gibt Lösungen, wie den Bau von Stauseen oder eine bessere Koordinierung zwischen flussaufwärts und flussabwärts gelegenen Ländern. Zum jetzigen Zeitpunkt besteht kein Grund zur Panik, diese Lösungen müssen lediglich erforscht und in großem Maßstab umgesetzt werden“, so der usbekische Forscher.

Ein starker Temperaturanstieg

Abgesehen vom Wasser ist der Temperaturwandel einer der aufschlussreichsten Punkte zu Zentralasien in dem Bericht. „Es wird erwartet, dass die Trockenheit im östlichen und westlichen Zentralasien zunehmen wird, insbesondere nach der Mitte des 21. Jahrhunderts, wenn die globalen Durchschnittstemperaturen um mehr als 2°C steigen“, so die IPCC-Forscher:innen. Regelmäßig wird darauf hingewiesen, dass die Temperatur in Zentralasien bereits die 2°C-Grenze überschritten hat und sich dort doppelt so schnell erwärmt wie anderswo auf der Welt.

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Wenn wir heute von globalen Temperaturen sprechen, meinen wir die durchschnittliche Oberflächentemperatur zwischen dem Land und dem Ozean. Aber das Land erwärmt sich viel schneller als der Ozean. Die Temperatur an Land liegt in den meisten Teilen der Welt bereits über 1,5 °C“, erläutert Alisher Mirzabayev. „Da Zentralasien in der kontinentalen Zone liegt, ist dieser doppelt so schnelle Anstieg nicht so dramatisch, wie er erscheinen mag“. Der Forscher weist auch darauf hin, dass die Region sehr große Temperaturschwankungen aufweist, insbesondere in bestimmten Regionen Kasachstans, wo das Thermometer im Winter -40°C und im Sommer +40°C anzeigen kann.

Das Hauptproblem für Zentralasien sind extreme Wetterereignisse wie Hitzewellen, Dürreperioden oder plötzlicher Schnee und Hagel im Frühjahr“, sagt Mirzabayev. Hier könnte die Zunahme der Temperaturvariabilität die eigentliche Gefahr sein, sagt der usbekische Forscher.

Ein Mangel an genauen Daten zu Zentralasien

Generell fehlen allerdings genaue Daten für eine effektive Modellierung in Zentralasien. Zwar verfügt die Region mit fast 400 Wetterstationen über ein dichtes Netz, doch sind Wetterdaten nicht alles, wenn es um die Vorhersage des Klimawandels geht. „Um genauer zu sein, braucht man Informationen über Gletscherveränderungen, Sand- und Staubstürme… es gibt so viele Parameter. Im Allgemeinen ist der Informationsstand in Zentralasien besser als in Entwicklungsländern, aber viel schlechter als in entwickelten Ländern“, beschreibt Mirzabayev.

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Die gesammelten Informationen scheinen auch schwer zugänglich zu sein, was die Veröffentlichung wissenschaftlicher Artikel zu diesem Thema verhindern könnte. „Es mangelt an Modellierungsfähigkeiten. Wir brauchen mehr Studien, die die globale Modellierung auf die lokale Ebene übertragen“, fügt der usbekische Forscher hinzu. Was den IPCC betrifft, ist Mirzabayev der einzige zentralasiatische Forscher, der direkt an der Erstellung oder Bearbeitung der Berichte beteiligt war.

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Diese Situation könnte sich in Zukunft ändern, da das Regionale Umweltzentrum für Zentralasien (CAREC) im Mai 2020 als IPCC-Partner aufgenommen wurde. Dieses Zentrum mit Sitz in Almaty, Kasachstan, ist eines der besten in der Region. Für den 7. IPCC-Bericht, der 2028 erscheinen soll, möchte Mirzabayev glauben, dass er nicht der einzige sein wird, der eine regionalere Perspektive einbringt.

In der Zwischenzeit sollen der zweite und dritte Teil des IPCC-Berichts über die Auswirkungen des Klimawandels und die Anpassung daran, wie auch die Möglichkeiten zur Bekämpfung des Klimawandels bis zum Frühjahr 2022 veröffentlicht werden. Eine immer genauere Beschreibung der Bedrohungen durch den Klimawandel, in dem die Verantwortung des Menschen unbestreitbar ist.

Etienne Combier
Chefredakteur der französischen Redaktion von Novastan

Aus dem Französischen von Florian Coppenrath

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