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Fehlende Mittel in Afghanistan gefährden die Sicherheit an der Grenze zu Tadschikistan

Der kürzlich veröffentlichte Bericht einer regionalen Gruppe der UN zeigt, dass die Taliban ihre Sicherheitskräfte stark reduziert haben, vor allem in der Region an der Grenze zu Tadschikistan. Diese Budgetkürzungen haben eine Zunahme sicherheitsrelevanter Vorfälle an der Grenze zwischen den beiden Ländern zur Folge. Die Ereignisse tragen dazu bei, die bislang angespannten Beziehungen zwischen Kabul und Duschanbe neu zu definieren.

Der Fluss Pandsch zwischen Tadschikistan (links) und Afghanistan (rechts). Foto: Rolf Heine

Der kürzlich veröffentlichte Bericht einer regionalen Gruppe der UN zeigt, dass die Taliban ihre Sicherheitskräfte stark reduziert haben, vor allem in der Region an der Grenze zu Tadschikistan. Diese Budgetkürzungen haben eine Zunahme sicherheitsrelevanter Vorfälle an der Grenze zwischen den beiden Ländern zur Folge. Die Ereignisse tragen dazu bei, die bislang angespannten Beziehungen zwischen Kabul und Duschanbe neu zu definieren.

Hibatullah Achundsada, der Anführer der Taliban, hat aufgrund von Haushaltskürzungen eine Einsparung der Sicherheitskräfte um 20 % angeordnet. Dies bestätigt ein Bericht des Teams für die analytische Unterstützung und Überwachung von Sanktionen, der dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen im Dezember vorgelegt wurde.

Allerdings sind die damit einhergehenden Personalabbau-Maßnahmen vor allem an der Grenze zu Tadschikistan unverhältnismäßig. Dem Dokument zufolge wurden von den mehr als 4.000 landesweit entlassenen Kommandanten und Offizieren etwa 1.000 aus der Provinz Badachschan abgezogen, die an das tadschikische Berg-Badachschan grenzt.

Zu den drei weiteren Provinzen, die von dieser Maßnahme am stärksten betroffen sind, gehört auch Tachar im Grenzgebiet zur Region Chatlon in Tadschikistan. Zeitgleich zu den im April angeordneten Kürzungen des Sicherheitspersonals kam es in diesen Grenzgebieten zu einer Zunahme bewaffneter Konflikte im Zusammenhang mit Drogenhandel. Dabei wurden am 26. und 30. November letzten Jahres fünf chinesische Arbeiter auf tadschikischem Boden bei Angriffen aus Afghanistan getötet und ebenso viele verletzt. Auch am 23. Dezember kamen zwei tadschikische Offiziere und drei Angreifer ums Leben, wie das tadschikische Onlinemedium Asia-Plus berichtete.

Zunahme der Zusammenstöße an der Grenze Ende 2025

Seitdem geben Taliban-Vertreter immer mehr Unterstützungserklärungen ab und beschuldigen „böswillige Kreise“ oder „Feinde“, die Beziehungen Afghanistans zu Tadschikistan und China untergraben zu wollen. Tatsächlich steht fest, dass diese Angriffe nicht von den Taliban verübt wurden. Letztere haben laut dem afghanischen Onlinemedium Tolo News sogar behauptet, Verdächtige in der Grenzregion festgenommen zu haben, ohne jedoch Einzelheiten zu nennen.

Die Motive für diese Angriffe sind schwer auszumachen. Im Falle des letzten tödlichen Angriffs gegen tadschikische Offiziere behauptet das afghanische Onlinemedium Hashte-Sobh, dass die Angreifer Mitglieder der Jamaat Ansarullah waren, einer in Afghanistan ansässigen Terrorgruppe, die der tadschikischen Regierung feindlich gesinnt ist und hauptsächlich aus tadschikischen Staatsangehörigen besteht.

Was die Angriffe auf die chinesischen Arbeiter betrifft, bleibt die Lage unklar. Aus Sicht von Mélanie Sadozaï, Forscherin im Departement für Interdisziplinäre und Multiskalare Area Studies an der Universität Regensburg, ist es unmöglich, mit Sicherheit eine bestimmte bewaffnete Gruppe zu beschuldigen. In ihrer aktuellen Publikation „Tadschikistan-Afghanistan. Une frontière aux confins du Pamir“ fokussiert sie sich auf die Grenze zwischen Afghanistan und Tadschikistan. Im Gespräch mit Novastan stellt sie die Hypothese auf, dass es sich um eine Vergeltungsmaßnahme von „Drogenhändlern handelt, die keine Präsenz Chinas wünschen, da dies ihre Aktivitäten stören könnte”.

„Es ist auch nicht auszuschließen, dass es ganz normale Bürger sind, die Chinas Aktivitäten in der Region ablehnen, da das Land im Rahmen bilateraler Abkommen mit Tadschikistan und Afghanistan Bodenschätze abbaut“, fährt Mélanie Sadozaï fort. „Die Menschen sind sich darüber bewusst, dass chinesische Unternehmen ihre Ressourcen ‚plündern‘, anstatt sie umzuverteilen. Es könnte also auch ein Akt der Rache sein, aber auch das ist schwer zu sagen“, fügt sie hinzu.

Eine neue erzwungene Zusammenarbeit

Vor diesem Hintergrund kann eine reduizerte Präsenz der Taliban zur Aufrechterhaltung der Ordnung an der Grenze auf tadschikischer Seite nur als negativ wahrgenommen werden, zumal sich die Beziehungen zwischen den beiden Ländern in den letzten Monaten neu entwickelt haben.

Nach der Machtübernahme durch die Taliban 2021 hat sich Tadschikistan als einziger Nachbar Afghanistans profiliert, der den neuen Machthabern in Kabul offen feindlich gegenübersteht. Während die anderen Nachbarländer schnell eine pragmatische Haltung einnahmen und, ohne die Taliban offiziell anzuerkennen, aus wirtschaftlichen Gründen Beziehungen zu ihnen aufbauten, steht Tadschikistan nach wie vor allein da.

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Doch die offene Feindschaft wandelt sich derzeit zu einer erzwungenen Zusammenarbeit. Nur zwei Wochen vor den Angriffen auf die chinesischen Arbeiter reiste eine tadschikische Delegation nach Kabul, um sich mit ihren Amtskollegen zu treffen und über die Zusammenarbeit bei der Terrorismusbekämpfung, den Kampf gegen den Drogenhandel und die Durchlässigkeit der gemeinsamen Grenze zu sprechen, berichtet Tolo News. Ebenso reisten die Gouverneure der afghanischen Provinzen Balch und Badachschan in die tadschikische Hauptstadt Duschanbe bzw. in die tadschikische Provinz Berg-Badachschan, wobei über diese Besuche nicht in den lokalen Medien berichtet wurde.

Die jüngsten Angriffe haben diese Annäherung der beiden Länder noch verstärkt: Zum ersten Mal seit 2021 haben die Außenminister Tadschikistans und Afghanistans miteinander telefoniert, und zwar zweimal im Dezember, wie Asia-Plus berichtet.

Anerkennung der Taliban ist politisch unmöglich

Die tadschikischen Behörden haben diesen Moment so lange wie möglich hinausgezögert und versuchen nun, aus dieser diplomatischen Sackgasse herauszukommen. Der tadschikische Präsident Emomali Rahmon präsentiert sich seit langem als Bollwerk gegen religiösen Extremismus: Ein echter diplomatischer Kontakt zu den Taliban wäre sowohl innerhalb Tadschikistans als auch im Ausland schwer zu rechtfertigen.

Emomali Rahmons klare Haltung gegenüber den Taliban und seine Unterstützung der afghanischen Exilopposition brachten ihm kurz nach der Eroberung Kabuls durch die Taliban eine Einladung ins Europäische Parlament und nach Frankreich ein. Dabei sicherte er sich die Fortsetzung der internationalen Finanzhilfen, von denen Tadschikistan in hohem Maße abhängig ist. Es steht also außer Frage, durch eine offene Zusammenarbeit mit den Taliban so wichtige Finanzmittel zu verlieren.

Auf innenpolitischer Ebene möchte Duschanbe sich als Beschützer der ethnischen Tadschiken präsentieren und hervorkehren, dass diese von den paschtunischen Taliban unterdrückt werden. So unterstützte der tadschikische Präsident während der ersten Machtübernahme der Taliban (1996–2001) Ahmed Shah Massoud, den Anführer des afghanischen Widerstands, der mehrmals nach Tadschikistan gereist ist. Heute gilt diese Unterstützung seinem Sohn, der ebenfalls praktisch in Tadschikistan ansässig ist, und in gewissem Maß auch der diplomatischen Vertretung, die zu einer Bastion des alten Regimes geworden ist.

Die Feindseligkeiten hingegen beruhen auf Gegenseitigkeit: Die Taliban scheinen herzliche Beziehungen zu Sharofiddin Gadoev zu unterhalten, einem der im Exil lebenden Führer der Opposition gegen das tadschikische Regime. Dieser wurde im Mai letzten Jahres zu Gesprächen nach Afghanistan eingeladen.

Wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Druck

Tatsächlich hatten die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen die tadschikischen Behörden bereits unter Druck gesetzt. Der Stromexport nach Afghanistan wurde nicht eingestellt, was laut Eurasianet zeigt, dass zwischen beiden Seiten Gespräche stattgefunden haben, wenn auch rein wirtschaftlicher Natur. Andere Großprojekte lassen vermuten, dass nie wirklich in Betracht gezogen wurde, jegliche Kommunikation zwischen den beiden Ländern einzustellen, insbesondere das sogenannte CASA-1000-Bauprojekt für den Stromexport.

Es ist jedoch die Sicherheitslage, die die Aufnahme diplomatischer Kontakte tatsächlich beschleunigt: Bruce Pannier, Mitglied des Eurasien-Programms am Foreign Policy Research Institute, weist darauf hin, dass es der Abschuss einer Rakete auf Tadschikistan im Mai 2022 war, der dazu führte, dass erste formelle Kontakte zwischen den Taliban und den tadschikischen Behörden aufgenommen wurden.

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Ironischerweise war es gerade der Kampf gegen den Extremismus, der Emomali Rahmon dazu veranlasste, schließlich doch Gespräche mit den Taliban zu führen. Nach dem Anschlag auf die Crocus City Hall in Moskau, der von tadschikischen Staatsbürgern verübt wurde, die vom „Islamischen Staat Provinz Khorasan“ (ISPK)  rekrutiert worden waren, musste die Beteiligung Tadschikistans am internationalen Terrorismus bekämpft werden, sowohl aus offensichtlichen Sicherheitsgründen als auch wegen des internationalen Ansehens Tadschikistans.

Der Kampf gegen den Terrorismus erfordert jedoch eine verstärkte Zusammenarbeit mit den Taliban, für die diese Gruppen ebenfalls eine Bedrohung darstellen. So gab es Fälle, in denen tadschikische Staatsbürger aktiv vom afghanischen Staatsgebiet aus rekrutiert wurden, insbesondere durch den ISPK.

Russland folgen

Letztendlich hat die kompromisslose Ablehnung der Taliban zu einer Isolation geführt, die für ein kleines Land wie Tadschikistan schwer zu bewältigen war. Die langsam eintretende Kehrtwende Duschanbes könnte auf die offizielle Anerkennung der Taliban durch Moskau im Juli letzten Jahres zurückzuführen sein. Russland könnte von einem Verbündeten, der noch weitgehend von ihm abhängig ist, erwarten, dass er ihm folgt und die Taliban ebenfalls als verhandlungsfähige Gesprächspartner betrachtet.

Tadschikistan befindet sich somit in einer Zwickmühle zwischen der Bedeutung westlicher Finanzhilfen und den Beziehungen zu Russland, die es nicht zu riskieren wagt: Das Land ist im internationalen Vergleich am stärksten von ausländischen Geldüberweisungen abhängig. Diese machten 2024 mehr als 45 % seines BIP aus und stammen hauptsächlich von Arbeitsmigranten in Russland. Eine Verschlechterung der Beziehungen zu Moskau würde die ohnehin meist prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen tadschikischer Migranten weiter beeinträchtigen und damit katastrophale Auswirkungen auf die Wirtschaft des Landes haben.

Eine Annäherung mit Grenzen

Mélanie Sadozaï weist darauf hin, dass diese Annäherung ihre Grenzen hat: „Zwar gibt es erste Fotos von offiziellen Treffen zwischen den Taliban und tadschikischen Behörden, doch diese finden im Rahmen der Zusammenarbeit in den Bereichen Handel, Energie und Wirtschaft statt, nicht jedoch im Bereich Sicherheit. Es ist sehr wahrscheinlich, dass dies das Maximum ist, was Tadschikistan leisten kann“, so ihre Einschätzung.

Was die Übergabe der afghanischen Botschaft an die Taliban angeht, so ist dies nach wie vor sehr unwahrscheinlich. Auch hier ist Mélanie Sadozaï der Ansicht, dass „die Unterstützung der Opposition tatsächlich kaum sichtbar und vor allem rhetorischer Natur war. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Tadschikistan einen Grund hat, sie nicht mehr zu unterstützen oder Mohammad Zahir Aghbar (den Botschafter der ehemaligen Regierung, der immer noch im Amt ist, Anm. d. Red.) auszuweisen, und ich denke, dass es sehr gut seine derzeitigen Beziehungen zum Widerstand aufrechterhalten und gleichzeitig mit den Taliban verhandeln kann. Das ist nicht unvereinbar.“

Darüber hinaus berichten Medien, dass das afghanische Konsulat in Chorug (Berg-Badachschan) in die Hände der Taliban gefallen sei, wodurch eine Doppelherrschaft mit der dem alten Regime treuen Botschaft entstanden sei. Mélanie Sadozaï bestätigt hingegen, dass sie das Taliban-Konsulat seit den Schäden durch eine Lawine im Februar 2023 geschlossen und unzugänglich vorgefunden habe.

Situation beeinträchtigt Beziehungen zu China

Dennoch stellen die mangelnden Mittel auf afghanischer Seite und die jüngsten Angriffe für alle Parteien ein Problem dar, unabhängig davon, ob sie sich gegen die tadschikische Regierung oder gegen chinesische Arbeiter richten. Eine Verschlechterung der Beziehungen zu China wäre für Tadschikistan äußerst problematisch: Die Infrastruktur des Landes basiert auf Partnerschaften sowie Krediten mit China, die Duschanbe nur schwer begleichen kann.

China nimmt die Situation sehr ernst und fordert Tadschikistan auf, diese Ereignisse aufzuklären und die Sicherheit der chinesischen Staatsbürger auf seinem Territorium zu gewährleisten. In einer ungewöhnlichen Maßnahme forderte die chinesische Botschaft in Duschanbe ihre Staatsangehörigen auf, die Grenzgebiete zu verlassen und Vorsicht walten zu lassen.

„Wenn die [ins Visier genommenen] chinesischen Arbeiter tatsächlich Angestellte von Straßenbauunternehmen sind, stellt dies für Tadschikistan ein offensichtliches Problem dar: die Tatsache, dass China letztendlich das Land verlassen und die begonnenen Projekte nicht zu Ende führen wird“, schätzt Mélanie Sadozaï.

Es ist daher nicht auszuschließen, dass Duschanbe versucht, seine Grenzen besser zu schützen, obwohl diesbezüglich keine offizielle Ankündigung erfolgt ist. Angesichts des Krieges gegen die Ukraine erscheint es unwahrscheinlich, dass Russland erneut an der Grenze interveniert, die Tadschikistan seit 2004 eigenverantwortlich schützt. „Was China betrifft, so patrouilliert die Armee nicht entlang der Grenze, aber es ist möglich, dass die Sicherheit der chinesischen Infrastrukturen, die mittlerweile entlang der Grenze sehr zahlreich sind, verstärkt wird“, schließt die Forscherin.

Judith Robert für Novastan

Aus dem Französischen von Elisabeth Rudolph

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