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	<title>Geschichte Archives</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
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	<title>Geschichte Archives</title>
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		<title>Hier lebten Ranewskaja, Achmatowa, Schwarz&#8230; &#8211; Duschanbes abgerissene Häuser und ihre berühmten Bewohner</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Asia Plus]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 21 Jan 2026 20:06:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Panorama]]></category>
		<category><![CDATA[Tadschikistan]]></category>
		<category><![CDATA[Architektur]]></category>
		<category><![CDATA[Duschanbe]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In den letzten Jahren wurden in Duschanbe viele Geb&#xE4;ude aus der Mitte des letzten Jahrhunderts abgerissen. Einst vertraute Orte, an denen die Einwohner so oft vorbeigegangen sind, sind ihnen nun fremd geworden. Aber wussten wir auch alles &#xFC;ber die abgerissenen H&#xE4;user? Asia-Plus macht einen kleinen historischen Exkurs. Viele Geb&#xE4;ude der Altstadt bewahrten die Erinnerung an [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>In den letzten Jahren wurden in Duschanbe viele Gebäude aus der Mitte des letzten Jahrhunderts abgerissen. Einst vertraute Orte, an denen die Einwohner so oft vorbeigegangen sind, sind ihnen nun fremd geworden. Aber wussten wir auch alles über die abgerissenen Häuser? Asia-Plus macht einen kleinen historischen Exkurs.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Viele Gebäude der Altstadt bewahrten die Erinnerung an die Vergangenheit und ihre Bewohner, darunter auch sehr berühmte Persönlichkeiten. Diese Häuser schufen eine besondere Aura, nicht nur wegen ihrer Architektur, sondern vor allem wegen ihrer früheren Bewohner und ihrer Geschichten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders interessant sind die der Menschen, die während des Krieges in Stalinobod (so hieß <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Duschanbe">Duschanbe</a> von 1929 bis 1961, Anm. d. Ü.) lebten. So wurde beispielsweise die beliebte sowjetische Schauspielerin Liudmila Tschursina während der Evakuierung hier geboren; auch der Feuerwehrmann Emil Braginskij, Drehbuchautor des Films <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ironie_des_Schicksals">I</a><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ironie_des_Schicksals">ronie des Schicksals</a> kam aus Stalinobod. Hier wurde auch der Schriftsteller <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wladimir_Nikolajewitsch_Woinowitsch">Wladimir Wojnowitsch</a> geboren, der später Autor von „<em>Das Leben und die ungewöhnlichen Abenteuer des Soldaten Iwan Tschonkin</em>“ wurde.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Oder nehmen wir das „<em>Haus der Spezialisten</em>“ in der Kuibyschew-Straße: Dort lebten neben Schauspielern, Regisseuren und Künstlern auch Ärzte und Lehrer von mittleren und höheren Bildungseinrichtungen der Republik. In den Jahren 1941-1944 wurde die Anzahl noch größer, denn viele Familien von Schauspielern, Wissenschaftlern, Ärzten, Lehrern und Militärs wurden nach Stalinobod evakuiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während der Evakuierung lebte hier in Wohnung Nr. 19 die bekannte Theater- und Filmschauspielerin <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Faina_Georgijewna_Ranewskaja">Fajna Ranewskaja</a>. Im Herbst 1942 und Frühjahr 1943 drehte sie im Filmstudio von Stalinobod den Film „<em>Die neuen Abenteuer des Schwejk</em>“.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/zentralasien-und-europa/mit-dem-architectural-guide-almaty-die-stadt-entdecken/">Mit dem „Architectural Guide Almaty“ die Stadt entdecken</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Zur gleichen Zeit kam die Dichterin <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Andrejewna_Achmatowa">Anna Achmatowa</a> in die Stadt, wo sie den Epilog ihres berühmten Werkes „<em>Poem ohne Helden</em>“ schrieb. Darunter schrieb sie: „<em>Duschanbe 1942</em>“. Das ist ein relevantes Detail, denn somit gab Achmatowa der Stadt symbolisch ihren früheren Namen zurück (aus der Zeit, als Stalin noch nicht an der Macht war, Anm. d. Ü.).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf den ersten Blick könnten all diese Details und Geschichten wie unbedeutende Kleinigkeiten wirken. Das ist nicht aber so! Vor allem nicht für diejenigen, die sie wie Narben im Herzen an ihre Kindheit, Jugend und das alte Duschanbe erinnern&#8230;</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Haus der Spezialisten</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Im „<em>Haus der Spezialisten</em>“ in der Kuibyschew-Straße 10 lebten während des Krieges nicht nur Fajna Ranewskaja und Anna Achmatowa. In der Wohnung Nr. 29 wohnte mit seiner Familie der erste Kommandant Berlins und Held der Sowjetunion, Generaloberst <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Nikolai_Erastowitsch_Bersarin">Nikolaj Erastowitsch Bersarin</a>. In der Nachbarwohnung lebte die bekannte Theater- und Filmschauspielerin Lidia Petrowna Sucharewskaja und in den Nachkriegsjahren wohnten hier die Helden der Sowjetunion Michail Iwanowitsch Nowoseltsew und Chodi Isabajewitsch Kindschajew.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Haus in der Puschkin-Straße Nr. 12</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">In diesem Haus lebte von 1942 bis 1944 <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Jewgeni_Lwowitsch_Schwarz">Jewgenij Schwarz</a>, ein herausragender sowjetischer Dramatiker, Prosa- und Drehbuchautor. Noch zu seinen Lebzeiten war sein Name Symbol für Kindheit, Freundschaft und Liebe, und für den Sieg des Guten über das Böse.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die von ihm geschriebenen Märchen-Theaterstücke und Drehbücher brillianter Spielfilme sind Schätze der Weltliteratur und des Kinos: „<em>Aschenputtel</em>“, „<em>Marja-Tausendkünstlerin</em>“, „<em>Die Schneekönigin</em>“, „<em>Ein gewöhnliches Wunder</em>“. In diesem Haus schrieb er sein bestes Märchen – „<em>Der Drache</em>“.</p>



<h2 class="wp-block-heading">„<strong>Das Haus mit den Amphoren“</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Eines der ersten dreistöckigen Häuser in Duschanbe war bekannt als „Das Haus mit den Amphoren“ in der Swiridenko-Straße (1937). Hier lebten bekannte Persönlichkeiten der Kultur- und Kunstszene sowie Parteimitglieder und Regierungsbeamte Tadschikistans.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In diesem Haus lebte der Ingenieur Nikolaj Dawydowitsch Swiridenko. In den 1930er Jahren wurden nach seinen Entwürfen und unter seiner Leitung im <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wachsch">Wachsch</a>-Tal (an der Grenze zu Afghanistan, Anm. d. Ü.) Wasserbauwerke, Hauptkanäle und andere Bewässerungsanlagen gebaut.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/duschanbe-die-sowjetische-architektur-verschwindet/">Duschanbe: Die sowjetische Architektur verschwindet</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Jahr 1940 war er Chefingenieur des Projekts und Leiter des Baus des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Großer_Ferghanakanal">Großen Fergana-Kanals</a> und des Großen Hissar-Kanals sowie Leiter des Baus der Schmalspurbahn von Stalinobod nach Kurgan-Tjube (heute <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bochtar">Bochtar</a>, Anm. d. Red.) in den Jahren 1941-1942.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach seinem Entwurf wurde in Duschanbe auch der „Komsomolskoe-See” angelegt. 1941 wurde er stellvertretender Regierungschef und gleichzeitig Minister für Optimierung und Wasserwirtschaft der Tadschikischen SSR. Diese Ämter bekleidete er bis zu seinem Lebensende.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Haus in der Ajni-Straße</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">In diesem Haus in der Ajni-Straße lebte und arbeitete von 1938 bis 1951 <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Jewgeni_Nikanorowitsch_Pawlowski">JewgjenijNikanorowitsch Pawlowskij</a> – ein Wissenschaftler von Weltruf, Akademiemitglied der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, Akademiemitglied der Akademie der Medizinischen Wissenschaften der UdSSR, Held der Sozialistischen Arbeit, Generalleutnant des Sanitätsdienstes, Ehrenakademiker der Akademie der Wissenschaften der Tadschikischen SSR und Präsident der Geografischen Gesellschaft der UdSSR.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/die-geschichte-des-legendaeren-teehauses-rochat-in-duschanbe/">Die Geschichte des legendären Teehauses „Rohat“ in Duschanbe</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">1928 kam er aus Russland in die Tadschikische SSR, um das tadschikische Volk vor Cholera, Pest, Malaria, Typhus und anderen Infektionskrankheiten zu retten und zu heilen. Seine Leistung war enorm: Sein Name ist für immer in die Geschichte des tadschikischen Volkes eingegangen. Denn diese Krankheiten hatten Tausende von Menschenleben gekostet.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Haus in der Kuibyschew-Straße</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Noch ein Haus in der Kuibyschew-Straße hat eine historische Bedeutung. Es wurde speziell für Künstler und Wissenschaftler gebaut. Hier lebte der Organisator des Gesundheitswesens der Republik, Professor Leonid Fedorowitsch Paradoksow(1890-1954): ein herausragender Arzt, Pädagoge, Korrespondent der Akademie der Wissenschaften der Tadschikischen SSR. Auch sein Name ist in die Geschichte des Gesundheitswesens und der medizinischen Wissenschaft Tadschikistans eingegangen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/wie-das-haus-der-kommunikation-einst-duschanbe-mit-der-ganzen-welt-verband/"><strong>Wie das „Haus der Kommunikation“ einst Duschanbe mit der ganzen Welt verband</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Anfang 1941 bezog auch Georgij Pawlowitsch Menglet, sowjetischer und russischer Schauspieler, Volkskünstler der Tadschikischen SSR und einer der Gründer des <em>„Russischen Dramentheaters W. Majakowskij“ </em>(auch dieses Gebäude wurde leider 2016 abgerissen, Anm. d. Ü.), eine Wohnung in diesem Haus. Hier lebte von 1941 bis 1945 auch seine Tochter Maja Georgiewna, sowjetische und russische Theater- und Filmschauspielerin.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Haus in der Istarawschan-Straße</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">In diesem Haus lebte Alexander Alexandrowitsch Semjonow (1873–1958) – russischer und sowjetischer Orientalist, Doktor der Geschichtswissenschaften, Professor, einer der Gründer der Universität Taschkent, Mitglied der Akademie der Wissenschaften der Tadschikischen SSR (1951), Korrespondent der Akademie der Wissenschaften der Usbekischen SSR (1943), sowie erster Direktor und Gründer des Instituts für Geschichte, Archäologie und Ethnographie der Akademie der Wissenschaften der Tadschikischen SSR (seit 1954).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Semjonow wurde mit zahlreichen Orden des Russischen Reiches, des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Emirat_Buchara">Emirats Buchara</a> und der Sowjetunion ausgezeichnet. Nach seinem Tod wurde seine Wohnung in ein Museum umwandelt.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Haus am Rudaki-Prospekt</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Hier lebte die sowjetische und tadschikische Ballerina, Volkskünstlerin der UdSSR, Choreografin, Ballettregisseurin und Schauspielerin, erste Ballerina des Ajni-Theaters für Oper und Ballett – <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Malika_Sobirowa">Malika Sobirowa</a>.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Haus Nr. 2 in der Ordschonikidse-Straße</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Im Haus Nr. 2 in der Ordschonikidse-Straße, Wohnung Nr. 25, lebte in seinen letzten Lebensjahren der herausragende russische und sowjetische Diplomat, Orientalist, Forscher der Kultur des tadschikischen Volkes, korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, Ethnograph und Sprachwissenschaftler, verdienter Wissenschaftler der Tadschikischen und der Usbekischen SSR, Michail Stepanowitsch Andrejew.</p>



<h2 class="wp-block-heading">„<strong>Häuser mit Arkaden”</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Dies war ein Wohnviertel (1956) am Rudaki-Prospekt (ehemaliger Lenin-Prospekt). In diesen Häusern lebte die gesamte Elite der lokalen Intelligenz – Komponisten, Schriftsteller, Dichter, unter anderem der Dichter Muhammadjon Rahimi.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Gebäude des Rates der Volkskommissare</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">In diesem historischen Gebäude lebten und arbeiteten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Nusratullo_Machsum">Nusratullo Mahsum</a>, Schirinscho Schotemur, Abdurahim Hodschibajew, Tschinor Imomow, Dmitrij Protopopow, Suren Schadunts, Mamadali Qurbonow, Urumbaj Aschurow, Mirso Husejnow und viele andere Staatsmänner der Republik, die eine Schlüsselrolle bei der Gründung der tadschikischen Staatlichkeit spielten.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Haus in der Kirow-Straße</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Hier verbrachte der russische Prosaautor, Dichter und Dramatiker Wladimir Nikolajewitsch Wojnowitsch, Autor des Romans „<em>Das Leben und die außergewöhnlichen Abenteuer des Soldaten Iwan Tschonkina</em>“, seine Kindheit. Er wurde in Stalinobod als Sohn des Journalisten Nikolaj Wojnowitsch geboren, der als Sekretär der republikanischen Zeitung „<em>Kommunist Tadschikistans</em>” tätig war.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Bilder von den Gebäuden und prominenten Bewohnern findet ihr im <a href="https://asiaplustj.info/ru/news/life/culture/20250823/zdes-zhili-ranevskaya-ahmatova-shvarts-dushanbinskie-zdaniya-hranivshie-pamyat-ob-izvestnih-lyudyah">Originalartikel</a>.</em></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Gafur Schermatow für Asia Plus</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://asiaplustj.info/ru/news/life/culture/20250823/zdes-zhili-ranevskaya-ahmatova-shvarts-dushanbinskie-zdaniya-hranivshie-pamyat-ob-izvestnih-lyudyah">Russischen</a> von Giulia Manca</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>Über das unsichtbare Erbe kirgisischer Opiumarbeiterinnen. Kunstausstellung in Karakol</title>
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		<dc:creator><![CDATA[La rédaction]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 16 Dec 2025 18:07:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Dekolonialisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Frauen]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
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		<category><![CDATA[Opium]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Vom 9. November bis zum 9. Dezember 2025 war in Karakol eine Ausstellung zu sehen, die die Arbeit kirgisischer Frauen auf den Opiumfeldern beleuchtet. W&#xE4;hrend die Lebens- und Arbeitsbedingungen dieser Frauen kaum dokumentiert wurden, sind die Folgen bis heute sp&#xFC;rbar. Wir tauchen ein in eine Ausstellung zwischen Kunst und historischer Aufarbeitung. Im Heimatmuseum von Karakol, [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">Vom 9. November bis zum 9. Dezember 2025 war in Karakol eine Ausstellung zu sehen, die die Arbeit kirgisischer Frauen auf den Opiumfeldern beleuchtet. Während die Lebens- und Arbeitsbedingungen dieser Frauen kaum dokumentiert wurden, sind die Folgen bis heute spürbar. Wir tauchen ein in eine Ausstellung zwischen Kunst und historischer Aufarbeitung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Heimatmuseum von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Karakol">Karakol</a>, östlich des kirgisischen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Yssyk-K%C3%B6l">Ysyk-Köl-Sees</a>, fand vom 31. Oktober bis zum 10. November 2025 die Künstlerinnenresidenz <em>„Memories woven into the soil. Women’s work in the opium fields“ </em>statt. Mit Unterstützung des Deutsch-Französischen Kulturinstituts in Bischkek, der Zentralasiatischen Universität und des Institut <a href="https://ifeac.hypotheses.org/">Français d’Études sur l’Asie Centrale</a> (IFEAC) haben Künstlerinnen aus Deutschland, Frankreich, Kasachstan und Kirgistan gemeinsam einen Raum geschaffen, der voll und ganz den Frauen gewidmet ist und Kunst und Geschichte verbindet. In zehn Tagen intensiver kreativer Arbeit sind sie den Spuren kirgisischer Frauen während der Sowjetzeit gefolgt und haben die lange verdrängte Geschichte weiblichen Schaffens auf den Opiumfeldern in einer Ausstellung rekonstruiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hinter der Initiative stehen die Künstlerin und Forscherin Altyn Kapalowa sowie Lucia Direnberger, Forscherin am IFEAC und am Centre national de la recherche scientifique <a href="https://www.cnrs.fr/en">CNRS</a>. Seit Juni arbeiten sie an dekolonialen Konzepten, um engagierte Frauen zusammenzubringen, die bereit sind, all jenen eine Stimme zu geben, die bislang ignoriert wurden. Berichte, Fotografien, Gemälde, Mode, Tanzperformances und Texte lassen die Besucher:innen eintauchen in eine Ausstellung, in der Körper eine vergessene Geschichte neu schreiben.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die Geschichte der Opiumbäuerinnen im sowjetischen Kirgistan</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Wie die Kuratorin Altyn Kapalowa erklärt, wurde Karakol nicht zufällig als Standort für diese Künstlerinnenresidenz ausgewählt: Die Region Ysyk-Köl eignet sich besonders gut für den Anbau von Schlafmohn. Während die ersten Anbaugebiete schon Ende der 1870er Jahre unter dem Einfluss Chinas entstanden, entwickelte sich die Region später schnell zur wichtigsten Opiumproduzentin der gesamten UdSSR.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und der damit einhergehenden massiven Nachfrage nach Opium verschlechterten sich die Arbeitsbedingungen erheblich. Zu den miserablen Löhnen und den hohen Anforderungen der Ernte kamen eine ständige Überwachung durch bewaffnete &nbsp;Kräfte und Durchsuchungen nach jeder Ernte hinzu. Egal ob Männer, Frauen oder Kinder – der Opiumanbau verschonte niemanden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach jahrelanger Ausbeutung wurde der Anbau von Schlafmohn 1974 in Kirgistan verboten. Heute ist Drogenkonsum im Land streng illegal, und dieser Teil der kirgisischen Geschichte wurde verdrängt. International kaum bekannt, für die lokale Bevölkerung jedoch von großer Bedeutung, hinterfragen die Künstlerinnen in Karakol diese Politik des Vergessens, die die generationenübergreifenden Traumata der Menschen in der Region leugnet.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Eine menschliche Geschichte über unmenschliche Arbeit</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">An den Wänden des Heimatmuseums hängen farbenfrohe digitale Collagen. Die Aktivistin und Künstlerin <a href="https://www.instagram.com/omi_kami___/">Amaterasu</a> hat Archivfotos von Frauen und Kindern beim Opiumanbau neu interpretiert. Unter jedem Bild lassen Zeitzeug:innenberichte den Schrecken dieser erschöpfenden Arbeit erahnen: <em>„Wir alle hofften, nicht in einer Familie mit Opiumplantagen zu landen. Aber ich hatte kein Glück – kaum hatte ich die Schwelle überschritten, sah ich die Werkzeuge. Ich habe als Kind, in der Schule und sogar als Studentin Opium gesammelt.“</em> Es sind Berichte von Menschen, die zwischen Mohnblumen aufgewachsen sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/vom-objekt-zum-subjekt-modelle-vor-kamila-rustambekovas-kamera/">Vom Objekt zum Subjekt – Modelle vor Kamila Rustambekovas Kamera</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Andere erzählen vom Aufwachen in den frühen Morgenstunden, das sie noch immer verfolgt: <em>„Noch heute höre ich das Hupen des großen Lastwagens – es war vier Uhr morgens, ich musste schnell aufstehen und mich anziehen. Heute kann ich mir gar nicht vorstellen, meine Enkelinnen so früh am Morgen zu wecken – das würde mir so leid tun für sie.“</em> Indem sie die Vergangenheit mit der Gegenwart verbinden, knüpfen die Künstlerinnen die Fäden der Zeit neu und vermitteln einen eindrücklichen Einblick in die Härte der Arbeit auf den Feldern.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong><em>„Es ist nicht nur die Geschichte meiner Mutter, es ist auch meine eigene.“</em></strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Unter den Berichten, die in der Künstlerinnenresidenz präsentiert werden, finden die Bewohner:innen von Karakol die Geschichten ihrer Mütter oder Großmütter wieder. Sie haben diese Ereignisse zwar nicht selbst erlebt, aber sie haben die Traumata ihrer Vorfahren geerbt. Das möchte Oksana Kapischnikowa, Kunsthistorikerin und Künstlerin aus Ysyk-Köl, zeigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einer Performance, die Fotografien, Musik und Tanz miteinander verbindet, erzählt sie die Geschichte ihrer Familie. Als sie zehn Jahre alt war, arbeitete ihre Mutter auf den Opiumfeldern. Noch heute trägt sie die Spuren dieser schweren Arbeit. Aufstehen vor Sonnenaufgang, um drei Uhr morgens, mit durchgefrorenem Körper, dann die Durchsuchung bei der Rückkehr von den Feldern, mit erhobenen Armen, abgetastet werden – all diese Bewegungen sind in ihrem traumatisierten Körper gespeichert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Künstlerin, die sich unter einem Tuch windet, erkundet durch die Bewegungen diese vererbten körperlichen Traumata. Während die Musik schneller wird und die Fotos vorbeiziehen, reißt das Tuch und Oksana Kapischnikowa taucht befreit auf. <em>„Das ist nicht nur die Geschichte meiner Mutter, sondern auch meine eigene“</em>, erklärt sie uns.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Mode als Mittel der Befreiung</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht alle Künstlerinnen der Residenz stammen aus der Region, so zum Beispiel <a href="https://www.instagram.com/ja.mun.mai/">Julia Exper</a>, eine französische Modedesignerin, die sich seit über zehn Jahren für Zentralasien begeistert. <em>„Als ich jünger war, war ich mit meinem Vater während eines Zwischenstopps an einem Flughafen, und es gab einen Flug nach Peshawar in Pakistan. Als ich die Kleidung der Passagiere sah, war ich ästhetisch überwältigt. Das hat mich nie losgelassen“</em>, erzählt sie. Seitdem lässt sie sich immer wieder von afghanischen Motiven inspirieren und träumt davon, eines Tages Afghanistan zu besuchen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach künstlerischen Residenzen in Tadschikistan und Mauretanien reiste sie nach Karakol, um die von der Arbeit auf den Feldern erschöpften Frauen mithilfe von Kleidung neue Sichtbarkeit zu verleihen. <em>„Mode ist ein Mittel zur Heilung. Schönheit ermöglicht es, sich auszudrücken und zu pflegen”</em>, erklärt die Designerin. Ihre Kreationen sind zugleich von chinesischer, russischer und nomadischer Mode beeinflusst.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/uigurische-region/die-geopolitik-des-drogenhandels-als-das-opium-zentralasien-regierte/">Die Geopolitik des Drogenhandels: Als das Opium Zentralasien regierte</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="https://www.chemodanfilms.com/">Gulsat Egemberdiewa</a> stammt aus einer Familie, in der Frauen über drei Generationen Opium ernteten. Sie ist Filmemacherin und Fotomodel. In Zusammenarbeit Exper versucht sie, verschiedene Facetten der Frauen aus Karakol sichtbar zu machen: die Dungan-Tradition, die das Opium in die Region brachte, die sowjetische Arbeitswelt und schließlich den Trost und Schutz durch die umhüllende Pelzkleidung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In diesem Projekt namens „Üschkürük“ ermöglicht es die Mode den Künstlerinnen, sich die ausgelöschten Geschichten wieder anzueignen. Kleidung wird zu einer <em>„Rüstung, einem Symbol für kollektive Widerstandsfähigkeit und die Verarbeitung von Traumata“</em>. <em>„Wir haben im Schnee unter extremen Bedingungen fotografiert“</em>, erklärt Julia Exper.<em> „Ich bin sehr stolz auf das gesamte Team.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Eintauchen in die Opiumfelder</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Erstmals seit Jahrzehnten wurde der Keller des Museums hergerichtet, um Werke wie die von Marina Solntsewa auszustellen, einer Berliner Künstlerin, die sich mit dekolonialen und feministischen Praktiken auseinandersetzt. Ihr Werk „Feld der unsichtbaren Arbeit“ taucht die Besucher:innen in die Dunkelheit des Untergeschosses, wo sie auf Mohnblumen aus Aluminium treffen, einem Material, das früher zum Sammeln von Opium verwendet wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/die-baumwolle-ist-ein-fluch-ueber-die-ausstellung-paxta-in-taschkent/">„Die Baumwolle ist ein Fluch“ – Über die Ausstellung „Paxta“ in Taschkent</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In diesem immersiven Erlebnis ist die Dunkelheit mehrdeutig. Als Erinnerung an die erschreckenden Berichte lässt sie die Härte der Arbeit im Dunkeln erahnen. <em>„Wir begannen bei Tagesanbruch zu arbeiten, als die Erde kaum zu sehen war. Wir konnten die Mohnkapseln und die Insekten kaum erkennen – wir konnten kaum die Gänge unterscheiden. Wir arbeiteten nach Gefühl.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch diese Installation analysiert die Unsichtbarkeit der Arbeit von Frauen und versteht sich als immersiv sowie als investigativ: <em>„Warum gibt es Lücken in den Archiven? Warum wurde diese Geschichte in der öffentlichen Debatte so stark kriminalisiert? Und wer hat davon profitiert?“</em>, fragt Marina Solntsewa. Eine kritische Perspektive, die an das Ziel der Residenz erinnert: jenen Frauen wieder eine Stimme zu geben, die von der Geschichte bewusst zum Schweigen gebracht hat. Angesichts der strahlenden Gesichter der Besucher:innen bei der Vernissage kann man sagen: Mission erfüllt für die Künstlerinnen aus aller Welt.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong><a href="https://novastan.org/fr/author/saldeguerroure/">Salomé Aldeguer-Roure</a> für Novastan</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem Französischen von</strong><a href="https://novastan.org/de/author/erudolph/"><strong> Elisabeth</strong> <strong>Rudolph</strong></a></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>Taschkent vs. Almaty – die Geschichte zweier Städte erzählt anhand ihrer Gebäude</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hook.report]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 01 Nov 2025 05:48:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Panorama]]></category>
		<category><![CDATA[Usbekistan]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Almaty und Taschkent sind die beiden gr&#xF6;&#xDF;ten St&#xE4;dte Zentralasiens. Trotz vieler Parallelen hat die Architektur der beiden St&#xE4;dte ein recht unterschiedliches urbanes Lebensgef&#xFC;hl entstehen lassen. Hook wagt den Vergleich. Almaty und Taschkent liegen Hunderte von Kilometern voneinander entfernt und haben unterschiedliche Schicksale. Dennoch begegnen sie sich in der Geschichte fast als Nachbarn und sprechen dieselbe [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Almaty und Taschkent sind die beiden größten Städte Zentralasiens. Trotz vieler Parallelen hat die Architektur der beiden Städte ein recht unterschiedliches urbanes Lebensgefühl entstehen lassen. Hook wagt den Vergleich.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Almaty">Almaty</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Taschkent">Taschkent</a> liegen Hunderte von Kilometern voneinander entfernt und haben unterschiedliche Schicksale. Dennoch begegnen sie sich in der Geschichte fast als Nachbarn und sprechen dieselbe Sprache – die Sprache der Architektur. Taschkent ist eine tausendjährige Stadt, die an der Kreuzung von Handelsrouten wuchs und in der die Jahrhunderte die Ziegel der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Madrasa">Medresen</a> und die Lehmwände der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mahalla_(Stadtviertel)">Mahallas</a> geformt haben. Almaty hingegen ist vergleichsweise jung: Seine Gründung im 19. Jahrhundert als Militärfestung Werny war eher ein politischer Akt als das organische Wachstum einer alten Siedlung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Altersunterschied ist mehr als reines Zahlenwerk. Er prägt die Architektur: Während in Taschkent Ost und West aufeinandertreffen, herrschte in Almaty zunächst ein regelmäßiges Raster und ein „weißes Blatt“ bei der Gestaltung vor. Spätere Erdbeben, die Industrialisierung, Kriege und der Zusammenbruch von Imperien – all dies prägte das Erscheinungsbild der beiden Städte kontinuierlich und hinterließ Spuren der Zeit an ihren Fassaden und Straßen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Vergleich von Taschkent und Almaty ist wie das Lesen zweier paralleler Texte. Der eine beginnt lange vor der Entstehung des Russischen Reiches und trägt die reiche Erinnerung an den Osten in sich; der andere entsteht plötzlich, wie eine Zeile, die mit der festen Hand der Kolonialmacht geschrieben wurde.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die Zeit vor der Revolution</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Als Taschkent 1865 vom Russischen Reich annektiert wurde, hatte es bereits den Rhythmus seiner alten Viertel angenommen. In der Altstadt liefen die engen Gassen wie ineinander verschlungene Bewässerungsgräben auf Medresen, Moscheen und Basare zu. Die Häuser waren aus Lehm gebaut – Material, das sich im heißen Klima seit Jahrhunderten bewährt hatte. Dicke Mauern hielten die Luft kühl, und Innenhöfe spendeten Schatten und Ruhe. Die Fassaden waren selten zur Straße ausgerichtet; das Leben konzentrierte sich in den Innenhöfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neu-Taschkent ist der europäische Teil der Stadt, der angrenzend an das alte Taschkent entstand. Im Gegensatz zu den informellen Straßen der Mahallas wurde die neue Bebauung nach einem radial-zentralen Plan angelegt: Die Straßen liefen auf dem Hauptplatz zusammen. Diese Planungslogik verlieh der Stadt eine neue Achse und einen neuen Maßstab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Architektur dieses Stadtteils hatte einen kolonialen Charakter: Sie kombinierte russische und europäische Formen mit der Verwendung lokaler Materialien und Techniken. Die Wohngebäude waren meist ein- oder zweistöckig, hatten aber dicke Wände und hohe Decken zum Schutz vor der Hitze. Die Fassaden waren mit eklektischen Elementen russischer und usbekischer Architektur verziert. Das Ergebnis war ein einzigartiger Hybrid: eine „russische Stadt“ in Zentralasien, jedoch mit ihrer eigenen, unverwechselbaren Ästhetik und ihrem eigenen Charakter.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Das alte und das neue Taschkent werden durch den Anchor-Kanal getrennt, der zu einer städtischen und kulturellen Grenze wurde. Diese Grenze ist noch heute spürbar.</p>



<p class="wp-block-paragraph">An der Stelle des späteren Alma-Ata (wir verwenden diesen Ortsnamen im Zusammenhang mit den jeweiligen historischen Namen der Stadt, Anm. Hook) befand sich im Mittelalter eine Stadt namens Almata, die an die Seidenstraße angeschlossen war, aber im 19. Jahrhundert verschwunden war. 1854 wurde hier die Festung Sailiskoje gegründet, die bald in Werny umbenannt wurde. Dies war ein politischer Schachzug: die Festigung der zaristischen Macht in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Siebenstromland">Semiretschje</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/warum-almaty-und-nicht-alma-ata/"><strong>Warum Almaty und nicht Alma-Ata?</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Grundriss war von Anfang an rechteckig: ein klares Straßenraster mit gleich großen Blöcken. Die ersten Gebäude waren aus Stein gebaut, doch nach den verheerenden Erdbeben von 1887 und 1911 setzten sich Holzhäuser durch, die in der Erdbebenzone stabiler waren. Die Architektur orientierte sich an russischen Provinzmodellen: geschnitzte Fensterrahmen, Mezzanine, Kuppelkirchen und eklektische öffentliche Gebäude. Die Straßen waren von Bewässerungsgräben und Bäumen gesäumt, was Werny Ende des 19. Jahrhunderts den Ruf einer „grünen Stadt“ einbrachte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anders als Taschkent, wo zwei Kulturen nebeneinander existierten, war Werny architektonisch homogen: ein russisches Militär- und Verwaltungszentrum ohne jahrhundertealte östliche Traditionen. Das kühlere Klima ermöglichte es, auf massive Lehmwände zu verzichten, wodurch die Gebäude heller und optisch „nördlicher“ wirkten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Geschichte der beiden Städte trennte sich also bereits im 19. Jahrhundert – und diese Weggabelung ist noch heute in ihren Straßen sichtbar. So wurden die beiden unterschiedlichen Visionen – radial und rechteckig, kulturell gemischt und relativ homogen – zu mehr als bloßen Plänen des 19. Jahrhunderts. Sie wurden zum genetischen Code der Architektur und bestimmten, wie die beiden Städte im 20. Jahrhundert und darüber hinaus wachsen und sich entwickeln würden.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Von der Avantgarde zur Repräsentation</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die ersten Jahrzehnte nach der Revolution begannen in Alma-Ata und Taschkent unter einem neuen Vorzeichen: Die Behörden strebten nach Ordnung, Massenwohnungen und der Schaffung von Verwaltungszentren. Auf den ersten Blick schienen sich die Städte parallel zu entwickeln. Doch bei näherer Betrachtung wird deutlich, dass ihre architektonischen Entwicklungen voneinander abwichen. Besonders deutlich tritt dies Mitte des Jahrhunderts hervor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Alma-Ata begann die 1920er und 1930er Jahre mit einem unerwarteten avantgardistischen Geist. Die Stadt erhielt eine Reihe von Gebäuden im Geiste des Konstruktivismus: strenge geometrische Volumen, Fensterbänder und offene Grundrisse. Das von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Moissei_Jakowlewitsch_Ginsburg">Mossej Ginsburg</a> entworfene Regierungsgebäude der Kasachischen SSR gibt den Ton an: Es handelt sich um eine rationale, zukunftsweisende Architektur, die gleichzeitig die Erdbebengefahr der Region berücksichtigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre und insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg verlagerte sich der Schwerpunkt. Sieg und neue ideologische Ziele verlangten nach Monumentalität und symbolischer Repräsentation. Symmetrische Fassaden, Kolonnaden und Gesimse tauchten in der Architektur zunehmend auf. Doch Alma-Atas Charakter blieb zurückhaltend: Kasachische Ornamente wurden, wie Intonationen, zart in Gittern, Bändern und Friesen eingefügt. Das Hauptvolumen blieb streng und „nördlich“, und nationale Motive betonten lediglich die Masse des Gebäudes, ohne sie aufzulösen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/zentralasien-und-europa/mit-dem-architectural-guide-almaty-die-stadt-entdecken/"><strong>Mit dem „Architectural Guide Almaty“ die Stadt entdecken</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">In Taschkent war die Avantgarde nur von kurzer Dauer. Mitte der 1930er Jahre vollzog sich in der Stadt eine rasche Hinwendung zur klassischen Architektur. Hier nahm der Kanon „national in der Form, sozialistisch im Inhalt“ Gestalt an, und in der Architektur bedeutete dies vor allem eines: Monumentalität gepaart mit dekorativem Reichtum.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Paradebeispiel ist das Alisher-Navoiy-Theater. <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alexei_Wiktorowitsch_Schtschussew">Alexej Schtschussew</a> schuf eine monumentale Komposition, doch der Innenraum wird zu einer Enzyklopädie usbekischen Kunsthandwerks: Marmor, Schnitzereien, Ornamente, wobei jedes Foyer auf eine bestimmte Region verweist. Taschkenter Gebäude aus dieser Zeit sind leicht zu erkennen: Bögen, Kuppeln und gemustertes Gitterwerk verwandeln den Stil des sowjetischen Empires in ein „Schaufenster des Ostens“.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Materialien und Dekorationstechniken</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Unterschied zwischen Alma-Ata und Taschkent zeigt sich besonders in der Verwendung von Materialien und Dekor. In Taschkenter Gebäuden aus den 1930er bis 1950er Jahren ist Ornamentik mehr als nur Dekoration, sie ist Teil der Bausprache. <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gantsch">Gantsch</a> und Steinmetzarbeiten verwandeln Innenräume in ganze Musterwelten: Säulen und Bögen lösen sich in einem ornamentalen Teppich auf, der Raum wirkt festlich, „bühnenhaft“. Jedes Gebäude scheint die reichen Handwerkstraditionen der Region zu präsentieren und sie in einem einheitlichen, repräsentativen Programm für die Hauptstadt zu vereinen.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="1024" height="602" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Alisher_Navoi_Opera_and_Ballet_Theatre_Tashkent-1024x602.jpg" alt="" class="wp-image-43212" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Alisher_Navoi_Opera_and_Ballet_Theatre_Tashkent-1024x602.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Alisher_Navoi_Opera_and_Ballet_Theatre_Tashkent-300x177.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Alisher_Navoi_Opera_and_Ballet_Theatre_Tashkent-768x452.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Alisher_Navoi_Opera_and_Ballet_Theatre_Tashkent.jpg 1200w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Das Alisher-Navoiy-Theater, Photo: Bgag/Wikimedia Commons</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Alma-Ata verfolgt einen anderen Ansatz. Hier „verdeckt“ die Ornamentik nicht das Volumen, sondern ist in dessen Geometrie eingewoben. Kasachische Motive betonen die strenge Tektonik des Gebäudes, statt sie zu ersetzen. Masse, Symmetrie und Kolonnade werden zuerst gelesen, erst dann das Muster. Dadurch wirkt der nationale Code subtiler: eher wie ein Akzent denn wie ein Hauptthema.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Maßstab und städtebaulicher Kontext</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">In den 1940er und 1950er Jahren hatten beide Städte die gemeinsame sowjetische Ästhetik des stalinistischen Empire-Stils übernommen: Symmetrie, Kolonnaden, monumentale Plätze. Der Maßstab der Umsetzung dieses Stils war jedoch unterschiedlich. In Taschkent wurde Repräsentation zum Ziel des gesamten Stadtzentrums. Verwaltungsgebäude, Theater und Kulturzentren bildeten ein einheitliches Ensemble, in dem orientalische Ornamente und monumentale Formen die Rolle der Stadt als politisches und kulturelles Zentrum der Region betonten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Alma-Ata geht trotz seiner Rolle als Hauptstadt der Kasachischen SSR behutsamer vor. Hier wird der Empire-Stil selektiv umgesetzt: Wichtige Gebäude erhalten Kolonnaden und Gesimse, doch insgesamt bleibt die Stadtstruktur diszipliniert und rational. Das rechteckige Straßenraster und die strenge Logik der Häuserblocks halten die Architektur von übermäßiger Dekorativität fern. Monumentalität ist vorhanden, erreicht aber nicht das Niveau totaler Dekoration wie in Taschkent.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anfang der 1950er Jahre hatten sich diese Unterschiede bereits zu festen architektonischen Regeln verfestigt. Alma-Ata behielt seine Verbindung zur avantgardistischen Rationalität bei und verwob nationale Motive in seine Details, ohne die Integrität seiner strengen Formen zu beeinträchtigen. Taschkent hingegen verwandelte den Empire-Stil in eine demonstrative Synthese klassischer und orientalischer Ornamentik: Kuppeln, Bögen und geschnitzte Gitter wurden nicht mehr nur zur Ergänzung, sondern zum Kern des architektonischen Bildes.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese gegensätzlichen Ansätze legten den Grundstein für die Zukunft. In Almaty konnte sich die Moderne mit ihrer Liebe zur Geometrie und zu klaren Volumen auf dieser Grundlage leicht etablieren. In Taschkent ging das ornamentale Programm ganz natürlich in die Moderne der 1960er- bis 1980er-Jahre über, wo Fassaden weiterhin als „Schaufenster“ der Tradition dienten.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Modernismus und spätsowjetische Architektur</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Nach den 1950er Jahren änderte sich die sowjetische Architektur: Der Empire-Stil wich der Moderne. Der neue Stil versprach Schlichtheit und Funktionalität und setzte auf Stahlbeton, Glas und Licht. In Zentralasien manifestierte er sich jedoch anders: In jeder Stadt entwickelte die Moderne ihren eigenen Charakter, geprägt von ihrer Geschichte, ihrem Status und ihrer Umgebung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für Taschkent fiel die Wende zur Moderne mit einer Katastrophe zusammen – dem Erdbeben von 1966. Die Stadt musste im Wesentlichen von Grund auf neu aufgebaut werden und übernahm in diesem Moment die Rolle des „östlichen Schaufensters der UdSSR“. Daher auch der große Maßstab: breite Alleen, Platzensembles und grandiose öffentliche Komplexe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu den wichtigsten Beispielen zählen die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Metro_Taschkent">Metro</a> (1970er Jahre, mit Mosaiken und Themenstationen), der Palast der Völkerfreundschaft (1981), die Zentrale Ausstellungshalle (1974), das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hotel_Uzbekistan">Hotel Usbekistan</a> (1974), der Zirkus (1969/1976) und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Chorsu-Basar">der Chorsu-Basar</a> (1983). Diese Gebäude zeigen nicht nur ihren dekorativen Reichtum, sondern auch eine Verbindung zum Klima und den überlieferten Bräuchen. So verfügt die Zentrale Ausstellungshalle beispielsweise über eine natürliche Belüftung und eine runde Galerie, die an traditionelle Architekturtechniken der heißen Region erinnert. Das Ergebnis war ein unverwechselbarer Stil der Moderne, durchdrungen von orientalischen Elementen, aber sowohl dekorativ als auch funktional bedeutsam.</p>



<figure class="wp-block-image size-full"><img decoding="async" width="875" height="619" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Screenshot-126-1.png" alt="" class="wp-image-43216" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Screenshot-126-1.png 875w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Screenshot-126-1-300x212.png 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Screenshot-126-1-768x543.png 768w" sizes="(max-width: 875px) 100vw, 875px" /><figcaption class="wp-element-caption">Fassade des Hotels Usbekistan, Photo: Robin Roth/Novastan</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Die Materialien unterstrichen die Größe des Konzepts: Marmor und Granit, Beton, dekorative Gitter, Mosaike und Stuckornamente. All dies ermöglichte eine Mischung aus Modernität und Tradition, nicht nur in der Form, sondern auch im städtischen Umfeld.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Alma-Ata entwickelte sich stetig, ohne Katastrophen, doch mit einer konzentrierten Sammlung hochwertiger modernistischer Gebäude. In Untersuchungen des <a href="https://garagemca.org/en">Garage Museum of Contemporary Art</a> und des Stadtführers „Audiala“ wird die Stadt als „Freilichtmuseum der Moderne“ bezeichnet: Das heutige Almaty verfügt über mehr als sechzig denkmalgeschützte Gebäude aus den 1960er bis 1980er Jahren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu den wichtigsten Beispielen zählen der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Palast_der_Republik_(Almaty)">Palast der Republik</a> (1970), das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hotel_Kasachstan">Hotel Kasachstan</a> (1977), das Kino Arman (1968), der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Zirkus_Almaty">Kasachische Staatszirkus</a> (1970), der Palast der Schulkinder (1983), die Arsan-Bäder (1982), die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Medeo">Medeu-Eisbahn</a> sowie Wohnkomplexe wie der Komplex „Drei Bogatyrs“ und ein Netzwerk von Mikrobezirken mit Kinos und Konzertsälen. Das Hotel Kasachstan ist zu einem wahren Symbol der Stadt geworden: ein schlanker Turm mit erdbebensicherem Rahmen und einem ornamentalen „Kronenband“ an der Spitze. Der Palast der Republik verbindet die Monumentalität des Platzes mit der lakonischen Plastizität seiner Fassade.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img decoding="async" width="1024" height="768" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Almaty_Fountain_2007-1024x768.jpg" alt="" class="wp-image-43210" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Almaty_Fountain_2007-1024x768.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Almaty_Fountain_2007-300x225.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Almaty_Fountain_2007-768x576.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Almaty_Fountain_2007.jpg 1200w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Das Hotel Kasachstan mit seiner ikonischen Krone, Photo: Nikolay Yushnikov/Wikimedia Commons</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Ein besonderes Merkmal der Almatinsker Moderne ist die Verwendung von Muschelkalk, einem porösen Kalkstein aus <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mangghystau_(Gebiet)">Mañğystau</a>. Dieses Material wurde häufig für die Fassaden- und Innenausstattung verwendet: im Hotel Kasachstan, im Palast der Republik und in vielen Wohngebäuden. Seine warme, schwammartige Textur wurde zu einem der charakteristischen Merkmale der Stadt. In Kombination mit Marmor, Granit und Buntglas verlieh es der Architektur einen lokalen Charakter und passte gut zum nahen Gebirgsklima.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Architektur Alma-Atas blieb intim und rational. Selbst große Gebäude sind in ein Raster integriert, das durch das Relief betont wird. Straßen steigen zu den Bergen hin an und erzeugen einen markanten vertikalen Panoramaeffekt.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Ingenieurbauwerke als Teil der Moderne</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Almatys seismische und bergige Umgebung führte zu einer Vielzahl von technischen Lösungen, die Teil der architektonischen Identität der Stadt wurden. Das markanteste Beispiel ist der Staudamm am Fluss Medeu (1970er Jahre). Dieses grandiose hydraulische Bauwerk schützte die Stadt nicht nur vor Schlammlawinen, sondern wurde auch als in die Landschaft eingebettetes Denkmal wahrgenommen: Eine gestufte Betonmauer in den Bergen wurde zu einem einzigartigen Denkmal ingenieurstechnischer Höchstleistungen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch andere Objekte fallen in diese Kategorie: ein System von Schlammlawinen-Dämmen, in das Stadtgefüge integrierte Bewässerungskanäle und die für Almaty charakteristischen Terrassenstraßen. Letztere entstanden dort, wo die Stadt die Hänge zu den Bergen hinaufführte. Die Planer legten die Häuserblöcke stufenweise und dem Gelände folgend an: Jede Ebene wurde zu einer separaten Straßenterrasse mit Wohnhäusern, Schulen und Grünflächen. Dies ermöglichte die Kombination typischer Gebäude aus der Sowjetzeit mit der einzigartigen Landschaft und bot gleichzeitig Panoramablicke, natürliche Entwässerung und Erdbebensicherheit.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="576" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/094-1024x576.jpg" alt="" class="wp-image-43209" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/094-1024x576.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/094-300x169.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/094-768x432.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/094.jpg 1526w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Der Staudamm vom Eisstadion Medeu aus gesehen, Photo: Robin Roth/Novastan</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Anders als in Taschkent, wo Kulturkomplexe und die Metro zu den Wahrzeichen der Moderne wurden, spielten in Alma-Ata technische Lösungen eine besondere Rolle – sie verliehen der Architektur einen „heroischen“ Ton und festigten das Bild der Stadt als rational und doch poetisch, eingebettet in die Berglandschaft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Unterschied zwischen Alma-Ata und Taschkent zeigt sich auch in der Stadtplanung. In Taschkent wird die Moderne zur Bühne der Repräsentation: Magistralen und architektonische Ensembles sind für Massendemonstrationen, offene Plätze und Paraden konzipiert. Die Stadt strebt nach Horizontalität und Weite und entfaltet sich entlang der Ebene von Alleen und großen Plätzen. Alma-Ata hingegen wird anders wahrgenommen: Seine Moderne bleibt intimer, in die Landschaft „eingebettet“. Hier streckt sich die Architektur den Bergen entgegen, die Straßen steigen an, und die Wahrnehmung wird von Vertikalität und Panoramen bestimmt. Selbst große Gebäude unterbrechen diesen Rhythmus nicht, sondern betonen ihn eher.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Rivalität der Hauptstädte</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Hinzu kam der Faktor des unausgesprochenen Wettbewerbs. Zu Sowjetzeiten galten Taschkent und Alma-Ata als die beiden wichtigsten Hauptstädte Zentralasiens, und die Architektur wurde zur Sprache ihres Wettbewerbs. Nach dem Erdbeben von 1966 erhielt Taschkent besondere Mittel und den Auftrag, sich zu präsentieren: Die ersten Metro-Stationen der Region, neue Paläste, Plätze und Museen sollten seinen Status als „Schaufenster des sowjetischen Ostens“ untermauern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Alma-Ata reagierte mit seinen eigenen Symbolen: der hoch aufragenden „Krone“ des Hotels Kasachstan, dem Palast der Republik und den Ingenieurbauwerken von Medeu, wo Architektur und Infrastruktur das einheitliche Bild einer Stadt formten, die Gelände und seismische Einflüsse geschickt zu integrieren wusste. So entstanden zwei unterschiedliche Darstellungsebenen: Taschkent vermittelte seine Stärke durch die Größe seiner Ensembles und den „vorbildlichen“ Charakter der neuen Hauptstadt des Ostens, während Alma-Ata seine Stärke durch die Verbindung monumentaler Gebäude mit der Natur und dem städtischen Alltag präsentierte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den 1980er Jahren hatten sich architektonische Trends etabliert. Alma-Ata war zu einer Art Sammlung modernistischer Monumente geworden, in denen rationale Strukturen und zurückhaltende Dekoration ein einheitliches Bild ergeben. Taschkent hingegen war zu einem Vorzeigeobjekt der östlichen Moderne geworden, in der Ornamente und handgefertigte Motive ebenso wichtig waren wie Beton und Glas.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die postsowjetische Zeit</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Nach 1991 schlugen Almaty (die Stadt trägt seit 1993 diesen Namen, Anm. d. Ü.) und Taschkent unterschiedliche Wege ein. Doch bevor wir die Unterschiede diskutieren, sollten wir ihre Gemeinsamkeiten betrachten. In beiden Städten entstehen neue Moscheen und Medresen, wodurch islamische Architektur zu einem prägenden Bestandteil des Stadtbildes wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch moderne Typologien entwickeln sich: Geschäftszentren, Einkaufszentren und große Wohngebiete. Globale Prozesse – die Kommerzialisierung der Innenstädte und die Entstehung von Einkaufszentren als neue „Plätze“ – sind in Almaty und Taschkent gleichermaßen spürbar. Dies ist eine Art „Hintergrund“ der postsowjetischen Entwicklung, der diese Städte im Kontext des globalen Urbanismus erkennbar macht.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/das-almaty-der-nullerjahre-in-bildern/"><strong>Das Almaty der Nullerjahre in Bildern</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Hinter diesem roten Faden verbergen sich jedoch zwei sehr unterschiedliche Szenarien. Taschkent, das seinen Status als Hauptstadt behält, konzentriert sich auf Großprojekte, neue Cluster und eine Durchgangsstraße. Almaty hingegen, das seine politische Zentralität verloren hat (seit 1997 ist <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Astana">Astana</a> die Hauptstadt Kasachstans, Anm. d. Ü.), sucht seine Identität im Alltäglichen – in grüner Infrastruktur, bequemen Wegen und dem „menschlichen Maßstab“ der Straße.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Gefüge aus Grün und Wasser spiegelt diesen Unterschied deutlich wider. In Almaty bilden Bewässerungsgräben und Plätze durchgehende, kühle Linien, die es den Einwohner:innen ermöglichen, schattige Wege zu Fuß zu erkunden. Hier ist Wasser keine dekorative Kuriosität, sondern Teil des städtischen Alltags. In Taschkent hingegen wird Wasser eher diskret genutzt: in Brunnen, Kanälen und abgelegenen Parks. Es ist eher ein Akzent als ein durchgehender Faden, und der Verkehr wird durch Straßen organisiert, auf denen Autos Vorfahrt haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch die vertikale Dimension ist anders. Almatys Zentrum ist bewusst auf eine moderate Anzahl von Stockwerken ausgelegt, um den Blick auf die Berge und den sanften Rhythmus der Fassaden zu bewahren. Neue Geschäftszentren und Wohnkomplexe entstehen, ohne die Größe des Zentrums zu beeinträchtigen. Taschkent hingegen entwickelt aktiver Hochhauscluster wie „Tashkent City“ und „Neu-Taschkent“. Die Hauptstadt demonstriert Stärke durch Größe und schafft „Hauptstädte in der Hauptstadt“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch die Fußgänger:innen- und Fahrradfreundlichkeit hat sich unterschiedlich entwickelt. In Almaty waren die letzten Jahre geprägt von der Ausweitung der Fußgängerzonen, dem Bau von Radwegen und kurzen Verbindungen zwischen den Stadtteilen. Hier ist das städtische Umfeld auf die Bequemlichkeit des täglichen Gehens ausgerichtet. In Taschkent hingegen sind Fußgänger:innen immer noch der Magistrale untergeordnet: Breite Straßen und lange Gehwege lassen das Auto den Hauptakteur bleiben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch die nächtliche Beleuchtung verdeutlicht diesen Kontrast. Almaty setzt auf sanfte Akzente: Fassaden, Denkmäler und Boulevards werden beleuchtet, um eine gemütliche, stimmungsvolle Atmosphäre zu schaffen. In Taschkent hingegen dominiert die allgemeine Beleuchtung von Magistralen und großen Plätzen – Architekturbeleuchtung wird punktuell eingesetzt, doch die Logik der Stadt selbst spricht die Sprache der Weitläufigkeit und des lebendiges Stadtbildes.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Straßenbild ist dieser Unterschied noch deutlicher. Almaty bewahrt die reiche Struktur seiner Fassaden: warme Mineralien, eine Vielzahl von Fenstern, individuelle Schaufenster und eine Beschilderung im Erdgeschoss schaffen eine lebendige Fassade voller Cafés und Geschäfte. Taschkent hingegen weist eine größere Einheitlichkeit auf: Renovierungen und standardisierte PVC-Systeme glätten das Erscheinungsbild, während standardisierte Einzelhandelslösungen für eine eher monotone Umgebung sorgen. Es gibt jedoch auch einen positiven Effekt: Das Zentrum sieht jetzt ordentlicher aus als zuvor, und die geplanten Renovierungen haben den schäbigen Eindruck gemildert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Selbst solche Details wie Mülleimer und kleine architektonische Formen verdeutlichen den unterschiedlichen Ansatz. In Almaty sind sie allgegenwärtig, auch in Innenhöfen. In Taschkent ist ihre Konzentration im Zentrum stärker ausgeprägt, während sie in den Außenbezirken abnimmt. Dies spiegelt indirekt die Priorität wider: Die Hauptstadt versucht, Schlüsselräume darzustellen, doch alltägliche Details erreichen nicht immer die Außenbezirke.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Erhaltung des architektonischen Erbes</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das Schicksal des Kulturerbes in Almaty und Taschkent wird maßgeblich von ihrem Status bestimmt. Taschkent blieb zwar Hauptstadt, stand aber ständig unter dem Druck neuer Projekte und Umbauten. Um ihr Image als „Aushängeschild des Landes“ zu wahren, opferte die Stadt wiederholt die Integrität ihrer modernistischen Bausubstanz. Viele Gebäude aus den 1960er bis 1980er Jahren gingen verloren und die verbliebenen wurden oft bis zur Unkenntlichkeit rekonstruiert: Neue Verkleidungen und Fassaden veränderten ihre ursprüngliche Formensprache. Die Symbole der Hauptstadt sind noch erkennbar, doch ihre Authentizität wurde durch eine Reihe von Renovierungen und „Modernisierungen“ geschwächt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Almaty hingegen hat mehr bewahrt. Nachdem die Stadt ihren Status als Hauptstadt verloren hatte, entging sie einer Welle von Abrissen und Renovierungen. Dank dessen hat ein Teil der Moderne bis heute überlebt, oft ohne radikale Umbauten, die das Erscheinungsbild verändert hätten. Infolgedessen wird Almaty heute als „Freilichtmuseum der Moderne“ wahrgenommen, in dem die Gebäude als Ganzes und in ihrer ursprünglichen Form zu sehen sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In beiden Städten wächst derzeit das Interesse am Erhalt des kulturellen Erbes, allerdings in unterschiedlicher Form. In Taschkent wird die Moderne häufiger durch Ausstellungen, Publikationen und internationale Projekte repräsentiert – sie ist Teil des Images der Hauptstadt. In Almaty hingegen ist die Arbeit am kulturellen Erbe konkreter: Lokale Gemeinden, Forscher:innen und Stadtführer:innen bieten Touren an, erstellen Stadtrundgänge und fördern die „architektonische DNA“ der Stadt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/architektonisches-versuchslabor-taschkent-ueber-den-denkmalwert-sowjetischer-plattenbauten/"><strong>Architektonisches Versuchslabor Taschkent: Über den Denkmalwert sowjetischer Plattenbauten</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Status der Hauptstadt wurde somit zu einem paradoxen Faktor: Taschkent erhielt zwar Ressourcen und Aufmerksamkeit, verlor jedoch einen Teil seines ursprünglichen Erbes, während Almaty mehr davon behielt – nicht absichtlich, sondern weil es keinen dringenden Bedarf an einer Neugestaltung seines Images gab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seismizität und Klima sind eine gemeinsame Realität, die architektonische Entscheidungen bis heute prägt. Beide Städte liegen in stark seismisch aktiven Zonen: In Almaty führt dies zu sorgfältiger Berücksichtigung des Geländes, der Versorgungsinfrastruktur (Staudämme, Terrassenstraßen) und der erdbebensicheren Gebäudekonstruktionen. In Taschkent festigte das Erdbeben von 1966 die Tradition verstärkter Strukturen und Fassadenverkleidungen, die sowohl vor Sonne als auch vor Vibrationen schützen. In beiden Fällen diktiert das Klima die architektonischen Techniken: Sonnenschutz, Belüftung und die Schaffung kühler Außenbereiche. Die Lösungen sind jedoch unterschiedlich: Almaty integriert sie in die Grün- und Wasserinfrastruktur und Taschkent in die Dimensionen von Magistralen und öffentlichen Komplexen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Letztlich liegt der Unterschied nicht nur in Größe oder Stil. Almaty und Taschkent begegnen denselben Herausforderungen – religiöse Architektur, Geschäftszentren, Einkaufszentren, seismische und klimatische Gegebenheiten. Sie übersetzen diese jedoch in unterschiedliche „Sprachen“. Almaty pflegt das gemächliche Tempo, die Gelassenheit und den Komfort eines Spaziergangs. Taschkent hingegen strebt nach Größe, Clustern und Präsentation, während der Raum für Fußgänger:innen nur langsam zu jenem der Magistrale aufschließt.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Schlussbetrachtung</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Betrachtet man Taschkent und Almaty heute, sind die im 19. Jahrhundert verwurzelten Unterschiede nicht nur in ihren Fassaden und Grundrissen spürbar – sie spiegeln sich wie zwei unterschiedliche urbane Rhythmen wider. Taschkent, das ein Erdbeben überstanden hat und mehrmals neugebaut wurde, scheint es gewohnt zu sein, in Ensembles und Plätzen zu denken. Es spricht die Sprache der Bühne: von Kulturzentren bis zu Geschäftsvierteln, von breiten Alleen bis zu beleuchteten Plätzen. Stets ist ein demonstrativer Ton zu hören – die Hauptstadt muss sich zeigen, überzeugen und beeindrucken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Almaty hat einen anderen Rythmus. Die Stadt wuchs in der Nähe der Berge, und ihre Geographie hat ihr eine intime Atmosphäre verliehen: Die Straßen ziehen sich nach oben, der Blick schweift zum Bergrücken, und das Zentrum bewahrt seine bescheidene Größe, wobei der Paradeplatz nicht so wichtig ist wie die schattige Promenade entlang des Bewässerungsgrabens. Hier muss keine Erhabenheit bewiesen werden, die Architektur spricht eher vom Alltäglichen: Bequemlichkeit, Intimität, kleine Schritte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Beide Städte liegen in erdbebengefährdeten Gebieten, und das bringt sie einander näher, als es scheint. In beiden dient die Architektur nicht nur der Form, sondern auch dem Schutz: vor der Sonne, vor Erdbeben, vor den Elementen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan:</strong> <a href="https://novastan.org/de/panorama/eine-interaktive-karte-um-das-alter-der-gebaeude-in-taschkent-zu-erfahren/"><strong>Taschkent: Mittels interaktiver Karte in die Stadtgeschichte eintauchen</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Heute treten diese Unterschiede besonders deutlich zutage. Taschkent entwickelt sich zu einem Labor für Vorzeigeprojekte, zu einer Stadt der großen Gesten und neuer „Zentren in der Hauptstadt“. Almaty hingegen wird zu einem Museum der alltäglichen Moderne, wo sich das urbane Gefüge in Details offenbart: einem Schaufenster, einem Baum, einem öffentlichen Garten, einem Abendlicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und genau darin liegt der Wert ihres Vergleichs. Zusammen offenbaren sie zwei Entwicklungsmodelle, zwei Intonationen derselben Ära. Und vielleicht entsteht gerade in diesem Dialog – zwischen Taschkents „großer Geste“ und Almatys „kleinem Schritt“ – die wahre Architekturgeschichte der Region.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Rushena Seminogova für Hook</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem </strong><a href="https://hook.report/2025/09/almaty-tashkent/"><strong>Russischen</strong></a><strong> von Robin Roth</strong></p>



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		<title>Der letzte kasachische Khan: Leben und Tod von Kenesary Qasymūly</title>
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		<pubDate>Fri, 26 Sep 2025 12:23:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
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		<category><![CDATA[Aufstand]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Kenesary]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Geschichte Zentralasiens kennt viele komplexe und widerspr&#xFC;chliche Pers&#xF6;nlichkeiten, die das Leben der Region sp&#xFC;rbar gepr&#xE4;gt haben und noch heute Bewunderung und Emp&#xF6;rung hervorrufen. Und die Polarisierung dieser Einsch&#xE4;tzungen h&#xE4;ngt in der Regel von den Grenzen ab, die Dutzende oder sogar Hunderte von Jahren nach dem Tod der genannten Pers&#xF6;nlichkeiten gezogen wurden. Im Wesentlichen erweist [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die Geschichte Zentralasiens kennt viele komplexe und widersprüchliche Persönlichkeiten, die das Leben der Region spürbar geprägt haben und noch heute Bewunderung und Empörung hervorrufen. Und die Polarisierung dieser Einschätzungen hängt in der Regel von den Grenzen ab, die Dutzende oder sogar Hunderte von Jahren nach dem Tod der genannten Persönlichkeiten gezogen wurden. Im Wesentlichen erweist sie sich also als Ergebnis der aktuellen Politik. Fergana News stellt einen dieser Helden der Vergangenheit vor.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Kenesary_Qasymuly">Kenesary Qasymūly</a> war ein kasachischer Staatsmann der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der Khan der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mittlere_Horde">Mittleren Horde</a>, der viele Jahre für seine politische Unabhängigkeit kämpfte. Pikant wird die Geschichte von Kenesary, dessen Leben bereits außergewöhnlich war, aufgrund des Mysteriums, das das Schicksal seiner sterblichen Überreste umgibt. Der gängigsten Version zufolge wird der Kopf des Khans noch immer irgendwo in einem russischen Museum aufbewahrt. Dass er dorthin gelangte, ist die Schuld der Kirgisen, die den Khan besiegten und enthaupteten, was ein Teil der kasachischen Öffentlichkeit nicht akzeptieren kann.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Kontroversen bis in die Gegenwart</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Allein in den letzten Monaten haben Kenesarys Leben und Tod zweimal die Medien in Kasachstan und Kirgistan beschäftigt. Zwar hatte der Khan schon zuvor immer wieder für Unruhe in den Medien gesorgt. So erhielt im Jahr 2021 beispielsweise der damalige [in Kasachstan] verhasste Chef von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Roskosmos">Roskosmos</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dmitri_Olegowitsch_Rogosin">Dmitri Rogosin</a>, nachdem er sich mit Däuren Mūsa, dem Generaldirektor von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kosmodrom_Baikonur">Baikonur</a>, über das Schicksal der Raumfähre <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Buran_1.01">Buran</a> gestritten hatte, von diesem das Angebot, das Raumschiff gegen Kenesarys Kopf einzutauschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zuvor hatte sich bereits der ehemalige Präsident Kasachstans <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Nursultan_Nasarbajew">Nursultan Nazarbaev</a> persönlich an Wladimir Putin gewandt und um Hilfe bei der Überführung der sterblichen Überreste des Khans in seine Heimat gebeten. Allerdings scheinen die russischen Behörden selbst nicht wirklich zu wissen, wo sich dieser Kopf derzeit befindet und ob er überhaupt überdauert hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und Anfang des Jahres erklärte der kirgisische Sänger Kairat Primberdijew in einem Interview: <em>„Es geschah, dass unser </em><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Ormon_Khan"><em>Ormon Khan</em></a><em> gezwungen wurde, Kenesary Khan zu töten. Ich möchte das kasachische Volk einfach um Vergebung für das Geschehene bitten. Ich möchte jetzt wirklich weinen. Wir müssen den Kopf von Kenesary Khan holen und den Koran [zu verstehen als &#8222;ein Gebet&#8220;, Anm. d. Red.] lesen, um das Vergehen in Würde loszulassen.“</em></p>



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<p class="wp-block-paragraph">Obwohl er ausschließlich in seinem eigenen Namen sprach und nicht das gesamte kirgisische Volk zur Reue gegenüber seinen Nachbarn aufrief, leitete das örtliche Staatskomitee für Nationale Sicherheit ein Strafverfahren gegen Primberdijew ein. Die Tschikisten [Anspielung auf die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tscheka">Tscheka</a>, Anm. d. Ü.] waren der Ansicht, dass er mit seinen Worten gegen Artikel 330 („Aufstachelung zu rassistischem, ethnischem, nationalem und religiösem Hass“) des kirgisischen Strafgesetzbuches verstoßen habe. Der Sänger musste daraufhin eine Geldstrafe von 100.000 Som (circa 1.100 US-Dollar) zahlen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bereits im Mai erschien auf YouTube ein Kenesary gewidmetes Video, dessen Autor Kirgistans Präsidenten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sadyr_Dschaparow">Sadyr Dschaparow</a> mit seinen Worten über das schwierige Verhältnis zwischen dem Khan und den Kirgisen so sehr beleidigte, dass Präsident Dschaparow, bewaffnet mit Zitaten von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sunzi">Sunzi</a>, einen eindrucksvollen Antwortbeitrag auf Facebook veröffentlichte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darin rief Dschaparow Kirgis:innen und Kasach:innen dazu auf, sich nicht auf Provokationen einzulassen, die auf die Anstiftung zu interethnischem Hass abzielen, und beschrieb ausführlich die Umstände des Todes des Khans. Die Behauptungen der Autoren des Videos, <em>„Kasachen und Kirgisen hätten gemeinsame Feinde, eine gemeinsame Geschichte, gemeinsame Berge, aber keine gemeinsame Zukunft“</em>, sowie die Anschuldigungen, die kirgisischen Führer hätten Kenesary betrügerisch in eine Falle gelockt und ihn dann heimtückisch erledigt, bezeichnete Dschaparow als einen Versuch, historische Tatsachen zu verfälschen und einen Keil zwischen die beiden Völker zu treiben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/wie-vor-100-jahren-die-bolschewiki-das-emirat-von-buxoro-und-das-khanat-von-xiva-zerstoerten/">Wie vor 100 Jahren die Bolschewiki das Emirat von Buchara und das Khanat von Xiva zerstörten</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach Dschaparows Reaktion veröffentlichte derselbe YouTube-Kanal eine versöhnliche Erklärung, in der er dem Präsidenten für seine Aufmerksamkeit dankte und die Anstiftung zum Zwiespalt ausschließlich auf <em>„den Großmachtchauvinismus“</em> zurückführte, <em>„der seit der Zeit des Russischen Reiches systematisch Nationen gegeneinander ausgespielt hat“</em> und <em>„heute erneut sein Haupt erhebt“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und da wir bereits mit universellen Argumenten begonnen haben – in dem Sinne, dass das schwere Erbe des Zaren- bzw. Sowjetregimes sowie die <em>„rasanten 90er Jahre“</em> jedes entstandene Missverständnis erklären können – wollen wir uns etwas ausführlicher mit den Taten von Kenesary Khan befassen: wie sich seine Beziehungen zu seinen Nachbarn entwickelten und wie sich die Einschätzung seiner Aktivitäten in den letzten fast zweihundert Jahren veränderte.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Der letzte Khan</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Kenesary wurde 1802 als Enkel von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ablai_(Khan)">Äbylaı Khan</a> geboren – dem letzten Herrscher, dessen Autorität von allen kasachischen Horden offiziell anerkannt wurde. Diese waren damals allerdings bereits vom Russischen Reich abhängig. Man kann also sagen, dass Kenesary aus der einflussreichsten Familie der Steppe stammte, und als Zar <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_I._(Russland)">Alexander I.</a> 1822 mit seiner Charta „Über die sibirischen Kirgisen“ (Bezeichnung für die Kasachen der Mittleren Horde, Anm. Fergana News) die Autorität des Khans effektiv liquidierte, beschloss diese Familie, Widerstand zu leisten. Schließlich hatte sie etwas zu verlieren, zumal der letzte Khan der Mittleren Horde, Kenesarys Cousin Gubaidulla Khan, von den zaristischen Behörden ins Exil in die Taiga geschickt worden war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mitte der 1820er Jahre nahmen Kenesary, sein Vater Qasym und seine Brüder an einem Partisanenkrieg gegen die Russen teil. <em>„So Gott will, werden wir alle Kirgisen (also Kasachen) vereinen und wieder zu dem werden, was wir unter Äbylaı Khan waren. Andernfalls möge uns sein heiliger Wille begleiten!“</em>, soll er damals gesagt haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der sowjetische Historiker Michail Wjatkin beschreibt Kenesary in seinen 1941 veröffentlichten „Essays zur Geschichte der Kasachischen SSR“ wie folgt: <em>„Machthungrig, energisch, mit außergewöhnlichem Verstand, großem Organisationstalent und unbeugsamem Willen ausgestattet“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Lokalhistoriker und damalige Bürgermeister von Orenburg, Nikolaj Sereda, beschreibt den Khan in „Aufstand des kirgisischen Sultans Kenesary Qasymov“ (1871 in der Monatszeitschrift „Vestnik Evropy“ erschienen) wie folgt: <em>„Er war ein entschlossener, energischer Mann. Erzogen nach den Regeln der ererbten Rache, war er grausam gegenüber dem besiegten Feind, bis hin zum Fanatismus. Die Teilnahme an Raubzügen und Baranten [Raubzüge zur Viehbeute] von früher Kindheit an machte ihn zu einem hervorragenden Reiter. Und im Falle eines Misserfolgs stählte die Flucht in die futterlosen Gebiete der Steppe seinen Geist in allen möglichen Strapazen und machte ihn so zäh wie ein Kamel. Schnell in seinen Raubzügen, wie ein alles vernichtender Steppenorkan, machte er vor keinem Hindernis halt. Im Gegenteil, jedes Hindernis schien seinen unnachgiebigen Willen nur zu reizen und machte ihn in seinen Unternehmungen noch schneller und kühner, bis schließlich alle Hindernisse auf dem Weg zum gewünschten Ziel vor seiner Energie zermalmt wurden.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/zentralasien-und-europa/joo-yup-lee-the-turkic-peoples-in-world-history-routledge-2024/">Turkvölker in der Weltgeschichte</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Von den zaristischen Truppen aus dem Norden bedrängt, wanderten die Qasymovs in das vom <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Khanat_Kokand">Khanat Kokand</a> kontrollierte Gebiet aus. Dieses erreichte zu dieser Zeit seine maximale Größe, auch aufgrund der aktiven Expansion in der kasachischen Steppe. Hier führte Kenesary, laut den Memoiren seines Sohnes Ahmet Kenesarin, „<em>ein beschauliches Leben unter der Führung von </em><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Īshān"><em>Ishan</em></a><em> Rahman-Izler&#8220;</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Allgemeinen wurde der Krieg mit den Russen bis 1836 hauptsächlich von Kenesarys älterem Bruder Sarjan geführt, der auch an Feldzügen auf Seiten von Kokand teilnahm. Als jedoch der Taschkenter Gouverneur des Khans die Ermordung von Sarjan (und einige Jahre später des Vaters Qasym) anordnete, musste Kenesary nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Xiva">Chiwa</a> und von dort in seine heimatlichen Nomadenlager in der Mittleren Horde fliehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im November 1837 führte Kenesary seinen ersten großen unabhängigen Angriff auf eine Kosakenabteilung durch, die eine Karawane begleitete. Als Reaktion darauf organisierten die zaristischen Behörden eine Strafexpedition in kasachische Dörfer. Ein Jahr später griff Kenesary mit einer Armee von mehreren tausend Mann die Festung Akmolinsk [heute <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Astana">Astana</a>, Anm. d. Ü.] an. Danach nahmen, wie Sereda schreibt, <em>„die Unruhen in den Steppen einen deutlicheren, alarmierenden und chronischen Charakter“ </em>an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kenesary nutzte geschickt die Meinungsverschiedenheiten zwischen den Verwaltungen der Generalgouvernements Orenburg und Westsibirien (das Land der Mittleren Horde war zwischen diesen Regionen des Reiches aufgeteilt) und erwies sich als hervorragender Taktiker. Er kämpfte lange Zeit erfolgreich gegen den russischen Einfluss auf einem ziemlich großen Gebiet: Seine Truppen operierten in den Kökşetau- und Ūlytau-Bergen, in den Tälern der Flüsse <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Turgai_(Fluss)">Torğaı</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Irgis_(Fluss)">Irgiz</a>, am <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aralsee">Aralsee</a> sowie am unteren und mittleren <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Syrdarja">Syrdarja</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Aufstand breitete sich auf fast das gesamte Land der Mittleren Horde sowie auf Teile der Ländereien der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Jüngere_Horde">Jüngeren</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ältere_Horde">Älteren Horde</a> aus. Darüber hinaus kämpfte Kenesary nicht nur gegen die Truppen des Zaren, sondern auch mit seinen Stammesgenossen, die der russischen Krone treu blieben: Wie seine Feinde, die Kosaken, plünderte er jene Dörfer vollständig aus, die sich ihm nicht unterwarfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Irgendwann zwangen die Strafmaßnahmen der Behörden den zukünftigen Khan, erneut bei den Kokandern Zuflucht zu suchen. Doch auch diesmal verriet ihn die lokale Elite: Auf Befehl des Gouverneurs von Taschkent wurden nicht nur das Familienoberhaupt Qasym, sondern auch Kenesarys zwei Frauen, sein Sohn und seine Tochter getötet. Da er keine Hoffnungen auf Unterstützung in Kokand und Chiwa hatte (der lokale Herrscher weigerte sich, mit Russland zu kämpfen), beschloss Kenesary, Frieden zu schließen. Er bat die zaristische Verwaltung um Amnestie und erklärte, er habe einzig und allein wegen der Repressionen gegen friedliche Nomaden zu den Waffen gegriffen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/erste-russen-tadschikistan-grosse-migration/">Die ersten Russen in Tadschikistan – die Geschichte der großen Migration</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Kenesary schrieb an General Grigorij Gens, den Leiter der Orenburger Grenzkommission, die sich mit den Angelegenheiten Kasachstans befasste: <em>„Obwohl wir seit einiger Zeit vom wahren Weg abgekommen sind und mit den Russen der sibirischen Linie gestritten haben, haben wir nun den wahren Weg gefunden. Wir bereuen und möchten ihm folgen.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach der Amnestie hatte Kenesary jedoch keine Eile, sich einem friedlichen Leben zu widmen, wie es die russischen Behörden erwartet hatten. Im Gegenteil, sein Aufstand flammte mit neuer Kraft auf. Offiziell wurde er beim <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kurultai">Qurultaı</a> als Khan aller Kasachen anerkannt (in Wirklichkeit fand dies bei der lokalen Elite keine allgemeine Unterstützung), und er versuchte, auf internationaler Ebene mit dem Emir von Buchara über gemeinsame Aktionen gegen das Khanat Kokand zu verhandeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ahmet Kenesarin zufolge <em>„wollte und hoffte Kenesary, sich auf Russland im Rücken zu stützen, an Kokand Rache für den Mord an seinem Vater und seinen Brüdern zu nehmen, die Große Horde [Ältere Horde, Anm. d. Ü.] von Kokand zu trennen und sogar das Khanat zu erobern.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch in St. Petersburg wollte man nicht, dass eine unabhängige politische Figur in der Steppe auftauchte. Man begann zu befürchten, der Khan könnte vom Untertan Russland zu einem Bucharas wechseln. Als Kenesarys Leute erneut begannen, die den Russen unterworfenen Dörfer auf seine Seite zu ziehen und ihnen verboten, Steuern an die kaiserliche Staatskasse zu zahlen, und als seine Truppen nach Westen bis an die Flüsse <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Emba">Embi</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ural_(Fluss)">Ural</a> vordrangen und die Kokander nach Süden zurückdrängten, kehrten die zaristischen Behörden zu einer Strafpolitik zurück. Die Grenzkommission erklärte den Khan zum Rebellen und setzte eine Belohnung von 3.000 Rubel auf seinen Kopf aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dennoch blieben jahrelange Versuche, die Steppe zu befrieden, ergebnislos. Kenesary forderte von den zaristischen Behörden die Rückgabe der beschlagnahmten Nomadenlager und die Anerkennung eines unabhängigen kasachischen Staates, der nicht dem Russischen Reich unterstand, sondern lediglich mit ihm verbündet war. In St. Petersburg war man jedoch nicht zu Kompromissen bereit – die zaristischen Truppen errichteten in der Steppe eine Reihe von Befestigungen und brachten zusammen mit den der russischen Regierung treu ergebenen kasachischen Sultanen das Blatt allmählich zu ihren Gunsten. Kenesary musste sich nach Süden zurückziehen, in Richtung der Flüsse <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sarysu">Sarysu</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tschüi_(Fluss)">Şu</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hier befanden sich die Nomadenlager der Älteren Horde, deren Sultane 1846 ebenfalls der russischen Krone die Treue schworen. Einige von ihnen mobilisierte Kenesary jedoch für den Krieg gegen Kokand und versprach, mit den eroberten Ländern zu bezahlen. Trotz der Einnahme mehrerer Festungen in Kokand zog sich Kenesary, dessen Truppen mit Cholera infiziert waren, bald weit nach Südwesten, jenseits des Flusses <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ili_(Fluss)">Ili</a>, zurück. Von hier aus unternahm er einen Feldzug gegen die Kirgisen oder Kara-Kirgisen, wie die Russen sie damals nannten.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Kenesary verliert den Kopf</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Zunächst versuchte Kenesary erfolglos, ein Bündnis mit den Chinesen auszuhandeln. Er hegte die Hoffnung, nach der Sicherung der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kriegs-Etappenwesen">Etappe</a> die gesamten Ältere Horde und die benachbarten Kirgisen hinter sich zu sammeln und anschließend erneut gegen Kokand in den Krieg zu ziehen. Denn der Gedanke an Rache für den Verrat ließ den Khan nicht los.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kirgisen selbst waren jedoch keineswegs erpicht darauf, sich dem rastlosen Khan anzuschließen. Und dieser Umstand sollte nicht überraschen, da sich die Mehrheit der Kasachen zu diesem Zeitpunkt geweigert hatte, ihm zu folgen. Einige der kirgisischen Stämme unterstanden direkt Kokand, während andere 1842 Ormon Khan, den einflussreichsten Feudalherren in der Gegend um den <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Yssyk-Köl">Ysyk-Köl</a>, als obersten Herrscher anerkannten. Und obwohl auch in dieser Frage keine Einigkeit unter den Kirgisen herrschte, änderte sich die Situation, als die Gefahr einer Invasion von außen aufkam.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So schreibt der sowjetische Historiker Begimal Jamgerchinov: <em>„Erst während der Offensive von Sultan Kenesary gegen die Kirgisen schlossen sich alle kirgisischen Stämme, mit Ausnahme jener aus dem Süden, hinter Ormon Khan zusammen, was seiner Macht einen gewissen Anschein verlieh.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem er die an der Grenze zu China lebenden Kirgisen unterworfen hatte, ging Kenesary gegen die „wilden Steinkirgisen“ vor (wie die im Tien Shan lebenden kirgisischen Stämme in russischen Quellen aufgrund ihrer „Kriegslust, ihres Mutes und ihrer Grausamkeit“ genannt wurden). Sein Ziel war es, sie seiner Macht zu unterwerfen, nach Kokand zu gehen und sich dort selbst zum Khan auszurufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine ähnliche Interpretation gibt Sereda. Andererseits heißt es in dem von Jamgerchinov zitierten Manuskript &#8222;Kasachisch-kirgisische Ereignisse&#8220;, Kenesary habe zuvor eine Botschaft an Ormon Khan geschickt mit dem Vorschlag, seine Vorherrschaft anzuerkennen und nach der Vereinigung gegen die Russen vorzugehen. Doch was auch immer Kenesarys weitere Absichten waren, Ormon Khan weigerte sich, sich ihm zu unterwerfen – er hielt sich der Macht des Khans würdiger und kümmerte sich nicht um die Pläne des kasachischen Anführers.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/panorama/zentralasien-um-1910-die-fotografien-sergej-prokudin-gorskijs/">Zentralasien um 1910: Die Fotografien Sergej Prokudin-Gorskijs</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ormon Khan erkannte, dass ein Krieg unvermeidlich war. Er knüpfte, da er bereits die Unterstützung der Bevölkerung Kokands im bevorstehenden Konflikt genoss, auch Kontakte zu den zaristischen Behörden. Im Wesentlichen sah sich Kenesary nun einer ganzen Koalition gegenüber, obwohl die gesamte Last des Krieges zu diesem Zeitpunkt auf den Kirgisen lag und, was wichtig war, ihre Führer alle Entscheidungen unabhängig trafen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Frühjahr 1847, als Kenesarys Armee auszog, um die umliegenden Dörfer zu verwüsten, fand sich der Khan selbst mit mehreren tausend Kämpfern auf einem Hügel am linken Ufer des Şu, vier Kilometer von der Stadt <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tokmok">Tokmok</a> entfernt, vom Feind umzingelt. Der Khan hielt mehrere Tage lang die Verteidigung, wurde dann aber, von einem Teil seiner Armee im Stich gelassen und so besiegt, gefangen genommen und hingerichtet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sereda berichtet folgende blutige Einzelheiten: <em>„Nachdem die wilden Steinkirgisen Kenesary getötet hatten, schlugen sie ihm den Kopf ab und trugen ihn, auf eine Pike gesteckt, durch die Dörfer, um die verängstigten Bewohner zu beruhigen; Kenesarys Leiche wurde aus Rache den Frauen übergeben, die sie in kleine Stücke schnitten.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch andere Quellen berichten von einer „qualvollen Hinrichtung“, doch was den Kopf des Khans betrifft, gibt es Zweifel: Es ist nicht ganz klar, ob die Versendung dieser schrecklichen Trophäe nach Russland auf Initiative der Sieger erfolgte oder ob die zaristischen Behörden einfach sicherstellen wollten, dass der Rebell, der ihnen so viel Ärger bereitet hatte, wirklich tot war. Auch Sadyr Dschaparow beharrt auf letzterer Version.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andererseits schrieb der kirgisische Feudalherr Dschanatai Karabekow an den Generalgouverneur von Westsibirien, Pjotr ​​Gortschakow: <em>„Er versprach uns ein L</em><em>ösegeld […] wie wir wollten </em><em>… aber wir </em><em>… wurden von den Kaufleuten </em><em>überzeugt und stellten fest, dass ein gro</em><em>ßer Staat wie Russland sicherlich nicht ohne eine Belohnung f</em><em>ür die T</em><em>ötung des L</em><em>ügners und Rebellen Kenesary gehen w</em><em>ürde, und so lie</em><em>ß ich ihn nicht mein Gesicht sehen und befahl meinem Verwandten Kodschibek, ihm den Kopf abzuschlagen.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Belohnung fiel indes enttäuschend aus. Kaligulla Alibekow, der den Kopf zu Gortschakow nach Omsk brachte, erhielt vom Generalgouverneur <em>„eine silberne Medaille, die er an einem St.-Georgs-Band um den Hals tragen sollte“.</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Leben nach dem Tod</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">In der russischen, sowjetischen und modernen kasachischen Geschichtsschreibung wurde Kenesary immer wieder neu bewertet. Während der Aufstand des Khans in vorrevolutionären Zeiten eindeutig als traditioneller „Diebesaufstand“ angesehen wurde, der die Expansion des Reiches nach Süden zugegebenermaßen lange verzögerte, bemühte man sich unter den Bolschewiki, ihm sowohl einen klassenbezogenen als auch einen antikolonialistischen Charakter zu verleihen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Angeblich erhoben sich die verarmten Kasachen gegen russische Großgrundbesitzer, Kapitalisten und andere „Bourgeois“. Gleichzeitig kamen Vorwürfe auf, die Familie Qasymov habe aus egoistischen Motiven gehandelt. Der Khan und seine Brüder hätten aus Groll über die Weigerung der zaristischen Behörden, sie als Sultane einzusetzen, zu den Waffen gegriffen. Und Kenesary selbst sei in erster Linie von persönlichem Ehrgeiz und nicht von der Sorge um das kasachische Volk getrieben gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Nachkriegszeit erreichte die Kontroverse um Kenesary ihren Höhepunkt: Der Historiker Ermuhan Bekmahanov versuchte zu beweisen, dass die vom Khan angeführte Bewegung durch die Verzögerung der Kolonisierung eine fortschrittliche Rolle in der Geschichte Kasachstans gespielt hatte. Er wurde des „bürgerlichen Nationalismus“ beschuldigt und zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt. Nach dem Tod <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Stalin">Josef Stalins</a> gelang es seinen Kollegen, den Gelehrten zu rehabilitieren und seine Freilassung zu erwirken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einer anderen Ansicht zufolge war der Kenesary-Aufstand zunächst nur ein antikolonialer Befreiungskampf der Kasachen gegen Russland und Kokand, artete aber später in feudale Konflikte aus, wie die Invasion kirgisischer Gebiete zeige. Dennoch herrschte in den späten Sowjetjahren eine allgemein negative Einschätzung vor: Der Aufstand sei zwar durch die zunehmende koloniale Unterdrückung durch die zaristische Verwaltung provoziert worden, aber reaktionärer und monarchistischer Natur gewesen, und seine Anführer hätten in keiner Weise die Interessen ihres eigenen Volkes vertreten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/wer-war-mirjaqyp-dulatuly-die-geschichte-eines-kasachischen-poeten/">Wer war Mirjaqyp Dulatuly? – Die Geschichte eines kasachischen Poeten</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im modernen Kasachstan wird Kenesary Qasymūly eindeutig als Nationalheld wahrgenommen, und seine Kriege gegen innere und äußere Feinde gelten im Allgemeinen als gut begründet. Besonders hervorgehoben wird die Tatsache, dass der Aufstand eine landesweite Anstrengung war, obwohl diese Behauptung, gelinde gesagt, recht gewagt erscheint. Es wird darauf hingewiesen, dass <em>„die Mehrheit der Bevölkerung aller drei Horden“</em> an der vom Khan angeführten <em>„nationalen Befreiungs- und Antikolonialismusbewegung“</em> teilnahm und nur die Haltung des von den Privilegien des Zarismus verführten Teils des Adels zur Niederlage des Aufstands führte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und doch wird Kenesarys übermäßige Grausamkeit gegenüber seinen abweichenden Landsleuten und den Kirgisen ebenfalls anerkannt. Das Eingeständnis gewisser Fehler Kenesarys gibt Anlass zur Hoffnung, dass diese reale und zweifellos außergewöhnliche Figur nicht letztlich zum Mythos des idealen Freiheitskämpfers verkommt. Denn je mehr Mythen sich um die Ereignisse jener Jahre ranken, desto weniger wird Kenesary selbst dahinter sichtbar sein.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Pjotr Bologow für Fergana News</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem </strong><a href="https://fergana.news/articles/138037/"><strong>Russischen</strong></a><strong> (und gekürzt) von Robin Roth</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>Fotoreise durch Turkestan: Ethnographische Fotografien des 19. und 20. Jahrhunderts</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Asia Plus]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 23 Jul 2025 18:30:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Panorama]]></category>
		<category><![CDATA[Tadschikistan]]></category>
		<category><![CDATA[Usbekistan]]></category>
		<category><![CDATA[Archiv]]></category>
		<category><![CDATA[Buchara]]></category>
		<category><![CDATA[Fotografie]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Hugues Krafft]]></category>
		<category><![CDATA[Samarkand]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die ethnographische Fotoreise f&#xFC;hrt quer durch das historische Turkestan und bildet verschiedene historische St&#xE4;dte wie Buchara, Chudschand, Chiwa und Samarkand ab. Die Fotografien stammen aus dem Archiv Munawar Mamadnazarows und zeigen ethnographische Abbildungen der lokal ans&#xE4;ssigen, st&#xE4;dtischen Bev&#xF6;lkerung aus dem 19. und fr&#xFC;hen 20. Jahrhundert. Im Privatarchiv [des Architekturwissenschaftlers &#x2013; Anm. d. Red.] Munawar Mamadnazarows [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die ethnographische Fotoreise führt quer durch das historische Turkestan und bildet verschiedene historische Städte wie Buchara, Chudschand, Chiwa und Samarkand ab. Die Fotografien stammen aus dem Archiv Munawar Mamadnazarows und zeigen ethnographische Abbildungen der lokal ansässigen, städtischen Bevölkerung aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Privatarchiv [des Architekturwissenschaftlers – Anm. d. Red.] Munawar Mamadnazarows befinden sich Abzüge verschiedener bekannter und weniger bekannter Fotografen, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert die Regionen Zentralasiens bereisten. Die besagten Fotografien sind Thema dieses Artikels.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Das Fotoalbum „Turkestan“</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem die zentralasiatischen Territorien, darunter die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Emirat_Buchara">Emirate Buchara</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Khanat_Kokand">Kokand</a> und das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Khanat_Chiwa">Khanat Chiwa</a>, durch das Russischen Zarenreich eingenommen wurden, studierte General <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Konstantin_Petrowitsch_von_Kaufmann">Konstantin Kaufman</a> (1818–1882), der 1867 zum Hauptkommandanten des Militärkreises Turkestans ernannt wurde, die Region.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Das Russische Zarenreich beabsichtigte damals nicht nur seine militärische Einflusssphäre entgegen den englischen Interessen in diesem Gebiet in Zentralasien zu stärken. General Kaufmann sollte während seiner Expeditionen das zentralasiatische Territorium inspizieren, das <em>„sich sehr stark von dem unterschied, was Russ:innen als ihr Zuhause betrachten würden“.</em> Kaufmann war es auch, der den Buchdruck eines Fotoalbums namens „Turkestan“ initiierte. An dem Album beteiligten sich federführende Islamwissenschaftler und Fotografie-Interessierte der Zeit. Das Album, das die Unterkapitel „Archäologie“, „Ethnografie“, „Wirtschaft“ und „Geschichte“ umfasste, erschien im Jahr 1872 in St. Petersburg. Die Besonderheit daran war, dass nur sechs Exemplare desgleichen gedruckt wurden. Die inhaltlichen Schwerpunkte umfassten die Region Zentralasiens hinsichtlich ihrer geografischen und ethnografischen Zusammensetzung sowie Beschriebe über die Kultur und Bräuche der Menschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Besondere Beachtung fanden Porträts von Personen die verschiedenen ethnischen Gruppen und sozialen Klassen angehörten ihre jeweilige Bekleidung miteinschließend.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/panorama/zentralasien-um-1910-die-fotografien-sergej-prokudin-gorskijs/">Zentralasien um 1910: Die Fotografien Sergej Prokudin-Gorskijs</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Exemplare des Albums „Turkestan“ befinden sich heute in der russischen Nationalbibliothek, in der Nationalbibliothek Usbekistans, in der Library of Congress in den USA und manche Ausgaben in Frankreich. „Das Album Turkestan“ wurde zum visuellen Aufeinandertreffen zweier sich unterscheidender Welten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Besondere Beachtung finden in diesem Artikel Fotografien aus der Zeit, die das tadschikische Leben in Zentralasien dokumentieren.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="676" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/07/изображение_viber_2025-05-16_13-28-35-790-1024x676.jpg" alt="" class="wp-image-42679" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/07/изображение_viber_2025-05-16_13-28-35-790-1024x676.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/07/изображение_viber_2025-05-16_13-28-35-790-300x198.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/07/изображение_viber_2025-05-16_13-28-35-790-768x507.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/07/изображение_viber_2025-05-16_13-28-35-790.jpg 1052w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Quelle: Archiv von Munawar Mamadnazarow. Tadschikische Märkte vor eineinhalb Jahrhunderten. 1. Ein Tabak-Händler 2. Ein Brot-Verkäufer 3. Ein Stoff-Händler 4. Chudschand: Händler auf dem Bazar 5. Ein Melonen-Verkäufer in Buchara</figcaption></figure>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Der französische Blick auf Zentralasien</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht nur russische Fotografen interessierten sich für die Region. Im Jahr 1902 erschien ein Bildband des französischen Fotografen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hugues_Krafft">Hugues Krafft</a> (1853–1935) namens <em>„A travers le Turkestan russe“</em> [Quer durch das russische Turkestan – Anm. d. Red.].</p>



<p class="wp-block-paragraph">&nbsp;Das Buch wurde ein großer Erfolg innerhalb der geographischen Gesellschaft von Paris und der französischen Akademie.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/panorama/mannerheims-reise-durch-zentralasien-ausstellung-seiner-fotografien-in-bern/"><strong>Mannerheims Reise durch Zentralasien: Ausstellung seiner Fotografien in Bern</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein weiterer französischer Fotograf, der im Jahr 1890 Zentralasien mit seiner Kamera einfing, war <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Nadar">Paul Nadar</a> (1856–1939). Er fotografierte nicht nur architektonische Kulturdenkmäler wie <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Madrasa">Medressen</a>, Moscheen usw. sondern fertigte auch eine Fotoserie des Emirs <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Abd_al-Ahad_Khan">Abd al-Ahad Khan</a> von Buchara an.</p>



<figure class="wp-block-image size-large is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="711" height="1024" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/07/изображение_viber_2025-05-16_13-29-30-645-711x1024.jpg" alt="" class="wp-image-42680" style="width:755px;height:auto" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/07/изображение_viber_2025-05-16_13-29-30-645-711x1024.jpg 711w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/07/изображение_viber_2025-05-16_13-29-30-645-208x300.jpg 208w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/07/изображение_viber_2025-05-16_13-29-30-645-768x1107.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/07/изображение_viber_2025-05-16_13-29-30-645.jpg 873w" sizes="auto, (max-width: 711px) 100vw, 711px" /><figcaption class="wp-element-caption">Quelle: Archiv von Munawar Mamadnazarow. 1. Porträt des Emirs Abd al-Ahad Khan von Buchara, Foto: Paul Nadar, 1890. 2. Bettler aus Kokand, Foto: Annette Meakin, 1901. 3. Bazar und Überreste der Moschee Bibi-Chanum, Foto: Paul Nadar, 1890.</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Ein besonderer Kontrast zum Porträt des Emirs, stellt die Abbildung des Bettlers aus Kokand aus dem Jahr 1901 dar, fotografiert von der britischen Reisenden <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Annette_Meakin">Anette Meakin</a> (1867–1959).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Jahr 1902 erkundete eine Expedition bestehend aus dem Botaniker <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wolodymyr_Lypskyj">Wolodymyr Lypskyj</a> (1863–1937) das Pamir-Gebirge und seine Bevölkerung in den Jahren 1806 bis 1899.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="888" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/07/изображение_viber_2025-05-16_13-30-18-994-1024x888.jpg" alt="" class="wp-image-42681" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/07/изображение_viber_2025-05-16_13-30-18-994-1024x888.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/07/изображение_viber_2025-05-16_13-30-18-994-300x260.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/07/изображение_viber_2025-05-16_13-30-18-994-768x666.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/07/изображение_viber_2025-05-16_13-30-18-994.jpg 1041w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Quelle: Archiv von Munawar Mamadnazarow. Fotografien von N. Bogojawlenskij und A. Stejn. 1. Beamte aus Kulob, 1898. 2. Blick auf die Zitadelle von Chudschand. 3. Ein alter Wohnungseingang des Hauses von Mingbaschir in Kalai Wamar (1915–1916).</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Es folgen Fotografien der Stadt Samarkand.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="612" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/07/изображение_viber_2025-05-16_13-30-52-174-1024x612.jpg" alt="" class="wp-image-42682" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/07/изображение_viber_2025-05-16_13-30-52-174-1024x612.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/07/изображение_viber_2025-05-16_13-30-52-174-300x179.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/07/изображение_viber_2025-05-16_13-30-52-174-768x459.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/07/изображение_viber_2025-05-16_13-30-52-174.jpg 1053w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Quelle: Archiv von Munawar Mamadnazarow. Fotografien von E. Pawlowskij, 1908. 1. Medrese Scherdor in Samarkand. 2. Karagatsch bei der Moschee in Ura-Tjube. 3. Ura-Tjube. 4. Wohnhaus in Samarkand. 5. Samarkand, die Medrese Chwarizmi.</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Die russischen Ethnografen bemühten sich um die Einteilung der Bevölkerung in „Tadschiken“, „Usbeken“, „Kirgisen“, „Turkmenen“ und manchmal „Sarten“, wobei letztere Kategorie heutzutage nicht mehr verwendet wird. Die Bevölkerung vielmehr nannte sich jedoch oft anhand ihrer Heimatstadt, also „Buchara-er“, „Chudschand-erin“, „Badachschan-er“, „Pamir-in“. „Sarte“ war jedoch auch damals keine Selbstbezeichnung der Menschen. Gemäß den Meinungen des Poeten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Navoiy">Navoiy</a> und des Timuriden <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Babur">Babur</a>, verstand man unter der Namensgebung eine „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/T%C3%BCrkisierung_der_T%C3%BCrkei">turkisierte</a>“,<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Iranische_Sprachen"> persischsprachige</a> Gruppe.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/usbekistan/interview-ueber-den-stellenwert-des-persischen-in-usbekistan-mit-dem-forscher-richard-foltz/"><strong>Interview über den Stellenwert des Persischen in Usbekistan mit dem Forscher Richard Foltz</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Als „Sarten“ bezeichnete das Russische Zarenreich Händler, Handwerker und weitere Bevölkerungsgruppen der sesshaften, städtischen Bewohner:innen Zentralasiens. Weil es sich um eine erfundene Bezeichnung handelte und sie von der Bevölkerung selbst nicht verwendet worden ist, verschwand sie allmählich.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Menschen und Bräuche</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Porträts der Menschen heben nicht nur die individuellen Züge der Dargestellten hervor, sondern auch ihren sozialen Status, die Eigenheiten ihrer Kleidung und ihres Schmucks. Es sind nicht bloß ethnografische Aufnahmen. Trotz inszenierter Elemente erzählen sie auch einiges über die Menschen jener Zeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den Abbildungen spiegelt sich eine ganze Lebenswelt: Weisheit, herzliche Gastfreundschaft, ein fröhliches Wesen. Sie zeigen eine tiefe Verbundenheit mit der oft rauen Natur, einen liebevollen Umgang mit Kindern und Tieren, eine gewisse Gemächlichkeit im Alltag. Das abgebildete Volk mit einer alten Geschichte schätzt nicht nur ausgedehnte Gespräche in der Teestube „Chaikhana“ – sie begegnen der Welt auch mit Nachdenklichkeit und philosophischer Gelassenheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/panorama/zentralasien-durch-die-linse-von-kamila-rustambekova/"><strong>Zentralasien durch die Linse von… Kamila Rustambekova</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Unter den Porträtierten finden sich hohe Beamte und Kaufleute in bunt schillernden Atlaskaftanen, gegürtet mit breiten, kostbaren Gürteln; Frauen in leuchtenden Gewändern, geschmückt mit kunstvollen Accessoires. Daneben sind aber auch zahlreiche Aufnahmen einfacher Stadtbewohner, schlicht gekleidet: Fladenbrotverkäufer, deren phantastische Gewänder und witzig aussehende, spitz zulaufende Kopfbedeckungen wie aus einer anderen Welt wirken.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="858" height="1024" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/07/изображение_viber_2025-05-16_13-33-38-285-858x1024.jpg" alt="" class="wp-image-42683" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/07/изображение_viber_2025-05-16_13-33-38-285-858x1024.jpg 858w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/07/изображение_viber_2025-05-16_13-33-38-285-251x300.jpg 251w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/07/изображение_viber_2025-05-16_13-33-38-285-768x917.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/07/изображение_viber_2025-05-16_13-33-38-285.jpg 912w" sizes="auto, (max-width: 858px) 100vw, 858px" /><figcaption class="wp-element-caption">Quelle: Archiv von Munawar Mamadnazarow. Tadschiken – Porträts von Männern. 1. Tadschike aus Samarkand. 2. Bucharischer Taschike im Seidenkaftan. 3. Junger Sart aus Samarkand. 4. Mullah-Tadschike aus Kokand. 5. Tadschike aus Samarkand in einem mit Pelz gefütterten Kaftan. 6. Tadschike aus Urgut in Baumwollkleidung. 7. Tadschike – Händler aus Buchara. 8. Tadschikischer Bauer aus Buchara. 9. Mirza-Chan, Bewohner des Oberlaufs des Flusses Yaghnob, 1880er-Jahre. 10. Mirza Vasikh, Sektenführer (Pir), 1871–1872. 11. Mahmud-Chan, Qadi (Richter) aus Ura-Tjube, 1871–1872. 12. Mullo Niyoz aus dem Dorf Margtumain (Yaghnob). Informant von M. S. Andrejew, 1925.</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">In einer Welt ohne Massenmedien waren es die farbenfrohen Basare mit ihren hölzernen, von Strohdächern beschatteten Ständen, die als Zentren des Austauschs und der Information dienten. Es waren Orte, an denen sich wirtschaftliches Interesse mit dem Bedürfnis nach Spektakel und Neuigkeiten verband. Hier konnte man Brot und Unterhaltung zugleich finden, sich über die Marktlage informieren und den Pulsschlag der eigenen Stadt spüren.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="764" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/07/изображение_viber_2025-05-16_13-34-16-372-1024x764.jpg" alt="" class="wp-image-42684" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/07/изображение_viber_2025-05-16_13-34-16-372-1024x764.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/07/изображение_viber_2025-05-16_13-34-16-372-300x224.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/07/изображение_viber_2025-05-16_13-34-16-372-768x573.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/07/изображение_viber_2025-05-16_13-34-16-372.jpg 1039w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Quelle: Archiv von Munawar Mamadnazarow. 1. Junge Tadschikin aus Samarkand, spielt auf der Dutar. 2. Tadschikin aus Samarkand im Winterkaftan mit Diadem auf dem Kopf. 3. Junge Tadschikin aus Kokand in einem Kaftan aus Brokat. 4. Munawwar-Ai, Tadschikin, 1871–1872. 5. Margilan. Tadschikin, 1880. Foto von F. Orda</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Die zentralasiatische Region zog sowohl russische als auch andere europäische Reisende an. Sie bezauberte durch die Eigenart ihrer Naturlandschaften ebenso wie durch die Kultur ihrer Bevölkerung. Viele sagten dieser Gegend tiefgreifende Veränderungen voraus. Der bekannte russische Forscher <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alexei_Alexandrowitsch_Bobrinski">Alexei A. Bobrinski</a> (1852–1927) rief bereits 1908 dazu auf, mit der Erforschung <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Badachschan">Badachschans</a> nicht zu zögern, „weil die alles verschlingende europäische Kultur beginnt, es zu berühren – und damit alles <em>Urspr</em><em>üngliche, Individuelle, Charakteristische in ihm zu zerstören“</em>.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="617" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/07/изображение_viber_2025-05-16_13-38-11-844-1024x617.jpg" alt="" class="wp-image-42685" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/07/изображение_viber_2025-05-16_13-38-11-844-1024x617.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/07/изображение_viber_2025-05-16_13-38-11-844-300x181.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/07/изображение_viber_2025-05-16_13-38-11-844-768x463.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/07/изображение_viber_2025-05-16_13-38-11-844.jpg 1058w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Quelle: Archiv von Munawar Mamadnazarow. Die historische Stätte von Hisar (14.–19. Jh.). 1. Blick auf die Zitadelle (Ark) gegen Ende des 19. Jahrhunderts. 2. Gebäude am Fuss der Zitadelle und rechts aktuelle Ansichten</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hugues_Krafft">Hugues Krafft</a> wiederum schrieb in seinem Werk über die Zukunft der Region: <em>„Mögen diese fotografischen Dokumente und der Text des Buches Ausdruck der wahren muslimischen Seele Turkestans sein – und sie noch lange im Gedächtnis bewahren!“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Lebensweise der Region hat sich jedoch im Laufe des 20. Jahrhunderts stark verändert – als Folge gesellschaftlicher Erschütterungen, Revolutionen, Kriege, innerer Konflikte, intensivierter wirtschaftlicher Kontakte und zahlreicher Migrationsbewegungen.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Munawar Mamadnazarow für Asia-Plus</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://www.asiaplustj.info/ru/news/life/culture/20250516/zapechatlyonnoe-mgnovenie-tadzhikistan-na-istoricheskih-fotografiyah-xix-nachala-xx-veka">Russischen</a> (gekürzt) von Berenika Zeller</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>Blutroter Juni – 15 Jahre seit dem interethnischen Konflikt im Süden Kirgistans</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Fergana News]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 26 Jun 2025 22:21:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Panorama]]></category>
		<category><![CDATA[Dschalal-Abad]]></category>
		<category><![CDATA[ethnischer Konflikt]]></category>
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		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
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		<category><![CDATA[Unruhen]]></category>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Es ist eine der dunkelsten Seiten der modernen Geschichte des Landes: Ethnische Massenkonflikte forderten Hunderte von Menschenleben, zerstörten Tausende von Häusern und führten zu einer massenhaften Flucht. Anlässlich des 15. Jahrestages erinnert Fergana News an den blutroten Juni.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Nacht vom 10. auf den 11. Juni 2010 kam es in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Osch">Osch</a> zu Zusammenstößen zwischen der kirgisischen und der usbekischen Bevölkerung. Bald griff die Gewalt auf das benachbarte <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dschalal-Abad">Dschalal-Abad</a> über. Den Behörden gelang es nicht, die Lage schnell unter Kontrolle zu bringen. Gerüchte und Provokationen, darunter Berichte über eine Vergewaltigung in einem Frauenwohnheim, verstärkten die Aggression. Bewaffnete Gruppen griffen usbekische Viertel an, und es kam zu massenhaften Brandstiftungen, Plünderungen und Morden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Konflikt entfaltete sich vor dem Hintergrund einer tiefen politischen Krise im Land. Nach dem Sturz von Präsident <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kurmanbek_Bakijew">Kurmanbek Bakijew</a> am 7. April 2010 ging die Macht an die Übergangsregierung unter <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rosa_Otunbajewa">Rosa Otunbajewa</a> über, die kaum Kontrolle über den Süden des Landes hatte. Die Spannungen in der Region wuchsen, angeheizt durch einen Kampf zwischen Anhänger:innen des vorherigen Regimes und den neuen Behörden sowie durch den Aktivismus usbekischer Politiker:innen, die eine größere politische Rolle für ihre Gemeinschaft anstrebten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/affaere-bakijew-kirgistans-zweiter-praesident-und-das-geld/"><strong>Affäre Bakijew: Kirgistans zweiter Präsident und das Geld</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Lage verschärfte sich, nachdem eine Reihe von Vorfällen – darunter die Besetzung von Stadtverwaltungen durch Bakijew-Anhänger:innen, das Niederbrennen von Wohnhäusern und Universitäten sowie die Ermordung des Gangsterbosses Aibek Mirsidikow –&nbsp; eine Atmosphäre des Misstrauens, der Angst und der Gewalt geschaffen hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Reaktion auf die Eskalation der Lage verhängte die Übergangsregierung den Ausnahmezustand und eine Ausgangssperre. Die Unruhen gingen jedoch weiter. Zehntausende Menschen, hauptsächlich Usbek:innen, mussten ihre Häuser verlassen. Bereits am 11. Juni öffnete Usbekistan die Grenze und nahm über 110.000 Geflüchtete auf, hauptsächlich Frauen und Kinder, für die Lager eingerichtet wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am 12. Juni erreichte der Konflikt in Südkirgistan seinen Höhepunkt: Usbek:innen begannen, zum Schutz Barrikaden zu bauen, und die Welle der Gewalt griff auf Dschalal-Abad über. Erst am 15. Juni gelang es den Behörden, die Lage unter Kontrolle zu bringen. In beiden Städten begannen Verhandlungen zwischen den Anführern der kirgisischen und usbekischen Gemeinschaft.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Abweichende Opferzahlen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Angaben zur Zahl der Opfer des Konflikts variieren. Offiziell meldeten die Behörden zwischen 414 und 446 Todesopfer, einer internationalen Kommission zufolge starben rund 470 Menschen, davon 74 Prozent ethnische Usbek:innen. Mehr als 1.900 Menschen wurden verletzt. Die usbekischen Behörden berichteten von 2.800 Verletzten unter den Geflüchteten. Menschenrechtler:innen sprechen von mehr als 1.700 zerstörten und niedergebrannten Häusern.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Nach Angaben des UN-Satellitenzentrums <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/UNOSAT">UNOSAT</a> wurden rund 3.000 Gebäude beschädigt. Der materielle Schaden wird nach offiziellen Angaben auf 4 Milliarden Som (195,6 Millionen US-Dollar zum Wechselkurs von Juni 2010) und nach Angaben von Nichtregierungsorganisationen auf 9 Milliarden Som (87 Millionen US-Dollar) geschätzt. Die Behörden eröffneten mehr als 5.000 Strafverfahren. Doch nur etwa 300 Menschen, die meisten von ihnen Usbek:innen, wurden tatsächlich zu Gefängnisstrafen verurteilt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach den Ereignissen verließen viele ethnische Usbek:innen Kirgistan, usbekischsprachige Schulen wurden geschlossen. Hunderte Menschen, darunter der bekannte Menschenrechtsaktivist <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Asimdschan_Askarow">Asimdschon Askarow</a>, wurden wegen der Organisation von Unruhen und anderer Verbrechen verurteilt. Internationale Organisationen und Menschenrechtler:innen gehen davon aus, dass die Anklagen gegen viele von ihnen fingiert und Geständnisse unter Folter erpresst wurden. Askarow starb 2020 in Haft, obwohl die UN seine Freilassung gefordert hatte.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Schleppende Aufarbeitung</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">2011 kam eine internationale unabhängige Kommission unter der Leitung von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kimmo_Kiljunen">Kimmo Kiljunen</a>, an den sich Rosa Otunbajewa mit der Bitte um Unterstützung gewandt hatte, zu dem Schluss, dass die Tragödie hätte verhindert werden können. Die provisorische Regierung habe die ethnischen Spannungen unterschätzt und den Schutz der Bevölkerung nicht gewährleistet. Die Kommission stufte die Angriffe auf usbekische Viertel als Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein, erkannte die Ereignisse jedoch nicht als Völkermord oder Kriegsverbrechen an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die kirgisischen Behörden lehnten die Ergebnisse der Kommission ab und erklärten ihren Leiter zur unerwünschten Person. Internationale Partner, darunter die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Organisation_des_Vertrags_über_kollektive_Sicherheit">Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS)</a>, griffen nicht ein und erklärten, es handele sich um eine interne Angelegenheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im selben Jahr führte eine nationale Kommission ihre eigene Untersuchung durch. Sie kam zu dem Schluss, die Schuldigen des Konflikts seien <em>„separatistische Kräfte“</em> unter Führung von Kadyrdschon Batyrow, einem Anführer der usbekischen Gemeinschaft in Kirgistan und Anhänger des flüchtigen Präsidenten Bakijew, sowie <em>„externe Kräfte, die an einer Destabilisierung der Lage interessiert waren“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/autoritarismus-politische-morde-und-vetternwirtschaft-die-praesidentschaft-kurmanbek-bakijews/"><strong>Autoritarismus, politische Morde und Vetternwirtschaft: Die Präsidentschaft Kurmanbek Bakijews</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Oktober 2011 verurteilte das Stadtgericht Dschalal-Abad Kadyrdschon Batyrow und Inom Abdurasulow, einen weiteren Anführer der usbekischen Gemeinschaft, in Abwesenheit zu lebenslanger Haft. Sie wurden der Organisation von Massenunruhen und der Teilnahme an separatistischen Aktivitäten für schuldig befunden. Vier weitere Angeklagte erhielten Haftstrafen zwischen sechs und zwanzig Jahren. Beide verließen Kirgistan nach den Ausschreitungen und wurden international gesucht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Oktober 2014 verurteilte das Stadtgericht Osch Batyrow und Abdurasulow in Abwesenheit zu lebenslanger Haft und bestätigte damit ihre Rolle als Organisatoren der Unruhen. Die ehemalige Vorsitzende des regionalen Zweigs des Frauenkongresses Kirgistans in Osch, Karamat Abdullajewa, wurde <a href="https://fergana.media/news/131134/">zu 16 Jahren Haft verurteilt</a>. Im Dezember 2018 wurde berichtet, dass Kadyrdschon Batyrow im Alter von 62 Jahren in Odessa <a href="https://fergana.media/news/103258/">verstorben sei</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Ermittlungen zu den Unruhen wurden im April 2021 auf Anordnung des amtierenden Präsidenten Kirgistans, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sadyr_Dschaparow">Sadyr Dschaparow</a>, wieder aufgenommen. Gegen fünf ehemalige Mitglieder der Übergangsregierung wurde Anklage wegen Amtsmissbrauchs erhoben, darunter gegen den ehemaligen Präsidenten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Almasbek_Atambajew">Almasbek Atambajew</a>, der 2010 stellvertretender Premierminister im Übergangskabinett war. Auch gegen den damaligen Verteidigungsminister Ismail Isakow, Innenminister Bakytbek Alymbekow, den ehemaligen Gouverneur des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Oblus_Dschalal-Abad">Gebiets Dschalal-Abad</a>, Bektur Asanow, und den ehemaligen Leiter des Staatlichen Komitees für Nationale Sicherheit Kirgistans, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kengeschbek_Duischöbajew">Kengeschbek Duischeböjew</a>, wurde Anklage wegen Amtsmissbrauchs erhoben. Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Keine Ansprache zum Jahrestag</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Es sei darauf hingewiesen, dass Präsident Sadyr Dschaparow im Jahr 2025 auf die traditionelle Ansprache an das Volk zum Jahrestag der Unruhen verzichtete. Zuvor hatte er, wie seine Vorgänger, wiederholt über die Tragödie gesprochen und zur Einheit aufgerufen sowie dazu, von bösen Absichten abzusehen, die zu interethnischen Konflikten führen könnten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Tragödie hinterließ tiefe Spuren in der kirgisischen Gesellschaft und offenbarte ungelöste interethnische und politische Probleme sowie die Verletzlichkeit staatlicher Institutionen angesichts der Krise. Fragen der Gerechtigkeit, der Rehabilitierung der Opfer und der Suche nach Wegen zu dauerhaftem Frieden sind für das Land bis heute aktuell.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Fergana News</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem </strong><a href="https://fergana.news/articles/138365/"><strong>Russischen</strong></a><strong> von Robin Roth</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>Landproteste, Jañaözen, Qañtar – Die Geschichte der Proteste Kasachstans</title>
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		<dc:creator><![CDATA[thevillage]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 30 Apr 2025 17:51:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Janaozen]]></category>
		<category><![CDATA[Januar-Ereignisse]]></category>
		<category><![CDATA[Nursultan Nazarbaev]]></category>
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		<category><![CDATA[Qantar]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Zum dritten Mal j&#xE4;hrten sich im Januar der &#x201E;Qantar&#x201C; &#x2013; der blutige Januar. Aus diesem Anlass ver&#xF6;ffentlichte The Village eine Chronik der 33-j&#xE4;hrigen Protestgeschichte im Unabh&#xE4;ngigen Kasachstan. 33 Jahre Unabh&#xE4;ngigkeit, Dutzende von Protesten. Einige von ihnen spontan und &#xF6;rtlich begrenzt. Andere gro&#xDF; angelegt mit blutigem Ende. Eine Chronik der wichtigsten Ereignisse. 1991-2000: Kasachstans &#xDC;bergang von [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Zum dritten Mal jährten sich im Januar der „Qantar“ – der blutige Januar. Aus diesem Anlass veröffentlichte The Village eine Chronik der 33-jährigen Protestgeschichte im Unabhängigen Kasachstan.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">33 Jahre Unabhängigkeit, Dutzende von Protesten. Einige von ihnen spontan und örtlich begrenzt. Andere groß angelegt mit blutigem Ende. Eine Chronik der wichtigsten Ereignisse.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>1991-2000: Kasachstans Übergang von einer parlamentarischen Republik zu einer superpräsidialen Republik</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/kasachstans-weg-in-die-unabhangigkeit/">1. Dezember 1991</a>. Die ersten nationalen Wahlen zum Präsidenten der damaligen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kasachische_Sozialistische_Sowjetrepublik">Kasachischen SSR</a> stehen an. Einziger Kandidat: <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/das-ende-des-personenkults-um-nursultan-nazarbaev/">Nursultan Nazarbaev.</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Offizielle Angaben sprechen von einer Wahlbeteiligung von 88,2 Prozent und 98,8 Prozent Stimmen für die alternativlose Kandidatur Nazarbaevs. Den Versuch, sich als Alternative aufstellen zu lassen, unternimmt nur einer: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Hasen_Qojahmetov">Hasen Qojahmetov</a>. Doch die Behörden verwehren ihm die Kandidatur – Qojahmetov gelingt es nicht, die unglaubliche Zahl von 100.000 Unterschriften zu sammeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu dieser Zeit hat Kasachstan als parlamentarische Republik eine starke Legislative: den <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Oberster_Sowjet">Obersten Sowjet.</a> Ihm gegenüber ist der Präsident rechenschaftspflichtig. Da Nazarbaev dieses System jedoch als hinderlich empfindet, leitet er im Dezember 1993 mit dem ehemaligen Stellvertreter des Obersten Sowjets, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Samanbek_Nurqadilow">Zamanbek Nurqadylov,</a> die Selbstauflösung der Räte ein.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">In nur wenigen Tagen treten 200 von 360 Abgeordneten zurück – einige aus Protest, andere finden einen neuen Regierungsposten. Als Zamanbek Nurqadylov elf Jahre später in die Opposition wechselt, bedauert er öffentlich sein Mitwirken bei der Auflösung des Obersten Sowjets. Am 12. November 2005, am Vorabend der Präsidentschaftswahlen, sirbt Nurqadylov in seinem Haus. Drei Schüsse in Herz und Kopf. Laut Polizei ein Selbstmord.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch zurück in den März 1995. An die Stelle des Obersten Sowjets tritt die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Versammlung_der_V%C3%B6lker_Kasachstans#:~:text=Die%20Versammlung%20der%20V%C3%B6lker%20Kasachstans,Kasachstans%20zu%20Geh%C3%B6r%20zu%20bringen.">„Versammlung der Völker Kasachstans“</a>. Sie soll &#8222;den Willen der Bürger des Landes widerspiegeln&#8220;.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf Ersuchen der Versammlung führt Nazarbaev sogleich zwei Volksabstimmungen durch. Die erste bringt ihm eine Verlängerung seiner präsidialen Befugnisse ein, die zweite eine neue Verfassung. Mehr als 90 Prozent der Wähler unterstützen den Präsidenten in seinem Vorhaben und schaffen so den Nährboden für seinen regierungspolitischen Alleingang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">An die Stelle des Obersten Sowjets und des Verfassungsgerichts tritt durch die neue Verfassung nun ein Zweikammerparlament, bestehend aus <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%A4schilis">Mäjilis</a> (Unterhaus) und Senat. Als eine seiner ersten Amtshandlungen verordnet Nazarbaev dem Parlament ihm alle Gesetze zur Unterzeichnung weiterzuleiten, andernfalls träten diese nicht in Kraft. Die Verfassungsänderungen häufen sich, 1.100 werden es insgesamt sein.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>2001-2010: Gründung einer demokratischen Bewegung, Präsidentschaftswahlen und die Tragödie von Şanyrak</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>2001</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">18. November 2001. Bei einer Pressekonferenz kündigt eine Gruppe prominenter Politiker &nbsp;und Unternehmer die Gründung der Bürgerbewegung &#8222;Demokratische Wahl Kasachstans&#8220; (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Democratic_Choice_of_Kazakhstanhttps:/en.wikipedia.org/wiki/Democratic_Choice_of_Kazakhstan">DWK</a>) an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zwei Tage bezeichnet <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qassym-Schomart_Toqajew">Qasym-Jomart Toqaev</a>, damals Premierminister, die Demokraten als politische „Überraschungseier&#8220; und schlägt vor, die Mitglieder der DWK von ihren Posten zu entbinden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Juristische Konsequenzen folgen wenige Monate später: Für zwei der DWK-Mitglieder, <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/frankreich-kein-politisches-asyl-mehr-fuer-muhtar-abliazov/">Muhtar Äblıazov</a> und Ğalymjan Jaqijanov, lautet das Urteil sechs bzw. sieben Jahre Haft. Zwar kommt Äblıazov bereits 2003 frei, doch nur gegen ein Versprechen: das der politischen Inaktivität. Fünf Jahre später verlässt er als Vorsitzender der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/BTA_Bank">BTA Bank</a> das Land, kurz nachdem die Bank gerade in die Hände des Staats gefallen war.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>2005</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">19. Januar, Almaty. Ein paar Einwohner beantragen die Durchführung einer friedlichen Kundgebung, bei Vertreter verschiedener oppositioneller Parteien sprechen sollen. Das <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Akim">Akimat</a> lehnt ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zehn Tage später versammeln sich mehr als 2.500 Menschen auf dem Gelände des Büros der DWK-Bewegung. Nachdem die Demonstranten Schilder mit Aufschriften wie &#8222;korrupte Akims&#8220; und &#8222;geschmierte Gerichte&#8220; verbrannt haben, ziehen sie durch jene Straßen, die 1986 Schauplatz der <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/die-jeltoqsan-unruhen-1986-erinnerungen-von-augenzeuginnen/">Jeltoqsan-Unruhen</a> waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/die-jeltoqsan-unruhen-1986-erinnerungen-von-augenzeuginnen/"><strong>Die Jeltoqsan-Unruhen 1986: Erinnerungen von Augenzeug:innen</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Soldaten und Polizisten mit Helmen und Schutzwesten versperren ihnen den Weg. Nach einem Aufruf, die Demo zu beenden, verhaften sie acht der DWK-Aktivisten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">4. Dezember, Präsidentschaftswahlen in Astana. Nazarbaev tritt seine dritte Amtszeit an. Ein einziger Oppositionskandidat stellt sich ihm &#8211; <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Scharmachan_Tujaqbai">Jarmahan Tujaqbaı</a>. Vertreter seines Hauptquartiers berichten über zahlreiche rechtswidrige Vorfälle in Wahllokalen, Doch Anstrengungen, Massendemonstrationen in die Wege zu leiten, lassen sie aus. Unabhängige Beobachter erkennen die Wahl nicht als fair an.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>2006</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">14. Juli, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Squatting_in_Kazakhstan">Şanyrak</a>, in der Nähe von Almaty. Nach der gerichtlichen Entscheidung, Dutzende von Häusern im Dorf Şanyrak seien illegal gebaut worden, rücken Polizeibeamte zum Abriss an. Bei ihrer Ankunft warten die Dorfbewohner schon seit den frühen Morgenstunden auf sie. Die Frauen sind an vorderster Front: Sie flehen die Polizisten an, das Dorf nicht zu betreten. Entlang der Hauptstraße von Şanyrak haben die Bewohner eine Barrikade errichtet. Die Forderung des Aktivisten Rysbek Sarsenbаiuly, das Problem friedlich zu lösen, ist nutzlos.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/die-proteste-haben-ein-weibliches-gesicht-wie-frauen-in-usbekistan-fuer-ihre-rechte-einstehen/"><strong>Die Proteste haben ein weibliches Gesicht: Wie Frauen in Usbekistan für ihre Rechte einstehen</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Polizei passiert die Absperrung der Frauen mit Leichtigkeit. Die Bewohner antworten mit Pflastersteinen und fordern den Rückzug der Polizei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese zieht sich für eine Weile zurück, um wenig später mit Verstärkung in Form von Feuerwehrautos und speziellen Schallwaffen erneut in das Dorf einzudringen. Die Bewohner wehren sich erneut – mit Pflastersteinen und Molotowcocktails.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während der Konfrontation nehmen Unbekannte den Polizeileutnant Aset Beisenov als Geisel, fesseln ihn an einen Pfahl, übergießen ihn mit Benzin und setzten ihn in Brand. Im Krankenhaus erliegt Beisenov schließlich seinen Verbrennungen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch die Dorfbewohner bilden keine einheitliche Mauer – einige von ihnen verteidigen die Polizei gegen die aufgebrachte Menge. Schlussendlich, nach mehreren erfolglosen Versuchen, das Dorf zu betreten, ziehen sich die Behörden schließlich zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für einige Dutzend Mitbewohner zieht die Straßenschlacht lange Haftstrafen von bis zu 18 Jahren nach sich. Besonders hart verurteilt das Gericht diejenigen, die der Ermordung des Polizisten beschuldigt werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>2007</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">10. Februar, Almaty. Mehr als tausend Menschen versammeln sich, um Altynbek Sarsenbaev zu gedenken – einem prominenten Politiker und Staatsmann, der in den 1990er und frühen 2000er Jahren dazu enger Mitarbeiter Nazarbeavs gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem Sarsenbaev die Regierung 2004 allerdings der Wahlmanipulation beschuldigt hatte und zurückgetreten war, fand man ihn zwei Jahre später tot am Straßenrand in einem Dorf bei Almaty auf. Schusswunden zierten seinen Körper. Für Angehörige keine Frage: ein politisch motivierter Mord.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Gedenkkundgebung ist die erste offiziell genehmigte Versammlung in Kasachstan, die im Stadtzentrum stattfinden darf.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>2010</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">1. Mai, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Kazakhstan_People%27s_Unity_Day">Tag der Völkervereinigung</a>, Büro der Alğa-Partei, Almaty. Parteimitglieder und Personen des öffentlichen Lebens treffen sich anlässlich einer nationalen Sitzung der demokratischen Gemeinschaft Kasachstans. Die Polizei umstellt das Bürogebäude. Als einige der Teilnehmer herauskommen, um Blumen am <a href="https://trvlland.com/de/kazakhstan/sehenswuerdigkeiten/denkmal-der-unabhaengigkeit/">Unabhängigkeitsdenkmal</a> niederzulegen, hindert die Polizei sie daran. Zwei von ihnen treten daraufhin in einen Hungerstreik, unmittelbar vor der Polizeiabsperrung. Andere Aktivisten schließen sich ihnen an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotz Handgemengen und Geldstrafen dauert der Streik an. Zelte und Plakate unterstreichen die unmissverständliche Forderung der Aktivisten: Nazarbaev muss weg. An Tag zehn wird schließlich einer der Hungerstreikenden ins Krankenhaus eingeliefert.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>2011-2012: Tragödie von Jañaözen</strong> <strong>und Kundgebungen der &#8222;Dissidenten&#8220;</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Mai 2011, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mangghystau_%28Gebiet%29">Gebiet <u>Mañğystau</u></a>. Ölarbeiter streiken für höhere Löhne. Sieben Monate lang. Einige von ihnen werden von der Polizei festgenommen, andere getötet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">25. Mai. Die Behörden verhaften die Anwältin Natalia Sokolova, eine Anwältin einer AG der Ölindustrie wegen &#8222;Anstiftung zu sozialem Unfrieden&#8220;. Das Urteil: sechs Jahre Haft.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/zwei-busse-voll-leichen-zeuginnen-berichten-ueber-die-ereignisse-von-janaozen/"><strong>„Zwei Busse voll Leichen“ – Zeuginnen berichten über die Ereignisse von Jańaózen</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">3. August. Unbekannte töten Jaksylyk Turbaev, einen 28-jährigen Bohrer aus der Ölbranche, an seinem Arbeitsplatz. Für die Streikenden eine klare Sache: die Tötung ist politisch motiviert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">16. Dezember 2011, zwanzig Jahre Unabhängigkeit Kasachstans. Das Ende des Streiks: Die Polizei treibt die Demonstranten mit Schüssen auseinander. Die offizielle Bilanz: 16 Tote und hundert weitere Verletzte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Behörden erwidern: „Polizei hat in Selbstverteidigung geschossen“. Doch einige Tage später tauchen Videos auf, die an der Willkür keine Zweifel lassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>2012</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">25. Februar, Proteste der Opposition in Almaty und weiteren Städten. Sie fordern dreierlei: den Namen der Person, die die Erschießung von Menschen im Dezember 2011 angeordnet hatte; die Einbeziehung der Bürger in die Untersuchung der Ereignisse von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schanga%C3%B6sen">Jañaözen</a> von 2011; die Freilassung aller verhafteten Oppositionellen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Prominente Oppositionelle fehlen – teils in Haft, teils im französischen Exil. Doch die Hauptgründe für die geringe Teilnehmerzahl – Tausend Menschen &#8211; sind andere: der Frost und die Polizei. Letztere versucht die Proteste zu unterbinden und nimmt die Anführer der &#8222;Dissidenten&#8220; fest. Der Journalist Jermurat Bapi und die Menschenrechtsaktivistin Bahytjan Toregojina erhalten Geldstrafen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine zweite Kundgebung der &#8222;Dissidenten&#8220; versammelt wenig später etwa 200 Teilnehmer. Sie fordern: die Einstellung des Prozesses von Jañaözen; die Beendigung der Verfolgung der Opposition; ein erleichtertes Verfahren zur Abhaltung friedlicher Versammlungen; die Ermittlung im Fall versuchten Mordes an dem Journalisten Lukpan Ahmedjarov. Die Polizei nimmt an diesem Tag etwa zehn Personen fest.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach der Tragödie von 2011 sinkt das gesellschaftliche Engagement der Kasachstaner dramatisch. Das zeigt die Dokumentation des Büros für Menschenrechte: 162 friedliche Versammlungen für 2011, lediglich 32 für 2018.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>2016-2018: Kundgebungen und Aktionen für die Freilassung von politischen Gefangenen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">30. März, der kasachische Wirtschaftsminister Jerbolat Dosaev (jetzt Akim von Almaty &#8211; Anm. d. Red.) kündigt an, ab dem 1. Juli 1,7 Millionen Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche zu versteigern. Die unzufriedene Antwort in den sozialen Netzwerken lautet: Protest.</p>



<p class="wp-block-paragraph">24. April, erste Massenkundgebung in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Atyrau">Atyrau</a>, etwa 4.000 Teilnehmer. Sie sind gegen den Verkauf von Land an Ausländer. Drei Tage später folgen Kundgebungen in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aqt%C3%B6be">Aqtöbe</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Semei">Semeı</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">28. April, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aqtau">Aqtau</a>. Ein paar Dutzend Menschen versuchen sich in einer Kundgebung. Die Polizei hindert sie daran.</p>



<p class="wp-block-paragraph">29. April, Astana. Das Hotel Astana verweigert Personen des öffentlichen Lebens eine Konferenz zur Landfrage in ihren Räumen abzuhalten. Der Grund: Druck der Ordnungskräfte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am selben Tag planen Aktivisten eine Veranstaltung in Almaty. Vorsorglich nimmt die Polizei die Veranstalter jedoch noch vor Beginn dieser fest.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/ein-jahr-nach-den-januar-ereignissen-was-haben-kasachstans-behoerden-seitdem-getan/"><strong>Ein Jahr nach den Januar-Ereignissen: Was haben Kasachstans Behörden seitdem getan?</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">1. Mai, im westkasachischen Jañaözen. Eine Versammlung mit hundert Teilnehmern. Am selben Tag vertreibt die Polizei in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qysylorda">Qyzylorda</a> die Aktivisten vom Platz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">4. Mai, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Oral_(Stadt)">Oral</a>, Westkasachstan. Eine Kundgebung mit mehreren Dutzend Teilnehmern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">5. Mai, Astana. Nazarbaev kürzt das Bodengesetz und entlässt den stellvertretenden Wirtschaftsminister Kairat Uskenbaev. Wirtschaftsminister Dosaev tritt freiwillig zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für den 21. Mai planen Aktivisten Kundgebungen im ganzen Land. Die Behörden lehnen jedoch massenhaft Anträge ab. Am Stichtag nimmt die Polizei schließlich mehrere Dutzend Aktivisten und Journalisten fest.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Mai 2018 fordern mehrere hundert Demonstranten die Freilassung politischer Gefangener. Erneut nimmt die Polizei Dutzende von ihnen fest. Inhaftierungen und Geldstrafen sind die Folge.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>2019-2024: Toqaevs Amtsantritt und der Qañtar</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">März 2019. Nursultan Nazarbaev tritt von seinem Amt zurück. Muhtar Äblıazov, Vorsitzender der verbotenen DWK, ruft am 22. März aus seinem französischen Exil (Anm. d. Ü.) zu einer Kundgebung in Astana auf. Die, die kommen, nimmt die Polizei fest.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenige Wochen später, 1. und 9. Mai, Astana und Almaty. Hunderte Menschen nehmen an nicht genehmigten Kundgebungen teil. Sie skandieren regierungsfeindliche Slogans. Ihr Ziel: der Boykott der Präsidentschaftswahlen am 9. Juni 2019. Zuerst beobachtet die Polizei das Geschehen. Dann folgen die Festnahmen, wie Videos von Journalisten und Teilnehmern bestätigen. Spontane Versammlungen in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qaraghandy">Qarağandy</a>, <a href="https://novastan.org/de/tag/schymkent/">Şymkent</a> und Aqtöbe tragen den Unmut weiter durchs Land. Unter den Teilnehmern finden sich Anhänger der DWK, aber auch engagierte Bürger, die politische Reformen fordern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">9. Juni, der Tag der Wahl und Toqaevs Wahlsieg. Tausende zeigen sich nicht einverstanden, versammeln sich zu den bislang massivsten Aktionen. Offiziellen Angaben zufolge nimmt die Polizei an diesem Tag allein in Almaty und Astana rund 4.000 Menschen fest. OSZE-Beobachter bezeichnen die Wahlen 2019 in Kasachstan als unfrei, voll von Verstößen und Massenverhaftungen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Qañtar – der Blutige Januar 2022</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">2. Januar 2022, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schanga%C3%B6sen-Massaker">Jañaözen</a>. Die Einwohner demonstrieren massiv gegen die Erhöhung des Preises für Flüssiggas. In den Tagen darauf schließen sich weitere Städte an. Hier und da Massenunruhen. Toqaev verhängt im ganzen Land den Ausnahmezustand.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/die-proteste-in-almaty-schluesselpunkt-der-unruhen-in-kasachstan/"><strong>Die Proteste in Almaty – Schlüsselpunkt der Unruhen in Kasachstan</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">7. Januar, Astana. Toqaev weist die Sicherheitskräfte an, <em>&#8222;ohne Vorwarnung [auf die Demonstranten] zu schießen&#8220;.</em> Unter ihnen sind auch friedliche, unbewaffnete Bürger. Offiziellen Angaben zufolge tötet die Polizei allein während des Qañtars238 Menschen, darunter auch Kinder.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In diesem Zusammenhang registrieren die Strafverfolgungsbehörden mehr als fünf Tausend strafrechtliche Ermittlungsverfahren: davon 131 wegen Massenunruhen, 27 wegen Terrorismus, 146 wegen Mordes. Am 2. November unterzeichnet Toqaev ein Amnestiegesetz für die Demonstranten, das tausend von ihnen betrifft. Die Menschenrechtsaktivistin Bahytjan Toregojina ist sich sicher, dass dieses Gesetz lediglich der Einstellung der Ermittlungen dient.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bis heute fehlt es an einer umfassenden und unabhängigen Ermittlung, die unvoreingenommen alle Ursachen sowie die Chronologie der Januar-Tragödie aufklären würde. Die Verfahren zu Fällen im Zusammenhang mit dem Qanğtarund den lokalen Streiks der Ölarbeiter in Westkasachstan dauern bis heute an.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Sultan Temirhan für The Village</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem </strong><a href="https://www.the-village-kz.com/village/city/ustory/38955-ot-zemelnyh-protestov-do-tragediy-zhanaozena-i-a-tara"><strong>Russischen</strong></a><strong> von Arthur Siavash Klischat</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"></p>
<p>The post <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/landproteste-janaoezen-qantar-die-geschichte-der-proteste-kasachstans/">Landproteste, Jañaözen, Qañtar – Die Geschichte der Proteste Kasachstans</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
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		<title>„Sollen sie uns köpfen, unsere Zunge schneiden sie nicht ab“ – Der Beginn des kasachischen Schweigens</title>
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		<dc:creator><![CDATA[masamedia]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 23 Apr 2025 17:04:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachen]]></category>
		<category><![CDATA[Schweigen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Historikerin Nurgul Molda&#x131;ba&#x131;kyzy teilt ihre &#xDC;berlegungen zum historischen Trauma der Kasachen, das mit Beginn der Sowjetunion seinen Lauf nahm. Sie schl&#xE4;gt einen weiten Bogen von dem erfahrenen Leid der Kasachen zu Beginn der Sowjetunion hin zur Gegenwart. Vor Kurzem habe ich einen Artikel &#xFC;ber die Bildung der Sowjetregierung geschrieben. Darin habe ich die Jahre [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die Historikerin <a>Nurgul Moldaıbaıkyzy </a>teilt ihre Überlegungen zum historischen Trauma der Kasachen, das mit Beginn der Sowjetunion seinen Lauf nahm. Sie schlägt einen weiten Bogen von dem erfahrenen Leid der Kasachen zu Beginn der Sowjetunion hin zur Gegenwart.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor Kurzem habe ich einen Artikel über die Bildung der Sowjetregierung geschrieben. Darin habe ich die Jahre von 1925 bis 1933 besonders beleuchtet: In diesem Zeitraum fanden in der kasachischen Steppe knapp 400 Aufstände statt. Kurz – ein Aufstand pro Woche. Das Volk stand auf gegen die <a href="https://www.dekoder.org/de/gnose/kollektivierung-der-landwirtschaft">Zwangskollektivierung</a>, die Enteignungen, die <a href="https://novastan.org/de/panorama/warum-die-udssr-massenhaft-menschen-nach-kasachstan-deportierte/">Zwangsumsiedlungen</a> und die Zwangsmodernisierung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Heute haben wir zwar zu allen archivierten Dokumenten freien Zugang, doch über diese Ereignisse wissen wir kaum etwas – schließlich hat uns niemand über sie unterrichtet. Dabei bezeugen diese Aufstände, wie sehr die kasachische Gesellschaft damals an der traditionellen Hartnäckigkeit des Geistes und der Meinungsfreiheit festhielt.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Ein Sprichwort aus dieser Zeit besagt: „<em>Bas kespek bolsa da, til kespek joq</em>“ – „Sollen sie uns köpfen, unsere Zunge schneiden sie nicht ab“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es folgten Hungersnöte, Repressionen, Krieg. Man würde meinen, damit sei dieses historische Kapitel vorbei. Doch die Folgen dieser Episoden leben fort – in unserer Kultur, in unseren Blicken und unserem Verhalten.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Das Individuum – ein Feind des Systems</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Im Jahr 1919 führte die Sowjetregierung die „Arbeitsschulen“ ein, konzipiert von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Stanislaw_Teofilowitsch_Schazki">Stanislaw Schatskij</a>, Leiter des sowjetischen Bildungswesens, und Nadeschda <a href="https://library.fes.de/jbzg/2010/volker_hoffmann.pdf">Krupskaja</a>, Lenins Ehefrau und Mitbegründerin des <a href="archiv">sozialistischen Schulsystems</a>. [Diese Arbeitsschulen waren Teil einer Politik der „Proletarisierung der Hochschulen“. Sie sahen eine auf die Arbeiterkinder angepasste Bildung vor, war hier doch die Alphabetisierung Anfang des 20. Jahrhunderts besonders flagrant, Anm. d. Ü.] In dem von Krupskaja und Schtskij verabschiedeten Konzept stand schwarz auf weiß: <em>„Ein Kind, das Anzeichen von Individualität zeigt, indem es über sich selbst nachdenkt, hat bourgeoises Gedankengut.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Hier nahm die Repression des Individuums ihren Anfang. Lasst euch das mal auf der Zunge zergehen, denn das ist die Kernidee des Sowjetstaates, der von 1919 an fast 80 Jahre existierte: Ein Kind, das über sich selbst nachdenkt, galt als bourgeoises Rindvieh! An genau dieser Stelle nimmt das historische Trauma seinen Lauf. Auch heute sagen wir Kasachen noch: <em>„Der Kasache lebt für die anderen.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/wer-war-mirjaqyp-dulatuly-die-geschichte-eines-kasachischen-poeten/"><strong>Wer war Mirjaqyp Dulatuly? – Die Geschichte eines kasachischen Poeten</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch wo bleibt da das Sprichwort unserer Vorfahren <em>„Özim degende ögis qara kuşim<strong>“</strong></em> <em>„Wenn es um jemand anderen geht, bin ich stark wie ein Stier“</em>? Verzeiht mir also, wenn ich keine Dissertationen mehr annehme, die Titel tragen wie <em>„Der Kasache lebt für die anderen – etwas Urkasachisches“</em>.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Abwehrmechanismen und Wunden des kollektiven Gedächtnisses</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">In der Psychologie existiert der Begriff des schützenden „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Abwehrmechanismus">Abwehrmechanismus</a>“, der einen Mensch bezeichnet, der versucht, harte Erlebnisse zu verdrängen. Bei uns findet das nicht auf individueller, sondern auf kollektiver Ebene statt. Wir, als Nation, haben unsere Schmerzen verdrängt, weil sie schlicht zu stark sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/leben-und-sterben-in-batbakkarinsk/">Hunger</a>, Repressionen, Verbannung – diese Episoden der Geschichte verdienen mehr Aufmerksamkeit und erfordern eine klare Stellungnahme. Doch an denen fehlt es und darum sind wir so unsicher, oft ausgegrenzt und verlieren das Vertrauen zueinander.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine eigene Meinung kam in der sowjetischen Schule beinah einem Verbrechen gleich. Lehrer bekamen ihre Stelle nicht als Verdienst für ihr berufliches Können, sondern für ihre Loyalität gegenüber der Partei. Aus der Partei ausgeschlossen zu sein war katastrophal. Das System beruhte auf der Unterdrückung der Gedankenfreiheit und düngte eine Abhängigkeit von den Blicken der anderen, ein gegenseitiges Misstrauen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/das-lexikon-der-kasachischen-dekolonialisierung/"><strong>Dekolonialisierung in Kasachstan</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch heute, Jahrzehnte später, achten wir unterbewusst auf die „Reaktion der anderen“, bevor wir überhaupt eigene Worte suchen. Die Jugend ist heute freier, spricht geradeheraus. Doch leider sind einige von ihnen mit Schmerz und Trauma konfrontiert, weshalb sie beginnen, ihre <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/kasachstans-dilemma-wie-koennen-ethnische-und-staatsbuergerliche-identitaetsmodelle-in-einklang-gebracht-werden/">kasachische Identität</a> abzulehnen. Sie empfinden diese als potenzielle Einschränkung.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Alte Verhaltensweisen gehen, neue kommen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Wir haben uns an viele Formen der „Erziehung“ gewöhnt, die im Grunde traumatisch sind. Unsere Forschungen haben gezeigt, dass Männer, die selbst <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/die-ehefrau-ein-kurzfilm-ueber-haeusliche-gewalt-in-kasachstan/">häusliche Gewalt</a> anwenden, in der Kindheit meist selbst Opfer dieser gewesen waren. Ein Verhaltensmodell also, das von Generation zu Generation weitergetragen wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In dem Buch „Kind“ schreibe ich: <em>„Bis zum 20. Jahrhundert war die kasachische Kultur frei von jeglichem Verständnis „das Kind zu schlagen.“</em> Schrie die Mutter ihr Kind an, hatte sie sich zu schämen. Sie hatte <em>„die Muttermilch zum Himmel hinausgeschüttet“</em>, als hätte sie selbst eingeräumt<em>: „Ich bin den mütterlichen Aufgaben nicht gewachsen.“</em> Das war die höchste Form der Selbstanklage. Heute ist diese Art der Gewalt gang und gäbe – noch so ein Erbe der Sowjetunion.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Früher verliehen Kasachen ihrer Freude auf kulturelle Weise Ausdruck, indem sie sie lebhaft zelebrierten:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Sujnşi</em> – eine frohe Botschaft, die eine Belohnung verdiente</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Bajğazy</em>, <em>körimdik</em> – Geschenke anlässlich guter Ereignisse</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Bäsire</em>, <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/die-toi-als-wichtiger-wirtschaftsfaktor-in-kasachstan/"><em>toı</em></a> – Feste, wenn eine Etappe des Lebens erreicht war</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn beispielsweise ein Kind seine erste Wohnung kauft, dann machen die Eltern ihm ein <em>körimdik</em>, ein Geschenk – so zumindest dem kulturellen Gedächtnis zufolge. Das ist ihre Pflicht – ihre Pflicht sich für ihr Kind zu freuen! Im kulturellen Gedächtnis waren freudige Ereignisse immer gemeinsam zu feiern. Vergleichen wir doch einmal mit der Sowjetzeit, was passierte da mit den Traditionen? Wann haben wir begonnen, <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/zurueck-in-die-zukunft-identitaetspolitik-mal-anders-zarathustra-und-die-politische-dimension-des-nouruz-festes/">Nauryz</a> zu feiern? Lange feierten wir nur Neujahr. Um hier anzusetzen, brauchen wir mehr wissenschaftliche Forschung.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Ein Erbe, das sich selbst reproduziert</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Warum zermürben wir uns selbst von innen? Warum fressen wir uns selbst auf? Warum haben wir aufgehört, uns für andere zu freuen? Die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialpsychologie">Sozialpsychologie</a> nennt das einen „verinnerlichten Zwang“ in Form von Selbstunterdrückung. Den Begriff habe nicht ich mir ausgedacht, das ist ein anerkanntes wissenschaftliches Phänomen. Wenn sich gesellschaftlicher Druck breit macht, der auf den sozialen Status, die Klasse oder den Wohlstand abzielt und sich dieses Szenario wiederholt, dann beginnt die Gesellschaft diesen Druck als normal zu empfinden und darum selbst zu reproduzieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Genau das passiert aktuell leider mit dem kasachischen Volk. Unser Volk besaß bis ins 20. Jahrhundert noch ausgeprägte kulturelle Formen, um seiner Freude Ausdruck zu verleihen. Auf diese sollten wir uns zurückbesinnen. Sie haben uns das Land und das Vieh genommen und haben uns enteignet. Doch der Zerfall und die Herabwürdigung sind noch immer im Gange.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/kasachstans-dilemma-wie-koennen-ethnische-und-staatsbuergerliche-identitaetsmodelle-in-einklang-gebracht-werden/"><strong>Kasachstans Dilemma: Wie können ethnische und staatsbürgerliche Identitätsmodelle in Einklang gebracht werden?</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">All das ist schon in der Sozialpsychologie beschrieben. Da stellt sich die Frage: Wieso war ein Volk mit Traditionen wie <em>Baığazy</em> und <em>körimdik</em> dennoch unfähig, sich mit seinen Mitmenschen zu freuen? Für eine Antwort hierauf fehlt es leider an wissenschaftlicher Forschung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wer sich heute freut, der macht sich verdächtig. Die Menschen teilen ihr Glück nicht – sie fürchten den <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%B6ser_Blick">bösen Blick</a> und den Neid. Dabei besagt die Idee des Existenzialismus doch: <em>„Glück wächst, wenn man es teilt“</em> [paraphrasiertes Zitat, das meist <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Schweitzer">Albert Schweitzer</a> zugeschrieben wird, einem Denker der Existenzphilosphie, die mit dem Existenzialismus verwand ist; Anm. d. Ü.] Wir haben verlernt, uns für andere zu freuen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Ein ehrlicher Blick auf die Vergangenheit</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Um die kasachische Identität zu bewahren, müssen wir uns dem Blick auf die Geschichte stellen: Traumata anerkennen, über sie reden und aufarbeiten. Nur so erreichen wir die innere Vollkommenheit als Nation und als Individuum.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir müssen uns ehrliche Fragen stellen:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wo kommen wir her?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was haben wir verloren?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Worauf steuern wir zu?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nur so können wir standhaft und selbstbewusst auftreten, ohne unseren Wesenskern zu verlieren.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Nurgul Moldaıbaıkyzy für masa.media</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem </strong><a href="https://masa.media/ru/site/khot-golovu-otrubyat-no-yazyk-ne-otrezhut-kogda-kazakhi-nachali-molchat"><strong>Russischen</strong></a><strong> (und gekürzt) von Arthur Siavash Klischat</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Chamro Tairowa – Leben und Wirken der ersten tadschikischen Bauingenieurin</title>
		<link>https://novastan.org/de/panorama/chamro-tairowa-leben-und-wirken-der-ersten-tadschikischen-bauingenieurin/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Asia Plus]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 19 Mar 2025 06:45:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Panorama]]></category>
		<category><![CDATA[Tadschikistan]]></category>
		<category><![CDATA[Architektur]]></category>
		<category><![CDATA[Bauingenieurin]]></category>
		<category><![CDATA[Chamro Tairowa]]></category>
		<category><![CDATA[Duschanbe]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Sowjetische Architektur]]></category>
		<category><![CDATA[Sowjetunion]]></category>
		<category><![CDATA[UdSSR]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Am 14. Februar j&#xE4;hrte sich zum 35. Mal der Todestag der Verdienten Architektin der Tadschikischen SSR und des Vorstandsmitglieds des tadschikischen Architektenverbandes Chamro Tairowa (1912-1990). Asia-Plus blickt zur&#xFC;ck auf das Leben einer Frau, die sich unbeirrt einen Platz in der Geschichte Duschanbes sicherte. Baukunst gilt vielerorts als &#x201E;M&#xE4;nnersache&#x201C;. Doch dieses Klischee hat die Rechnung ohne [&#x2026;]</p>
<p>The post <a href="https://novastan.org/de/panorama/chamro-tairowa-leben-und-wirken-der-ersten-tadschikischen-bauingenieurin/">Chamro Tairowa – Leben und Wirken der ersten tadschikischen Bauingenieurin</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Am 14. Februar jährte sich zum 35. Mal der Todestag der Verdienten Architektin der Tadschikischen SSR und des Vorstandsmitglieds des tadschikischen Architektenverbandes Chamro Tairowa (1912-1990). Asia-Plus blickt zurück auf das Leben einer Frau, die sich unbeirrt einen Platz in der Geschichte Duschanbes sicherte.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Baukunst gilt vielerorts als „Männersache“. Doch dieses Klischee hat die Rechnung ohne Duschanbe gemacht: Denn sowohl die Architektur als auch die Stadtplanung und das Bauwesen der tadschikischen Hauptstadt tragen die Handschrift einer berühmten Frau: Chamro Tairowa.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schon kurz nach ihrer Geburt 1912 zog ihre Familie aus <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Asht_(jamoat)">Ascht</a> nach Taschkent. Nach sieben Jahren an der unvollständigen <a href="http://library.fes.de/gmh/main/pdf-files/gmh/1970/1970-02-a-070.pdf">Sekundarschule</a> ging Tairowa an die sowjetische Arbeiterfakultät, die sogenannte <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/RabFak">RabFak</a>, in Taschkent [eine Bildungseinrichtung, die sich speziell an junge Menschen ohne Abitur aus der Arbeiterschicht richtete, Anm. d. Ü.].</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Erste Frau in einer männerdomnierten Welt</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Als Tairowa 1929 in die Abteilung für Bauingenieurwesen des Zentralasiatischen Industrieinstituts eintrat, war ihre Motivation zweierlei: einerseits suchte sie einen nicht typisch weiblich besetzten Beruf, andererseits war ihr wichtig selbst mit Klischees zu brechen. Sechs Jahre später schloss sie ihr Studium mit Auszeichnung ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch im selben Jahr erschien Tairowas Gesicht auf der Titelseite der sowjetischen gesellschaftspolitischen Zeitung <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Iswestija">Iswestija</a>, anlässlich eines Berichts über das Wachstum der nationalen Kader unter den jungen Spezialisten in Tadschikistan.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Als die Behörden Tairowa daraufhin nach Stalinabad [so hieß Duschanbe von 1929 bis 1961; Anm. d. Ü.)] schickten, war sie eine Premiere. Denn sie war die erste Bauunternehmerin der Tadschikischen SSR.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ab 1936 arbeitete Tairowa als Bauleiterin, Oberbauleiterin und Chefingenieurin des Hauptstadtbausektors der <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/State_Committee_for_Construction">Staatlichen Agentur für Bau und kommunale Wohnungsverwaltung</a> der Tadschikischen SSR.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/kleidung-unter-kontrolle-tadschikische-frauen-zwischen-tradition-und-unterdrueckung/">Kleidung unter Kontrolle: tadschikische Frauen zwischen Tradition und Unterdrückung</a></strong><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie baute Dutzende von Gebäuden in Duschanbe, darunter das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aini-Theater">Aini-Theater</a>, das Gebäude der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tadschikische_Nationaluniversit%C3%A4t">Tadschikischen Nationalen Universität</a>, das <a href="https://www.tripadvisor.at/Hotel_Review-g293964-d4007972-Reviews-Vakhsh_Hotel-Dushanbe.html">Hotel Wachsch</a>, den <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Supreme_Soviet_of_the_Tajik_Soviet_Socialist_Republic">Obersten Sowjet der Tadschikischen SSR</a>, weiterführende Schulen und Wohnviertel. Sie war Teilnehmerin des ersten Allunionskongresses der Architekten der UdSSR.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als sich kurz nach Beginn des <a href="https://www.dekoder.org/de/gnose/grosser-vaterlaendischer-krieg">Großen Vaterländischen Krieges</a> am 22. Juni 1941 das Ausmaß des deutschen Einmarschs zeigte, kam Chamro Tairowa in der Regierung der Republik eine nicht unbedeutende Rolle zu: Sie war maßgeblich an der, größtenteils improvisierten, und dennoch <a href="https://www.weltkrieg2.de/russische-ruestungsproduktion/">massenhaften Evakuierung</a> vom Krieg betroffener Kulturgüter und Unternehmen beteiligt. Tairowa sorgte dabei konkret für die Unterbringung und Inbetriebnahme von Unternehmen, die von den Behörden aus dem Westen der UdSSR auf das Gebiet der Tadschikischen SSR verlagert wurden.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Vom Bau in die Politik</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Nach Kriegsende übernahm sie eine Reihe verantwortungsvoller Posten: ab 1953 bekleidete sie das Ministerium für städtischen und ländlichen Bau; von 1961 bis 1970 leitete sie das <a href="https://eeo.aau.at/eeo.aau.at/indexfba3.html?title=Gosplan">Staatliche Planungskomitee</a> der Republik.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In diesem Zeitraum erlebte die tadschikische Sowjetrepublik einen <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/erste-russen-tadschikistan-grosse-migration/">starken Zustrom</a> von Russen, der sich auch nachhaltig auf die Städteplanung und die Lebensbedingungen auswirkte. Mehr als eine Million Tadschiken zogen in dieser Zeit in neue, wohl eingerichtete Wohnungen oder kümmerten sich anderweitig darum, ihre Wohnsituation zu verbessern. Hunderte von Vereinen und Bibliotheken, neue Schulen und Kinos veränderten das Gesicht der Städte und Dörfer und auch industrielle Betriebe erfuhren einen Auftrieb in großem Umfang.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/duschanbe-die-sowjetische-architektur-verschwindet/">Duschanbe: Die sowjetische Architektur verschwindet</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In diesen bewegten Jahren war Tairowa im Bauwesen erneut in vorderster Linie anzutreffen. In Duschanbe leitete sie den Bau des Stahlbetonwerk Nr. 1, des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wohnungsbaukombinat">Wohnungsbaukombinat</a>, des „Torgmasch“-Werks [das Ausrüstung für Handelsunternehmen herstellt; Anm. d. Ü.], den Bau der Kühlschrankfabrik, den zweiten Bauabschnitt des Textilwerks, den Bau des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Flughafen_Duschanbe">Flughafens</a>, des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Duschanbe_Bahnhof.jpg">Bahnhofs</a>, des Polytechnischen Instituts, des Republikanischen Fernsehzentrums und eine Reihe anderer wichtiger Einrichtungen. Ab 1970 saß sie außerdem an der Spitze der 1958 gegründeten <a href="https://www.friendship.tj/index.php/o-nas/208-tadzhikskoe-obshchestvo-druzhby-i-kulturnykh-svyazej-s-zarubezhnymi-stranami-todks-bylo-sozdano-po-initsiative-obshchestvennosti-tadzhikskoj-ssr-31-oktyabrya-1958-goda">Tadschikische Gesellschaft für Freundschaft und kulturelle Beziehungen mit dem Ausland</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurzum, Tairowa war eine hochqualifizierte Fachfrau auf dem Gebiet der Wirtschaft, des Bauwesens und der Architektur und leistete einen großen Beitrag zur Entwicklung der Republik. Ihre hohe Professionalität und ihre umfassende Allgemeinbildung verschafften ihr große Autorität und Respekt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das erkannte auch die Sowjetregierung, und darum geizte diese nicht, Tairowa für ihr Schaffen zu ehren: Schließlich erhielt sie fünf <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Orden_des_Roten_Banners_der_Arbeit#:~:text=Der%20Orden%20des%20Roten%20Banners,Arbeit%20oder%20im%20%C3%B6ffentlichen%20Dienst.">Orden des Roten Banners der Arbeit</a>, den Orden „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ehrenzeichen_der_Sowjetunion#:~:text=Der%20Orden%20Zeichen%20der%20Ehre,Auszeichnung%20(Ehrenzeichen)%20der%20Sowjetunion.&amp;text=Die%20Auszeichnung%20wurde%20am%2025,1935%20f%C3%BCr%20zivile%20Verdienste%20gestiftet.">Zeichen der Ehre</a>“, sowie die Medaillen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Medaille_%E2%80%9EF%C3%BCr_heldenm%C3%BCtige_Arbeit%E2%80%9C">„Für heldenmütige Arbeit“</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Medaille_%E2%80%9EF%C3%BCr_heldenm%C3%BCtige_Arbeit_im_Gro%C3%9Fen_Vaterl%C3%A4ndischen_Krieg_1941%E2%80%931945%E2%80%9C">„Für heldenmütige Arbeit im Großen Vaterländischen Krieg 1941-1945“</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Weitere Bilder findet ihr im Originalartikel.</em></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Gafur Schermatow für Asia-Plus</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://asiaplustj.info/ru/news/life/person/20250214/hamro-tairova-samaya-uspeshnaya-zhentshina-v-ne-zhenskom-dele">Russischen</a> von Arthur Siavash Klischat</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
<p>The post <a href="https://novastan.org/de/panorama/chamro-tairowa-leben-und-wirken-der-ersten-tadschikischen-bauingenieurin/">Chamro Tairowa – Leben und Wirken der ersten tadschikischen Bauingenieurin</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
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		<title>Die Jeltoqsan-Unruhen 1986: Erinnerungen von Augenzeug:innen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[thevillage]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 07 Feb 2025 13:52:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die blutig niedergeschlagenen Jeltoqsan-Proteste am 17. und 18. Dezember 1986 sind ein wichtiger Erinnerungsort in der jüngeren Geschichte Kasachstans. Bis heute sind die Ereignisse kaum aufgearbeitet, die Zahl der Toten liegt im Dunkeln. Anlässlich des Jahrestages hat „The Village“ Erinnerungen von Augenzeug:innen zusammengestellt.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor fast 40 Jahren, am 17. und 18. Dezember 1986, protestierte die Jugend Kasachstans. Sie war empört über die Ernennung von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gennadi_Wassiljewitsch_Kolbin">Gennadi Kolbin</a> zum Oberhaupt der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kasachische_Sozialistische_Sowjetrepublik">Kasachischen SSR</a> – eines Mannes, der noch nie in Kasachstan gelebt hatte. Für die jahrelang stagnierende Sowjetunion war dieser Protest ein einzigartiges Ereignis. Die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Scheltoksan-Unruhen">Dezember-Unruhen</a> [Jeltoqsan ist das kasachische Wort für Dezember, Anm. d. Ü.] in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Almaty">Almaty</a> kündigten den Zusammenbruch der UdSSR an: Bald begannen überall in der Union Kundgebungen und Streiks.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Leider hat dies die Menschen in Kasachstan nicht vor der Brutalität des Regimes bewahrt. Die Sicherheitskräfte unterdrückten den Protest und Teilnehmende waren Repressionen ausgesetzt. Genaue Daten zur Zahl der Toten und Verletzten gibt es noch nicht. Offiziell starben nur zwei Menschen – der Demonstrant Erbol Sipataev sowie Sergei Savitski, ein Bürgerwehrmann, der die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Miliz_(Polizei)">Miliz</a> unterstützte. Nach verschiedenen Schätzungen könnten aber in Wirklichkeit bis zu 170 Menschen gestorben sein. In einigen Fällen geschah dies erst nach den Protesten: Beispielsweise starb Qairat Rysqulbekov, der zu Unrecht zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt worden war, während seiner Überstellung unter ungeklärten Umständen.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Wir [die Redaktion von „The Village, Anm. d. Ü] wollen die Jeltoqsan-Ereignisse verstehen und haben deshalb beschlossen, zwei Auffassungen der Ereignisse zu vergleichen: das Bild der Beamten bei Parteiversammlungen und das Bild, das normale Menschen auf der Straße sahen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Beim Schreiben des Materials haben wir die Sammlung „Jeltoqsan. 1986. Dokumentarische Chronik“, zusammengestellt von Berik Abdigaliuly, ausgewertet. Wir haben uns auch auf die Ergebnisse der Untersuchungskommission unter dem Vorsitz von <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Mukhtar_Shakhanov">Mūhtar Şahanov</a> und auf die von Arken Uaq gesammelten Zeugenaussagen gestützt.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die Sicht der Behörden</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Genossen! Bürger der Stadt </em><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/warum-almaty-und-nicht-alma-ata/"><em>Alma-Ata</em></a><em>! Viele von Ihnen haben in diesen Tagen beispiellose, sozial gefährliche Handlungen junger Rowdys erlebt, die von nationalistischen Elementen provoziert wurden. Auf den Straßen und Plätzen der Stadt kommt es zu böswilligen Verstößen gegen die öffentliche Ordnung, Beleidigungen und Gewalt gegen Unschuldige, zu Pogromen, Raubüberfällen und Brandstiftungen. Diese schädlichen Handlungen werden unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen begangen.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Kasachstans, das Präsidium des Obersten Rates der Kasachischen SSR und der Ministerrat der Republik appellieren an Sie, Bürger der Hauptstadt, alle möglichen Maßnahmen zur Normalisierung der Lage in der Stadt zu ergreifen. Wir glauben, dass kein einziger Mensch, der die Ehre Alma-Atas schätzt, der Wiederherstellung der Ordnung und der Unterdrückung der Aktionen wütender Hooligans gleichgültig gegenüberstehen wird.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wir sind zuversichtlich, dass die Arbeiterklasse, die arbeitende Intelligenz und die studentische Jugend der Stadt Alma-Ata hohe moralische und politische Qualitäten an den Tag legen und den besten Traditionen der Partei und des sowjetischen Volkes würdig sein werden.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/zwei-busse-voll-leichen-zeuginnen-berichten-ueber-die-ereignisse-von-janaozen/"><strong>„Zwei Busse voll Leichen“ – Zeuginnen berichten über die Ereignisse von Jańaózen</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Aufruf wurde im Dezember 1986 von wichtigen Regierungsstellen der Kasachischen SSR veröffentlicht. Sie reagierten damit auf Massenproteste junger Menschen, die über die Ernennung Gennadi Kolbins zum Oberhaupt der Kasachischen SSR empört waren. Der Aufruf wurde von allen wichtigen Beamten der damaligen Zeit unterstützt – einer von ihnen war <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Nursultan_Nasarbajew">Nursultan Nazarbaev</a>, damals Vorsitzender des Ministerrats.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch einzelne Beamte kritisierten die protestierende Jugend auf das Schärfste. So bezeichnete der ehemalige Chef des kasachischen KGB, <a>Zaqaş Qamalidıenov</a>, sie als <em>„eine massiv nationalistische Masse, wahnsinnig geworden durch Drogen und Alkohol“</em>, und der Vorsitzende des Präsidiums des Obersten Rates, Salamat Mūqaşev, sagte, dass <em>„Gerüchte über mutmaßliche Opfer unter den Studenten und Jugendliche eine provokative Fiktion“ </em>seien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nazarbaev, der spätere Präsident Kasachstans, überredete die Demonstrierenden, ihren Protest aufzulösen, und nannte sie später <em>„extremistische Jugend“</em> und <em>„einen sozial ungesunden Teil der studentischen Jugend“</em>. Er erklärte auch: <em>„Welche tragischen Ereignisse? Das wahre Rowdytum ereignete sich am 18. [Dezember 1986].“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Insgesamt war die Reaktion der Behörden umfassend und hart. Sonderanweisungen wurden an alle Regierungsbehörden gesendet – vom Innenministerium und dem KGB bis hin zu Universitäten und Fabriken. Ihre Führungskräfte mussten sofort reagieren: Besprechungen mit Mitarbeitern abhalten, „<em>Nationalismus“</em> unter den Untergebenen unterdrücken, Aufklärungsarbeit mit Jugendlichen leisten, Aufgaben und Trupps organisieren, <em>„Disziplin und Ordnung“</em> herstellen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/das-schwere-erbe-von-schanaosen/"><strong>Das schwere Erbe von Jańaózen</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Natürlich wurden auch die Redner:innen gewaltsam unterdrückt. Daran waren sowohl die Miliz als auch die Armee beteiligt. Sie nahmen mehr als 8500 Menschen fest. Infolgedessen stellten die Behörden rund 900 Demonstranten vor Gericht, verurteilten 99 Personen zu unterschiedlichen Haftstrafen und über 600 wurden von Universitäten verwiesen oder von ihren Arbeitsplätzen entlassen. Offiziell wurden nur zwei Tote anerkannt – ein Demonstrant und ein Bürgerwehrmann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den folgenden Jahren änderte sich die Interpretation der Ereignisse nicht. Erst 1989 wurde unter der Leitung von Mūhtar Şahanov eine Sonderkommission eingesetzt, die eine Untersuchung der Ereignisse und den Freispruch der unschuldig verurteilten jungen Menschen forderte. Und ein paar Jahre später änderte auch Nursultan Nazarbaev seine Meinung: Er habe erkannt, dass die Demonstranten Recht gehabt hätten, und sei deshalb <em>„mit ihnen an der Spitze der Kolonne“</em> gegangen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die Sicht der Menschen auf der Straße</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">„<em>Kasachstaner! Kasachen, Russen, Menschen anderer Nationalitäten! Das Leben zeigt, dass es zwischen uns keine ethnischen Gegensätze gibt. Ehrliche Menschen ALLER NATIONALITÄTEN erinnern sich voller Schmerz an die letzten Tage in sieben Regionen Kasachstans, als der engstirnige Schurke Kolbin zwei Tage lang mit hasserfülltem Blick anordnete, dass kasachische Studenten mit Polizeiknüppeln geschlagen werden sollten. Die Blüte der zukünftigen Intelligenz &#8211; 2.000 Studenten wurden in Kerker geworfen. Sie wurden als Hooligans, Alkoholiker und Drogenabhängige gebrandmarkt.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Offensichtliche Verleumdung! Die Menschen glaubten aufrichtig an die demagogischen Reden Gorbatschows, der behauptete, die Grundlage der </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Perestroika"><em>Perestroika</em></a><em> sei die offene Äußerung der eigenen Meinung. Die Menschen trugen Lenin-Porträts mit sich. Ihr einziger Wunsch war es, den von oben aufgezwungenen Kolbin loszuwerden.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Hat Kasachstan heute nicht das Recht, seine eigenen talentierten Führer in der Person von Qamalidıenov, Miroschchin und anderen zu nominieren, unabhängig von der Nationalität? Warum brauchen wir Gorbatschows Handlanger? Denn jetzt werden sie noch intensiver Fleisch, Wolle, Milch und Industrierohstoffe für den Bedarf der Moskauer Führer abpumpen – nicht für das russische Volk, nicht für die Arbeiter und Kollektivbauern!“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/der-nimmer-endende-januar-in-kasachstan/"><strong>Der nimmer endende Januar in Kasachstan</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Dies ist der Text zweier Flugblätter, die der Doktor der medizinischen Wissenschaften Irek Dauranov einige Tage nach den Jeltoqsan-Ereignissen veröffentlichte. Er war Augenzeugen der Auflösung der Proteste – vor seinen Augen wurden junge Menschen mit Wasser übergossen und mit Schlagstöcken geschlagen. Laut Dauranov versuchten einige Demonstranten, durch einen Eisenzaun zu fliehen, aber auch auf der anderen Seite warteten Sicherheitskräfte auf sie. Dadurch sei die Jugend auf beiden Seiten <em>„ausgeprügelt worden wie ein alter Teppich“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz darauf stürmten bis zu zehn Menschen in das Haus des Wissenschaftlers. Er wurde verhaftet und mehrere Monate lang in einer Untersuchungshaftanstalt des KGB festgehalten, wobei ihm der Besuch seiner Familie verweigert und die Herausgabe von lebensnotwendigen Gütern verweigert wurde. Dauranov wurde angedeutet, dass er seine Familie und seinen Sohn nie wieder sehen würde. Da keine Beweis für ein Verbrechen vorlagen, ließen die Behörden ihn frei. Sie zwangen ihn aber, einen reumütigen Zeitungsartikel zu schreiben, und organisierten Schikanen am Arbeitsplatz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Irek Dauranov war nicht der einzige zufällige Zeuge der Dezember-Ereignisse. Die Jeltoqsan-Untersuchungskommission befragte Hunderte Anwohner:innen rund um den Platz der Republik. Die Mehrheit der Befragten bestätigte, dass die Demonstrationen, die am 17. Dezember begannen, friedlich verliefen – die Teilnehmenden sangen Lieder, hielten Porträts Lenins und Parolen wie <em>„Redefreiheit“</em>, „<em>Es lebe Lenins nationale Politik</em>“ und <em>„Jede Nation hat ihren Führer“</em>. Viele Zeugen dachten sogar, dass auf dem Platz eine Art Feier stattfand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Demonstrierenden forderten, dass [der von Kolbin abgelöste, Anm. d. Ü.] <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dinmuchamed_Qonajew">Dinmūhamed Qonaev</a> und prominente Beamte ihnen Rede und Antwort stehen: Sie wollten eine Erklärung bekommen, warum eine Person „von außen“ zum Ersten Sekretär des Landes ernannt wurde. Nach und nach füllte sich der Platz mit neuen Demonstrierenden und Polizisten. Die Sicherheitskräfte wiederum forderten die jungen Menschen auf, sich zu zerstreuen. Kurz darauf begann das gewaltsame Vorgehen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>M. Z. Idrisov</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Am Morgen des 17. Dezember 1986 kam ich zur Arbeit. Unser Bürofenster zeigte auf den Platz. Dort versammelten sich etwa 2.000-3.000 Menschen. Einige trugen Slogans und Plakate. Einer davon lautete: „Lenin ideasy jasasyn!“ [„Lasst Lenins Idee wirken!“]. Die Polizei blockierte die Satpaev-Straße. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich etwa 10.000 versammelt. Die Versammelten forderten etwas. Gegen 18 Uhr sprach der Innenminister vom Podium aus. Er forderte die Menge auf, sich zu zerstreuen, andernfalls drohte er, sie mit Gewalt aufzulösen.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>10–15 Minuten später griffen Soldaten mit Helmen und Schilden mit Schlagstöcken die unbewaffnete Menge an. Die Menschen begannen zu fliehen und gleichzeitig zum Schutz Bäume zu brechen und den Putz von den Häusern abzublättern. Den ganzen Tag über liefen russische Bürgerwehr-Jungs mit den Milizionären. Sie waren mit etwa einem Meter langen Stäben bewaffnet, mit denen sie gnadenlos auf die Demonstranten einschlugen.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>M. A. Zvontsov</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ich habe keine rechtswidrigen Handlungen seitens der Versammelten gesehen. Am Abend versammelten sich organisierte Gruppen junger Leute auf dem Platz. Aus der Menge waren Rufe zu hören, die die Entscheidung des Plenums verurteilten, und es gab Parolen mit ähnlichem Inhalt. Auf dem Podium saßen Vertreter der Behörden, die beharrlich die Räumung des Platzes forderten und vor Gewaltanwendung warnten. Die Situation blieb jedoch einigermaßen ruhig, außer dass die Miliz von Zeit zu Zeit zwei bis drei Personen (meist Mädchen) aus der Menge schnappte und abführte.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Irgendwann griffen Feuerwehrautos die Menschenmenge mit Wasserwerfern an. Von diesem Moment an begannen die Unruhen. Die Menge warf Autos um und zündete sie an. Sie warf Steine </em><em>​​auf Soldaten und versuchte, das Geb</em><em>äude des Zentralkomitees zu st</em><em>ürmen. Die Kadetten waren mit Pionierschaufeln bewaffnet.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>I. A. Bolbramski</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Bevor die Truppen eintrafen, verlief die Demonstration friedlich. Die Truppen stellten sich über die gesamte Breite der Straße auf und begannen, die Menge zurückzudrängen. Ein Militäroffizier, dessen Rang unklar war und dessen Schultergurte bedeckt waren, gab den Befehl und die Soldaten gingen los, um Menschen zu schlagen. Die Demonstranten legten sich hin und die Soldaten schlugen mit Stöcken und Pionierschaufeln auf sie ein. Liegende sollten nicht geschlagen werden, das ist meine Meinung. Und Frauen sollten auch nicht geschlagen werden. Ich war im Ausland, habe Demonstrationen gesehen und weiß, dass Menschen, die ihre Hand heben, nicht geschlagen werden. Es gab keinen Widerstand der Demonstranten.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Viele Zeugen berichteten, dass die Situation auf dem Platz bis zum Eingreifen der Polizei ruhig blieb. Gleichzeitig fielen von Anfang an verdächtige Personen unter den Demonstrierenden auf: Sie riefen dazu auf, Russen zu verprügeln und die Fenster von Häusern einzuschlagen. Sie selbst warfen Autos um und brannten sie nieder. Die Mehrheit der Demonstrierenden folgte diesen Aufrufen nicht. Die Polizei nahm die Provokateure jedoch nicht fest, wie die Autoren der Umfrage anmerken.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/wir-wurden-gefoltert-obwohl-wir-verwundet-waren-die-geschichte-von-sayat-adilbeuly/"><strong>„Wir wurden gefoltert, obwohl wir verwundet waren“ – Die Geschichte von Sayat Adilbekuly</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Als die gewaltsame Auflösung begann, sammelten die Jugendlichen Stöcke und Eisbrocken, um sich zu verteidigen. Es kam zu Zusammenstößen, bei denen Soldaten und Milizionäre mit Schlagstöcken auf sie einschlugen. Und mit Einbruch der Dunkelheit kamen die Feuerwehrautos zum Einsatz: In einer frostigen Dezembernacht begannen sie, kaltes Wasser über die Demonstranten zu gießen. Auf dem Asphalt bildete sich schnell Eis, sodass sie stürzten und verletzt wurden. Sie versuchten zu fliehen, wurden aber weiterhin verfolgt.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>E. S. Aıtjanova</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„In der Nacht nahmen die Ereignisse einen unheimlichen Charakter an. Die Kinder wurden mit Schlagstöcken die Furmanov-Straße […] lang getrieben. Zwischen 23 und 24 Uhr kamen Autos mit Hunden an, ich habe 15 oder 16 gezählt. Soldaten oder Milizionäre, ich weiß nicht – sie waren in Ziviluniform und stürmten durch die Eingänge, Keller, Dachböden und hielten bei jeder Tür an.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>M. Sabitov</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Am Abend des 17. Dezember trieb man die Demonstranten mit Feuerwehrautos auseinander. Aber die Demonstranten zündeten ein Auto an, weil es nicht mehr wert war als ihr Leben. Die Jungs und Mädels liefen nass und vereist in der Dezemberkälte über den Platz. Viele Menschen wurden geschlagen. Die Soldaten haben Schaufeln in den Händen, die Bürgerwehr hat Eisenstöcke mit Gummi an der Außenseite und die Polizei hat Schlagstöcke. Ich sah, wie ein Polizist einem Mann auf den Kopf schlug, der sofort anfing zu bluten. Die Henker zerrten ihn zum Bus. Zu diesem Zeitpunkt kam ein junges Mädchen angerannt und stürzte sich auf ihn. Die Henker schlugen und traten sie, danach zerrten sie beide zum Bus.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>S. J. Şarikbaev</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Am nächsten Morgen [18. Dezember] riegelten Truppen mit Knüppeln und Schilden den Platz ab. Zwischen 10 und 11 Uhr schlug man [den Demonstrierenden] vor, die Versammlung aufzulösen. Doch die Versammelten forderten, dass Regierungsmitglieder zu ihnen kommen sollten. Als Reaktion darauf begannen die Truppen sie zurückzudrängen. Es kam zu einer Schlägerei. Der Befehl ertönte und die Truppen setzten Schlagstöcke ein. Die Jugendlichen warfen Steine. Gepanzerte Fahrzeuge fuhren vor. Diese Auseinandersetzung dauerte etwa eine Stunde. Die Soldaten schlugen diejenigen, die sie einholten, mit Schlagstöcken auf die Köpfe. Bei den Läden „Bereke“ und „Golovnye Ubory“ wurden sie zusammengedrängt. Sie fielen aus einer Höhe von zwei bis drei Metern. Die heranstürmenden Soldaten zerrten sie in ihre Autos, und diejenigen, die fliehen wollten, wurden mit Schlagstöcken geschlagen und getreten.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Familie Uşkempirov</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Mädchen wurden an den Haaren gezogen und geschlagen. Eine Gruppe Mädchen versteckte sich im vierten und dritten Stock auf den Balkonen (dort gibt es separate Durchgänge). Die Soldaten, die sie eingeholt hatten, schlugen sie und warfen sie vom Balkon. Wir haben gesehen, wie sie sich Arme und Beine gebrochen haben. Mit großen Schäferhunden durchsuchten sie überall die Eingänge.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Proteste gingen am 18. Dezember weiter. Sicherheitskräfte zerstreuten die Demonstranten und jagten sie durch Eingänge und Gassen. Sie griffen auch wahllos Menschen an, die sich auf der Straße befanden – so wurde beispielsweise der Sekretär des Parteibüros Alibek Urinbaev geschlagen, als er am Abend des 17. Dezember mit seiner Frau spazieren ging. Er wurde am Kopf getroffen, zur Polizei gebracht und später aus der Partei ausgeschlossen und degradiert.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>V. E. Kulikov</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ich war zusammen mit dem Lehrstuhlleiter Jambaev im Wohnheim [des Kasachischen Landwirtschaftsinstituts], als sie an die Tür klopften. Das waren Leute in Armeeuniformen mit Schilden und Schlagstöcken. Jambaev öffnete die Tür <em>leicht</em></em> <em>und erklärte ihnen, dass im Wohnheim alles ruhig sei. Der Kommandeur gab jedoch an, dass sie aus den Fenstern der oberen Stockwerke mit Flaschen beworfen worden seien, und verlangte, sie hereinzulassen.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Als Jambaev dem nicht Folge leistete, schlugen sie ihn mit einem Schlagstock auf den Kopf und verschafften sich Zugang zum Wohnheim. Dann drang Militär in die oberen Stockwerke ein. Einige der Studenten wurden geschlagen und beschuldigt, Flaschen geworfen zu haben. Ich habe versucht, mich an den Offizier zu wenden. Er sagte mir, ich solle mich nicht einmischen.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>K. A. Jambaev</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die Soldaten, angeführt von einem Offizier, stürmten in den Raum und begannen, die Studenten mit Schlagstöcken zu schlagen. Uns Kasachen wurden beleidigende und demütigende Worte entgegengeschleudert. Soldaten mit Helmen, Schilden und Gummiknüppeln, in voller Kampfmontur, rannten in Gruppen über die Etagen des Wohnheims. Aufforderungen von Lehrern, Schüler nicht zu schlagen und der Willkür ein Ende zu setzen, halfen nicht. Vier Studenten kamen auf mich zu, von Soldaten geschlagen und schwer verletzt.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Adikova</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Am 18. Dezember 1986 sahen mein Freund und ich durch das Fenster meiner Wohnung ein schreckliches Bild. Zwei Frauen – eine ältere, offenbar eine Mutter, und eine jüngere, eine Tochter – gingen die Baiseitov-Straße hinauf. Sie wurden von einem Militärangehörigen angehalten. Plötzlich schwingt der Soldat seinen Schlagstock und schlägt der jungen Frau mit aller Kraft auf den Kopf. Ihre Mutter schrie und verteidigte sie. Auch sie schlug er mit einem Schlagstock, doch sie fiel durch den Schlag nicht um und die junge Frau lag auf dem Boden im Schnee. Er packte sie und zerrte sie mit so großer Kraft die Treppe hinauf, dass er ihr den Mantel zerriss.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Weitere Soldaten näherten sich. Es war unmöglich, das ruhig zu betrachten, und mein Freund und ich rannten raus, auf sie zu und fingen an zu schreien. Dann näherte sich ein Soldat mit einer Pelzmütze, sagte etwas, und das Militär zog ab und ließ das Opfer regungslos am Boden liegen.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>N. Jusupbekov</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Am 18. Dezember 1986 kehrte ich nach der Arbeit ins Wohnheim zurück. Gegen 21:00 Uhr durchkämmten Soldaten das Gebiet mit Hunden und nahmen kasachische Jugendliche fest. Mädchen und Jungen rannten unter dem Fenster des Wohnheims entlang. Sie wurden von Soldaten mit Hunden verfolgt. Es war dunkel. Man konnte nicht sehen, wie sie festgenommen wurden, aber man konnte die schrecklichen, herzzerreißenden Schreie der Mädchen hören.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Festgenommenen wurden in Haftanstalten gebracht, wo sie von der Staatsanwaltschaft, dem KGB und der Polizei verhört wurden. Bereits 1987 kamen Strafsachen im Zusammenhang mit den Protesten massenhaft vor Gericht. Auch administrative Aspekte wurden berücksichtigt. Die Behörden verlangten von den Sicherheitskräften Effizienz, und eine der Richter:innen sagte später, sie sei mündlich angewiesen worden, ausschließlich Haft anzuordnen und keine der Festgenommenen zu milderen Strafen zu verurteilen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Abdulhamit Aledekeev, Staatsanwalt in einem der Fälle</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Diese Fälle wurden mit einer anklagenden Tendenz, hastig und routinemäßig untersucht, ohne die Umstände der Ereignisse zu spezifizieren, die sich direkt auf bestimmte Personen bezogen, welche strafrechtlich zur Verantwortung gezogen wurden. Daher wurde die Anklage wahllos und in allgemeiner Form erhoben. All dies war das Ergebnis des damaligen Drucks der Führungsebene der Staatsanwaltschaft der Republik und des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kasachstans.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Dies führten zu einer falschen Einstufung der Straftaten einzelner Personen, die strafrechtlich zur Verantwortung gezogen und rechtswidrig verurteilt wurden. Strafsachen wurden auf der Grundlage einer dem Fall beigefügten allgemeinen Bescheinigung untersucht, die von A.D. Myznikov (stellvertrender Staatsanwalt der Kasachischen SSR, Anm. The Village) unterzeichnet und in Kopie ausgestellt wurde. […] Darüber hinaus wurden Menschen, die nichts mit diesen Ereignissen zu tun hatten, massenhaft illegal festgenommen.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/die-behoerden-wiederholen-die-vergangenheit-kasachstanische-menschenrechtlerinnen-ueber-die-aufarbeitung-der-januar-ereignisse/"><strong>„Die Behörden wiederholen die Vergangenheit“ – Kasachstanische Menschenrechtler:innen über die Aufarbeitung der Januar-Ereignisse</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die von der Kommission befragten Zeugen glaubten, dass die Behörden viele Möglichkeiten gehabt hätten, Gewalt zu verhindern – insbesondere, wenn Gennadi Kolbin, der neue Erste Sekretär, in einen Dialog mit der Jugend getreten wäre und ihre Forderungen besprochen hätte. Außerdem bestritten viele russischsprachige Zeugen empört, dass die Demonstrationen nationalistisch motiviert waren. Sie wiesen darauf hin, dass es während der Proteste keinerlei nationalistische Äußerungen von Seiten der Jugendlichen gab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist immer noch schwer zu sagen, welcher Beamte die größte Verantwortung für die blutige Niederschlagung der Demonstrationen trägt. Die kasachische Nomenklatura schob – wie Zaqaş Qamalidıenov – die gesamte Schuld auf Kolbin selbst, sein Gefolge und Vertreter des Kremls. Auch Moskauer Beamte wie Innenminister Wlassow wiesen die Vorwürfe zurück: Entscheidungen seien ihrer Meinung nach <em>„vor Ort“</em> getroffen worden. Allerdings machten sie dafür auch Kolbin verantwortlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch selbst wenn kasachstanische Beamte wie Nursultan Nazarbaev und Salamat Mūqaşev tatsächlich von der Entscheidungsfindung ausgeschlossen waren, protestierten sie in keiner Weise dagegen. <em>„Keiner von ihnen protestierte gegen das rechtswidrige Vorgehen der Strafverfolgungsbehörden, gegen deren Überschreitung ihrer Befugnisse“</em>, fasste die Kommission die abschließende Bewertung der Ereignisse von 1986 zusammen. Die Mitglieder der Kommission stellten außerdem fest, dass die Führer der Republik <em>„aktiv zur Umsetzung aller getroffenen Entscheidungen beigetragen“</em> hätten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Weitere Bilder von den Jeltoqsan-Ereignissen findet ihr im Original-Artikel.</em></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Nikita Shamstudinov für The Village</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem </strong><a href="https://www.the-village-kz.com/village/city/ustory/38735-sobytiya-zhelto-sana-glazami-ochevidtsev"><strong>Russischen</strong></a><strong> von Robin Roth</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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