Russlands Rolle im Pamir: Akteur oder Beobachter?

Russland war einst eine Schutzmacht der Minderheiten im Pamir. Nicht erst nach den jüngsten gewalttätigen Auseinandersetzungen in Berg-Badachschan mit dutzenden Toten wird Moskaus schwächer werdende Rolle in der Region deutlich. Die folgende Analyse veröffentlichte das Central Asian Bureau for Analytical Reporting (CABAR) am 30. Mai 2022. Wir übersetzen den Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Tadschikistans Regierung hat eine weitere Militäroperation in der Autonomen Provinz Berg-Badachschan gestartet, die auch als Pamir oder ‚Dach der Welt‘ bekannt ist. Diese abgelegene Bergregion macht fast die Hälfte des Landes aus und beherbergt etwa 3 Prozent der Bevölkerung Tadschikistans. Nach Angaben der tadschikischen Behörden werde die Operation gegen organisierte kriminelle Gruppen durchgeführt, die von internationalen Terrororganisationen unterstützt würden. Sie ziele darauf ab, „die Sicherheit der Bürger:innen, die öffentliche Ordnung und die Wiederherstellung des ungehinderten Verkehrs auf der internationalen Fernstraße Duschanbe – Kulma zu gewährleisten.

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Ein Abschnitt der Trasse war von Einwohner:innen des Bezirks Ruschon blockiert worden, um den Vormarsch von Streitkräften in die Stadt Chorugh zu verhindern. Nachdem dort im November 2021 ein Anwohner von Sicherheitskräften getötet worden war und anschließende friedliche Proteste auseinandergetrieben wurden, halten die Spannungen bis heute an. Während der Proteste zeigten sich die Menschen in Berg-Badachschan unzufrieden mit der Untätigkeit der Behörden bei der Untersuchung der Todesumstände, verstärkter Militärpräsenz, dem Abschneiden der Region von Informationen sowie der Verfolgung der Pamiris.

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Die sogenannte „Anti-Terror-Operation“ wird hart und kompromisslos durchgeführt. Sie wird von zahlreichen Opfern und Festnahmen begleitet. Dies beschäftigt auch die Weltgemeinschaft. So haben unter anderem die Vereinigten Staaten, Frankreich, Deutschland, die Europäischen Union, die Schweiz, der UN-Generalsekretär, Human Rights Watch und eine Reihe anderer NGOs Erklärungen abgegeben, in denen sie die Regierung Tadschikistans auffordern, von übermäßiger Gewaltanwendung abzusehen, Opfer unter der Zivilbevölkerung zu vermeiden und einen konstruktiven Dialog mit der Minderheit der Pamiris aufzunehmen.

Eine lange Verbundenheit

Einer der Akteure, der großen Einfluss auf die tadschikischen Behörden hat und damit zur Deeskalation des Konflikts beitragen kann, ist Russland, auf dessen Unterstützung die Pamiris aufgrund besonderer historischer Verbundenheit stark zählen. In einem Briefing zu den Ereignissen in Berg-Badachschan äußerte das russische Außenministerium jedoch nur seine Besorgnis über die Sicherheit russischer Bürger:innen sowie die Befürchtung von Opfern unter den Sicherheitskräften. Unter Bezugnahme auf die tadschikischen Behörden sprach es von Spannungen, die durch kriminelle Elemente und Extremismus hervorgerufen worden seien.

Russland gilt seit langem als Beschützer der kleinen Völker im Pamir, die sich sprachlich (die Pamir-Sprachen gehören zu den ostiranischen Sprachen, während das Tadschikische eine westiranische Sprache ist) und religiös (anders als die sunnitischen Tadschik:innen sind die meisten Pamiris schiitische Ismailit:innen) von der übrigen Bevölkerung Tadschikistans unterscheiden. Die besondere Beziehung zwischen Russland und den Pamiris entwickelte sich bereits im 19. Jahrhundert, als das Russische Reich die Pamiris buchstäblich vor dem Völkermord durch die afghanischen Khane und der Unterdrückung durch die Emire von Buchara schützte. Diese hielten die Pamiris aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur Schia für Ungläubige. Zu dieser Zeit begann das russische Militär des Pamir-Verbandes, „der die südlichen Grenzen vor äußeren Feinden schützte, die Anwohner:innen vor inneren Feinden, Banditen und Beamten zu schützen und damit nicht vorhandene lokale Behörden zu ersetzen“.

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Während der Sowjetzeit und bis zum ihrem Abzug im Jahr 2004 waren drei russische Grenzbataillone im Pamir stationiert (Chorugh, Ischkoschim und Murghob) und versorgten die Bewohner:innen der abgelegenen Bergregion mit Nahrung und Arbeitsplätzen. Selbst während des Bürgerkriegs 1992-1997, als die Pamiris auf der Seite der Opposition standen, wurde das russische Militär zum einzigen bedeutenden Wirtschaftsagenten und Sicherheitsgaranten, der verhinderte, dass Berg-Badachschan die gleiche Entwicklung vollzog wie Afghanistan.

Die heutige russische Politik in Bezug auf den Pamir ist distanzierter und unterscheidet sich grundlegend vom zaristischen Russland sowie von der Sowjetregierung, die trotz kolonialer Ambitionen von kreativer und humanitärer Natur war.

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Die Bewohner des Pamirs mit ihrer eigenen Kultur und Lebensweise zeichnen sich seit jeher dadurch aus, dass sie gastfreundlich, friedliebend und freidenkend sind. Eine wichtige Rolle spielen dabei auch das hohe Bildungsniveau der Bevölkerung und die Zugehörigkeit zum Ismailismus, der als recht demokratische Bewegung im Islam gilt. Diese Eigenschaften haben den Pamiris den Schutz des tausende Kilometer entfernten Russlands gesichert. Sie erklären auch bis zu einem gewissen Grad die höhere Wahrscheinlichkeit von Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Wie die Praxis jedoch zeigt, verschärfen gewaltsame Methoden zur Unterdrückung von Protesten die bestehenden Widersprüche.

Die einzig wirksame Methode zur Lösung von Konfliktsituationen besteht darin, zwischen dem Zentrum und Berg-Badachschan einen Dialog mit einflussreichen Mediatoren einzuleiten. Russland könnte als solcher Vermittler fungieren. Angesichts der aktuellen Lage in der Welt gibt es jedoch mehrere Faktoren, die die eher mangelnde Bereitschaft Russlands erklären, in diesen Konflikt einzugreifen.

Der ukrainische Faktor

Vor dem Hintergrund des anhaltenden Krieges in der Ukraine und zunehmender politischer und wirtschaftlicher Isolation ist es für Russland wichtig, gute und vertrauensvolle Beziehungen zur derzeitigen Führung Tadschikistans zu pflegen. Dies zeigt der jüngste Moskau-Besuch des tadschikischen Präsidenten Emomali Rahmon im Rahmen eines Treffens der OVKS-Mitgliedstaaten. Tadschikistan bleibt ein befreundetes Land.

Davon zeugt auch die neutrale, wenn nicht gar stillschweigende Position Tadschikistans in Bezug auf die russische Aggression gegen die Ukraine und deren humanitären Folgen. Das Land vertrat diese während der Annahme zweier Resolutionen der Generalversammlung der Vereinten Nationen im März dieses Jahres. Im April weigerte sich Tadschikistan, den Ausschluss Russlands aus dem UN-Menschenrechtsrat zu unterstützen.

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Sich auf die Seite der Pamir-Minderheiten zu stellen, bedeutet für Russland demnach, das derzeitige politische Regime Tadschikistans gegen sich aufzubringen und dementsprechend die Beziehungen zu einem Verbündeten zu zerstören. Dies kann sich Russland zurzeit nicht leisten.

Der afghanische Faktor

Obwohl Tadschikistan ein souveräner Staat ist, gilt die tadschikisch-afghanische Grenze immer noch als strategisch wichtig in Bezug auf den Schutz russischer Interessen. Die derzeitige Herrschaft der Taliban in Afghanistan beunruhigt Moskau ernsthaft, da sie eine potentielle Gefahrenquelle zunehmenden Waffen- und Drogenschmuggels sowie der Infiltration von Mitgliedern radikaler Gruppen wie dem sogenannten „Islamischen Staat“ nach Zentralasien und Russland darstellt. Auch hier ist es Russland derzeit jedoch nicht möglich, an mehreren Fronten zu kämpfen.

Die 201. Militärbasis, die größte des Zentralen Militärbezirks der russischen Streitkräfte, befindet sich in Tadschikistan, und einigen Berichten zufolge ist Russland gezwungen, einen Teil des Kontingents in die Ukraine zu verlegen, wodurch Russlands Südflanke bloßgelegt wird. Der tadschikische Präsident Emomali Rahmon ist der einzige und schärfste Kritiker der Taliban unter den zentralasiatischen Führern. Trotzdem bewertet Russland die Dynamik der Herrschaft der Taliban positiv und unternimmt sogar Schritte, um diplomatische Beziehungen zu ihnen aufzunehmen.

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Moskau macht sich jedoch keine Illusionen über die Zuverlässigkeit des Taliban-Regimes und hat es demnach nicht eilig, sie von der Liste der in Russland verbotenen Terrororganisationen zu nehmen. So wendet Russland einerseits sanfte Rhetorik gegenüber den Taliban an, um den möglichen Vormarsch radikaler Gruppen in Zentralasien zurückzuhalten, und hält andererseits die Hand am Puls der Zeit. Angesichts der jüngsten Verlegung einer großen Zahl bewaffneter Taliban-Anhänger an die Grenze zu Tadschikistan und Usbekistan, widmet Moskau der Stärkung der tadschikisch-afghanischen Grenze maximale Aufmerksamkeit und unterstützt die derzeitige Führung Tadschikistans auf jede erdenkliche Weise.

Der chinesische Faktor

Chinas Expansion im Pamir findet schnell und in großem Umfang statt. Vom Straßenbau über die Veräußerung eines Teils des Territoriums des Bezirks Murghob in Berg-Badachschan an China im Jahr 2011, die Übertragung von Silbervorkommen zur vorübergehenden Nutzung bis hin zum Bau inoffizieller militärischer Einrichtungen nimmt Chinas militärische und wirtschaftliche Präsenz in der Region zu. Günstige Bedingungen entstehen hierbei nicht etwa für die Pamiris, sondern für das herrschende Regime Tadschikistans.

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Im Gegensatz zu Russland sind Tadschikistan und insbesondere der Pamir für das Reich der Mitte eine relativ einfache Ressourcenquelle, wie die Indikatoren für ausländische Direktinvestitionen belegen. Während im Jahr 2010 die Zahl der ausländischen Direktinvestitionen aus Russland und China nach Tadschikistan noch fast identisch war, sind die chinesischen Investitionen im Jahr 2020 zehnmal so hoch wie die russischen.

Allerdings ist der Pamir für China, genau wie für Russland, eine Pufferzone, um das Land vor der Infiltrierung radikaler islamistischer Gruppen zu schützen. Da die Sicherheitsinteressen Chinas und Russlands in Zentralasien zusammenfallen und auch angesichts der Annäherung zwischen Russland und China vor dem Hintergrund der Konfrontation mit dem Westen, lässt Russland die chinesische Expansion zu. Darüber hinaus spielt auch eine Rolle, dass Moskaus Prioritäten derzeit auf die Ukraine ausgerichtet sind.

Schlussfolgerungen

Die Kolonialisierung Zentralasiens im 19. Jahrhundert war begleitet von russischer Gewalt und erbittertem Widerstand der lokalen Bevölkerung. Laut dem Historiker Alexander Morrison entwickelte und befreite das Russische Reich jedoch im Gegensatz zu anderen Regionen Zentralasiens den an Mineralien und Edelsteinen reichen Pamir nicht aus wirtschaftlichen Interessen, da die Entwicklung der Industrie aufgrund der natürlichen Gegebenheiten der rauen Region sehr schwierig war. Sogar die strategische geografische Bedeutung des Pamirs im Großen Spiel zwischen Russland und Großbritannien trat in den Hintergrund.

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Vielmehr wurde Russlands Interesse am Pamir durch die einzigartigen Merkmale der Bergbewohner:innen (einschließlich ihrer Religion, Sprache und äußeren Unterschiede) erklärt, deren Kultur und Lebensweise vor der vollständigen Zerstörung bewahrt werden mussten. Laut Morrison waren die Pamiris für die Russ:innen „die letzten indigenen Völker Zentralasiens, die durch aufeinanderfolgende Wellen türkischer Migration in die Berge zurückgedrängt wurden, die aber gleichzeitig eine ethnische und sprachliche Identität bewahrten“. Darüber hinaus erregte die äußerst beklagenswerte und verwundbare Existenz des Pamiris unter dem Joch der afghanischen Khane und der Emire von Buchara große Sympathie und Mitgefühl bei den russischen Offizieren, die auf die Hilferufe der Bergbewohner:innen reagierten. Wie die Ereignisse jedoch zeigen, ist auf diese besondere Beziehung zwischen Russland und dem Pamir im 21. Jahrhundert kein Verlass.

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Ohne die Vermittlung eines einflussreichen Mediators wird die Konfrontation zwischen der Zentralregierung in Duschanbe und den Bewohner:innen des Pamirs weiter eskalieren. Angesichts der Erfahrungen des Bürgerkriegs der 1990er Jahre und der Nähe zum unruhigen Afghanistan wird dies zwangsläufig Auswirkungen auf die Stabilität der gesamten zentralasiatischen Region haben. So wie die Ereignisse in der Ukraine die Weltgemeinschaft zwingen, Russlands Rolle als Aggressor auf globaler Ebene neu zu bewerten, könnte Moskaus mangelnde Bereitschaft oder Unfähigkeit, die historischen Beziehungen zu den Pamir-Völkern aufrechtzuerhalten, zu einem Umdenken über Russlands Rolle auf regionaler Ebene führen. Mit anderen Worten, Russlands Rückzug aus dem Pamir spricht nicht nur für Moskaus schwindenden wirtschaftlichen und militärischen Einfluss in der Region, sondern kann auch zu einem Rückgang des Vertrauens in Russland als zuverlässigen Verbündeten führen.

CABAR

Aus dem Russischen von Robin Roth

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Hat Politologie und Slavistik in Göttingen und Torun studiert. Von 2015 bis 2017 war er Sprachassistent des Goethe-Instituts Kasachstan mit dem Einsatzort Qaragandy und hat während dieser Zeit Zentralasien kennen und lieben gelernt.

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