Naryn Fluss Kirgistan

Leben mit dem Fluss: Der Naryn in Kirgistan

FLUSSGESCHICHTEN. Der Fluss Naryn in Kirgistan ist als Wasser- und Energiequelle einer der wichtigsten Wasserläufe in Zentralasien. Doch vor allem weiter flussaufwärts zeichnen sich die Effekte des globalen Klimawandels klar ab, was schlimme Folgen für die ganze Region haben könnte. Im Rahmen einer Reportagereihe von Vlast.kz haben Journalisten an unterschiedlichen Orten Anwohner über ihre Beziehung zum Fluss befragt. Wir übersetzen den Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. 

Der Fluss Naryn hat hoch im Tienschan-Gebirge in Kirgistan seine Quelle. Im Ferganatal, im Südosten des Landes, fließt er mit dem Karadarja-Fluss zusammen: So entsteht der Syrdarja, eine der Hauptwasserstraßen Zentralasiens.

Das Becken des Syrdarja umfasst drei Regionen Kirgistans, eine Region Tadschikistans, sechs Regionen Usbekistans und zwei Kasachstans. Der Fluss verbindet die vier Länder Zentralasiens.

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Laut Ismail Dairow, dem Direktor des Regionalen Bergzentrums Zentralasiens in Kirgistan, könnte „der Wasserfluss des Syrdarja und des Amudarja aus dem Tien Shan- und Pamir-Gebirge in 10-20 Jahren um 10-30 Prozent abnehmen.” Wissenschaftler und Experten weisen darauf hin, dass die Bevölkerung in der Region zunimmt: Die Leute brauchen immer mehr Wasser.

Im Rahmen des Projekts „Kleine Menschen – Großer Fluss“ reiste eine Gruppe von Journalisten und Umweltschützern Dutzende von Kilometern entlang des Naryn-Flusses. Sie fragten die Menschen, die in seiner Nähe leben, welche Veränderungen sie im Verhalten des Flusses oder des Wetters sehen und wie sich das auf ihr Leben auswirkt.

„Besitzer ist der, der das Land pflegt!“

Der aus Transbaikalien in Russland stammende Sergej Solotujew kam vor 53 Jahren in diese Region und beschloss, dort zu bleiben. „Es ist überall dort schön, wo wir gerade nicht sind“, wiederholt er ein bekanntes Sprichwort.

Hier gibt es eine Heilquelle, und was braucht der Mensch sonst noch? Ich lebe umgeben von wunderschönen Bergen, schöner Vegetation und einem Gebirgsfluss, rein wie Eis. Jede Pflanze hier ist eine Heilpflanze. Es gibt keine Fabriken über uns, man möchte die Luft mit vollen Zügen einatmen“, erzählt er. „Die Natur gibt mir und meinen Freunden ein positives Gefühl. Mit 57 Jahren springe ich jeden Morgen über die Steine. Ich halte mein Gewicht, da gibt es kein einziges überflüssiges Gramm.

Sergej Solotujew. Quelle: Vlast.kz/Vlad Uschakow

Auch bei anderen beobachtet Solotujew die wohltuenden Effekte der Natur. „Wenn Gäste aus der Stadt zu mir kommen und hier die unbelastete Luft einatmen, kehren sie buchstäblich wie neugeboren zurück. All ihre Negativität wird vom Wasser aufgenommen, und kaum kehren sie nach Hause zurück, lockt schon wieder die Natur. Deshalb verlieben sich auch Ausländer in unsere Natur“, sagt er.

Er fügt hinzu, dass die Natur einen empfindlicher für die Umgebung macht: „Hier bemerke ich jeden Grashalm, wie der Weißdorn blutrot wird, wie die Berberitze sich verdunkelt. Wie Ameisen, Elstern und Krähen leben. Und wie sich das Klima verändert und sich unser Ökosystem verschlechtert“.

Auch wenn das globale Klima auf lokaler Ebene schwer zu beeinflussen ist, könne man doch einiges vor Ort machen, meint Solotujew. „Zum Beispiel liegt es in unserer Macht, die Wirtschaft zu entwickeln. Es gibt keine Bewässerung und kein Ackerland, die Kirgisen leben hauptsächlich von der Nutztierhaltung, die immer mehr zunimmt, aber sie betreiben keine Zucht. Die riesigen Rinderherden stören die empfindliche fruchtbare Bodenschicht. Das Gras ist jetzt niedrig, ganz im Unterschied zu früher! In den Sümpfen gibt es schon lange keine Brombeeren mehr, sie werden vom Vieh gefressen. Es bleiben nur noch armselige Büsche.

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Er beschwert sich auch über Fischer, die „nicht für den Eigenbedarf, sondern für den Verkauf fangen“: „Sie lassen Haken im Wasser, die die Fische beim Vorbeischwimmen verletzen. Sie verwenden Elektrofischer-Ruten. Es gibt immer weniger Fische, heute habe ich nur eine Forelle gefangen! Und der Nerz ernährt sich von Fisch: Er ist ein Raubtier, er stiehlt unsere Fische. Aus irgendeinem Grund denkt niemand daran, ihre Anzahl zu regulieren“, sagt er.

Es liegt auch in der Macht des Menschen, keine Abfälle zu hinterlassen. Aber in jeder Schlucht gibt es Abfälle, wir sind nur noch von Müll umgeben. Er fließt ins Wasser und wird von der Strömung flussabwärts getragen. Am Yssykkölsee ist absolut alles voller Müll. Aber ich beklage mich nicht – mein Beitrag zum Naturschutz ist es, den Müll aufzusammeln. Dazu möchte ich sagen: Der Besitzer ist nicht derjenige, der sein Territorium vermessen hat, sondern derjenige, der es pflegt! Der sein Land liebt und respektiert. Der auch an die denkt, die weiter unten leben. Ich wünsche mir klares Wasser für den Unterlauf, wie oben“, schließt Solotujew seine Erzählung ab.

Ein Fluss voller Müll

Musa Borbijew, ein Forellenfischer aus Toktogul im Zentrum Kirgistans, stimmt dem zu. Er fordert einen besseren Umweltschutz für den Fluss. „Die Leute werfen Essensreste und Plastik in den Fluss und die Fische sterben durch den Müll! Forellen benötigen sauberes Flusswasser – und deshalb gibt es immer weniger von ihnen. Aber das Hauptproblem ist der unkontrollierte Fischfang. Unvorsichtige Fischer fangen 100-150 Stück auf einmal und stören dadurch das natürliche Gleichgewicht. Sie fangen die Fische offensichtlich nicht für den eigenen Gebrauch, sondern um sie zu verkaufen. Sie benutzen dazu Elektrofischerruten und Netze. Deshalb gibt es heute so wenige Fische. Der Fischbestand erholt sich davon nicht“, sagt er.

Borbijew ist 57 Jahre alt und hat sein ganzes Leben in dieser Gegend verbracht. Er hat beobachtet, wie sich das Klima zu seinen Lebzeiten stark verändert hat. „Früher konnten die Menschen im Winter das bis zu 40 cm dicke Eis sicher überqueren. Heutzutage ist das nicht mehr möglich. Und es gibt keinen Schnee wie in meiner Kindheit. Der Wasserstand im Fluss sinkt“, schildert er.

Musa Borbijew auf seiner Forellenzucht. Quelle: Vlast.kz/Vlad Uschakow

Vor ein paar Jahren begann er Forellen in künstlichen Teichen zu züchten. Besucher aus Osch und Dschalal-Abad sowie Einheimische kaufen den umweltfreundlichen Fisch von Musa. Der Forellenzüchter beklagt, dass es immer schwieriger wird, Futter zu kaufen; alles wird aus Europa importiert und der Preis für Futter steigt proportional zu den Schwankungen des Währungskurses. Manchmal kauft er sein Futter in Kasachstan. Das ist zwar viel billiger, aber die Qualität ist auch deutlich schlechter. Borbijew wollte selbst mit der Produktion von Fischfutter beginnen, aber viele der benötigten Zutaten sind in Kirgistan nicht erhältlich, wie etwa Fischöl und Fischknochenmehl.

Walentina Lukina, eine Journalistin und Hochschullehrerin aus Tasch-Kömür, etwas weiter flussabwärts gelegen, geht ebenfalls auf den sich verschlechternden ökologischen Zustand des Naryn-Flusses ein.

Hierhin fließen nicht nur verschmutzte Nebenflüsse; die Menschen verwandeln den Naryn selbst immer mehr in einen Abwasserfluss. Der Fluss Naryn fungiert de facto als Sammlung von menschlichen Abfällen. Sowohl das städtische Krankenhaus, das medizinische Abfälle im Wasser entsorgt, als auch das Abwasser von schlecht funktionierenden Kläranlagen verunreinigen das Wasser“, erläutert Lukina.

Walentina Lukina (links) auf der Brücke über den Naryn, bei Tasch-Kömür. Quelle: Vlast.kz/Vlad Uschakow

Auch vor kranken Tieren nicht sind wir nicht gefeit. Was würde passieren, wenn es plötzlich eine Infektion gibt? Alle würden so tun, als wäre nichts geschehen. Aber Menschen leben entlang des Flussbettes und nutzen dieses Wasser für ihre häuslichen Bedürfnisse. Das ist der Wasserkreislauf.“ Laut offiziellen Daten wurden in den letzten 50 Jahren 40 Millionen Kubikmeter Abwasser in die Gewässer des Naryn geleitet.

Lukina wurde in Taschkent geboren und lebt seit ihrem dritten Lebensjahr in Tasch-Kömür. Damals erhielten ihre Eltern eine Arbeit im örtlichen Wasserkraftwerk. Ihr zufolge zeigt sich der Klimawandel an der veränderten Intensität und Häufigkeit der Winde und einem Rückgang des Wasserspiegels, der dennoch weiterhin voll und mächtig sei.

„Der Fluss ist eine Lebensquelle“

Ulan Namatbekow ist Wildhüter. Er wurde in der Stadt Naryn geboren und hat dort sein ganzes Leben verbracht. Auch er ist der Meinung, dass Kirgistans größte Wasserstraße, der Naryn-Fluss, eine grenzüberschreitende Umweltkatastrophe verursachen könnte. Der Fluss wird seit langem durch Abfall von Unternehmen, Abwässern und Müll gespeist. Die Kläranlage von Naryn ist mehr als ein halbes Jahrhundert alt. Zur Zeit ihres Baus haben dort noch viel weniger Menschen gelebt, weshalb ihre Auslegungskapazität nicht den heutigen Bedürfnissen der Stadt entspricht. Außerdem gibt es keine biologische Klärung. Nach einer mechanischen Aufbereitung wird das Wasser in den Naryn geleitet und von den Einwohnern flussabwärts zum Waschen und zur Bewässerung genutzt. Sie haben keine andere Wahl.

Ulan Namatbekow. Quelle: Vlast.kz/Vlad Uschakow

Namatbekow arbeitete lange Zeit als Forscher im Staatsreservat Naryn, das flussaufwärts liegt. Im westlichen Teil des Reservats befindet sich eine separate Futterstelle für Rothirsche. Als Ökoaktivist ist Namatbekow überzeugt, dass Kirgistan ökologische Bildung braucht. Er initiierte öffentliche Anhörungen in Naryn mit der lokalen Verwaltung und Öko-Aktivisten zu Problemen im Zusammenhang mit menschlichen Aktivitäten und dem Klimawandel.

Der Ökologe bemerkte die allmähliche Abnahme der Fläche der Gletscher, die an der Quelle des Flusses Naryn liegen: „Es ist der längste Fluss Kirgistans und ein Zufluss des Aralsees. Einst haben die Länder um den Aralsee das Wasser missbraucht und der See ist ausgetrocknet. Wir wollen nicht, dass sich eine ähnliche Katastrophe wiederholt, wenn die Gletscher schmelzen“.

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Laut Sulton Rakhimsoda, dem Vorsitzenden des Exekutivkomitees des Internationalen Fonds zur Rettung des Aralsees, ist die Fläche der Gletscher in Zentralasien im Vergleich zum Beginn des letzten Jahrhunderts um ein Drittel geschrumpft. Ein Temperaturanstieg von zwei Grad würde sie um 50 Prozent schrumpfen lassen, während sie durch einen Anstieg um vier Grad bis zu 80 Prozent verlieren würden.

Naryn ist eine Lebensquelle“, so Oleg Nekrytow, Chefarzt im Zentralkrankenhaus der Siedlung Ming-Küsch.

Nekrytow wurde 1963 in Ming-Küsch geboren und ist seitdem nicht weggezogen, auch nicht, als viele Uranbergbausiedlungen aus der Sowjetära geschlossen wurden. „Wegziehen? Wozu? Hier leben auch Menschen, die krank werden und behandelt werden müssen“, sagt er. „Früher wurde das Uran auf Waggons herausgeholt und über die offene Straße nach Karabalta (in der Nähe von Bischkek, Anm. d. Red.) transportiert. Bis heute gibt es erhöhte Strahlungswerte in der Nähe von Grabstätten. An anderen Orten sind die Werte jetzt normal. Onkologische Erkrankungen können besser in frühen Stadien diagnostiziert werden. Vor fünf Jahren lag Ming-Küsch in Sachen Onkologie an vierter Stelle, heute liegt es an dritter Stelle, aber nicht wegen eines Anstiegs der Patientenzahlen, sondern wegen verbesserter Diagnosemöglichkeiten“.

Oleg Nekrytow bei seinen Bienenstöcken. Quelle: Vlast.kz/Vlad Uschakow

Der Chefarzt erinnert sich an eine Zeit, als die Berghänge in der Siedlung und ihrer Umgebung schwarz waren und die Felsen keine Vegetation aufwiesen. Heute sind sie grün. „Die Natur ist in der Lage, sich selbst zu heilen, aber man darf nicht in sie eingreifen. Doch der Mensch versucht immer wieder, alles zu verderben“, meint er.

Nekrytov begann vor einiger Zeit mit einem Bienenstand. Sein Honig ist einer der besten im Gebiet Naryn, weil die Bienenstöcke von Bergwiesen mit reichhaltigen, gesunden Bergblumen, Kräutern und Sträuchern umgeben sind. Der Honig wird auch in der Türkei gekauft, er ist gesund und duftend. Die Besonderheit des Bienenstandes ist, dass er an einem Ort bleiben kann: Es gibt genug Artenvielfalt für die Bienen.

Immer weniger Eis

Der Steinadler-Züchter Aman Ismailow nennt Naryn ein Touristenparadies. „Wasser ist wertvoller als Gold. Wir sollten nicht den Boden anrühren, sondern den Tourismus entwickeln“, sagt er. „In meiner Kindheit sind wir immer auf dem Eis über den Fluss gelaufen und haben dort gespielt. Jetzt ist es unmöglich, das Eis zu betreten. Es gibt nur noch kleine Eisstücke. Früher haben wir Wasser aus dem Naryn getrunken, aber jetzt geht das nicht mehr, weil viel Müll in den Fluss geworfen wird. Mir ist auch aufgefallen, dass es in Naryn weniger Fisch gibt. Es gibt nur noch kleine Osman-Fische, 15-20 cm, und Forellen, die aber nur noch selten gefangen werden”.

Adlerjäger und Steinadler
Aman Ismailow und sein Steinadler Elmok. Quelle: Vlast.kz/Vlad Uschakow

Ismailow ist 40 Jahre alt und lebt im Dorf Alysch. Er beschäftigt sich mit dem Training von Steinadlern und zeigt Touristen den Salburun – die ökologische Jagd der Kirgisen zu Pferd, mit Pfeil und Bogen, Taigan und Steinadler. Sein Steinadler, der den Spitznamen Elmok trägt, ist bereits zweimal Weltmeister geworden, und er ist der Asienmeister der Spiele 2018.

Der Tierarzt Satybaldy Imankulow lebt seit zwei Jahrzehnten im Dorf Kara-Say im Bezirk Ak-Schyirak, an der chinesischen Grenze, in den Bergen südlich vom Yssykkölsee. In dieser Zeit wurden in seiner Familie vier Kinder geboren und aufgezogen.

Ich bemerke die allmähliche Flussverlandung und die Gletscherschmelze. Und es wird wärmer: Die Bewohner tragen nun einfache Stiefel statt Filzstiefeln und Jacken statt Pelzmänteln. Ja, im Winter frieren die Flüsse in dieser Gegend durch, das Eis ist bis zu vier Meter hoch, und es hält bis Ende Juni an. Gleichzeitig gibt es aber auch deutlich weniger Schneefall: Vor 20-30 Jahren wurde der Schnee regelmäßig geräumt und in die Autos geladen. Jetzt gibt es keinen solchen Schnee mehr. Natürlich fällt es uns Hochlandbewohnern leichter bei milderem Wetter zu leben, aber flussabwärts beschweren sich die Leute, dass sie im Sommer nicht genug Wasser haben, um ihre Gemüsegärten zu bewässern“, sagt Imankulow.

Satybaldy Imankulow. Quelle: Vlast.kz/Vlad Uschakow

Ich lebe an einem Ort, an dem mehrere Flüsse zusammenfließen und in den Naryn münden. Die Flüsse ändern alle 2-3 Jahre ihren Lauf. Die Anwohner müssen die Grenzbeamten um Hilfe bitten, um die Flussbetten zu richten.“

Laut Imankulov leben in dem Bezirk, der vier Dörfer umfasst, 29 Haushalte mit insgesamt 57 Personen. Schulkinder bleiben nicht das ganze Jahr dort, sie gehen für die Zeit ihres Studiums weiter runter. Nur Kinder im Vorschulalter sind das ganze Jahr über in den Dörfern. Erwachsene leben nur von Viehzucht, wie ihre Großväter und Urgroßväter.

Die Anwohner sind von der Landwirtschaft als Haupteinnahmequelle abhängig. Dank des sauberen Wassers im oberen Naryn sowie des saftigen, ökologisch reinen Buntgrases erhalten Schafe, Ziegen, Kühe und Pferde hier keine Grundantibiotika, während bereits flussabwärts die Impfung von Rindern und Kühen vorgeschrieben ist. Fleisch- und Milchprodukte sind hier von höchster Qualität, in den Flüssen leben Osman-Fische, und deshalb genießen die Menschen hier eine ausgezeichnete Gesundheit“, sagt Imankulow.

„Kümmert euch um das Wasser!“

Edil Aschirow aus dem Dorf Kara-Saj züchtet Yaks und besucht oft den Oberlauf des Naryn-Flusses. „Ich habe im Fernstudium Umweltwissenschaften studiert und bin schon immer in der Rinderzucht tätig gewesen und habe Bullen gezüchtet. In den letzten zwei Jahren züchte ich Yaks, ich habe zwei Herden von 200 und 300 Tieren, die auf Syrt-Hochebenen leben. Das ist kein Dschailoo (kirgisisch, nomadisches Sommerlager, Anm. d. Red.) sondern viel höher, mit bis zu 40 Grad Frost im Winter. Yaks sind anspruchslos und vertragen solche Temperaturen gut, sie laufen und kämpfen von alleine“, lacht Aschirow. „Die Yakzucht ist umweltfreundlich, eine einzigartige Produktion und eine sehr profitable Branche. Nicht nur das Fleisch der Yaks ist wertvoll, sondern auch ihre Milch, Hörner, Felle und Wolle. Ich mag auch die hiesige Landschaft, sie ist wunderschön! Yaks bleiben nicht gerne an einem Ort. Man muss sie im Auge behalten, denn sie können weglaufen. Aber dafür muss man ihnen kein Heu zur Verfügung stellen. Außerdem habe ich einen starken nomadischen Geist.

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Im Laufe seiner jahrelangen Beobachtungen hat Aschirow festgestellt, dass das Klima trockener geworden ist: Es fällt weniger Schnee und Regen. An der Quelle des Kara-Sai-Flusses nimmt das Wasservolumen stetig ab.

Edil Aschirow bei der Yakzucht. Quelle: Vlast.kz/Vlad Uschakow

Die Leute da unten wissen das nicht. Sie denken, dass sie wegen irgendwelcher künstlichen Hindernisse nicht genug Wasser bekommen“, meint Aschirow. „Aber die Gründe sind ökologischer Natur: Die Flüsse werden von Eis und Schnee gespeist, und die Gletscher schrumpfen. Einheimische Hirten mit langer Erfahrung erzählen uns, dass früher mehr Wasser in den Flüssen war, Autos und Pferde gingen unter Wasser, es war nicht einfach, eine Überfahrt zu finden. Heute kann man zu Fuß durch die Flüsse waten!“.

Heute wissen nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder über den Klimawandel Bescheid. Der junge Manastschy (Erzähler des kirgisischen Nationalepos Manas, Anm. d. Red.) Danijar Koichubekow lebt seit seinem zweiten Lebensjahr am Ufer des Kara-Unkur-Flusses, dem größten Nebenfluss des Naryn-Flusses. Der 12-jährige Daniyar erinnert sich, dass er in jungen Jahren wegen der starken Strömung große Angst hatte, sich dem Wasser zu nähern. In den letzten Jahren sei der Fluss jedoch viel ruhiger geworden.

Danijar Koichubekow. Quelle: Vlast.kz/Vlad Uschakow

Daniyar singt gerne über sein Lieblingsland – das Land des großen Helden Manas, welches die Vorfahren bewahrt haben. „Ich appelliere an die heutige Generation: Kümmert euch um das Wasser – das wertvollste Geschenk für den Menschen – und haltet es sauber!

Sonunbek Kadyrow hat eine direkte Verbindung zum Fluss Naryn: Er ist Fährmann. „Der Naryn-Fluss ist, wie viele andere Flüsse in Kirgistan, wegen des großen Höhenunterschieds, des schwierigen Geländes seines Bettes und der schnellen Strömung nicht schiffbar. Aber er ist ‚fast schiffbar‘“, sagt Kadyrow lachend. „Das liegt daran, dass unsere Fähre darauf fährt und die ‚Insulaner’ mit dem Rest der Welt verbindet!

Zwei Jahre täglicher Fährenverkehr zwischen den Ufern des Naryn-Flusses sind eine lange Zeit. Kadyrow schließt mit den Einheimischen einen Vertrag für ein Jahr und fährt Menschen, Tiere und Fracht mit dem behelfsmäßigen Schiff von einem zum anderen Ufer. An seiner Seite hat er immer seinen Sohn – der Erstklässler Ariel, der alles von seinem Vater lernt.

Sonunbek Kadyrow und sein Sohn Ariel auf ihrer Fähre über den Fluss Naryn. Quelle: Vlast.kz/Vlad Uschakow

Vater und Sohn geben zu: Die Arbeit ist gefährlich, es gibt viele Unterwasserströmungen, Tiefen, kaltes Wasser. Aber diese Arbeit hilft der Familie zu überleben. Sie hilft auch den Menschen um sie herum: Bevor es eine Fähre gab, waren sie gezwungen, eigenständig mit Booten überzusetzen. Sie mussten rudern, was äußerst schwierig war, besonders in einem beladenen Boot.

Es gibt jetzt weniger Gefahren, sagt Kadyrow. Er hat ein starkes Absinken des Wasserpegels festgestellt. Die Winde sind häufiger geworden und es liegt weniger Schnee auf den Berghängen. In der Zeit der intensiven Schnee- und Eisschmelze gibt es jedoch Situationen, in denen die Passagiere das Wasser vom Boden schöpfen müssen, bis die Fähre direkt am Ufer anlegt. Und am Ufer wartet ein ‚Taxi‘ auf sie: ein Tiertransport mit Eseln und Pferden.

Kysyl Beyit – Durch den Fluss abgeschnitten von der Welt

Zwei weitere Stunden mit dem Pferd und man ist im Dorf Kysyl Beyit angekommen. Laut Kultschoro Ramanow, Dorfvorsteher von Kysyl Beyit, hat es hier zu Sowjetzeiten eine Sowchose gegeben. Zur Zeit der Perestroika wurde diese durch private Bauernhöfe ersetzt. Viele arbeitsfähige Dorfbewohner sind zum Arbeiten weggezogen, einige in andere Teile des Landes, andere ins Ausland. Viele Häuser wurden zugenagelt. Junge Leute kommen ihre Verwandten besuchen, aber immer seltener.

Kultschoro Ramanow, Dorfvorsteher von Kysyl Beyit. Quelle: Vlast.kz/Vlad Uschakow

Und die Älteren konnten nirgendwo hin und hatten auch keinen besonderen Grund wegzuziehen. „Es sind etwa 300 Leute übrig geblieben. Sie beschäftigen sich hauptsächlich mit der Ziegenzucht, der Gewinnung von Ziegenmilch und der Herstellung von Ziegenkäse und saurer Sahne. Für den Winter müssen sie Brennholz und Heu für ihr Vieh machen. Außerdem ist es notwendig, sich mit Lebensmitteln von der anderen Seite des Flusses einzudecken und auf den Markt zu gehen. Es ist eine echte Subsistenzwirtschaft – ohne Schulen, Krankenhäuser und sogar ohne Strom“, abgesehen von den erneuerbaren Energiequellen, die kürzlich von internationalen Organisationen installiert wurden.

Es sind nur fünf Kilometer vom Dorf Kysyl Beyit bis zum Wasserkraftwerk, aber tatsächlich wirkt es kaum näher als der Mond! Der Mensch ist bereits dorthin geflogen, aber die Regierung hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, Strom in unser Dorf zu bringen! Über welche Art von Internet und Zivilisation können wir da reden? Unsere einzige Freude ist es, wenn der Postbote uns Briefe bringt“, sagt Ramanow.

Mairambu Aidaralijewa, eine Rentnerin aus dem Dorf Kysyl Beyit, lebt seit ihrer Geburt in der Nähe des Flusses Dschaka, eines Nebenflusses des Naryn.

Mairambu Aidaralijewa, Rentnerin aus Kysyl Beyit. Quelle: Vlast.kz/Vlad Uschakow

Sie sagt, sie könne nirgendwo anders hinziehen: es sei schön hier, eine gute Umwelt, viele Heilkräuter, Quellen, und überhaupt ist die Erinnerung an ihre Vorfahren hier. Aidaralijewa sammelt Kräuter und trocknet Früchte und Beeren. „Wir holen Forellen und Marinkas aus dem Fluss. Allah sei Dank haben wir genug Trinkwasser, und bald gibt es auch Strom. Wohin sollte ich ziehen?“, erläutert sie.

Wie die anderen Bewohner erzählt sie davon, wie sich das Klima verändert, und nennt als Beispiel den Wasserstand der Flüsse und das Wetter: „Das Wetter hat sich sehr verändert, es ist unberechenbar geworden. Es ist im Winter sehr kalt geworden und der Wind hat zugenommen. Auf unserer Insel gibt es viel Schnee, obwohl man sich andernorts über Schneemangel beklagt. Der Fluss Naryn ist seicht geworden. Und das ist unser wichtigster Fluss!

Der Aksakal (kirgisisch für Weißbart, Dorfältester, Anm. d. Red.) Emilbek Aitbajew aus Kysyl Beyit erinnert sich an eine Geschichte, die ihm von der älteren Generation überliefert wurde. „Kysyl Beyit“, das heißt übersetzt „Rotes Grab“.

Vor langer Zeit kamen die Kirgisen nach blutigen Kämpfen, die viele junge Menschenleben forderten, hierher und ließen sich allmählich nieder. Als erstes brachten sie Trinkwasser, das war das Einfachste. Dann begannen sie Bäume zu pflanzen. Dies wurde uns von denen vermacht, die vor uns gelebt haben. Dieses Vermächtnis übergebe ich nun an meinen Enkel Nurbolot und diejenigen, die nach mir leben werden. Ich bin ein alter Mann, aber ich pflanze immer noch Bäume“, erzählt Aitbajew.

Emilbek Aitbajew. Quelle: Vlast.kz/Vlad Uschakow

Wir einfachen Menschen leben im Einklang mit der Natur nach den Regeln von Manas. Und wir verlassen dieses Land nicht, weil wir in den Städten und Dörfern nichts zu erwarten haben. Wir wissen nur, dass Präsidenten und Abgeordnete gewählt werden, und sie versprechen uns viele gute Dinge – Strom, Straßen und ein anständiges Leben! Und was sehen wir? Wir leben so, wie wir können, und erwarten schon lange nichts mehr von ihnen. Das einzige Problem ist, dass es gefährlich ist, in die Nähe des Flusses zu gehen, wenn es schneit und friert. Dann sind wir vollständig von der Außenwelt isoliert. Ich wünschte, sie würden uns helfen, einen Steg zu bauen“, sagt der Dorfälteste.

Die Einwohner von Kysyl Beyit leben am Fluss Naryn auf altmodische Art und Weise. Sie haben ihre Identität bewahrt und wissen auch ohne Strom auszukommen.

„Wir müssen an die Zukunft denken!“

Uyalkan Satarowa, Schichtführerin im Wasserkraftwerk Toktogul, nennt den Naryn-Fluss ihrerseits eine Lichtquelle. Sie wuchs in einer Familie von Energiespezialisten auf, ihr Mann ist ebenfalls ein Energiespezialist und ihr Sohn und ihre Tochter studieren in Bischkek, um Energieingenieure zu werden.

Uyalkan Satarowa, Schichtführerin am Wasserkraftwerk Toktogul. Quelle: Vlast.kz/Vlad Uschakow

Der Fluss hat bedeutende Energieressourcen. An ihm sind große Wasserkraftwerke gelegen: Toktogul, Tasch-Kömür, Ütschkurgan, Kurpsay, Schamaldysay. Für die Zukunft ist der Bau von Kambarata-2 und einer Kaskade vom höheren Naryn mit zugehörigen Reservoiren geplant. Die Stromerzeugung ist in Naryn direkt vom Wasser abhängig. Langfristig ist eine Reduzierung der verfügbaren Wassermenge unvermeidlich. Wenn der Pegel des Flusses sinkt, kann nur weniger Wasser durch den Damm fließen, was die Stromproduktion reduziert“, so Satarowa. „Das hat auch Folgen für die Nachbarländer und kann sogar einen Einfluss auf diplomatische Beziehungen haben. Für Kirgistan selbst bedeutet eine reduzierte Wasserversorgung, dass es Strom oder Kohle von seinen Nachbarn kaufen muss. Aber erneuerbare Energiequellen könnten die Antwort sein.

Sabirdschan Toktogulow, Direktor des Museums des Wasserkraftwerks Toktogul, kann eine lange Geschichte über Naryn erzählen: „Er ist ruhig und gelassen in der Ebene. In den Bergen scheint er verrückt zu spielen und hat ein großes Energiepotential! Über seiner Länge hat der Fluss ein Gefälle von 1.715 m mit einem durchschnittlichen Gefälle von 3 Grad und ist in Bezug auf die Wasserenergiereserven fast gleichauf mit Europas größtem Fluss, der Wolga. Die Wolga hat 6,20 Millionen Kilowatt, der Naryn 5,94 Millionen Kilowatt.

Sabyrdschan Toktogulow ist wie eine lebende Geschichte des Wasserbaus in Kirgistan. Quelle: Vlast.kz/Vlad Uschakow

Der inzwischen pensionierte Toktogulow kam 1974 mit einer Komsomol-Reise nach Karakul und lebt seitdem hier. Er ist eine lebendige Geschichte des Wasserbaus in Kirgistan. „Im April 1962 kamen die ersten Wasserbauingenieure zum Bau des Toktogul-Wasserkraftwerks mit einem Traum – zu erleben, wie mit ihrer Hilfe eine Glühbirne aufleuchtet und die Menschen mit Strom versorgt werden. Was sie geschaffen haben, ist heute noch lebendig“, sagte er. „Aber der Klimawandel ist bereits bewiesen. Das bedeutet, dass die Zukunft der kirgisischen Wasserkraft in Gefahr ist. Wir müssen an die Zukunft denken!

Lest auch bei Novastan: Wie Kirgistan und Usbekistan den Toktogul-Stausee teilen – die Geschichte eines sowjetischen Modernisierungsprojekts

Toktogulow erzählt von dem, was er seit fast 40 Jahren beobachtet: „Die Gletscher schmelzen, und wir müssen heute Wasser speichern. Hatte es unter der sowjetischen Planwirtschaft noch Ordnung und eine wissenschaftliche Herangehensweise gegeben, so hat jetzt die freie Wirtschaft zu Bodenerosion und der Degradierung der Weiden geführt. Das heißt, die Anzahl der Herden stimmt nicht mit der Kapazität der Weiden überein. All dies verschärft die Klimarisiken. Die Entscheidungsträger reden viel über die Ökologisierung der Wirtschaft, aber an der Durchführung mangelt es.“

Plan der Talsperren am Naryn in Kirgistan. Quelle: Vlast.kz/Vlad Uschakow

Auch Wissenschaftler stimmen mit den Schlussfolgerungen von Toktogulow und anderen Anwohnern des Naryn-Flusses überein. Gab es in den 1960er Jahren in Kirgistan etwa 8.200 Gletscher, so sagen Klimaforscher voraus, dass im Jahr 2100 nur noch zwischen 142 bis 1.484 übrig sein werden. Ihr Volumen wird um das Zehnfache schrumpfen.

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Wir haben ernsthafte Klimaveränderungen in Kirgistan festgestellt. Es wurde bereits als eines der Länder in der Region anerkannt, die am empfindlichsten auf den Klimawandel reagieren. Das liegt daran, dass Kirgistan extrem abhängig vom Schmelzwasser der Gletscher ist“, sagt Nicolas Muliniu, UNICEF-Berater für den Klimawandel.

Der Klimawandel lässt sich nicht mehr vollständig aufhalten, aber er kann verlangsamt werden. Das ist der einzig mögliche Weg sowohl für Kirgistan als auch für die anderen Länder der Region, die in Bezug auf Wasser voneinander abhängig sind.

Weitere Bilder gibt es im Originalartikel zu sehen.

Wlad Uschakow, Irina Bajramukowa und Gamal Soronkulow
Aus Kirgistan für Vlast.kz

Aus dem Russischen von Florian Coppenrath

Das Projekt „Developing Journalism – Exposing Climate Change“ zielt auf die Identifizierung und Lösung von Problemen des fortschreitenden Klimawandel durch die Entwicklung und Stärkung unabhängiger Medien in Zentralasien. ExpertInnen des Zentrums für Medien-Entwicklung (Kirgistan) sowie der Redaktionen von Anhor.uz (Usbekistan), Asia-Plus (Tadschikistan) und Vlast (Kasachstan) leisten Unterstützung als MentorInnen. Das Projekt wurde von n-ost (Deutschland) und dem Internationalen Zentrum für Journalismus MediaNet (Kasachstan) mit Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) umgesetzt.

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Vlast.kz
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Kommentare
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    Ein sehr schöner, einfühlsamer Artikel. Es kommen die einfachen Menschen zu Wort, die auf ganz unterschiedliche Weisen mit der Natur und dem Fluss leben. Ich kann ihre Aussagen über die Veränderungen des Flusses und der Umwelt gut nachempfinden. Vieles davon, zum Beispiel das Problem der Überweidung, das auch zu Bergrutschen führt, kann man an vielen Orten in Kirgistan seit Jahren beobachten. Auch dank der guten Übersetzung liest sich der Artikel sehr flüssig und beeindruckt durch die anschauliche Sprache.

    12 April 2021

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