Die Taliban vor den Toren Zentralasiens: Was sind die Folgen?

Während die Taliban die Grenzgebiete zu Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan kontrollieren, bleibt die Lage mit Afghanistan unklar. Gefechte zwischen den Taliban und afghanischen Regierungstruppen veranlassten letztere, nach Usbekistan und Tadschikistan zu fliehen, bevor sie von dort nach Hause geschickt wurden. Auf Seiten Washingtons geben einige Analyst:innen der afghanischen Regierung maximal sechs Monate, bis sie von den Taliban gestürzt wird.

Kann ein instabiles Afghanistan ein Risiko für zentralasiatische Regierungen darstellen? Unsere Kolleg:innen von Novastan France haben in ihrer kostenpflichtigen Rubrik décryptage (dt.: Entschlüsselung) eine Analyse vorgenommen, die wir mit freundlicher Genehmigung übersetzen.

Erneut rücken die Taliban in Afghanistan vor. Seit dem 4. Mai und dem Beginn des Abzugs der US-Truppen haben die Taliban laut Reuters mehrere lokale Offensiven gestartet. Nach und nach stärken die bewaffneten Islamisten ihre Position im Land. Nach Angaben des amerikanischen Fachportals The Long War kontrollierten die Taliban am 29. Juni fast 40 Prozent der Bezirke im Land.

Der Beginn der Offensive steht im Zusammenhang mit dem im Februar 2020 in Doha unterzeichneten Abkommen zwischen den USA und den Taliban, das einen Rückzug von US-Truppen ab dem 1. Mai vorsah. Mit dem Amtsantritt von Joe Biden im Januar 2021 wurde der vollständige Rückzug auf den 11. September 2021 angesetzt. Wie das auf Zentralasien spezialisierte, russische Nachrichtenportal Fergana News berichtet, führen die Taliban einen Zermürbungskrieg mit zahlreichen Angriffen und lokalen Eroberungen. Gleichzeitig soll der Abzug der Amerikaner:innen bis Mitte des Sommers umgesetzt werden. Der 11. September ist nur symbolisch.

Tadschikistan ist isoliert

Zu den von den Taliban eroberten Bezirken zählen insbesondere die Grenzgebiete zu Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan. Am 21. Juni sind afghanische Truppen nach Tadschikistans geflohen, nachdem die Taliban den Grenzort Schir Khan Bandar eingenommen hatten. 134 Soldaten wurden auf tadschikischem Territorium aufgenommen, bevor sie nach Afghanistan zurückgebracht wurden. Das usbekische Außenministerium teilte am 24. Juni mit, dass tags zuvor 53 afghanische Soldaten versucht hatten, nach einem Angriff der Taliban die Grenze zu Usbekistan zu überschreiten. Sie wurden direkt nach Afghanistan zurückgeführt.

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Für Tadschikistan ist die Situation auch aus wirtschaftlicher Sicht besorgniserregend. Wie das tadschikische Nachrichtenportal Asia-Plus berichtet, ist Schir Khan Bandar eine der wichtigsten Grenzübergänge, über den insbesondere Importe aus Südasien und dem Iran in das zentralasiatische Binnenland gelangen. Da die Grenze zu Kirgistan im Norden geschlossen und jene zu Usbekistan und China schwer zu passieren ist, befindet sich Duschanbe vorübergehend in Isolation.

Kabuler Regierung in Gefahr

Für Usbekistan und Turkmenistan besteht das Risiko vor allem in Bezug auf die Sicherheit. „Die zentralasiatischen Republiken sind sich der Gefahr bewusst und bereiten sich darauf vor, dass die Taliban ihre Nachbarn im Süden werden“, erläutert Konstantin Kuryljew, Professor für Internationale Beziehungen an der Universität der Volksfreundschaft in Moskau, gegenüber Novastan. Wie das Wall Street Journal berichtete, schätzen US-Geheimdienste, dass die Regierung von Aschraf Ghani sechs Monate nach dem Abzug der US-Truppen gestürzt werden könne.

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Die Sicherheitslage hänge aber nicht nur mit der Kontrolle der Grenzen zusammen, meint Alexander Knjasjew. „In den 1990er Jahren, bis 2001 wurde der größte Teil der Grenze von den Taliban kontrolliert. Und dies stellte keine Bedrohung für die Länder Zentralasiens dar“, erklärt der russische Analyst gegenüber Novastan. „Objektiv gibt es für die zentralasiatischen Länder keinen Unterschied zwischen den Taliban, der Regierung oder lokalen Milizen, wenn es um die Grenzkontrolle geht. Es gibt kein einziges Beispiel für eine militärische Bedrohung durch die Taliban“, fügt Knjasjew hinzu.

„Eine Machtübernahme der Taliban ist unrealistisch“

Eine der Unsicherheiten der aktuellen Lage besteht darin, ob die Taliban tatsächlich an die Macht kommen. „Die Machtergreifung der Taliban ist unrealistisch, ihre Offensive geht bereits zu Ende. Die Taliban haben nicht die Ressourcen, um einen großen Teil des Territoriums zu erobern und zu kontrollieren“, meint Alexander Knjasjew. „Die Taliban-Führung versteht, dass eine Machtergreifung allein durch den militärischen Aspekt unrealistisch ist, was sie dazu veranlasst, an verschiedenen Verhandlungsformaten teilzunehmen“, fügte der russische Analyst hinzu. So diskutieren die Taliban offiziell mit Usbekistan [fr/ru] und Turkmenistan sowie mit der Regierung von Ashraf Ghani oder den USA. Laut Knjasjew soll die aktuelle Offensive die Taliban in eine gute Verhandlungsposition bringen.

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„Selbst für den Fall, dass die Regierung von Ashraf Ghani zusammenbricht, ist nicht zu erwarten, dass die Taliban den postsowjetischen Raum angreifen“, meint Konstantin Kuryljew. „Der Aufbau konstruktiver Beziehungen zu den Nachbarländern wird für die Taliban, die nach internationaler Anerkennung streben, eine Priorität sein“, erklärt Alexander Knjasjew.

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„Die Taliban wissen, wie man Diplomatie macht. Ein direkter Konflikt mit ihren zentralasiatischen Partnern wäre kontraproduktiv, da sie eine Verbindung mit der TAPI-Pipeline, aber auch Hochspannungsleitungen zwischen Afghanistan und Usbekistan benötigen“, erklärt Emmanuel Dupuy, Direktor des Think Tanks „Institut für Perspektiven und Sicherheit in Europa (IPSE)“, gegenüber Novastan. „Der Schlüssel zur Zusammenarbeit oder zum Dialog liegt in dem Versprechen, das die Taliban den Präsidenten Usbekistans und Turkmenistans gegeben haben, ihren Dschihad nicht über die afghanischen Grenzen hinaus zu exportieren“, fügt der französische Beobachter hinzu.

Die zentralasiatischen Staaten warten ab

Angesichts dieser Situation haben die zentralasiatischen Staaten eine abwartende Haltung eingenommen. Das gilt insbesondere für Usbekistan, das bei den Verhandlungen mit den Taliban an vorderster Front stand. „Das Beste für Usbekistan wäre eine wohlwollende Neutralität gegenüber denen, die unweigerlich an die Macht kommen werden“, meint Emmanuel Dupuy. „Es ist ein Bürgerkrieg. Jede aktive Unterstützung für die Kabuler Regierung vonseiten der zentralasiatischen Länder könnte extremistische und terroristische Gruppen innerhalb der eigenen Grenzen provozieren. Das ist eine echte Bedrohung für ihre Sicherheit“, erläutert Alexander Knjasjew.

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Die Lage in Afghanistan wird daher von den zentralasiatischen Staaten aufmerksam beobachtet, ohne dass diese jedoch eingreifen. Derweil haben sich andere internationale Akteure diplomatisch in die Situation eingemischt. So übermittelte am 23. Juni die russische Nachrichtenagentur TASS die Besorgnis des Kremls über die Lage an der tadschikisch-afghanischen Grenze. Bereits Anfang Mai war während des Moskau-Besuchs von Tadschikistans Präsidenten Emomali Rahmon eine Ausweitung der russischen Militärpräsenz in dem zentralasiatischen Land in Aussicht gestellt worden.

Die SCO im Hintergrund

Wie die New York Times Mitte April bekanntgab, scheinen die USA nach wie vor an einem Stützpunkt in Zentralasien interessiert zu sein. Obwohl bisher keines der zentralasiatischen Länder die Bereitschaft dazu gezeigt hat, könnten Usbekistan oder Tadschikistan einen solchen Stützpunkt beherbergen. Bisher sind die Verhandlungen dazu jedoch gescheitert.

Laut einem Bericht der South China Morning Post hat sich die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) unter der Führung von Beijing und Moskau positioniert, um nach dem Abzug der Amerikaner „Afghanistan zu stabilisieren”. Außer Turkmenistan sind alle zentralasiatischen Länder Mitglieder der SCO, was sie zu einem mächtigen Instrument machen könnte. „Diese Führungsposition wäre realistisch, vor allem da China den Traum hegt, eine Militärbasis im Wachan-Tal zu errichten“, fügt Emmanuel Dupuy hinzu. China verfügt bereits über eine Basis in Tadschikistan, wenn auch inoffiziell.

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Konstantin Kuryljew sieht die Rolle der SCO weniger weitreichend. „Die SCO-Staaten sind nicht bereit, sich in militärische Angelegenheiten einzumischen. Ihr Ziel ist es, dem afghanischen Volk zu helfen, Frieden zu stiften und wenn möglich Kooperationen aufzubauen, damit das Wirtschaftsleben möglichst bald wieder aufgenommen wird. Allerdings kann die anti-terroristische Struktur der SCO eine wichtige Rolle bei der regionalen Stabilisierung spielen“, schließt der Experte. Wie das amerikanische Portal The Diplomat feststellt, hat China bereits wichtige Beziehungen zu Afghanistan aufgebaut, ohne sich militärisch zu engagieren.

Es bleibt abzuwarten, wie und wann die Verhandlungen zwischen den Taliban und der Regierung von Ashraf Ghani wieder aufgenommen werden. In der Zwischenzeit bleiben die Staaten Zentralasiens in Alarmbereitschaft.

Etienne Combier, Chefredakteur von Novastan France

Aus dem Französischen von Robin Roth

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