Gletscher am Pik Lenin

Klimawandel: Kirgistans Gletscher in Gefahr

Der weltweite Klimawandel macht sich auch in Kirgistan bemerkbar. Das kleine zentralasiatische Binnenland leidet besonders unter dem Anstieg der globalen Treibhausgasemissionen. An vorderster Front: seine Gletscher, die seit den 1970er Jahren immer weiter schmelzen.

Nach und nach zeigt der Klimawandel auch in Kirgistan seine Auswirkungen. Durch das Abschmelzen der Gletscher, die 4 Prozent des Staatsgebiets ausmachen, könnten die reichen Wasserressourcen des Landes langfristig versiegen. Dabei ist Kirgistan mit seinen heißen und trockenen Sommern auf die Bewässerung seiner Agrarflächen angewiesen.

Doch nicht nur die stark wachsende Bevölkerung Kirgistans ist davon betroffen, auch Usbekistan, Turkmenistan und Kasachstan sind von den Wasserressourcen des Nachbarlandes abhängig. Novastan sprach mit Kanat Sultanalijew, Direktor des Tian Shan Policy Center der Amerikanischen Universität in Bischkek, um die Gletscherschmelze und ihre Folgen besser zu verstehen.

Novastan: Inwieweit ist der Zustand der kirgisischen Gletscher bereits kritisch?

Kanat Sultanalijew: Kirgistans Gletscher erstrecken sich über 8000 Quadratkilometer, was 4 Prozent des Staatsgebiets entspricht. Das Abschmelzen ist bereits in vollem Gang. Man schätzt, dass schon 20 Prozent des ursprünglichen Volumens seit den 1970ern verloren gegangen sind. Das Wasser, das wir zur Bewässerung unserer Kulturen verwenden, stammt zu 10 bis 15 Prozent von den Gletschern. Sie spielen daher eine entscheidende Rolle bei der Wasserversorgung, insbesondere im Sommer. Bei besonders starker Hitze liefern die Gletscher zwischen 60 und 70 Prozent des Wassers, das wir für die Landwirtschaft benötigen. Diese beruht – im Gegensatz zu Europa – zu 100 Prozent auf Bewässerungskanälen.

Und wodurch wird die Gletscherschmelze ausgelöst?

Der Hauptgrund für die Gletscherschmelze ist der Klimawandel. Die emissionsreichen Aktivitäten der USA, Russlands oder Chinas haben erhebliche Auswirkungen auf Länder wie unsere. Aus diesem Grund muss Kirgisistan die Forschung beschleunigen, um sich selbst zu schützen, und einen Beitrag leisten, um den Klimawandel zu verhindern. Und wir sind umso anfälliger für diesen Temperaturanstieg, da wir keinen Zugang zum Meer haben.

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Kirgisistan war nie wirklich industrialisiert. In der Sowjetzeit galt er vor allem als eine Art Provinz, die der Landwirtschaft gewidmet war. Daher sind unsere Treibhausgasemissionen weltweit relativ unbedeutend. Es gibt in Kirgistan zwar Minen, aber deren Auswirkungen sind schwer zu messen. Es besteht jedoch kein Zweifel daran, dass zum Beispiel die Bergbauaktivitäten von Kumtor (die größte Bergbaugesellschaft des Landes, Anm. d. Red.) zur Beschleunigung der Gletscherschmelze beitragen.

Gibt es Lösungen, um die Auswirkungen des Klimawandels auszugleichen?

Die erste Antwort wäre, unsere Berge wieder zu bewalden. Ziel wäre es, ein Mikroklima zu schaffen und der Wärme etwas besser Herr zu werden. Die Schaffung neuer Wälder würde für zusätzliche Regenfälle und mehr Feuchtigkeit sorgen.

Was ist die Prognose der Wissenschaft in Bezug auf die Zukunft des Wassers in Kirgisistan?

Das verfügbare Wasser wird insbesondere während der heißen Zeit im Sommer immer weniger werden. Während die Gletscher schon jetzt schmelzen, sind die Auswirkungen noch nicht allzu sichtbar. Ab 2050 wird die Situation jedoch schwierig werden. Das zeigen viele Studien.

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Gleichzeitig ist das Bevölkerungswachstum in Kirgisistan sehr hoch. Heute wird es auf 2 Prozent pro Jahr geschätzt, aber diese Zahl wird deutlich steigen. Wir werden also immer mehr Menschen auf kirgisischem Staatsgebiet und dabei werden wir immer weniger Wasser haben. Dies wird zu einer massiven Abwanderung der zentralasiatischen Bevölkerung in andere Regionen führen.

Sind die Konsequenzen nicht schon heute sichtbar?

Heute würde ich sagen ist das Hauptproblem im Zusammenhang mit dem Wasser weniger auf die Störung des Klimas als auf eine sehr schlechte Wartung der Bewässerungskanäle zurückzuführen. Einige Dörfer leiden bereits sehr unter einem starken Wassermangel.

Und welche regionalen Auswirkungen hat das Schmelzen der Gletscher?

Die Verknappung der Wasserressourcen könnte zu ernsthaften Problemen für unsere Nachbarn führen. Kirgisistan und Tadschikistan sind Gebirgsländer, die die an den Unterläufen der Flüsse gelegenen Länder Usbekistan, Turkmenistan und Kasachstan mit Wasser versorgen. In diesen Ländern, die bevölkerungsreicher sind als Kirgisistan, insbesondere in Usbekistan, nimmt das Bevölkerungswachstum auch zu. Der Rückgang der Wasserressourcen wird daher unsere Nachbarn beeinträchtigen und zu erheblichen Konflikten führen. In dieser Frage gibt es bereits heute Spannungen.

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Ein Beispiel zur Veranschaulichung: Im Winter brauchen wir mehr Strom. Dazu lassen wir mehr Wasser aus dem Toktogul-Stausee, um durch das Wasserkraftwerk Strom zu erzeugen. Unser Nachbar Usbekistan erhält dann im Winter zu viel Wasser. Im Sommer passiert das Gegenteil, und das Wasser wird knapp.

Roxane Poulain, Novastan-Korrespondentin in Bischkek

Aus dem Französischen von Robin Roth

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