Toter und Verletzter durch Schüsse an Grenze zwischen Tadschikistan – Kirgistan

Am 6. August ist es in der Nähe der tadschikischen Enklave Woruch erneut zu einem Schusswechsel gekommen. Ein tadschikischer Zivilist wurde getötet. Ein kirgisischer Grenzwächter verletzt. Beide Staaten führten umgehend zwei getrennte Untersuchungen der Vorfälle durch.

Neue Spannungen halten die Grenzregion zwischen Tadschikistan und Kirgistan in Atem. Wie die tadschikische staatliche Nachrichtenagentur Khovar berichtet, ist am 6. August ein tadschikischer Dorfbewohner aus Woruch, einer tadschikischen Enklave auf kirgisischem Gebiet, durch Schüsse getötet worden. Abgegeben wurden sie von kirgisischer Seite. Beide Länder berichten, dass auch ein kirgisischer Grenzsoldat bei dem Schusswechsel verletzt worden sei.

Alles begann, als dem 65-jährigen tadschikischen Staatsangehörigen Wohid Wahhobow gegen vier Uhr morgens von kirgisischer Seite ins Bein geschossen wurde. Laut dem kirgisischen Nachrichtenportal 24.kg starb er kurz darauf, ohne dass der Schütze identifiziert und der Grund für den Schuss geklärt wurde.

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Eine Stunde später schossen Unbekannte aus der tadschikischen Enklave mit einem Jagdgewehr auf einen kirgisischen Grenzschützer. Dieser wurde am Arm verletzt, ist aber nach Informationen der russischen Tageszeitung Rossijskaja Gazeta außer Lebensgefahr.

Die Lage ist wieder unter Kontrolle

Der kirgisische Grenzschutzdienst beschreibt die Situation mittlerweile wieder als stabil. In Verhandlungen erzielten lokale Behörden und Vertreter des Grenzschutzes eine Einigung darüber, zwei einseitige Untersuchungen zu den Vorfällen – der Verletzung des kirgisischen Grenzsoldaten und dem Tod des tadschikischen Staatsangehörigen – einzuleiten.

Den Tod des tadschikischen Bürgers haben die kirgisischen Grenzbehörden allerdings in keiner Weise erwähnt, bevor die Verhandlungen zwischen den verschiedenen Behörden stattfanden.

Regelmäßige Auseinandersetzungen

Kirgistan und Tadschikistan teilen sich eine Grenze von 976 Kilometern, von denen aber nur 504 Kilometer delimitiert sind. Die verbleibenden Kilometer sind Gegenstand regelmäßiger Konflikte. Gleiches gilt für einige Abschnitte an der usbekisch-kirgisischen Grenze. Die Konflikte sind hauptsächlich mit Wasser, Weiden und Agrarland verbunden. Beteiligte Akteure greifen immer wieder zu Waffen.

Dass das Problem so lange besteht, liegt auch daran, dass sich die beiden Staaten nicht auf die verwendeten Referenzdokumente einigen können. Während Tadschikistan sich auf Karten aus den Jahren 1924-1927 stützt, welche Woruch als tadschikisches Gebiet einschließen, verweist Kirgistan auf Dokumente aus dem Jahr 1950.

Enklaven im kirgisischen Teil des Ferganatals

Seit mehreren Jahren häufen sich nun die Auseinandersetzungen zwischen Kirgistan und seinen tadschikischen und usbekischen Nachbarn. Allein im Mai 2020 hatte es in der Region vier Zusammenstöße gegeben. So kam es am 1. Mai zu einem Zwischenfall, als rund 60 BewohnerInnen des Bezirks So´x, einer usbekischen Enklave im Süden Kirgistans, Weiden auf der kirgisischen Seite der Grenze besetzen wollten. Als die kirgisischen Grenzschützer sie aufforderten, das Gelände zu verlassen, weigerten wie sich zunächst. Sie warfen Steine auf die Grenzschützer, die mit mehreren Schüssen in die Luft antworteten. Die DorfbewohnerInnen zogen sich schließlich zurück.

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Am 8. Mai wurden tadschikische Grenzschützer durch Schüsse verletzt. Daraufhin schossen sie mit Mörsern zurück und verletzten damit drei kirgisische Soldaten. Die Schilderungen beider Lager weichen voneinander ab. Aber es scheint erwiesen, dass ein Streit über etwa 50 Hektar Land die Ursache für die Gewalt war. Am 24. Mai führte ein Streit um Weiden an der tadschikisch-kirgisischen Grenze erneut zu einem Schusswechsel zwischen Grenzschützern. Auch hier unterschieden sich die Darstellungen beider Seiten wesentlich. Ein 19-jähriger tadschikischer Soldat wurde durch Schüsse verletzt.

Am 31. Mai führte schließlich ein Zusammenstoß zwischen KirgisInnen und UsbekInnen zu Dutzenden Verletzten sowie zu mehreren verbrannten Häusern. Die DorfbewohnerInnen bewarfen sich zunächst gegenseitig mit Steinen, bevor mindestens ein Haus auf usbekischer Seite und zwei auf kirgisischer Seite in Flammen aufgingen. Die Zusammenstöße, die einen Großteil des Tages dauerten, forderten Dutzende Verletzte auf beiden Seiten. Eine nicht demarkierte Wasserquelle war Ursache des Konflikts.

Lest auch auf Novastan: Dutzende Verletzte und mehrere niedergebrannte Häuser bei Ausschreitungen an der kirgisisch-usbekischen Grenze

Trotz zahlreicher Diskussionen können sich die Länder in der Frage der Enklaven und Grenzen nicht einigen. Diese Hinterlassenschaften der sowjetischen Politik stehen im Mittelpunkt zahlreicher Debatten, um Konflikte zu vermeiden und den Zugang zu knappen Ressourcen zu erleichtern. Im Februar dieses Jahres wurde ein territorialer Austausch zwischen Kirgistan und Usbekistan erneut ins Gespräch gebracht. Diese Information wurde jedoch schnell von den kirgisischen Behörden dementiert.

Clément Clerc-Dubois, Redakteur für Novastan

Aus dem Französischen von Robin Roth

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