Steppe Usbekistan

„Die Dürre wird bis zum Ende des Jahrhunderts dauern“ – ein Gespräch über Wasserprobleme in Usbekistan

Wie der Agrarwissenschaftler Prof. Usmon Norqulov erklärt, ist in Verbindung mit dem Klimawandel eine Verschlimmerung der Dürreperioden in Zentralasien zu erwarten. Er rät dazu, sich bereist auf deren Folgen vorzubereiten. Folgendes Interview erschien am 30. Juni 2021 beim usbekischen Online-Medium Kun.uz.

Von Jahr zu Jahr sind die Menschen in Usbekistan zunehmend über den Wassermangel und seine Folgen für die Landwirtschaft und den Alltag besorgt. Die Bemühungen um einen sparsamen Umgang mit Wasser im Lande kommen nur sehr langsam voran. So greift das Land für seine wichtigsten landwirtschaftlichen Flächen immer noch auf Massenbewässerung zurück, wie bereits in den 1970er und 1980er-Jahren.

Das usbekische Onlinemedium Kun.uz arrangierte ein Interview mit Prof. Usmon Norqulov, Doktor der Agrarwissenschaften, über die zu erwartenden Schwierigkeiten, die Einbeziehung neuer Technologien auf dem Gebiet und die Anpassung an Wasserprobleme.

Kun.uz: Wissenschaftler stellen fest, dass Zentralasien, einschließlich Usbekistan, in den letzten Jahrzehnten von Dürre heimgesucht wird. Ist dies für unsere Region üblich?

Usmon Norqulov: In der Tat gibt es auf dem Globus aride Zonen. Die zentralasiatische Region ist ein solches Gebiet. Es gibt dort immer wiederkehrende Dürreperioden. In unserer Geschichte hat es Jahre mit sehr starker Trockenheit gegeben.

Ich habe die Niederschlagsdaten der letzten hundert Jahre analysiert und herausgefunden, dass es in der Zeit nur in sieben Jahren ausreichenden Niederschlag für die Landwirtschaft und den allgemeinen Verbrauch gab. Im selben Zeitraum gab es acht Jahre mit sehr starker Trockenheit. In diesen Jahren sank die Wasserversorgung um bis zu 40 Prozent.

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Die schlimmste Dürre des letzten Jahrhunderts in unserer Region war im Jahr 1917. Menschen, Flora und Fauna waren stark betroffen. Das ist aber eine Ausnahme: Vor den 1960er-Jahren gab es eher selten Dürreperioden. Beobachtungen zeigen, dass nach diesen Jahren die Trockenheit begann, alle 7-8 Jahre wiederzukehren. Nach den 2000er-Jahren sogar noch häufiger. Ein weiterer Punkt: In den letzten hundert Jahren hat es nur einmal einen Niederschlagsüberschuss gegeben. Das war im Jahr 1969.

Diese Situation wird hauptsächlich auf die globale Erwärmung des Klimas zurückgeführt. Jetzt forschen alle Wissenschaftler der Welt und auch die Vereinten Nationen ernsthaft zu diesem Problem.

Der Schneefall hat in den letzten 10-15 Jahren drastisch abgenommen. Die Regenfälle sind sehr kurzlebig. Es gibt jetzt kaum noch starke Regenfälle über zwei bis drei Tage. Doch eben solcher Regen ist für die Landwirtschaft besonders nützlich, da er gut durch den Boden aufgenommen wird. Wenn der Regen schwach ist oder sehr schnell endet, verdunstet er.

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Reduzierte Niederschläge wirken sich äußerst negativ auf die Pflanzenerträge und die Bodenfruchtbarkeit aus. Krankheiten nehmen zu. Außerdem führt es zur aktiven Vermehrung einiger Mikroorganismen und Insekten. In der Zukunft erwarten wir schwierige Jahre in Bezug auf das Klima. Nach Ansicht der Wissenschaftler wird diese Dürre bis zum Ende des Jahrhunderts anhalten.

Haben wir wirklich eine so schwierige Zukunft vor uns?

Ja. Vorhin habe ich gesagt, dass in den schlimmsten Dürrejahren die Niederschlagsmenge auf 40 Prozent gesunken ist, und aktuell wird sie voraussichtlich auf 25 Prozent sinken. Diese Veränderungen sind bei unseren Bedingungen sehr abrupt, und 25 Prozent Niederschlag werden auch nicht viel bringen.

Unsere Region, die bereits ein stark kontinental geprägtes Klima hat, steht vor einer noch dramatischeren Veränderung. Hierauf müssen wir vorbereitet sein. Zuallererst sollten die Wissenschaftler ihre Forschung intensivieren.

Wir müssen die Schäden in der Landwirtschaft, die Folgen von Wasserknappheit oder Staubstürmen im Voraus absehen. Die wissenschaftliche Vorhersage sollte verstärkt werden. Wir müssen eine 60 bis 70-prozentige Genauigkeit bei der Vorhersage des Klimawandels erreichen.

Sie sprechen von der Aufnahmefähigkeit für Wasser der Böden und die Notwendigkeit einer guten Bodenzusammensetzung für effiziente Landwirtschaft. Wie ist der aktuelle Zustand der Böden in Usbekistan, die gerne schon einmal mit Gold verglichen werden?

Unser Volk sagt zu Recht, dass Land dem Gold gleichzusetzen ist. Ich würde sagen, dass Land wertvoller ist als Gold. Land gibt kontinuierlich Ernte und ernährt Lebewesen. Wir sollten die Eigenschaften des Bodens schützen.

Was bedeutet die Fruchtbarkeit des Bodens? Es ist seine Kapazität, Pflanzen zu produzieren. Und diese Fähigkeit sollte nicht abnehmen. Unsere Bevölkerung wächst von Jahr zu Jahr und der Bedarf an Land und Nahrungsmitteln nimmt ebenfalls zu. Wie können wir ihn erfüllen? Wir haben neue Böden, die entwickelt werden können. Es gibt genügend wirtschaftliche Möglichkeiten und wissenschaftliche Unterstützung in Usbekistan. Wir müssen ein hohes Fruchtbarkeitsniveau bei unseren 4 Millionen 300 Tausend Hektar Land erhalten.

In den letzten 20-30 Jahren hat die Fruchtbarkeit der landwirtschaftlichen Flächen aber deutlich abgenommen. Wenn zum Beispiel 1960-70 die Humusschicht im Boden 1,4-1,5 Prozent betrug, ist sie jetzt auf 1-1,1 Prozent gesunken.

Wir haben auch leichte grau-braune, braune Böden mit geringer Fruchtbarkeit. Ihre Fruchtbarkeit nimmt sogar noch weiter ab.

Wir müssen neue Technologien schaffen, um die Bodenfruchtbarkeit auf großen Flächen zu erhalten. So wurde zum Beispiel auch während der Baumwoll-Monowirtschaft in der Sowjetunion Klee auf den Feldern angepflanzt. Die Fruchtfolge war gut etabliert. Aber später, in den 1980er und 90er Jahren, ist diese Praxis so gut wie verschwunden. Stattdessen haben wir Weizen eingeführt. Weil es für das Land notwendig war. Wir haben auf eine Fruchtfolge aus Baumwolle und Weizen umgestellt. Aber diese Kulturen benötigen eine Menge Nährstoffe aus dem Boden.

Wir ernten nicht nur Weizen, sondern auch Stroh, nicht nur Baumwolle, sondern auch deren Stängel vollständig.

Wir geben dem Boden nichts anderes als Dünger.

Ja, wir geben dem Boden nichts, wir nehmen nur von ihm. Wenn wir zum Beispiel 25-30 Doppelzentner Baumwolle pro Hektar ernten, dazu noch sechs bis sieben Tonnen Weizen und die gleiche Menge Stroh, bleibt nichts für den Boden übrig. Nach der Ernte der Feldfrüchte im Herbst ist es notwendig, Gründüngungspflanzen zu pflanzen. Außerdem sollten mindestens 50 Prozent des Strohs nach dem Weizen auf dem Boden liegen bleiben.

Jetzt mähen Mähdrescher das Stroh in einer Höhe von 10-12 cm vom Boden. Und das Verbrennen ist sehr schädlich. Wenn Landwirte 40-45 cm von 70-90 cm Weizen auf dem Boden lassen, ist das sehr gut für das Land. Das bedeutet, dass mindestens 4-4,5 Tonnen Nährstoffe im Boden verbleiben. Wir können dem Land nicht ständig so viel Nahrung zuführen. Es gibt einen Mangel an Mineraldüngern und sie sind sehr teuer.

Wenn wir unsere Probleme mit Futter für das Vieh lösen können und Stroh übrig lassen, wird das sehr nützlich sein. Ich bin der Meinung, dass wir so oder so auf ein solches Regime umsteigen sollten.

Auf Böden mit sehr geringer Fruchtbarkeit ist es notwendig, auf neue Technologien umzusteigen, z. B. auf die Aussaat mittels Hydrokultur. Das gilt für Wüstengebiete, in denen es unmöglich ist, auf natürliche Weise Pflanzen anzubauen.

Nach Angaben von Experten sind heute mehr als 60 Prozent des Landes in Usbekistan mehr oder weniger versalzen. Lassen Sie uns auf dieses Thema näher eingehen. Was ist Versalzung? Warum tritt sie auf? Welche Maßnahmen gegen die Versalzung wären in Usbekistan wirksam?

Tatsächlich waren im Jahr 2000 60-65 Prozent der bewässerten Fläche Usbekistans versalzen. Dieses Phänomen tritt vor allem im Flachland und in neu erschlossenen Regionen auf. Tatsächlich sind die Salze schon seit der Entstehung des Bodens vorhanden. Dies ist der erste Grund. Zweitens haben wir vier hydrogeologische Zonen: Bergland, Vorgebirge, Hochland und Ebene. An Orten mit hohem Relief kommt es zu vielen Niederschlägen. Natürlich wird es von der Erde absorbiert und fließt aus unterirdischen Gewässern in die Ebenen ab.

Die unterirdischen Gewässer haben bereits mindestens 1,5-2 Gramm Salz pro Liter und maximal 15-20 Gramm pro Liter. Diese Salze werden durch Verdunstung wieder an die Bodenoberfläche getragen.

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Eine dritte Quelle für den Salzgehalt sind die Salze, die bei der Bewässerung entstehen. Nehmen Sie zum Beispiel den Chirchiq-Fluss, ein Zulauf des Syr-Darya. Sein Wasser enthält 0,5-0,7 Gramm Salz pro Liter. Der Teil des Syr Darya, der zu uns kommt, enthält 0,5-1 Gramm Salz pro Liter.

Auf einen Hektar geben wir mindestens 2,5 und bis zu 7-8 tausend Kubikmeter Wasser. Dieses Wasser hebt das Salz aus dem Boden. Ein Gramm Salz pro Liter Wasser ist sehr viel. Mit dem Wasser gelangt also auch das Salz in die salzhaltigen Böden.

Es gibt noch eine vierte Quelle der Versalzung. Das ist die Austrocknung des Aralsees. Jetzt ist der ausgetrocknete Teil des Aralsees mehr als 5 Millionen Hektar groß. Dort bleibt nur Salz zurück. Diese Salze werden durch Winde und Wirbelstürme tonnenweise über die umliegenden Gebiete transportiert.

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Nach Berechnungen in den Jahren 1960-70 gab es in diesen Gebieten etwa 15-17 Hurrikane pro Jahr. Jetzt treten sie 30 bis 40 Mal pro Jahr auf, in manchen Jahren sogar bis zu 50 Mal. Die Salze des Aralsees finden sich auf den Gletschern des Pamirs, des Tien Shan und darüber hinaus in den tropischen Zonen und Wäldern Indiens. Seine Zugehörigkeit zum Aralsee wird durch seine Salzzusammensetzung bestätigt.

Woher bekommt der Aralsee also seinen Salzgehalt? Während der Sowjetzeit wurden die Flüsse Amu Darya und Syr Darya mit Abwässern, Herbiziden, Entlaubungsmitteln, Trockenmitteln, Mineraldüngerrückständen und anderen Stoffen gefüllt, die mit dem Wasser der Flüsse in den Aralsee gelangten und sich auf seinem Grund ablagerten.

Mit Usmon Norqulov sprach Ilyos Safarov
Kun.uz

Aus dem Russischen von Florian Coppenrath

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