19-jähriger Grenzsoldat an der tadschikisch-kirgisischen Grenze verletzt

Am 24. Mai kam es an der tadschikisch-kirigisischen Grenzen erneut zu Schusswechseln zwischen Grenzschutzbeamten. Dies ist bereits der  zweiten Zwischenfall innerhalb eines Monats entlang der Enklave Woruch, die vollständig von kirgisischem Staatsgebiet umschlossen ist. Ein 19-jähriger tadschikischer Soldat wurde nun am Bein verwundet.

Auch am letzten Tag des heiligen Monats Ramadan ruhten die Waffen nicht. Vergangenen Sonntag, am islamischen Feiertag Eid ul-fitr, traf eine Kugel einen jungen Soldaten ins Bein, wie Asia-Plus berichtet. Der Zusammenstoß entlang der zur tadschikischen Provinz Isfara gehörenden, jedoch von der kirgisischen Provinz Batken umschlossenen Enklave Woruch reiht sich in eine Abfolge von Zwischenfällen ein, die anscheinend auf einen Weidekonflikt zurückgehen. Auf beiden Seiten herrschen voneinander Abweichende Narrative.

Kirgistan beschuldigt Tadschikistan…

Laut der kirgisischen Version der Ereignisse begann der Schusswechsel damit, dass Grenzschutzbeamte tadschikische Dorfbewohner aus der Enklave Woruch daran gehindert hatten, ihr Vieh auf der zu kirgisischen Staatsgebiet gelegenen Weide Moinok grasen zu lassen. Dem von Radio Azattyk zitierten , Verwaltungschef (Akim) der Region Batken Kalanbaj Markajew zufolge, sei daher Tadschikistan für den Grenzkonflikt verantwortlich: „Bereits am 23. Mai sollen kirgisische Grenzbeamte die Einwohner Woruchs verwarnt haben, nachdem sie 200 Rinder über die Weide trieben. Am Folgetag wurden 60 weitere Tiere über die Grenze geführt. Als kirgisische Beamte versuchten, ihnen den Weg zu versperren traf die tadschikische Armee ein, worauf das Feuer eröffnet wurde.“

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Die Aussagen des kirgisischen Grenzschutzes scheinen diese Version zu stützen: „Ab dem 23. Mai 2020 versuchten Bewohner der tadschikischen Enklave Woruch wiederholt ihr Vieh auf dem Gebiet Moinok des Distrikts Batken weiden zu lassen“, so ihr Pressedienst in einer am 25. Mai von der kirgisischen Agentur KyrTAG veröffentlichten Mitteilung.

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Darüber hinaus wirft Kirgistan tadschikischen Soldaten vor, sie hätten die Grenzüberschreitungen nicht zu verhindern versucht und anschließend das Feuer eröffnet. „Soldaten der Grenztruppen des Staatlichen Komitees für die nationale Sicherheit Tadschikistans beobachteten zwei Tage lang die illegale Beweidung von Rindern in Kirgistan und ergriffen keine Maßnahmen gegen die Bewohner der Enklave Woruch. Trotz der legitimen Forderungen der eröffneten tadschikische Streitkräfte das Feuer auf kirgisische Grenzschutzbeamte“, hieß es in der Erklärung.

… während Tadschikistan Kirgistan bezichtigt

Die tadschikische Version des Zwischenfalls widerspricht jedoch den kirgisischen Aussagen. In einer Erklärung des tadschikischen Staatskomitees für nationale Sicherheit werden kirgisische Hirten für den Vorfall verantwortlich gemacht. „Im Gegensatz zu zuvor unterzeichneten Verinbarungen gerieten aus dem Dorf Schischilik stammende kirgisische Hirten am 24. Mai 2020 um 10:30 Uhr in Konflikt mit den Bewohnern des tadschikischen Dorfes Puli Oftobruia in Konflikt. […] Die Bewohner des Dorfes Puli Oftobruia stellten sich den illegalen Handlungen der kirgisischen Staatsbürger entgegen und forderten sie auf, das Dorf zu verlassen“, heißt es in der Erklärung der staatlichen Nachrichtenagentur Tadschikistan Khovar.

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Darüber hinaus wird auf tadschikischer Seite nicht von einem Schusswechsel, sondern von einer einseitigen kirgisischen Aggression gesprochen. „Die kirgisische Seite hat, anstatt die bilateralen Abkommen zur Definition der Grenzen umstrittener Gebiete zu respektieren, zusätzliche Grenzschutzbeamte in die Region entsandt. Sie eröffneten das Feuer auf unbewaffnete Bewohner des Dorfes Puli Oftobruia. Bei der Schießerei der kirgisischen Grenzschutzbeamten wurde der im Jahr 2001 geborene Soldat Soirow Dawlater Mironbekowitsch ins Bein geschossen“, so das tadschikische Staatskomitee.

Beide Staaten werfen sich gegenseitige „Destabilisierung“ vor

Wie das kirgisische Medium Kloop.kg am 24. Mai berichtete, verhandeln nun Vertreter kirgisischer und tadschikischer Grenzschutzbeamter vor Ort. „Die Situation in diesem Grenzabschnitt ist derzeit relativ stabil. Die Parteien untersuchen den Vorfall“, zitiert Kloop.kg den kirgisischen Grenzschutz. Währenddessen werfen sich beide Lager in Pressemitteilungen eine „Destabilisierung“ der Grenze vor.

Laut der Nachrichtenagentur Khovar kritisierte das tadschikische Komitee für nationale Sicherheit nachdrücklich die Kirgistan vorgeworfenen Handlungen: „Diese provozierenden Aktionen werden als Versuch betrachtet, die Situation an der Grenze künstlich zu destabilisieren. Dies kann zu einer Reaktion der tadschikischen Grenzbewohner in diesem brisanten Gebiet führen“.

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Am 25. Mai veröffentlichte der kirgisische Grenzschutz als Reaktion auf die Aussagen Tadschikistans eine eigene Pressemitteilung: „Der kirgisische Grenzschutz ist durch die Kommentare des tadschikischen Sicherheitskomitees irritiert. Die tadschikische Seite muss verstehen, dass solch impulsive Aussagen dazu führen können, verschiedene zerstörerische Kräfte entlang der kirgisisch-tadschikischen Grenze zu verschärfen. […] Der nationale Grenzdienst fordert seine tadschikischen Kollegen auf, die Probleme entlang der gemeinsamen Grenze ausschließlich im Geiste der guten Nachbarschaft, nach internationalem Recht und bilateralen Abkommen zu lösen“.

Der zweite Zwischenfall innerhalb eines Monats.

Trotz der Aufrufe nach einer Beilegung der Grenzstreitigkeiten nahmen die Zusammenstöße zwischen Tadschikistan und Kirgistan seit 2019 zu. Am 8. Mai ereignete sich in der Nähe des tadschikischen Ortes Tschorkuh zuvor eine Streitigkeit über Weideland. Nach anfangs widersprüchlichen Aussagen gaben tadschikische Soldaten letztlich zu, Mörser in Richtung des kirgisischen Grenzschutzes gefeuert zu haben. Beim anschließenden Schusswechsel kamen auf kirgisischer Seite vier und auf tadschikischer Seite zwei Menschen ums Leben. Ein weiterer kirgisischer Soldat wurde schwer am Bauch verletzt und befindet sich seitdem in einem schweren Zustand. Adilet Sultanaliew, Sprecher des kirgisischen Premierministers gab unterdessen auf Twitter bekannt, dass sein Transfer nach Moskau geplant sei.

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Zuvor wurde im Dezember 2019 ein tadschikischer Dorfbewohner von einer Jagdwaffe verwundet. Während sich daraufhin 200 Menschen mit Steinen bewarfen, standen sich im darauffolgenden Januar tadschikische und kirgisische Dorfbewohner mit Schrotflinten gegenüber. „Zwischen Kirgisen und Tadschiken gab, gibt und wird es einer jahrhundertealte Freundschaft geben. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Situation an der Grenze eskaliert. Leider häuften sich in letzter Zeit die Konflikte im Grenzgebiet“, sagte der kirgisische Präsident Sooronbai Dscheenbekow in einer Erklärung der kirgisischen Nachrichtenagentur 24.kg gegenüber.

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Trotz guter Absichten sind die Verhandlungen zur Demarkation der tadschikisch-kirgisischen Grenze ins Stocken gekommen. Von 976 Kilometern sind bisher nur 504 Kilometer offiziell festgelegt. Die Behörden sind überfordert, nichts scheint die Eskalation aufhalten zu können. Berichten zufolge sei am 21. Februar bei einem Treffen der stellvertretenden Premierministern der beiden Staaten ein Gebietsaustausch erörtert worden. Dies wurde jedoch umgehend von Nazirbek Borubajew, kirgisischer Sonderbeauftragter für Grenzfragen, dementiert.

Quentin Couvreur, Redakteur für Novastan France

Aus dem Französischen von Robin Shakibaie

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