In den Vorkriegsjahren begann man in Ostkasachstan mit dem Bau von Kinos, von denen einige typisch und andere einzigartig waren. Der Heimatforscher Artem Smirnov erzählt von ihrer Entstehung und ihrem weiteren Schicksal.
In erster Linie wurden Kinos in den damals wichtigsten Industriezentren der jeweiligen Region gebaut. In der Region Ostkasachstan war dies in den 1930er Jahren die Stadt Ridder. Mit der Inbetriebnahme des Ulbinskaia-Wasserkraftwerks, einer Anreicherungsfabrik und einer Bleifabrik sowie der Fertigstellung des Eisenbahnbaus schritt die industrielle Entwicklung der alten Bergbausiedlung mit Riesenschritten voran.
Ein Meilenstein der Kinokultur: Das moderne Lichtspielhaus von Ridder
Als Ersatz für die um das Industriegelände herum entstandene Altstadt waren Viertel der Neustadt vorgesehen, die südwestlich des bestehenden Wohngebiets auf einem Plateau in der Nähe des Berges Matrenin Sokolok geplant waren. Noch in den Vorkriegsjahren, lange vor dem neu gegründeten regionalen Zentrum Ust-Kamenogorsk, entstanden in Ridder die ersten vierstöckigen Häuser. Diese Häuser wurden am Anfang der heutigen Prospekte Nezavisimosti und Gagarin in einem Stadtteil namens Novostroika gebaut. Viel früher als in anderen Städten der Region wurde hier auch ein Kino gebaut.
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Am 21. September 1939 wurde in Ridder, im Stadtteil Novostroika, ein modernes Kino eröffnet. Das Gebäude verfügte über einen Kinosaal mit 500 Plätzen, einen Buffetbereich und einen Lesesaal, außerdem war ein Bereich für ein Jazzorchester vorgesehen.
Der Entwurf des Kinos stammt vom Architekten Viktor Petrovitş Kalmykov – in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre der führende Spezialist für die Planung und den Bau von Kinos in der Sowjetunion.
Architektur und Nachnutzung des „Kinos auf der Neubausiedlung“
Das Projekt des Kinos mit 500 Plätzen war sowohl hinsichtlich seines Aussehens als auch seines Charakters fortschrittlich. Der Architekt war einer der ersten, der das Konzept eines neuen Typs von Veranstaltungsort für Filmvorführungen und kulturelle Freizeitaktivitäten vorschlug. Ähnliche Kinos entstanden in Karaganda und Kyzylorda, einige weitere in verschiedenen Städten der RSFSR [Anm. d. Red.: Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik].
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Als vereinsgetragene, unabhängige Plattform lebt Novastan vom Enthusiasmus seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen – und von eurer Unterstützung!Den Einwohner:innen von Ridder, seit 1941 Leninogorsk, war das Gebäude als „Kino auf der Neubausiedlung” bekannt. Offiziell erhielt es den Namen des Parteifunktionärs Lazar Kaganovitsch. 1957 wurde das Kino zu Ehren des Dichters Vladimir Maiakovski umbenannt. Danach hieß es „Kino Maiakovski“ und befand sich in Leninogorsk, Prospekt Lenina 6 (heute Ridder, Prospekt Nezavisimosti).
Im Jahr 1998 wurde das Gebäude an Privatpersonen verkauft und umgebaut, heute befindet sich dort ein Minimarkt. Das äußere Erscheinungsbild des Gebäudes ist jedoch erhalten geblieben.
Ust-Kamenogorsk: Verzögerungen und der klassische Stil
Was das regionale Zentrum Ust-Kamenogorsk betrifft, so wurde die Bevölkerung der Stadt viele Jahre lang von einem einzigen Kino aus der Zeit vor der Revolution versorgt – dem „Oktyabr“, ursprünglich „Echo“.
Während in Ridder vor Beginn des Großen Vaterländischen Krieges zumindest ein Teil des Neuen Stadtviertels fertiggestellt werden konnte, wurde in Ust-Kamenogorsk sogar die Renovierung des alten Kinogebäudes verschoben, ganz zu schweigen vom Bau eines neuen Gebäudes.
Das Ministerium für Kinematografie plante für 1952 den Bau eines Kinos in Ust-Kamenogorsk. Dazu musste man sich jedoch an die höchsten Instanzen wenden: Der einzige Generalunternehmer in Ust-Kamenogorsk in jenen Jahren, der Trust „Altaisvinetsstroi“, war nicht daran interessiert, Arbeiten an einem Kulturprojekt zu übernehmen. Die Stadt- und Regionalverwaltung konnte erreichen, dass sich der Trust verpflichtete, mit den Arbeiten an einem Musterkino zu beginnen.
Für den Bau wurde ein Grundstück unweit des Stadtzentrums ausgewählt, an der Krasnooktyabrskaia-Straße – heute Prospekt Auezov, an der Kreuzung mit der Maxim-Gorki-Straße. Als Grundlage diente ein in der UdSSR weit verbreiteter Entwurf für ein Kino im bewusst „klassischen” Stil, dessen Architektin, Zoia Osipovna Brod, an den Staatlichen Architekturwerkstätten beim Ministerrat der UdSSR war.
Im November 1953 berichteten die regionalen Zeitungen: Der Bau des Kinos mit 360 Plätzen, das bald unter dem Namen „Vostok” bekannt wurde, wurde vorzeitig abgeschlossen, wobei sich das Team der neu gegründeten Baufirma „Kultbytstroi” des Trusts „Altaisvinetsstroi” besonders hervorgetan hatte.
Ein tragischer Zwischenfall: Der Deckeneinsturz im „Vostok“
Doch schon bald wurde das Kino auf traurige Weise „berühmt”. Am 9. September 1954 stürzte die Decke des Zuschauer:innen-Raums ein. Dies geschah weniger als ein Jahr nach der Fertigstellung des Gebäudes.
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Die Einwohner:innen der Stadt erinnern sich: Dieser Vorfall wurde sogar im Physikunterricht der Oberstufe als typisches Beispiel für das Phänomen der Resonanz behandelt. Auslöser war ein Ventilator, der nach Ende der Filmvorführung eingeschaltet wurde, um den Saal zu lüften. Die Vibrationen des Ventilators übertrugen sich auf die Deckenbalken, was zum Einsturz führte.
Die Untersuchungskommission stellte fest: Die Deckenkonstruktionen wurden im Mai 1953 von „Kultbytstroi“ montiert und installiert, wobei das Material auf persönliche Anweisung des Bauleiters ohne jegliche Berechnungen und Abstimmungen ausgetauscht wurde.
Glücklicherweise wurde bei dem Vorfall niemand verletzt, es entstand lediglich ein Sachschaden in Höhe von 45.000 Rubel (ca. 500 €).
Vom Kinderkino zum Handelsstandort
Seit 1965 war das Kino in der Krasnooktyabrskaia-Straße 47 als Kinderkino „Orlenok“ bekannt – unter diesem Namen war es etwa 30 Jahre lang in Betrieb. Genau hier konnten viele der älteren Einwohner:innen von Ust-Kamenogorsk als Kinder zum ersten Mal Kinofilme und Zeichentrickfilme sehen.
Mit Beginn der 90er Jahre und dem Niedergang des regionalen Kinonetzwerks wurden die Vorführungen eingestellt. Mitte der 90er Jahre gab es Versuche, das Kinogebäude wieder seiner ursprünglichen Nutzung zuzuführen, doch schließlich wurde es 1999 verkauft.
Infolgedessen wurde das ehemalige Kino „Orlenok” zunächst als Nachtclub und später als Wettbüro bekannt. Heute beherbergt das Gebäude verschiedene Handelsunternehmen.
Zyrianovsk und Schemonaicha: Regionale Eigenentwürfe
Das Kino „Vostok“, auch bekannt als „Orlenok“, wurde nach einem bekannten Standardentwurf gebaut. Im Gegensatz dazu entstanden im gleichen Zeitraum in zwei Ortschaften der Region Ostkasachstan Gebäude, die sich durch ihre architektonische Gestaltung auszeichneten.
Im Jahr 1949 wandte sich die regionale Kinobehörde an das Planungsbüro „Oblproekt“ in Ust-Kamenogorsk: Es sollte ein neues Kino gebaut werden. So wurden bereits im August 1949 die Entwürfe für ein Kino mit 300 Plätzen für Zyrianovsk und Schemonaicha vorbereitet. Die Autor:innen des Projekts waren die Architekt:innen Gennadi Nikolaievitsch Alekseiev und Tamara Nikolaevna Vinogradova.
Interessanterweise stellte die Autorin auf der Zeichnung der Hauptfassade Plakate der 1949 beliebten Filmkomödie „Glückliche Reise” dar.
Gemeinsame Pläne und bauliche Besonderheiten
Der Bau des neuen Kulturgebäudes in Schemonaicha war bereits in den Vorkriegsjahren geplant, jedoch beschränkte sich das Vorhaben lediglich auf die Errichtung des Fundaments. Da laut Auftrag des Kunden – der Kinobehörde – beide Gebäude nach einem einheitlichen Entwurf gebaut werden sollten, wurden die Abmessungen des alten Fundaments auf das neu zu errichtende Kino in Zyrianovsk (heute Altai) übertragen.
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Neben dem Zuschauer:innen-Raum, dem Kassenbereich, dem Foyer und den Technikräumen wurden in den Entwürfen auch die Unterbringung einer Snackbar und eines Clubraums berücksichtigt. Der Entwurf sah drei Varianten für die Seitenfassaden vor: mit kleinen Fenstern, mit großen Fenstern und ohne Fenster. Tatsächlich wurde in beiden Ortschaften die Variante ohne Fenster im Zuschauer:innen-Raum umgesetzt.
Das Wandmaterial beider Gebäude war laut Projekt Schlackenbeton, im Gegensatz zu anderen Backsteingebäuden. Diese Wahl war für Shemonaikha besonders relevant, da Backsteine Mangelware waren.
Interessanterweise schlug der Leiter der Abteilung für Kinofilmverbreitung des Bezirks Zyrianovo, I. Loktev, im selben Jahr 1949 ein eigenes Projekt für ein Freizeitgebäude vor. Neben einem Kinosaal, einem Lesesaal und einem Foyer vergaß der Beamte nicht, auch sein eigenes Arbeitszimmer in den Entwurf aufzunehmen. Offensichtlich wurde diese Variante nicht angenommen.
Die regionale Architekturabteilung lehnte auch den ursprünglichen Entwurf des Masterplans für das Kino in Zyrianovsk ab, der 1949 von „Oblproekt“ erstellt worden war. Tatsächlich wurde das Gebäude im selben Stadtteil, am Ende der Sovetskaia-Straße in der Nähe des Flusses Maslianka, errichtet, jedoch um 180 Grad gegenüber dem zuvor genehmigten Plan gedreht.
Das Schicksal der Kinos „Rodina“ und „Zaria“
Das Kino in Zyrianovsk erhielt den Namen „Rodina“ und wurde bis 1953 fertiggestellt.
Der Masterplan für den Bau des Gebäudes in Schemonaicha blieb unverändert: Das Gebäude wurde im Zentrum des Dorfes auf einem vorhandenen Fundament aus Schotter und Beton entlang der Bazarnaia-Straße (später Tschapaev-Straße, heute Alexander-Kaporin-Straße) gegenüber dem Marktplatz und neben der Ostrovski-Mittelschule errichtet.
So große Bauwerke in Städten und Arbeitersiedlungen wurden in der Regel unter Einbeziehung eines Generalunternehmers errichtet. Dazu gehörten beispielsweise der Trust „Bolschoi Ridder“ in den 1930er Jahren und der Trust „Altaisvinetsstroi“ in den 1950er Jahren.
Der Bau des Kinos in Schemonaicha wurde hingegen von der örtlichen Kinobehörde geleitet – auf wirtschaftliche Weise, nach der Methode des „Volksbaus”. Die ersten Arbeiten begannen 1949, im Laufe des folgenden Jahres wurden die Schlackenbetonwände gegossen. Im Juli 1950 wurde der Bau jedoch eingestellt, und aufgrund aller Änderungen in der Kostenvoranschlagsdokumentation und fehlender Finanzierung wurde der Bau erst 1952 fortgesetzt.
Am 3. August 1953 wurde der Bau des Kinos abgeschlossen und darin eine Parteikonferenz des Bezirks Schemonaicha abgehalten. Damals wurde auch der Vorschlag gemacht, das Kino „Zaria” zu nennen.
Die Privatisierung hat auch die Kinosäle von Zyrianovsk und Schemonaicha nicht verschont, aber die Gebäude blieben erhalten. Das Material der Wände – Schlackenbeton – konnte kaum wiederverwendet werden, was man von vielen Gebäuden in der Region Ostkasachstan nicht behaupten kann, die bis auf die Grundmauern abgerissen wurden.
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Das Kino „Zaria“ in Schemonaicha wird als Verkaufsstelle genutzt. Dabei sind noch immer die ursprünglichen architektonischen Details erhalten, die stellenweise durch eine neue Verkleidung verdeckt sind.
Das Kino „Rodina“ in der Stadt Altai – im ehemaligen Zyrianovsk – sieht zwar nach Jahrzehnten noch intakt aus, ist aber komplett für die Öffentlichkeit gesperrt. Es befindet sich auf einem privaten, umzäunten Grundstück. Auf Fotos aus dem Jahr 2012 sind noch originale Details des Gebäudes zu sehen. Heute ist das ehemalige Kino neu verputzt und seiner „ursprünglichen“ Verzierungen beraubt, auch die Fenster sind ausgetauscht worden.
Ein architektonisches Erbe Ostkasachstans
So wurde in der Region Ostkasachstan für den Bau von Kinos ein wenig verbreitetes, fortschrittliches Projekt verwendet, das zudem zeitlich weit zurückliegt – in die Vorkriegsjahre. Außerdem wurde ein weit verbreitetes Projekt im neoklassizistischen Stil verwendet. Schließlich wurde ein völlig einzigartiges Projekt von Architekt:innen aus Ust-Kamenogorsk umgesetzt.
Bei der Erstellung dieses Textes wurden Materialien aus dem Staatsarchiv der Region Ostkasachstan verwendet.
Artem Smirnov, Ortskundler, Ust-Kamenogorsk, für Vlast
Aus dem Russischen von Irina Radu
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Sowjetische Kinos in Ostkasachstan