Steppen, Versalzung und Chromosomen: Aktuelle Forschungen in Zentralasien

Die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse aus Zentralasien: Einer aktuellen Studie zufolge sind die zentralasiatischen Steppen 40 Millionen Jahre alt. Außerdem gibt es neue Forschungen über die Versalzung der Böden in Kasachstan., die Ein Chromosomenabgleich gibt Aufschluss über den wahren Kern kasachischer Abstammungsmythen. Novastan berichtet über die aktuellen Nachrichten aus der Welt der Wissenschaften in Zentralasien.

Der Ursprung der Steppen

Mit einer Ausdehnung von mehr als zehn Millionen Quadratkilometern und einer enormen Artenvielfalt sind die Steppen Zentralasiens eines der größten Ökosysteme der Erde. Im Oktober vergangenen Jahres ist eine Studie erschienen, die zeigt, dass die zentralasiatischen Steppen bereits während des Eozäns vor 40 Millionen Jahren entstanden sind.

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Um die Geschichte dieses Lebensraums zu rekonstruieren hat ein französisch-niederländisches Forschungsteam an sieben verschiedenen Orten, zwischen dem Tian Shan und Lanzhou in China, Pollen aus verschiedenen Erdschichten entnommen. Durch den Vergleich dieser Proben mit Klimamodellen und Fossilien konnte nachgewiesen werden, dass hier schon vor 40 Millionen Jahren Zwergsträucher wuchsen. Diese Vegetation bildete die Grundlage für eine reichhaltige Fauna, zu der auch die Vorfahren des Pferdes gehörten.

Die tektonische Erhebung des Himalayas führte zu einer Abnahme des Niederschlags im nördlichen Tibet und begünstigte damit das Auftreten von ariden Primärsteppen. Mit dem Beginn des Oligozäns vor 34 Millionen Jahren kam es zu einem klimatischen Wandel, der mit einer globalen Temperaturabsenkung einherging. Die Region wurde zu einer Wüste und erlebte ein Artensterben.

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Nach dem Miozän, vor ungefähr 15 Millionen Jahren, wurde das Klima wieder feuchter. Für diesen erneuten klimatischen Wandel gibt es bis heute keine zufriedenstellende Erklärung. Fest steht jedoch, dass er die Rückkehr der grasbewachsenen und trockenen Steppen ermöglichte, die wir heute kennen.

Könnten die Steppen irgendwann wieder zu Wüsten werden? Das ist laut den ForscherInnen eine Gefahr, die der gegenwärtige Klimawandel in sich birgt. Er könnte einen Rückgang der Vegetation und damit das Aussterben ganzer Arten zur Folge haben. Schwankungen der Niederschläge und die Ausbreitung etwa der Wüste Gobi könnten aus der Region zukünftig eine der trockensten und heißesten des gesamten Erdballs machen.

Kasachstan von der Versalzung der Böden bedroht

Die Versalzung der Böden ist eines der größten Risiken für die Zukunft der kasachischen Landwirtschaft. In einer im Dezember letzten Jahres in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) erschienen Studie nutzten Forschende der Universitäten Manchester und Hamburg maschinelle Lernverfahren, um die Entwicklung der Bodenversalzung auf der ganzen Welt vorherzusagen.

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Die Studie stützt sich auf Daten, die zwischen 1980 und 2018 gesammelt wurden. Es wurde festgestellt, dass in diesem Zeitraum mehr als 11 Millionen Quadratkilometer von Veränderungen des Salzgehalts im Boden betroffen waren. China, Kasachstan und der Iran gehören zu den von dieser Entwicklung weltweit am stärksten betroffenen Ländern.

Theoretisch ließen sich mit dieser Methode auch Veränderungen anderer Bodeneigenschaften wie etwa des Nährstoffreichtums, des organischen Kohlenstoffgehalts oder des pH-Werts voraussagen. Sie könnte dabei helfen, die Landstriche zu identifizieren, die am wenigsten von Veränderungen des Salzgehalts betroffen und für die Landwirtschaft am besten geeignet sind. Das ist insbesondere vor dem Hintergrund von Bevölkerungswachstum und Klimawandel interessant, die Konsequenzen für die Ackerflächen haben könnten.

Klimawandel mächtiger als Dschingis Khan

In der gleichen Ausgabe von PNAS findet sich noch eine andere interessante Studie, die die Auswirkungen vergangener klimatischer Veränderungen auf die zentralasiatischen Zivilisationen untersucht. Die Studie wurde von einem internationalen Forschungsteam durchgeführt, zu dem auch Forschende des Joint Stock Company Institute of Geography and Water Safety aus Almaty gehören. Sie liefert einen neuen Erklärungsansatz für das Verschwinden der Flusszivilisationen im Aralseebecken Ende des 13. Jahrhunderts.

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Der Niedergang dieser Zivilisationen wurde lange Zeit mit der Zerstörung der Bewässerungssysteme durch die mongolischen Invasoren erklärt. Die Studie, die sich auf die in der Nähe des Flusses Syrdarja liegende Oase von Ortrar konzentriert, legt jedoch eine andere Erklärung nahe. Die Analyse der Sedimente des Syrdarja-Nebenflusses Arys sowie der Zeitpunkt der Preisgabe der Bewässerungskanäle, weisen darauf hin, dass der Zerfall von Ortrar bereits vor der Invasion der Mongolen begann und mit einem Umschwung der klimatischen Bedingungen zusammenhing. Demzufolge wären für das Verschwinden der Flusszivilisationen ein Rückgang der Niederschläge und die dadurch ausgelösten wiederholten Dürreperioden verantwortlich.

Das Y-Chromosom der Uissun

Das Wissen über die eigene Abstammung ist in Kasachstan ein wichtiges Thema. ‘Jeti ata’ bezeichnet die Verpflichtung, seine eigenen Vorfahren über sieben Generationen hinweg zu kennen. Von neun der 12 Uissun-Klans der Großen Horde wird behauptet, dass sie von einem einzigen Urahnen mit dem Namen Maiky-biy abstammen, dessen Herkunft wiederum entweder auf die Darligin– oder die Niru’un-Mongolen zurückgeführt wird. Es gibt aber auch andere Hypothesen zur Herkunft der Uissun, wie etwa der, dass sie von den Wusun, einem alten iranischen Volk, abstammen würden. Eine Studie des National Laboratory Astana der Nasarbajew-Universität und des National Center for Biotechnology, die im Oktober 2020 in BMC Genetics erschienen ist, hat diese Hypothesen jetzt überprüft.

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Die ForscherInnen sequenzierten die DNA des Y-Chromosoms, das vom Vater an seine Söhne vererbt wird, bei 490 Männern aus acht Uissun- und drei weiteren Klans der Großen Horde. Die Identifizierung gemeinsamer genetischer Marker erlaubte eine genauere Genealogie der Klans. Die Studie konnte zeigen, dass die Gesamtheit der untersuchten Klans nicht von einem, sondern von drei verschiedenen Vorfahren abstammen, die im 13. oder 14. Jahrhundert lebten. Sieben Klans, von denen sechs zu den Uissun gehörten, wiesen ein ähnliches Profil auf, was darauf schließen lässt, dass sie einen gemeinsamen Stammvater haben, welcher der berühmte Maiky-biy sein könnte.

Um den Ursprung des dominanten Y-Chromosoms zu identifizieren, wurde es mit alter DNS verglichen, die in einer Wusun-Grabstätte im ehemaligen Semiretscher-Oblast in Kasachstan gefunden wurde, sowie mit der DNA von Nachfahren der mongolischen Darligin, den Mitgliedern des Konyrat-Klans. Die Ergebnisse legen nahe, dass die sechs Uissun-Klans, die laut der Untersuchung einen gemeinsamen Vorfahren haben, weder von den Wusun noch von den Darligin abstammen. Ihr Ursprung müsse folglich bei den Niru‘un gesucht werden.

Anthony Vial, Redakteur für Novastan France

Aus dem Französischen von Lucas Kühne

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