Startseite      Dutzende Verletzte und mehrere niedergebrannte Häuser bei Ausschreitungen an der kirgisisch-usbekischen Grenze

Dutzende Verletzte und mehrere niedergebrannte Häuser bei Ausschreitungen an der kirgisisch-usbekischen Grenze

Am 31. Mai ist es in einer der Grenzregionen zwischen Usbekistan und Kirgistan zu gewalttätigen Auseinandersetzungen gekommen.  Die Folgen des Konflikts, bei dem es sich um einen Streit um den Zugang zu Wasser handelt, sind dutzende Verletzte und drei niedergebrannte Häuser.  Vertreter der lokalen Behörden sowie der Regierungen beider Staaten fanden sich sofort zu Verhandlungen ein, um dem Zwischenfall ein Ende zu setzen.

Dorfbewohner attakieren sich gegenseitig
Am 31. Mai ist an der usbekisch-kirgisischen Grenze im Ferganatal erneut ein Konflikt eskaliert

Am 31. Mai ist es in einer der Grenzregionen zwischen Usbekistan und Kirgistan zu gewalttätigen Auseinandersetzungen gekommen.  Die Folgen des Konflikts, bei dem es sich um einen Streit um den Zugang zu Wasser handelt, sind dutzende Verletzte und drei niedergebrannte Häuser.  Vertreter der lokalen Behörden sowie der Regierungen beider Staaten fanden sich sofort zu Verhandlungen ein, um dem Zwischenfall ein Ende zu setzen.

Das Ferganatal kommt nicht zur Ruhe. Die Region sieht sich mit immer wieder auflodernden und sich ähnelnden Grenzkonflikten konfrontiert. Wie die kirgisische Nachrichtenagentur Kabar.kg berichtet, kam es am 31. Mai um die Mittagszeit im Grenzgebiet zwischen Usbekistan und Kirgistan – einer Zone, in der die Grenzen zwischen den Ländern nicht definiert sind – erneut zu Gewaltausbrüchen. Mehrere Einwohner des kirgisischen Dorfes Tschetschme im Distrikt Kadamschaj sind auf Bewohner des Dorfes Chashma, das in der von Kirgistan umgebenen usbekischen Enklave So´x liegt, losgegangen. Die Enklave ist, obwohl sie zu Usbekistan gehört, mehrheitlich von tadschikischer Bevölkerung bewohnt. Laut Radio Azattyk, dem kirgisischen Dienst des amerikanischen Medienhauses Radio Free Europe, haben die Dorfbewohner begonnen, kontinuierlich Steine zu werfen und hörten nicht damit auf, bevor ein Haus auf usbekischer Seite und zwei Häuser auf kirgisischer Seite niedergebrannt waren. Am 1. Juni verkündete die kirgisische Regierung , dass der Konflikt beigelegt wurde.

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Das kirgisische Gesundheitsministerium sprach in seiner letzten offiziellen Veröffentlichung bezüglich der Vorfälle von 25 Personen, die sich im Krankenhaus der Stadt Chaidarchan befänden. Zwei Personen würden sich in einem kritischen Zustand befinden und seien auf die Intensivstation verlegt worden.

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Von den offiziellen usbekischen Staatsorganen ist nichts bekannt, jedoch bestätigte der in Usbekistan lebende tadschikische Journalist Mirasror Fargoni von der in Prag ansässigen tadschikischen Zeitschrift Akhbor, dass 146 Personen ins Krankenhaus gebracht worden seien. Unter den Opfern befänden sich fünf oder sechs Personen, die durch Projektile verwundet wurden, die möglicherweise von einem Jagdgewehr abgefeuert wurden. Radio Ozodlik, der usbekische Dienst von Radio Free Europe zählt allerdings nur sechzehn Hospitalisierungen auf usbekischer Seite.

Eine Wasserquelle als Ursprung des Konflikts

Wie so oft in dieser Region sind die Zerwürfnisse auf einen Konflikt um den Zugang zu Rohstoffen zurückzuführen. Dieses Mal handelt es sich laut der kirgisischen Zeitschrift Turmush.kg um eine Wasserquelle in einer nicht definierten Grenzzone, die die Streitigkeiten auslöste. Die Quelle wird sowohl von den kirgisischen als auch von den usbekischen Dorfbewohnern in der Nähe genutzt. Gemeinsam hätten alle am 31. Mai eine Reinigung vorgenommen. Laut Dscheenbek Makambajew, dem Verwaltungschef des kirgisischen Bezirks Birlik, findet diese Reinigung für gewöhnlich einmal jährlich statt. Dabei löste anscheinend ein Wortgefecht um die Besitzverhältnisse der Quelle unter den Teilnehmern einen bewaffneten Konflikt aus.

Die Enklave So´x auf einer Landkarte
Die Enklave So´x ist von Kirgistan umgeben

Turmush.kg zufolge bestätigte der Leiter der lokalen kirgisischen Katasterbehörde und gleichzeitig Beauftragte für  Immobilienrechte von Kadamschaj, Ababakir Mitalipow, dass sich die Quelle auf dem Gebiet des kirgisischen Dorfes Chechme befinde. Der kirgisische Vizepremierminister Akram Madumarow zeigte sich dabei weit weniger sicher. „Es handelt sich dabei um einen umstrittenen Ort, die Quelle wird von beiden Konfliktparteien verwendet, Streitigkeiten treten dabei immer wieder auf. Wir werden die Verschlechterung der Allgemeinsituation nicht dulden“, verkündete er am 31. Mai auf Radio Azattyk.

Kirgisische und usbekische Behörden bemühen sich um eine Beruhigung der Situation

Am Abend des 31. Mai wurden kirgisische Truppen an den Ort des Geschehens geschickt, um die Situation zu stabilisieren. Um etwa 21 Uhr Ortszeit konnten bereits Verhandlungen zwischen den lokalen kirgisischen und usbekischen Vertretern stattfinden, wie die usbekischen Grenzwächter auf dem Messangerdienst Telegram berichteten. Radio Azattyk zufolge wurde die kirgisische Seite vom ersten Vize-Gouverneur der Provinz Batken Dscharkinbek Maksutow und dem Verwaltungschef des Bezirks Kadamschaj Alginbaj Imarow vertreten. Auf der usbekischen Seite haben der Gouverneur der Provinz Farg´ona, Shuxhrat Ganiev, sowie der Bezirkssleiter  von So’x an den Verhandlungen teilgenommen.

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Die lokalen Verantwortlichen haben gemeinsam Maßnahmen in die Wege geleitet, um die Situation in Griff zu bekommen und neuerliche Verstimmungen zu vermeiden. Ebenso wurden die Dorfbewohner pädagogisch betreut. „Die Situation ist derzeit unter Kontrolle. Es wurden angemessene Maßnahmen getroffen um die Ursachen und Konsequenzen des Konfliktes zu beseitigen“, haben die Grenzwachen am 31. Mai auf ihrem Telegram-Kanal bestätigt.

Zudem hat die kirgisische Regierung am 1. Juni auf ihrer offiziellen Webseite mitgeteilt, dass zwischen dem kirgisischen Vize-Premierminister Kubatbek Boronow und dem usbekischen Premierminister Abdulla Oripov ein Treffen stattgefunden habe. Die zwei Regierungsvertreter hätten sich an einem in der Nähe des Konfliktherdes liegenden Grenzposten getroffen. In der kirgisischen Erklärung heißt es: „Die Konfliktparteien haben in Bezug auf den Zwischenfall an der Grenze Reue gezeigt und haben dazu aufgerufen ein Paket von Maßnahmen zu treffen, um die Situation zu lösen, eine Eskalation zu verhindern und die Spannungen zu beruhigen.“ Letztendlich haben sich die beiden Staaten in bereits zuvor abgeschlossenen Verträgen für eine Kooperation ausgesprochen, die die Grenzprobleme  der beiden Staaten beenden sollte. „In Folge der Sitzung haben sich die Konfliktparteien darauf geeinigt, gemeinsame Untersuchungen durchzuführen und die Urheber zur Verantwortung zu ziehen, “ schließt die Mitteilung.

Der zweite Zwischenfall innerhalb eines Monats in der Region So’x

Trotz merklicher Fortschritte in den Jahren 2017 und 2018, die vor allem durch die Unterzeichnung von Abkommen zur Grenzziehung von rund 92 Prozent des Grenzverlaufes erzielt wurden, kommt es regelmäßig zu Ausschreitungen zwischen kirgisischen und usbekischen Einwohnern. Die Zwischenfälle konzentrieren sich vor allem auf die Enklave von So’x, wo die Grenze nicht genau demarkiert ist. Am 1. Mai war es bereits zu Auseinandersetzungen in Bezug auf Weideflächen gekommen. Etwa sechzig usbekische Dorfbewohner warfen Steine auf kirgisische Grenzsoldaten, die darauf mit einigen Luftschüssen antworteten. Die Weidefläche, um die der Streit ausbrach, liegt ebenfalls auf einem Gebiet, an dem die Grenzziehungen nicht genau getroffen wurden. Beide Lager bestehen darauf, dort ihr Vieh grasen zu lassen.

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Bei den aktuellen Auseinandersetzungen handelt es sich also um die letzten einer Serie von Zwischenfällen seit dem Zerfall der Sowjetunion im Jahr 1991. 1999 beschloss die usbekische Regierung die Enklave zu verminen und die militärische Präsenz zu verstärken, um gegen die Islamische Bewegung Usbekistan (IBU) vorzugehen. Im Jahr 2013 kam es neuerdings zu Spannungen, als die Straße, die die Provinz So’x mit dem Rest Usbekistans verband, gesperrt wurde. Letztendlich sind die Streitigkeiten um den Rohstoff Wasser nichts Neues. Bereits 2016 berichtete Radio Ozodlik von Konflikten in Bezug auf den Zugriff auf Trinkwasser und das Bewässerungssystem zwischen dem usbekischen Dorf Chashma und den Einwohnern des kirgisischen Dorfes Birlik.

Die Enklaven, ein bisher ungelöstes Problem

Trotz der Fortschritte von 2017 und 2018 konnten sich Usbekistan und Kirgistan nicht über die Grenzfrage der Enklave So’x, ein Erbe aus der Sowjetzeit, einigen. So’x ist mit einer Fläche von rund 350 Quadratkilometern und 60 000 Einwohnern die größte usbekische Enklave auf kirgisischem Staatsgebiet. Seit dem Jahr 2001 haben die beiden Staaten ein Memorandum über Grenzziehungen unterzeichnet und sich für die Angliederung So’x an das nur durch 20 Kilometer kirgisisches Staatsgebiet entfernte Usbekistan ausgesprochen. Allerdings hat Bischkek den Tausch dieser Zone bei gleichzeitigem Erhalt eines anderen usbekischen Gebietes bisher immer abgelehnt. Eine Vereinigung des Gebietes So’x mit dem restlichen usbekischen Staatsgebiet scheint aus heutiger Sicht nahezu unmöglich.

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Dennoch ist die Situation an der Grenze zwischen Kirgistan und Tadschikistan noch umstrittener. Eine genaue Demarkation der Grenzen gibt es hier nur für 504 der 976 Kilometer langen gemeinsamen Grenze. Die Spannungen konzentrieren sich vor allem rund um die tadschikische Enklave Woruch, die sich nicht unfern der Enklave So’x befindet. Dort führte am 24. Mai ein Konflikt um Weideflächen zu einer Schießerei zwischen Grenzsoldaten beider Staaten. Im Laufe der Ausschreitungen wurde ein 19-jähriger tadschikischer Soldat am Bein verletzt. Die tadschikischen und kirgisischen Behörden beschuldigen sich gegenseitig die Lage „destabilisieren“ zu wollen. Erst letzten Februar wurde über einen Gebietsaustausch verhandelt, der die Grenzziehung um Einiges vereinfachen würde. Diese Informationen wurden allerdings bald darauf von den offiziellen kirgisischen Behörden dementiert.

Quentin Couvreur, Redakteur für Novastan

Aus dem Französischen von Andrea Baldauf

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