Kirgisisch-tadschikischer Grenzkonflikt verschärft sich

In den vergangenen Tagen ist es an der Grenze zwischen Tadschikistan und Kirgistan zu Zusammenstößen gekommen, bei denen mehr als 100 Menschen getötet wurden. Der Grenzkonflikt ist nicht neu, allerdings waren die Kämpfe viel intensiver als zuvor. Ein Überblick.

Während sich die Staatsoberhäupter von Tadschikistan und Kirgistan, Emomali Rahmon und Sadyr Dschaparow, auf dem Gipfeltreffen der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) in Samarkand die Hand schüttelten, ist der schwelende Grenzkonflikt zwischen beiden Ländern eskaliert. Wie das tadschikische Nachrichtenportal Asia-Plus berichtet, kam es seit dem 14. September an mehreren Grenzabschnitten zu Schusswechseln. Doch ab dem 16. September erreichte der Konflikt eine neue Qualität, als beide Staaten zu schweren Waffen griffen.

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Wie der Experte Temur Umarow gegenüber dem tadschikischen Onlinemedium Kloop erläutert [ru/de], konzentrierten sich die Kämpfe dabei auf die Dörfer Ak-Saj, Kök-Tasch und Samarkandek im kirgisischen Gebiet Batken, die tadschikischen Dörfer Tschorku und Surch in der Provinz Sughd sowie auf die Enklave Woruch, die mit dem tadschikischen Kernland nur über eine einzige Straße verbunden ist. Mehrere Städte waren betroffen, darunter Batken in Kirgistan und Isfara in Tadschikistan.

Dutzende Tote und Verletzte

Laut dem kirgisischen Gesundheitsministerium wurden seit dem 14. September 59 Menschen getötet und 163 verletzt. Mehr als 140.000 Menschen wurden evakuiert, etwa ein Viertel der Bevölkerung der Region. Auf tadschikischer Seite meldeten die Behörden 41 Todesopfer.

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Beide Länder beschuldigen sich gegenseitig der Aggression: Das kirgisische Außenministerium beschrieb die Ereignisse als „eine aggressive bewaffnete Aktion, die von Tadschikistan geplant wurde“, berichtet Radio Ozodi, der tadschikische Dienst von Radio Free Europe. Das tadschikische Außenministerium wirft währenddessen seinem Nachbarn vor „einen bewaffneten Angriff“ begangen und „das Feuer an der gesamten Grenze eröffnet“ zu haben.

Waffenstillstandsvereinbarungen

Nachdem ein erstes Waffenstillstandsabkommen vom 17. September nicht eingehalten wurde, vereinbarten beide Seiten am Abend des 19. September ein neues Abkommen, in dem laut dem Chef des kirgisischen Staatssicherheitskomitees „Maßnahmen zur Wiederherstellung der Stabilität“ getroffen wurden. Seitdem scheint sich die Situation laut der kirgisischen Nachrichtenagentur 24.kg stabilisiert zu haben.

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Das Abkommen enthält ein Protokoll, dass von den Leitern der nationalen Sicherheitskomitees beider Länder unterzeichnet wurde. Laut Asia-Plus sieht es vor, dass die beiden Parteien ihre Truppen von der Grenzlinie zu den Stationierungsorten zurückziehen müssen. Nur Grenztruppen dürfen sich an der Grenze der beiden Länder aufhalten.

Ein alter Konflikt

Es ist nicht das erste Mal, dass die Grenze zwischen Tadschikistan und Kirgistan ein Konfliktherd ist. Seit einigen Jahren kommt es regelmäßig zu Zusammenstößen. Normalerweise deeskalieren die Konflikte aber schnell.

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An der mehr als 900 Kilometer langen gemeinsamen Grenze ist der genaue Verlauf an mehr als der Hälfte umstritten. Der schwierige Zugang zu Wasser in der Region und die vielen Enklaven verschärfen die Spannungen zwischen beiden Staaten.

Mehr als ein Grenzstreit

Die neue Episode der Rivalität zwischen Kirgistan und Tadschikistan scheint aber über die Terminologie eines einfachen Grenzstreits hinauszugehen, da auf beiden Seiten schwere Artillerie eingesetzt wurde. So wirft Kirgistan den tadschikischen Streitkräften vor, Panzer, Schützenpanzer und Mörser eingesetzt zu haben. Der Beschuss von Batken und ziviler Infrastruktur in Kirgistan stellt einen weiteren Schritt in der Eskalation des Konflikts dar, denn die rund zehn Kilometer von der Grenze entfernte Stadt liegt nicht in von der tadschikischen Seite beanspruchtem Gebiet.

Wie Reuters berichtet, beschuldigt Tadschikistan seinerseits die kirgisischen Streitkräfte, einen Außenposten und sieben Dörfer mit „schweren Waffen“ angegriffen und dabei die türkischen Drohne Bayraktar verwendet zu haben. Diese Anschuldigungen müssen jedoch noch bestätigt werden.

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Eurasianet zeigt derweil, dass der Angriff auf der tadschikischen Seite von bestimmten Soldaten vorsätzlich geplant wurde. Das auf den Südkaukasus und Zentralasien spezialisierte, amerikanische Medium listet mehrere Videos auf, die tadschikische Soldaten identifizieren, die zum Angriff bereit waren.

Internationale Reaktionen

Das Wiederaufflammen des Konflikts zwischen Kirgistan und Tadschikistan hat international mehrere Reaktionen hervorgerufen. Kasachstans Präsident Qasym-Jomart Toqaev forderte eine friedliche Beilegung des Konflikts, berichtet das kasachstanische Nachrichtenportal Vlast.

Am 18. September forderte Russlands Präsident Wladimir Putin nach Angaben der russischen Nachrichtenagentur TASS die beiden Länder auf, „eine Eskalation des Konflikts zu vermeiden“. Putin hatte mit beiden Staatschefs telefoniert und angeboten, in dem Konflikt zu vermitteln, ohne dass diese aber darauf reagierten.

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Die Europäische Union begrüßt derweil in einer Erklärung das jüngste Waffenstillstandsabkommen. Zuvor hatte UN-Generalsekretär Antonio Guterres beide Parteien aufgefordert, „in einen Dialog für einen dauerhaften Waffenstillstand zu treten“. In einer Erklärung erinnerte er daran, dass „die UN bereit ist, bei der Suche nach einer dauerhaften Lösung zu helfen, die die Differenzen an der Grenze überwinden wird.“

Emma Collet, Redakteurin für Novastan

Aus dem Französischen von Robin Roth

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