Einigung zwischen Aserbaidschan und Turkmenistan bereitet Weg für Transkaspische Pipeline

Mit einem vielversprechenden Übereinkommen haben sich Aserbaidschan und Turkmenistan erstmals nach dem Zerfall der Sowjetunion dauerhaft angenähert. Durch die gemeinsame Erschließung von fossilen Energieträgern rückt auch eine mögliche Transkaspische Pipeline in greifbare Nähe, die turkmenisches Gas in Richtung Europa leiten könnte. Umsetzung und Rentabilität sind jedoch unsicher.

Nach jahrzehntelanger Uneinigkeit über die Nutzung von Öl- und Gasreserven im Kaspischen Meer unterzeichneten die Präsidenten von Aserbaidschan und Turkmenistan am 21. Januar 2021 per Videokonferenz eine gemeinsame Absichtserklärung. Damit endet vorläufig ein seit den 1990er Jahren schwelender Konflikt zwischen den beiden postsowjetischen Staaten.

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Streitpunkt war vor allem ein Feld mit fossilen Brennstoffen im Seegrenzgebiet zwischen den beiden Ländern. Das in Aserbaidschan vormals als „Kapaz“ und in Turkmenistan als „Serdar“ bekannte Feld wurde nun gemeinsam symbolisch in „Dostlug“ unbenannt, was auf beiden Sprachen „Freundschaft“ bedeutet.

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Das Feld liegt etwa 184 km östlich von Aserbaidschan und 104 km westlich von Turkmenistan unter dem Kaspischen Meer und wurde 1986 von sowjetischen Wissenschaftlern entdeckt. Seitdem sorgte es für ein gespanntes Verhältnis zwischen den beiden Anrainerstaaten des Binnengewässers. Die erste Probebohrung führte Aserbaidschan aus und erklärte damit anschließend seinen Anspruch auf die fossilen Brennstoffe. Turkmenistan beharrte im Gegenzug auf der geographischen Lage des Feldes mit einer größeren Nähe zum turkmenischen Festland. Der Grundstein für die neue Absichtserklärung wurde zwischen den fünf Anrainern Russland, Kasachstan, Turkmenistan, Iran und Aserbaidschan 2018 im Rahmen eines Gipfeltreffens zum legalen Status des Kaspischen Meeres gelegt. Damals einigten sich die Parteien über den Verlauf der Seegrenzen und die Nutzungsrechte.

Transkaspische Pipeline rückt in den Bereich des Möglichen

Details des gemeinsamen Deals, etwa die Profitaufteilung aus der Ausbeutung der Reserven oder logistische Einzelheiten, sind bisher nicht bekannt. Auch die genaue Größe der Reserven von „Dostlug“ ist unbekannt, diese werden jedoch auf etwa 50 bis 100 Millionen Tonnen Öl und 30 Milliarden Kubikmeter Gas geschätzt. Das Feld ist damit im Vergleich zu anderen turkmenischen und aserbaidschanischen Vorkommen wirtschaftlich nicht von entscheidenden Ausmaßen. So hat Aserbaidschan nachgewiesene Gasreserven von etwa 1,3 Billionen Kubikmetern und Turkmenistan sogar Reserven von 19,5 Billionen Kubikmetern Gas. Wesentlich bedeutender sind die politischen Implikationen des Abkommens. Nach einer langen Phase politischer Blockaden öffnet es die Möglichkeit für eine Transkaspische Pipeline zwischen Turkmenistan und Aserbaidschan.

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Die seit Langem geplante aber bisher nie realisierte Pipeline durch das Kaspische Meer würde eine direkte Verbindung zwischen der turkmenischen Hafenstadt Türkmenbaşy und dem aserbaidschanischen Ölterminal Səngəçal ermöglichen. Durch diesen Schritt wäre es Turkmenistan unter Präsident Gurbanguly Berdimuhammedow erstmals möglich, seine umfangreichen Gasreserven via Aserbaidschan in den europäischen Markt einzuspeisen. Aserbaidschan könnte wiederum von den Transitgebühren durch die Nutzung seiner Pipelinesysteme und Infrastruktur profitieren. „Das Projekt wird die Energiesicherheit unserer Länder erhöhen, ebenso wie die unserer Nachbarn.“ sagte Aserbaidschans Präsident İlham Əliyev in Bezug auf das Abkommen vom 21. Januar.

Anschluss Turkmenistans an den Europäischen Markt

Die geplante transkaspische Route würde Turkmenistan an die bereits bestehenden und parallel verlaufenden Pipelines Baku-Tiflis-Ceyhan (BTC) und die Südkaukasus-Pipeline anschließen. Diese transportieren Öl und Gas aus dem Kaspischen Meer über Georgien ins zentralanatolische Erzurum und zum türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan. Aserbaidschan bildete dabei bisher die Speerspitze des Projektes Südlicher Gaskorridor, welches das kaspische Gas über die Türkei, Griechenland, Albanien und durch die Adria bis nach Italien liefert. Die EU möchte damit ihre Energiesicherheit festigen, um unabhängiger vom bisherigen Hauptlieferanten Russland zu werden. Das erste Gas dieser Verbindung erreichte den europäischen Markt am 31. Dezember 2020.

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Turkmenistan exportiert seine Energieträger bisher überwiegend nach China und Russland. Diese Exportkapazitäten litten zuletzt unter stark fallenden Ölpreisen und einer sinkenden Nachfrage nach Gas während der Coronapandemie. Mit der neuen Transkaspischen Verbindung könnte Turkmenistan seinen Abnehmerkreis deutlich erweitern und sich unabhängiger von seinen bisherigen Partnern machen. Die bestehenden Pipelinesysteme in Richtung Europa könnten problemlos erweitert werden um künftig auch turkmenisches Gas aufzunehmen.

Fragliche Rentabilität unter erschwerten Voraussetzungen

Nach knapp dreißigjährigem Disput und einer veränderten Situation auf dem europäischen Gasmarkt ist jedoch fraglich, auf welchem Niveau sich die Nachfrage der EU nach turkmenischem Gas tatsächlich noch bewegt. Stanislav Pritchin, Senior Fellow am Zentrum für postsowjetische Forschung des Instituts für Weltwirtschaft und Internationale Beziehungen der Russischen Akademie der Wissenschaften, sagte bezüglich der neuen Verbindung: „Die Konkurrenz auf dem europäischen Markt macht es heute sehr schwer für Turkmenistan die Transkaspische Pipeline mit neuen Förderkapazitäten zuverlässig rentabel zu gestalten.“

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Hinzu kommen Umweltaspekte wie der europäische Green Deal, der die EU in den kommenden dreißig Jahren zur CO2-freien Zone formen soll. Die Europäische Entwicklungsbank werde künftig keine Projekte zur Förderung fossiler Brennstoffe mehr unterstützen, sodass eine Finanzierung aus öffentlicher Hand außer Frage stehe, merkte Marco Giuli an. Der Forscher am Institut für Europäische Studien der Vrije Universiteit Brüssel fügte hinzu, dass sich die europäische Nachfrage nach Gas über die nächste Dekade stabilisieren werde und danach stark abfalle, wenn die EU ihre Klimaneutralitätsziele in die Tat umsetze. „Kein guter Kontext für eine Pipeline mit einer geplanten Lebensdauer von über fünfzig Jahren.“

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Nicht zuletzt wird in Bezug auf eine private Finanzierung das Geschäftsgebaren Turkmenistans kritisiert. Westliche Staaten warnten ihre Unternehmen, dass die turkmenische Gesetzgebung ausländische Investitionen nicht angemessen schütze. Gesetze würden per Dekret geändert oder unter ausbleibender Strafverfolgung gänzlich missachtet.

Darius Regenhardt für Novastan

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