„Die Taliban sind auch ein Teil der afghanischen Gesellschaft“ – ein Interview mit dem Afghanistan-Beauftragten des usbekischen Präsidenten

Im Interview: Izmatulla Raimovich Irgashev, 1960 in Taschkent geboren, Diplomat, Orientalist und Philologe. Er arbeitete als stellvertretender Außenminister, war außerordentlicher und bevollmächtigter Botschafter Usbekistans in China und Aserbaidschan, ist Familienvater und hat fünf Kinder. Folgender Artikel erschien im russischen Original bei Kun.uz, wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

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– Izmatulla Raimovich, Ihrer Biographie nach zu urteilen, haben Sie mehr als 40 Jahre damit verbracht, Afghanistan zu erforschen und Lösungen für die Probleme dieses Landes zu finden. Was ist der Unterschied zwischen dem gestrigen und dem heutigen Afghanistan?

– Dies ist eine Frage, die nicht nur für unser Volk, sondern für die gesamte Weltgemeinschaft von größter Bedeutung ist. Das liegt daran, dass die regionalen und globalen Auswirkungen dieser Problematik sehr groß sind. Die Situation ist komplex, die Gewalt, die Konfrontation und die Feindseligkeiten gehen weiter, und Millionen von Afghanen sind gezwungen, im eigenen Land Flüchtlinge zu werden. Die Tragödie ist dabei in erster Linie das Elend des afghanischen Volkes. Aber trotz all dieser Kriegsjahre hat dieses afghanische Volk die Hoffnung auf Frieden und Stabilität nicht verloren.

Vor kurzem wurden wir Zeugen der Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag der afghanischen Unabhängigkeit. In diesen Tagen haben wir erneut die Solidarität zwischen dem usbekischen und afghanischen Volk gespürt. Über Jahrhunderte haben unsere Völker beide Ufer des Amudarja bewohnt und ihre Schicksale sind fest miteinander verwoben. Uns verbinden eine gemeinsame Religion, Sprache, Bräuche, Geschichte, große Vorfahren. Das afghanische Volk, dass auch in den letzten 18 Jahren des Krieges die Hoffnung nicht aufgegeben hat, baut seine Staatlichkeit auf und erlässt seine eigenen Gesetze in dieser schwierigen Situation.

In Afghanistan wurden vor kurzem Präsidentschaftswahlen abgehalten. Ja, die Wahlbeteiligung war nicht so hoch, wie die Menschen sich es gewünscht hätten. Die Schatten der Unruhen sind noch vorhanden, weswegen viele an den Wahlen nicht teilnehmen konnten. Nichtsdestotrotz haben über zwei Millionen Menschen gewählt. Wir respektieren die Wahl des afghanischen Volkes zutiefst und hoffen auf eine Fortführung unserer freundschaftlichen Beziehungen, auch mit der künftigen Führung.

Lassen Sie uns nun über den Einfluss, den Afghanistan auf uns ausübt, sprechen. Mit den Worten des Präsidenten: „Die Sicherheit Afghanistans ist die Sicherheit Usbekistans, die Garantie für die Stabilität und den Wohlstand der gesamten Region Zentralasiens und Südasiens.“ Diese Worte sind auch die Antwort auf unsere Frage.

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Die Grenze Usbekistans zu Afghanistan hat die geringste Länge im Vergleich zu den anderen Nachbarländern. Jedoch scheint es aus irgendeinem Grund, dass genau Usbekistan sich besonders stark an der Lösung der Probleme Afghanistans beteiligt…

Für die Etablierung des Friedens in Afghanistan ist die kollektive Anstrengung der internationalen Gemeinschaft notwendig. Tatsächlich sind die Grenzen Afghanistans zu Usbekistan und zu China die kürzesten, wobei eben diese Länder auch in der Tat am aktivsten an der Lösung der Probleme in Afghanistan arbeiten. Dafür gibt es selbstverständlich Gründe. Wie ich bereits sagte, brauchen wir Frieden und Stabilität in der Region, um die von uns geplanten umfassenden Reformen umzusetzen.

Da durch die Ereignisse im Nahen Osten und in Nordafrika das Afghanistan-Problem in den Hintergrund der Weltpolitik gerückt ist, widmet die usbekische Regierung dem afghanischen Problem mehr denn je ihre Aufmerksamkeit.

Deshalb hat unser Präsident die Internationale Hochrangige Afghanistan-Konferenz in Taschkent initiiert, die zur Annahme der Erklärung von Taschkent führte. Auf dieser Konferenz wurde ein regionaler und globaler Konsens über die Einrichtung eines Friedensprozesses in Afghanistan erzielt und die Bemühungen der internationalen Gemeinschaft zur Aufnahme von Friedensgesprächen intensiviert.

Ich glaube, dass es die ganzheitliche, tiefgründig durchdachte und strategisch fundierte Vision des usbekischen Präsidenten Shavkat Mirziyoyev zur weiteren Entwicklung der Situation in Afghanistan ist, die Usbekistan dazu veranlasst hat, eine völlig neue, pragmatische und zukunftsorientierte Politik gegenüber Afghanistan auszuarbeiten.

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Meiner Ansicht nach ist dies eine Art Friedensprogramm für Afghanistan, das nicht nur langfristige Perspektiven für die Zusammenarbeit mit diesem Land hat, sondern auch der Welt die Offenheit Usbekistans zeigt – vor allem bezüglich der Neutralität der Politik Usbekistans gegenüber Afghanistan.

Es war das Staatsoberhaupt unseres Landes, das als erstes auf die Notwendigkeit aufmerksam machte, Afghanistan nicht als ein Land zu betrachten, durch welches Frieden und Stabilität bedroht werden, sondern als eine Gelegenheit, es in einen freundlichen, friedlichen und wohlhabenden Teil unserer gemeinsamen Region zu verwandeln.

Wir müssen auf unser tägliches Leben zurückblicken und verstehen, um welchen Preis wir Frieden und Ruhe in unserem Land haben. In jeder Gesellschaft erfordern Frieden und Stabilität enorme Anstrengungen und Ressourcen.

Es ist kein Zufall, dass Sicherheitsfragen einen besonderen Platz in der Innen- und Außenpolitik unseres Präsidenten einnehmen. Aus dieser Perspektive messen wir der afghanischen Frage große Bedeutung bei und versuchen, Afghanistan zu helfen. Unser Volk hat ein bekanntes Sprichwort: „Dein Nachbar hat Frieden – du hast Frieden“.

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– Sie sind einer der Diplomaten, die an den Verhandlungen mit den Taliban teilnehmen. Die breite Öffentlichkeit nimmt diese Bewegung als eine militante Gruppe wahr, die keinerlei diplomatische Beziehungen versteht und nur auf den Krieg abzielt.

– Nach der Friedenskonferenz zur Lage Afghanistans in Taschkent wurde die internationale Gemeinschaft verstärkt auf dieses Problem aufmerksam. Es wurden Versuche unternommen, Beziehungen zu den Taliban aufzubauen, und es wurden Friedensgespräche gefordert. Wir haben Kontakte zum politischen Büro der Bewegung in Doha geknüpft. Natürlich ist Ihre Frage richtig. Der Krieg, der in Afghanistan seit mehr als 18 Jahren geführt wird, wird hauptsächlich unter Beteiligung dieser Bewegung geführt.

Dennoch betonte das Staatsoberhaupt, dass die Taliban-Bewegung Teil der afghanischen Gesellschaft ist. Sie müssen auch ihre eigene Stimme haben und sich an der Lösung von Fragen nach Frieden und Zukunft des Staates beteiligen.

Ich will ein Beispiel geben. Im Jahr 2001 fand in Bonn eine Friedenskonferenz zu Afghanistan statt. An der Konferenz nahmen Führer aller politischen, sozialen und ethnischen Kräfte Afghanistans teil. Nur eine politische Kraft, die Taliban, blieb fern und wurde nicht eingeladen. Aufgrund dieses Fehlers leidet das afghanische Volk seit 18 Jahren.

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Wenn wir also in Afghanistan Frieden schließen wollen, müssen wir alle Kräfte dieses Landes und die afghanische Regierung in den Friedensprozess einbeziehen. Wenn eine Gruppe oder Streitmacht fernbleibt, bedeutet dies, dass der Krieg fortgesetzt wird.

Deshalb führen wir einen Dialog mit den Taliban und ermutigen sie, an Friedensgesprächen teilzunehmen. Infolge der Bemühungen Usbekistans und anderer aktiver Mitglieder der internationalen Gemeinschaft begannen Friedensgespräche.

Eine besondere Leistung dieser Gespräche ist die Abhaltung von Friedensgesprächen zwischen dem US-Sonderbeauftragten für Afghanistan, Zalmay Khalilzad, und den Taliban. Ein schwerer Terroranschlag in Kabul und der Tod westlicher Soldaten, sowie Donald Trump, haben diese Verhandlungen jedoch eingefroren.

Wir wollen aber, dass diese Verhandlungen fortgesetzt werden. Denn nur wenn sich beide Parteien einig sind, werden direkte interne Verhandlungen zwischen den Afghanen möglich.

Unabhängig davon, ob es jemandem gefällt oder nicht, sind die Taliban Teil der afghanischen Gesellschaft. Sie sind Staatsbürger ihres Landes und sollten an Aktivitäten teilnehmen, die auf die Schaffung von Frieden und Ruhe in Afghanistan abzielen. Vor allem ist es ohne sie unmöglich, Frieden herzustellen.

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– In diesem Zusammenhang stellt sich eine logische Frage – wie reagieren die Taliban auf diese Verhandlungen, was sind ihre Forderungen und Vorschläge?

– Als ich nach der Konferenz im März 2018 mit der Führung der Taliban zusammentraf, war ich überrascht von ihren Worten: „Wir sind Befürworter des Friedens. Auch wir sind der Kriege in unserem Land überdrüssig, und wollen das Blutvergießen beenden. Gleichzeitig bleibt unsere Hauptforderung der Rückzug der ausländischen Streitkräfte aus dem Land.“

Vertreter der Taliban-Führung sprachen auch über ihre positive Haltung gegenüber Usbekistan; „Weil wir wissen, dass Usbekistan viele Wirtschaftsprojekte in Afghanistan durchführt. Diese Projekte liegen nicht im Interesse der afghanischen Regierung oder der Streitkräfte, sondern zielen darauf ab, dem afghanischen Volk zu helfen. Sie schaffen eine Grundlage für das friedliche Leben unseres Volkes. Wir unterstützen die Politik Usbekistans in Afghanistan voll und ganz. Wir sind jedoch ein wenig enttäuscht, dass Sie uns nicht zu einem so großen Ereignis wie der Konferenz von Taschkent eingeladen haben. Wir beglückwünschen Sie zu diesem Ereignis und haben es genau beobachtet”, sagte die Bewegung. Dies zeigt einmal mehr, dass die Politik Usbekistans im Zentrum der Aufmerksamkeit steht.

Kun.uz

Aus dem Russischen von Hannah Claudia Riedler

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via kun.uz
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