Orhan Inandı

Kirgistan – Leiter von Schulnetzwerk vom türkischen Geheimdienst festgenommen

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan gab am 5. Juli bekannt, dass der seit Ende Mai in Kirgistan vermisste Orhan Inandı vom türkischen Geheimdienst gefasst und an die Türkei ausgeliefert worden ist. Inandı ist seit 2012 kirgisischer Staatsbürger.

Der Verdacht erwies sich als zutreffend. Nach wochenlangen Zweifeln über den Verbleib des türkisch-kirgisischen Staatsbürgers Orhan Inandı bestätigten die türkischen Behörden am 5. Juli schließlich die Verdachtsmomente. In seiner vom türkischen Fernsehsender TRT Haber übertragenen Rede erklärte Präsident Recep Tayyip Erdoğan, der türkische Geheimdienst (MIT) habe Inandı in die Türkei überstellt.

Inandı, der seit dem 31. Mai in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek vermisst wird, ist der Generaldirektor von Sapat, einem Netzwerk von Schulen, die mit der Bewegung des Geistlichen Fethullah Gülen verbunden sind. Die türkischen Behörden gehen seit August 2016 und dem Putschversuch, der Gülen zugeschrieben wird, hart gegen die Bewegung vor. Diese wird in der Türkei FETÖ genannt, was für Fethullahistische Terrororganisation steht.

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Als Ergebnis der originellen und geduldigen Untersuchungen unseres nationalen Nachrichtendienstes wurde Orhan Inandi, der Generaldirektor der FETÖ für Zentralasien, in unser Land gebracht und vor Gericht gestellt. Diese Person war während ihres Aufenthalts in der Türkei an der geheimen Struktur der Organisation beteiligt. Diese Person, die später einer der höchsten Funktionäre der Organisation wurde, hat das schmutzige Geld der FETÖ in Zentralasien ausgenutzt und die Gehirne, die er vergiftet hat, für die dunkle Agenda der Organisation eingesetzt“, sagte das türkische Staatsoberhaupt.

Erdoğan fügte hinzu, er werde nicht zulassen, dass eine Struktur, die den türkischen Staat und die türkische Nation verrate, weiterbestehe. Mehr als 100 Personen, die angeblich mit der Gülen-Bewegung in Verbindung stehen, wurden in verschiedenen Ländern der Welt festgenommen und in der Türkei eingesperrt, berichtet TRT Haber.

Orhan Inandı seit 1995 in Kirgisistan tätig

Nach Angaben von Sapat wurde Orhan Inandı 1968 im Bezirk Andırın von Kahraman Marash in der Zentraltürkei geboren. Er studierte an einer Universität in Ankara und wurde Professor für Geschichte. Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung hatte Inandı seit 1995 in Kirgistan für das Sapat-Netzwerk (bis Anfang 2017 Sebat) gearbeitet.

Der Lehrer wurde zunächst 2002 mit dem Abzeichen „Excellence in Education of the Kyrgyz Republic“, dann mit dem Diplom der Kirgisischen Republik und 2003 mit der Ehrenmedaille für seinen Beitrag zum kirgisischen Bildungssystem ausgezeichnet. Im Jahr 2012 wurde ihm die kirgisische Staatsbürgerschaft verliehen.

Im Jahr 2019 beschuldigte Ankara Inandı, Verbindungen zur Gülen-Bewegung zu unterhalten, die in der Türkei als terroristisch gilt, und beantragte seine Auslieferung.

Die Reaktion der kirgisischen Behörden

Die Entführung auf kirgisischem Boden blieb nicht ohne Reaktion seitens der kirgisischen Behörden: Am 6. Juli übergab das Außenministerium dem türkischen Botschafter in Kirgistan, Ahmet Dogan, eine Note.

Das Außenministerium stellte fest, dass das Vorgehen der türkischen Seite einen schweren Verstoß gegen die grundlegenden Prinzipien und Normen des Völkerrechts und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte darstellt. Der Botschafter sei im Namen von Präsident Sadyr Dschaparow vorgeladen worden, berichtete das kirgisische Medienportal Kloop.kg.

Die kirgisische Seite forderte die türkische Seite auf, Orhan Inandı nach Kirgistan zurückzubringen und alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um seine ordnungsgemäße Behandlung zu gewährleisten und die Anwendung gewaltsamer und entwürdigender Maßnahmen gegen ihn in Übereinstimmung mit dem Völkerrecht zu verhindern“, so das Ministerium. Die Nichtregierungsorganisation Human Rights Watch gab am Mittwoch, den 7. Juli, ebenfalls eine Erklärung ab, in der sie die Verhaftung als klaren Verstoß gegen das Völkerrecht bezeichnete.

Daraufhin erklärte die Türkei, die Operation sei nicht auf kirgisischem Boden durchgeführt worden und Inandı sei ausschließlich als türkischer Staatsbürger anerkannt worden, so Kloop weiter. Von kirgisischen Abgeordneten befragt, bestätigte auch Innenminister Ulan Niasbekow, dass sich keine türkischen Spezialeinheiten auf kirgisischem Boden befänden, so die kirgisische Nachrichtenagentur 24.kg.

Wie das kirgisische Medienunternehmen Kabar berichtete, hatten die Abgeordneten am 7. Juli vorgeschlagen, Erklärungen der Strafverfolgungsbehörden zum Verschwinden eines kirgisischen Staatsbürgers anzuhören. Die kirgisischen Sicherheitsdienste (GKNB) leiteten am 7. Juli ebenfalls eine Untersuchung ein, wie 24.kg berichtet.

Das amerikanische Online-Medium Radio Free Europe/ Radio Liberty (RFE/RL) berichtet hingegen, kirgisische Sicherheitskräfte könnten an der Entführung beteiligt gewesen sein. Laut Inandıs Anwalt Halil Ibrahim Yilmaz sei dieser von drei kirgisisch sprechenden Männern entführt worden, bevor er in die Türkei gebracht wurde.

Auch Hugh Williamson, Leiter der Abteilung für Europa und Zentralasien von HRW, geht von einer Beteiligung der kirgisischen Behörden an der Entführung aus. Dass Inandı als kirgisischer und türkischer Staatsbürger in Kirgistan entführt wird und sich dann in Gewahrsam der türkischen Sicherheitsdienste wiederfindet, „deutet darauf hin, dass die kirgisische Regierung entweder nicht willens oder nicht in der Lage ist, Ankara die Stirn zu bieten, oder aber direkt mit Ankara zusammenarbeitet,“ so Williamson in einer Presseerklärung. Ein Sprecher des kirgisischen Präsidenten wies die Vorwürfe als „komplett absurd“ zurück, so RFE/RL. Die genauen Umstände des Verschwindens bleiben ungeklärt.

Unterstützung auf den Straßen von Bischkek

Auch in auf gesellschaftlicher Ebene blieb der Fall in Kirgistan nicht unbemerkt. 24.kg berichtet, dass sich kurz nach der Entführung Hunderte von Menschen auf den Straßen von Bischkek versammelten und die kirgisischen Behörden aufforderten, Inandı zu finden.

Wir hatten genug andere Beispiele, die uns misstrauisch und besorgt machten“, sagte Inandıs Frau Reyhan Inandı der Deutschen Welle. Sie fügte hinzu, dass Anfragen bei der türkischen Botschaft über das Schicksal ihres Mannes ergebnislos verliefen.

Lest auch bei Novastan: Kirgistan – die Türkei im Feldzug gegen die Gülen Schulen

Tatsächlich ist die Verhaftung von Inandı eine von vielen. Seit 2016 hat die Türkei Dutzende von Ländern aufgefordert, Hunderte von Schulen und Bildungseinrichtungen zu schließen, die mit Fethullah Gülen in Verbindung stehen.

So hat die türkische Regierung die kirgisischen Behörden bereits 2016 aufgefordert, das Netz der Sapat-Schulen in Kirgistan zu schließen. Bischkek weigerte sich jedoch, dem nachzukommen und änderte lediglich den Namen des Schulnetzwerks von Sebat in Sapat – „Qualität“, jeweils auf Türkisch und auf Kirgisisch.

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Inandıs Verschwinden ereignete sich einige Tage vor dem offiziellen Besuch von Dschaparow in der Türkei (fr). Während dieses Besuchs vom 9. bis 11. Juni unterzeichnete der kirgisische Präsident mehrere Verträge mit seinem türkischen Amtskollegen, ohne dass das Thema des Lehrers zur Sprache kam. Ein Zeichen dafür, dass die kirgisische Regierung trotz der Proteste weiterhin intensive Beziehungen zu Ankara unterhält.

Indes wird Inandı in der Türkei der Beteiligung an einer „bewaffneten Terrororganisation“ beschuldigt. Laut der türkischen Presseagentur Anadolu Ajansi drohen ihm damit zwischen 15 und 22,5 Jahren Gefängnis.

Emma Vanzo
Redakteurin für Novastan

Aus dem Französischen und Ergänzungen von Florian Coppenrath

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Sapat.edu.kg
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