Age Tashkent

Taschkent: Mittels interaktiver Karte in die Stadtgeschichte eintauchen

Die Stadt Taschkent hat eine interaktive Karte erstellt, auf der das Alter jedes Gebäudes visualisiert wird. Es ist jedoch unklar, welchen Nutzen dieses Projekt für die Erhaltung der historischen Gebäude der Stadt hat, obwohl dies für die Einwohner derzeit ein wichtiges Thema ist.

Am 28. Januar 2022 gab die usbekische Hauptstadt Taschkent bekannt, dass sie eine interaktive Karte erstellt hat, auf der das Alter aller ihrer Gebäude abzulesen ist.

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Für die Umsetzung von „Age Tashkent“, so der offizielle englische Titel des Projektes, war die Abteilung für digitale Entwicklung der Stadt verantwortlich. Es wurde nach dem Vorbild interaktiver Karten entworfen, die bereits für zahlreiche Großstädte im Ausland entwickelt wurden. Das usbekische Medium Gazeta.uz verweist auf ähnliche Projekte in den Niederlanden, Moskau und Sankt Petersburg. Trotz des englischen Titels ist die Karte nur in russischer und usbekischer Sprache verfügbar.

Eine Karte, um die Geschichte der Stadt zu visualisieren

Die Karte selbst wird durch eine Reihe von Grafiken und Erklärungen ergänzt. Eine erste Grafik zeigt etwa, welche Art von Material in einem bestimmten Baujahr verwendet wurde. Hierzu merken die Entwickler:innen an, dass sich die Wahl der Baumaterialien von Jahr zu Jahr ändert und „sowohl mit der Dringlichkeit der Bauarbeiten als auch mit der wirtschaftlichen Lage“ zusammenhängt.

Nach dem Erdbeben von 1966, das große Teile des Zentrums von Taschkent zerstörte, mussten die Architekt:innen neue Materialien finden. „Als viel und schnell gebaut werden musste, wurde Holz in Umlauf gebracht, das vorher und nachher fast nie verwendet worden war“, heißt es auf der Website.

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Eine weitere Grafik zeigt die Anzahl der errichteten Gebäude pro Jahr. Auch hier sind die Folgen des Erdbebens klar zu sehen. Im Jahr 1966 erreicht die Bautätigkeit einen Höhepunkt, der mit dem massiven Wiederaufbau zusammenhängt. Laut der Grafik auf der Website wurden in dem Jahr 632 Gebäude errichtet – ein Rekord, der seitdem nicht mehr übertroffen wurde. Die meisten Gebäude, die vor 1966 gebaut wurden, waren zwischen zwei und vier Stockwerken hoch. Der Wiederaufbau bot den damaligen sowjetischen Architekt:innen die Gelegenheit, höher zu bauen, aber auch das Stadtzentrum und alle zerstörten Viertel neu zu überdenken.

Eine weitere Funktion der interaktiven Karte ermöglicht es außerdem, archäologische Informationen übereinander zu legen: die historische Stadtmauer, die Entwicklung der Stadtgrenzen seit 1865 sowie die zwölf historischen Stadttore.

Svetlana Gorchenina, Historikerin mit Schwerpunkt auf Zentralasien und Forschungsdirektorin am französischen Zentrum für wissenschaftliche Forschung (CNRS), sagte gegenüber Novastan, dass die Erstellung einer solchen Karte in einem staatlichen Kontext, der normalerweise wenig Geld für die Kultur bereitstellt, bemerkenswert sei.

Eine historische Kartografie ohne Historiker?

Trotz des innovativen Charakters dieser Karte weisen einige von Gazeta.uz zusammengetragene Kommentare auf zahlreiche Fehler hin. Dies hängt unter anderem damit zusammen, dass bei vielen Gebäuden auf der Karte nicht deren tatsächliches Alter, sondern eher das Jahr ihrer Renovierung angegeben wird. Die Internetnutzer:innen sehen in solchen Fehlern einen Hinweis darauf, dass die Entwicklung dieser Karte ohne den Beitrag von Geschichts- und Architekturexpert:innen erfolgte, die ihr Fachwissen hätten einbringen können.

Tatsächlich umfasst das auf der Website vorgestellte Team Entwickler:innen, Ingenieur:innen, Geograf:innen, die auf Geografische Informationssysteme (GIS) spezialisiert sind, Topograf:innen, Designer:innen, Grafiker:innen und Kartograf:innen. Von Historiker:innenn ist jedoch keine Spur.

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In diesem Punkt begrüßt Svetlana Gorchenina „die wichtige Arbeit der Informations- und Datenrecherche, auch wenn die noch zu geringzähligen wissenschaftlichen Veröffentlichungen in der Regel nur die wichtigen Denkmäler behandeln und die sogenannten gewöhnlichen Gebäude im Schatten lassen. Wenn die Karte Fehler in Bezug auf bestimmte Denkmäler enthält, liegt das daran, dass es kein allgemeines Gebäudekataster für Taschkent gibt“, beschreibt die Historikerin.

Bisher gibt es keine derartige Datenbank und diese Karte ist der erste Schritt zu ihrer Erstellung. Die Hervorhebung der verschiedenen Gebäude, die für die wichtigsten Etappen der städtebaulichen Entwicklung Taschkents repräsentativ sind, könnte wahrscheinlich die zaghaften Versuche, eine Liste der vom Staat erhaltenen Denkmäler zu erstellen, stärken“, fügt Gorchenina hinzu.

Die Historikerin schlägt vor, „den Textteil der Website mit Links zu anderen Websites zu ergänzen, die sich mit der Architekturgeschichte Taschkents befassen und Bilder der Gebäude zeigen, wie z. B. ‚Pis’ma o Tashkente [Briefe über Taschkent], ‚Das rot-schwarze Buch der Architektur Usbekistans‘ oder ‚Das offene Archiv der zentralasiatischen Fotografie‘“. Gorchenina verweist auch auf „Seiten von Fachgruppen in sozialen Netzwerken“: „Diese Verweise könnten die rein kartografische Dimension um eine detailliertere Beschreibung bestimmter Gebäude, die Geschichte ihrer Entwicklung im Laufe der Zeit durch Fotografien und die Erinnerungen der Einwohner von Taschkent ergänzen.

Ein komplexer Kontext des Kulturerbes

Laut Projektbeschreibung ist eines der Ziele der Karte, das Tempo der Entwicklung der usbekischen Hauptstadt beobachten zu können. Für das Team der Digitalabteilung der Stadtverwaltung ist die Antwort deutlich sichtbar. Für sie „ist es offensichtlich, dass Taschkent wächst“.

Abgesehen von dieser Funktion, die Entwicklung Taschkents besser zu verstehen, geht die Pressemitteilung der Stadt nicht wirklich darauf ein, wofür die Karte verwendet werden soll. Tatsächlich vermittelt der Ton eher den Stolz auf eine solche digitale Produktion. Taschkent ist die erste Stadt in Zentralasien, die eine solche Karte erstellt. In der Pressemitteilung der Stadt heißt es: „Das Projekt bietet die Möglichkeit, die reiche Geschichte Taschkents, sein architektonisches und archäologisches Erbe mit eigenen Augen zu sehen und zu würdigen“.

Diese Aussage verdeckt in gewisser Weise die heftige Debatte um die Erhaltung des Kulturerbes, wobei zahlreiche Abrisse in den letzten Jahren, Historiker:innen, Architekt:innen und Stadtplaner:innen Sorgen bereiten. Im Oktober 2021 berichtete das usbekische Medium Hook Report [ru/fr] über eine Petition für einen besseren Schutz des kulturellen Erbes der Stadt. Darin wurde Präsident Shavkat Mirziyoyev aufgefordert, die Altstadt von Taschkent für eine Aufnahme in das UNESCO-Weltkulturerbe anzumelden.

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Gorchenina sagte zur Frage der Erhaltung des kulturellen Erbes wie zu vielen anderen Themen in Zentralasien: „Dieses Projekt ist Teil eines komplexen Kontexts, in dem sich verschiedene Einstellungen zum architektonischen Erbe überschneiden. Auf der einen Seite, ist als Echo auf die Bedenken der Wissenschaftler zu beobachten, dass die Stadtbewohner zunehmend verstehen, dass es notwendig ist, die architektonischen Bauten aller Epochen sowie den städtischen Kontext aktiv zu erhalten. In diese Richtung gehen auch einige staatliche Initiativen, wie zum Beispiel das Projekt ‚Modernismus 20/21‘, das vom usbekischen Fonds für die Entwicklung von Kultur und Kunst ins Leben gerufen wurde, um modernistische Denkmäler, die in den 1960er bis 1980er Jahren errichtet wurden, zu erhalten und aufzuwerten“, beschreibt die Historikerin.

Andererseits zeigen jüngste Ereignisse wie der Abriss des Kosmonautenplatzes durch die Stadtverwaltung von Taschkent oder der Beginn der verhängnisvollen Restaurierung des Palastes der Flugzeugbauer einen gegenläufigen Trend auf, der darauf abzielt, die Spuren der zaristischen und sowjetischen Vergangenheit zu beseitigen. Die Erstellung dieser Karte ist umso bemerkenswerter in einem staatlichen Kontext, der normalerweise nur wenig Geld für die Kultur bereitstellt und die Schaffung digitaler Ressourcen noch immer ziemlich vernachlässigt“, fügt sie hinzu.

Mögliche Verwendungszwecke

In Bezug auf die Möglichkeiten, „diese Website positiv zu nutzen“, verweist Gorchenina auf einige Instrumente, die den Behörden der Stadt zur Verfügung stehen: „Die Karte ist derzeit online verfügbar, aber sie könnte auch in anderer Form bei Ausstellungen in Museen verwendet werden, das wäre schon etwas Nützliches“.

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Auch wäre es möglich, auf der Grundlage dieser Website und der von dem Team gesammelten Informationen an einigen Gebäuden erklärende Tafeln mit den Namen der Architekten, den Bau- und Renovierungsdaten anzubringen. Diese Art von Informationen gibt es in Taschkent heute nicht“, so die Historikerin. „Es wäre interessant zu sehen, wie sich diese Webseite in den realen Raum projizieren lässt“, fügt sie hinzu.

Age Taschkent ist eines von insgesamt vier aktuellen Projekten der Abteilung für digitale Entwicklung der Stadt. HisTashkent, das im Frühjahr 2021 gestartet wurde, ermöglicht den einfachen Vergleich von Karten der Hauptstadt vom 19. Jahrhundert bis heute. „Molodyoschnyi portal“ ein „Portal für Jugendliche“, das besser über bestehende Ausbildungen und Stipendien informieren soll. Xalq Nazorati (usbekisch für „öffentliche Kontrolle“) wurde schließlich entwickelt, um eine bessere Kommunikation zwischen den Einwohner:innen Taschkents und den Angestellten der Stadt zu ermöglichen. Auf die Weise sollen Probleme wie Heizungsausfälle oder Wasserlecks, die auf der Straße beobachtet werden, effektiver gelöst werden. Diese Website befindet sich noch in der Testphase.

Anouk Gohier
Novastan France

Aus dem Französischen von Florian Coppenrath

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Ich bin dem frisch gegründeten Novastan gleich bei meiner ersten Kirgistan-Reise Ende 2011 beigetreten. Erst war ich Redakteur, dann Begründer der deutschsprachigen Version. Heute bin ich für die Verbindungen zwischen den verschiedenen Teilen von Novastan und für die strategische Entwicklung des Projektes zuständig. Nach drei Jahren in Kirgistan, zuletzt als Bosch-Lektor in Osch, arbeite ich heute an der Entwicklung von "Wikistan" einer baldigen Netzwerkplattform für die Zentral-Eurasien-Forschung. Seit März diesen Jahres bin ich ebenfalls in der Forschung tätig und schreibe eine Doktorarbeit über Hip-Hop in Kirgistan am Zentralasienseminar der Humboldt Universität zu Berlin. --------------------------------------------------------------- Mon premier voyage à Bichkek en décembre 2011 m'amena à rejoindre le magazine Novastan.org fraichement fondé. J'y étais d'abord actif en tant que rédacteur, puis en tant que fondateur et coordinateur de la version germanophone en été 2013. Aujourd'hui je suis en charge des liens entre les différentes parties d Novastan et du développement stratégique du projet. Après trois ans au Kirghizstan, dernièrement en tant que médiateur culturel pour la fondation Bosch à l'université d'Och, je travaille au développement de "Wikistan", un réseau pour la recherche sur l'Eurasie centrale. Depuis mars 2018, je suis également doctorant en études centre-asiatiques et étudie le Hip-Hop dans les villes du Kirghizstan.

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