Sicherheitspolitik: Die Türkei weitet ihren Einfluss in Zentralasien aus

Während sich die Türkei von der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten löst, versucht sie, ihr Bündnisnetzwerk in ganz Zentralasien zu konsolidieren. Recep Tayyip Erdoğan nutzt verschiedene Mittel, um die ehemaligen Sowjetrepubliken in seinen Einflussbereich zu ziehen.

Entsprechend der Idee der pantürkischen Einheit erweitert die Türkei ihren Einfluss in Zentralasien, insbesondere in den Bereichen Industrie und Verteidigung. So erhalten zentralasiatische Länder unter anderem türkische Drohnen.

Das neue Flaggschiff der türkischen Verteidigungsindustrie, die Drohne Bayraktar TB2, ist ein unbemanntes Luftfahrzeug, das in mittlerer Höhe operiert. Laut dem tadschikischen Nachrichtenportal Asia-Plus ist die Drohne 6,50 Meter lang und hat eine Flügelspannweite von 12 Metern. Bayraktar TB2 kann mehr als 24 Stunden in der Luft bleiben und eine Geschwindigkeit von 222 km/h erreichen.

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Die neuen Versionen dieser Drohne können eine maximale Reichweite von 300 Kilometern erreichen und gleichzeitig mit Bomben und Panzerabwehrraketen ausgestattet werden. Mit einem Stückpreis zwischen 2,5 und 5 Millionen US-Dollar (zwischen 2,46 und 4,92 Millionen Euro) ist die türkische Drohne deutlich günstiger als ihr amerikanischer Konkurrent. Darüber hinaus hat Bayraktar TB2 durch die Verwendung im Konflikt zwischen Aserbaidschan und Armenien an Popularität gewonnen.

Türkische Drohnen im Konflikt zwischen Tadschikistan und Kirgistan

Professor Mehmet Yüce, Ökonom an der Universität Bursa, erklärt gegenüber Novastan, dass „die Stärkung der Beziehungen zwischen den zentralasiatischen Ländern und der Türkei durch die Zusammenarbeit im Bereich der Verteidigungsindustrie als eine sehr wichtige Strategie angesehen wird“. Darüber hinaus konnte die Türkei, indem sie zu einem „der drei größten Drohnenhersteller der Welt“ wurde, „ihre Abhängigkeit vom Ausland verringern“ und gleichzeitig „ihr Umfeld beeinflussen, und so ihre Außenpolitik immer durchsetzungsfähiger zu machen“.

Während es zwischen Kirgistan und Tadschikistan regelmäßig zu gewalttätigen Grenzkonflikten kommt, setzt Bischkek seit Dezember 2021 türkische Drohnen ein. Mehmet Yüce erinnert jedoch daran, dass „Kirgistan sein Unbehagen darüber zum Ausdruck gebracht hat, dass die Türkei Drohen an Tadschikistan verkauft hat. Sowohl die jüngsten Äußerungen aus Kirgistan als auch die der regionalen Gemeinschaft stellen die Gründe für diese Drohnenverkäufe in Frage.“

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Wie Radio Ozodi, dem tadschikischen Dienst von Radio Free Europe, berichtet, unterzeichneten der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar und sein tadschikischer Amtskollege Scherali Mirso am 20. April ein Rahmenabkommen über die militärische Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern. Dies würde Tadschikistan ermöglichen, Drohnen des gleichen Typs zu erwerben.

Der Politikwissenschaftler Parwis Mullodschanow erklärt dies gegenüber Radio Ozodi damit, dass „wenn die Türkei nur für eine Seite Partei ergriffen hätte, die andere Seite eine absolut antitürkische Position eingenommen hätte“. Er fügt hinzu, dass „die Türkei sich nicht nur als Turkstaat positioniert, sondern auch als Anführer der islamischen Welt“, was wiederum ihre weltweiten Aktivitäten bestimmen könnte.

Ist eine pantürkische Einheit möglich?

Auch wenn die seit der Unabhängigkeit der Länder Zentralasiens vorangetriebene türkische Einheit zunächst scheiterte, ist Ankara zu einem immer wichtigeren wirtschaftlichen und kulturellen Akteur in der Region geworden. Dies belegt auch die im März 2021 [fr] zwischen allen Akteuren diskutierte Turkic World Vision 2040.

Während Magomed Beltuev, Co-Leiter der Eurasien-Abteilung am Institut für Geopolitische Studien, diese Fortschritte relativiert, indem er feststellt, „dass es eine Trennung zwischen der Kommunikation und ihrer Umsetzung in internationale Abkommen gibt“, erinnert Mehmet Yüce daran, dass die Türkei bereits „unter den drei wichtigsten und mächtigsten Akteuren in Zentralasien ist“.

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Laut Yüce ist die Organisation der Turkstaaten kurzfristig das wichtigste Instrument der Türkei. „Innerhalb dieser institutionellen Struktur kann die Macht in der Region gestärkt werden, indem die politische, militärische und wirtschaftliche Zusammenarbeit ausgebaut und die Interaktion im kulturellen Bereich verstärkt wird“, fügt er hinzu.

Sanfte Maßnahmen im Rahmen der Zusammenarbeit mit den Ländern der Region könnten seiner Meinung nach ermöglichen, den Einfluss „durch eine gemeinsame Literatur, eine gemeinsame Sprache, eine gemeinsame Geschichte sowie sportliche und kulturelle Aktivitäten“ auszubauen. Obwohl die Türkei mit dem Ziel agiere, eine Macht in der Region zu werden, müsse dies zunächst „durch eine Integration im wirtschaftlichen und politischen Bereich erfolgen“.

Die Verteidigungsindustrie als Instrument zur Integration

Nicht nur bei den Drohnen setzt die Türkei auf eine boomende Verteidigungsindustrie, die als Instrument mit beträchtlichem Einfluss eingesetzt wird. Wie das türkische Nachrichtenportal Daily Sabah berichtete, wurden der kasachstanische Armee im März 2021 von der türkischen Firma Otokar gepanzerte Fahrzeuge des Typs „Arma 8×8“ kostenlos für umfangreiche technische Tests zur Verfügung gestellt. Einige Wochen zuvor hatten die beiden Länder Möglichkeiten zur Stärkung der Zusammenarbeit im Bereich der Verteidigungsindustrie erörtert.

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Während einer Türkei-Reise von Kirgistans Verteidigungsministers Baktybek Bekbolotow besuchte die Delegation laut dem kirgisischen Nachrichtenportal Kaktus zahlreiche Einrichtungen großer Rüstungsunternehmen. Am 18. Februar erhielt die kirgisische Armee dann türkische Ausrüstung, darunter Fahrzeuge und Schutzausrüstung.

Auch Turkmenistan hat seine Militärimporte aus der Türkei ausgeweitet. Laut dem Fachmedium Defense News gehört Aschgabat nicht nur zu den Abnehmern der Drohne Bayraktar TB2, sondern bezieht bereits seit 2010 Schnell- und Patrouillenboote. Im August 2021 erteilte Turkmenistan der türkischen Werft Dearsan einen Auftrag für eine 91 Meter lange Korvette.

Konkurrenz mit Russland und China

Trotz des Konflikts in der Ukraine bekräftigt Mehmet Yüce, „dass es kurzfristig nicht möglich ist, dass sich die zentralasiatischen Länder darauf einigen, das Militär eines anderen Landes als Russland in der Region zu dulden“. Einer der wichtigsten russischen Stützpunkte im Ausland befindet sich in Tadschikistan.

Während Ankara in Moskaus „nahem Ausland“ als Rivale wahrgenommen wird, da es die Existenz zentralasiatischer Länder als eigenständige Staaten fördert, sind die Beziehungen zwischen den beiden Ländern im Allgemeinen ambivalent. „Einerseits gibt es in verschiedenen Regionen verschiedene Probleme und Interessenkonflikte mit Russland. Andererseits wird eine partielle Zusammenarbeit mit Russland vorgeschlagen. In diesem Zusammenhang können in verschiedenen Regionen unterschiedliche Strategien verfolgt werden“, so der Professor.

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Während Moskau historisch in Zentralasien verankert ist, erscheint Peking letztlich als der Hauptkonkurrent der türkischen Politik. Laut Mehmet Yüce „sollte zunächst angemerkt werden, dass China den wirtschaftlichen Einfluss Russlands in Zentralasien und die wirtschaftliche Abhängigkeit der zentralasiatischen Länder von Russland gebrochen hat. Wenn wir uns die Handelsvolumendaten im Jahr 2020 ansehen, sehen wir, dass China nicht nur für die Türkei, sondern auch für Russland ein riesiger Konkurrent ist. Denn im Jahr 2020 stellt China ein Handelsvolumen von mehr als 20 Milliarden US-Dollar (19,7 Milliarden Euro) gegenüber 15 Milliarden (14,8 Milliarden Euro) im Fall von Moskau.“

Laut Mehmet Yüce zeige dieser harte Wettbewerb, dass die Zusammenarbeit zwischen Peking und Moskau fragil ist und vor ernsthaften Herausforderungen stehe. „In diesem Zusammenhang könnte die Türkei diesen Riss richtig lesen und ihn in einen Vorteil verwandeln. […] Die Türkei könnte eine Politik umsetzen, die darauf abzielt, ihre Interessen zu maximieren, indem sie ihre Kräfte mit Russland und China ausgleicht und sich ihnen nicht widersetzt“, schließt der Professor.

Paul Mougeot, Redakteur für Novastan

Aus dem Französischen von Robin Roth

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