Leben in der Monostadt

Der Begriff „Monostadt“ weckt immer die Assoziation mit etwas Depressivem. Tatsächlich sind Monostädte aber multidimensionale und heterogene Organismen, die derzeit in den postsowjetischen Ländern einen sozialen und wirtschaftlichen Wandel durchmachen. Die Anthropologin Zarina Adambussinova untersucht seit mehreren Jahren Monostädte in Kasachstan und Kirgistan. Sie erzählt davon, wie die einst künstlich geschaffenen Projektstädte heute versuchen, sich an neue Realitäten anzupassen. Der folgende Artikel erschien am 26. April auf Vlast. Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Eine Monostadt ist eine Siedlung – ein Dorf oder eine Stadt –, die um ein Unternehmen oder eine Gruppe von in einer Produktionskette verbundenen Unternehmen herum gebildet wird. Der Begriff wird heute im öffentlichen und akademischen Diskurs in Kasachstan und Russland verwendet. In Kirgistan wird das bekanntere „PGT“ (russisches Akronym für „Siedlung städtischen Typs“) verwendet – eine „kleine Stadt“, in der die Einwohner:innenzahl als Hauptkriterium für die Kategorisierung gilt. In Russland, woher der Begriff „Monostadt“ stammt, ist das grundlegende Kennzeichen, dass mindestens 25 Prozent der Bevölkerung in Unternehmen des gleichen Produktionszyklus arbeiten, in denen mindestens die Hälfte aller Produkte der Monostadt hergestellt werden.

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Im internationalen Kontext werden solche Siedlungen meist als „company town“ – also Firmenstadt – bezeichnet. Meistens werden sie von Unternehmen gebaut. In den USA, Lateinamerika, China und Europa gibt es eine Vielzahl von Firmenstädten, wie das Ruhrgebiet und ehemalige monoindustrielle Städte in den ostdeutschen Bundesländern. In den meisten Fällen sind solche „Projektstädte“ aus Arbeiter- und Geologensiedlungen, die aus mehreren Zelten oder Unterständen bestanden, zu Industriesiedlungen und Industriezentren gewachsen.

Laut Kasachstans staatlichem Programm für die Entwicklung von Monostädten (2012-2020) sind unter den 87 Städten des Landes, in denen heute 1,5 Millionen Menschen leben, 27 ehemalige und bestehende Monostädte. Die größte ist Temirtaý mit einer Bevölkerung von 185.409 Einwohner:innen (2021), die kleinsten – mit einer ständig abnehmenden Bevölkerung – Serebrıansk (8.429 Einwohner:innen) und Kurchatov (7.310). In Kirgistan sind Umfang und Anzahl der Monostädte viel geringer als in Kasachstan. Darüber hinaus werden solche Siedlungen auf dem Land häufiger als kleine Städte oder Siedlungen städtischen Typs mit einer Bevölkerung von weniger als 30.000 Einwohner:innen klassifiziert. In den meisten Fällen wurde die Produktion an solchen Orten mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion vollständig eingestellt.

Delikatessen für die Peripherie

Die Geschichte der Entstehung von Monostädten ist mit den Industrialisierungs- und Urbanisierungsprozessen in der Sowjetunion der 1950er und 1960er Jahren verbunden. Zu dieser Zeit war es bei der Erschließung bestimmter Lagerstätten notwendig, eine große Menge an Arbeitskräften einzusetzen. So entstanden Arbeiter:innensiedlungen für die Erschließung und den Betreib der verschiedenen Minerallagerstätten. Später wurde eine räumliche Trennung in Produktionsstätten und separate Wohngebiete vorgenommen.

In vielen Fällen wurden die ersten Industrieanlagen von Kriegsgefangenen und Häftlingen gebaut. Später stieg die Bevölkerungszahl der Monostädte aufgrund groß angelegter Bauprojekte des Komsomol künstlich weiter. Zum Beispiel wurde nach diesem Schema 1964 Jańatas in Kasachstan gebaut (erhielt 1969 den Status einer Stadt). Andere Industrieansiedlungen entstanden in der Vorkriegszeit und wurden während des Krieges entwickelt. Grundsätzlich sprechen wir über Gebiete, die mit dem Uranabbau und dementsprechend mit speziellen militärstrategischen Projekten verbunden waren. Beispiele für solche geschlossenen Städte sind Kadschi-Saj, Min-Kusch und Mailuusuu in Kirgistan, Kurchatov und Stepnogor in Kasachstan.

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Meistens wurden Monostädte in der verkehrstechnischen und geografischen Peripherie einer bestimmten Sowjetrepublik gebaut. Heute verschärft diese Tatsache die sozioökonomische Situation einiger Monostädte weiter. Damals glaubte man, dass der Bau einer neuen Stadt billiger sei als die Verlagerung der Produktion in bestehende Industriezentren. Darüber hinaus entsprach es den ideologischen Leitlinien des Sowjetstaates, den Raum durch den Bau städtischer Siedlungen und die Entwicklung der Industrie zu entwickeln. So sollte am Aufbau des Sozialismus teilgenommen und eine starke sowjetische Identität in der städtischen Bevölkerung geformt werden.

Abraumhalden in Arqalyq, Oktober 2021 [legend]
Ulan Gabdushev für Vlast

In den modernen Monostädten Kasachstans und Kirgistans ist bei der erwachsenen Bevölkerung oft das Phänomen der postsowjetischen Nostalgie oder der „backward-looking nostalgia“ (so der Begriff des Anthropologen Mathijs Pelkmans) zu beobachten, wenn sich die Menschen mit einem Lächeln im Gesicht an die „besten Zeiten“ im Leben der Stadt erinnern und sie „Inseln des Paradieses und des Überflusses“ nennen. Die Bürger:innen vergleichen damals mit heute, wo sie mit Besorgnis und Sorge in die Zukunft blicken müssen. Dies gilt insbesondere für junge Menschen.

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Es ist bemerkenswert, dass fast alle sowjetischen Monostädte in das zentralisierte Wirtschaftsplanungssystem einbezogen waren und direkt von Moskau unterstützt wurden. Laut den Einwohner:innen konnte man hier immer die seltensten Delikatessen und Waren finden. Die Städte waren vollständig mit der neuesten technischen, kommunalen und sozialen Infrastruktur ausgestattet, darunter Bildungs- und Kultureinrichtungen, Sanatorien und Pionierlager.

Zu den wichtigsten Vorteilen des Lebens in einer Monostadt gehörten die Möglichkeiten auf eine eigene neue Wohnung, schneller Zugang zur für eine bestimmte Industrie erforderlichen Berufsqualifizierung sowie erhebliche Lohnerhöhungen. In Monostädten wurden in der Regel Fortbildungszentren und wissenschaftliche Labors errichtet. So übernahm der allgegenwärtige Sowjetstaat, geführt von der Partei, die Verantwortung für alle Bereiche des täglichen Lebens. In den sowjetischen Monostädten war diese Abhängigkeit am deutlichsten spürbar.

In einigen Fällen wurden sowjetische Monostädte zu regionalen Industrieclustern zusammengefasst. Dieses Phänomen ist am häufigsten in Russland zu finden, in Kasachstan sind ein markantes Beispiel die Monostädte im Gebiet Ostkasachstan, die sich auf die Gewinnung und Verarbeitung von Buntmetallen (Blei, Zink, Kupfer, Silber) konzentrieren. In Kirgistan gibt es eine konventionellere Unterteilung in nördliche (Buntmetalle, Gold) und südliche Regionen (Kohle, Quecksilber, Uran, Öl).

Postsowjetische Monostädte

Die moderne Monostadt im postsowjetischen Kontext ist ein komplexes und vielseitiges Phänomen. Von den frühen 1990er bis in die 2000er Jahre machten neoliberale Wirtschaftsreformen in den postsowjetischen Republiken einige der Monostädte zu wirtschaftlich und sozial vollkommen marginalisierten Gebieten. In einer Marktwirtschaft zeigen sich die besondere Anfälligkeit und mangelnde Widerstandsfähigkeit gegenüber verschiedenen Faktoren und externen Schocks der postsowjetischen Monostädte besonders deutlich. Die totale Abhängigkeit der Stadt und ihrer Einwohner:innen vom stadtbildenden Unternehmen führt zu einer Verschlechterung der sozioökonomischen Situation in der Monostadt und belastet so auch die Mehrheit ihrer Bevölkerung erheblich.

Leider hat sich im postsowjetischen Raum bereits eine stabile öffentliche Meinung über Monostädte als Geisterstädte mit ihren eigenen Horrorgeschichten und Legenden gebildet. Dieses Bild entstand in den 2000er Jahren als Folge einer Zeit völliger Stagnation und der Schließung und Privatisierung stadtbildender Unternehmen in den 90er Jahren. In anderen Regionen der Welt ist das Problem stagnierender Firmenstädte in der geografischen Peripherie durch ein postindustrielles Phänomen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gekennzeichnet, das als schrumpfende Stadt („Shrinking Cities“) bezeichnet wird.

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Heute funktionieren solche Städte bereits voll und ganz als Objekte des Tourismussektors. Anders als in den meisten nordamerikanischen Geisterstädten, in denen Natur und materielle Dinge bereits vollständig herrschen, leben in den meisten aufgegebenen postsowjetischen Monostädten weiterhin Menschen oder besser gesagt: sie überleben. Einige Blogger:innen und Journalist:innen besuchen immer noch Städte mit einer einzigen Industrie auf der Suche nach einer ungewöhnlichen oder mystischen Geschichte. In vielen Fällen werden solche Orte mit völlig stereotypen und oberflächlichen Beschreibungen des Stadtlebens präsentiert, zugehörige Fotografien von verlassenen Wohnungen und ehemaligen Industriegebäuden tragen dazu bei, das postapokalyptische Bild dieser Orte aufrechtzuerhalten.

Industrieruine in Tasch-Kömür, Mai 2021 [legend]
Ulan Gabdushev für Vlast

Aber Monostädte in Kasachstan oder Kirgistan sind nicht immer deprimierende Orte. Üblicherweise können sie in drei Typen unterteilt werden. Die erste sind Kasachstans Monostädte mit einem relativ günstigen und komfortablen Umfeld zum Leben, in denen das stadtbildende Unternehmen weiterhin tätig ist. Solche Orte zeichnen sich durch eine teilweise entwickelte städtische Infrastruktur aus, und die Mehrheit der Bevölkerung verfügt über ein stabiles Einkommen. Zu dieser Gruppe zählen einige Monostädte in den Gebieten Qaraģandy, Qostanaı und Ostkasachstan: Temirtaý, Altaı, Ridder, Rudny.

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In den 1990er Jahren befanden sich die Einwohner:innen aller Monostädte ständig in einem permanenten „Überlebensmodus“. Doch dort, wo die Produktion erhalten geblieben ist, hat sich auch ihr tägliches Leben verbessert. Einige Monostädte in Kasachstan und Kirgistan blicken auf einzigartige Erfolgsgeschichten, die erzählt werden müssen, um so das negative Image dieser Orte zu verändern. Zum Beispiel ein Café mit indischer Küche [in Temirtaý, Anm. d. Red.], die Marslandschaften der Industriehalden in Arqalyq, die Aktivitäten von Jugendhilfeorganisation, der Charme des Südufers des Yssyköl in Kadschi-Saj, eine Bar in einer ehemaligen Mine und ein Park, der in Tasch-Kömür mit Geldern von Wanderarbeitern renoviert wurde.

Das zweite Szenario ist eine Situation, in der ein Staatsunternehmen mehrmals privatisiert wurde und den Eigentümer wechselte. Hier wurde erst kürzlich damit begonnen, ein angenehmes Umfeld für die Bürger zu schaffen (zum Beispiel Jańatas in Kasachstan oder Orlowka in Kirgistan).

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Die dritte Variante ist, wenn das stadtbildende Unternehmen vollständig aufgehört hat zu existieren. An solchen Orten blieben die Einwohner:innen ohne Löhne und das städtische Budget ohne Geld: Qarataý und Arqalyq ​​in Kasachstan, Ak-Tüs, Kadschi-Saj und Tasch-Kömür in Kirgistan. Die Bevölkerung geht solcher Orte geht dann vor allem zur Arbeitsmigration oder Schichtarbeit [auf Gas- und Ölfeldern, Anm. d. Red.] über: Kasachstaner:innen gehen in die westlichen Ölregionen (hauptsächlich nach Aqtaý), in benachbarte Monostädte (zum Beispiel die Einwohner:innen von Arqalyq nach Rudny und jene von Altaı nach Ridder) oder in die Hauptstädte. Kirgis:innen gehen auch in die Hauptstadt oder andere große Städte (Osch, Tokmok, Dschalalabad), aber am häufigsten nach Russland – nach Moskau und Sankt Petersburg.

Industrieanlage in Ak-Tüs, Januar 2022 [legend]
Ulan Gabdushev für Vlast

Die meisten der verbleibenden Einwohner:innen praktizieren weiterhin informelle, oft illegale Wirtschaftspraktiken oder andere kollektiv entwickelte Mechanismen zur Bewältigung und gegenseitigen Unterstützung, die seit den 1990er Jahren existieren. Die Einwohner:innen von Monostädten leben in dichten Gemeinschaften und  haben sich bereits daran gewöhnt, sich nur auf sich selbst und ihre individuellen oder kollektiven Verbindungen zu verlassen.

Deindustrialisierung und Arbeitslosigkeit

Aufgrund der geografischen Isolation, der Besonderheiten der Stadtstruktur und ihres physischen Raums sind postsowjetische Monostädte, in denen die Produktion teilweise oder vollständig eingestellt wurde, durch eine Reihe von Problemen gekennzeichnet. Hierzu zählen unter anderem Deindustrialisierung und Arbeitslosigkeit.

In allen von mir untersuchten Monostädten ist die Arbeitslosigkeit dauerhaft und stagnierend. In modernen Monostädten in Kasachstan und Kirgistan arbeitet die Bevölkerung nicht mehr im stadtbildenden Unternehmen. An Orten, an denen ein Staatsunternehmen weiterhin tätig ist, ist das Produktionsvolumen in der Regel unbedeutend, sodass es nicht in der Lage ist, die gesamte arbeitsfähige Bevölkerung mit Arbeit und entsprechendem Einkommen zu versorgen. Darüber hinaus wird heute der Produktionsprozess automatisiert und modernisiert, was zusätzliche Barrieren bei der Beschäftigung schafft. Anhaltende Arbeitslosigkeit in Monostädten kann die Marginalisierung der lokalen Bevölkerung erheblich verstärken und die Kriminalität erhöhen.

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In Monostädten, in denen die Produktion eingestellt wurde, sind für die verbliebenen Bürger:innen neben dem Staatsdienst die wesentlichen Verdienstmöglichkeiten das Kleingewerbe und der Handel. Handel war und ist die zweitbeliebteste Überlebensstrategie der lokalen Bevölkerung (nach der Migration). Er bringt heute jedoch kein stabiles Einkommen. Darüber hinaus sind die Möglichkeiten für Unternehmen in Monostädten meist begrenzt. Vielen Einwohner:innen fehlen nicht nur die Fähigkeiten und Kompetenzen, um langfristige Geschäftspläne zu entwickeln und Förderanträge zu schreiben, sondern es fehlt ihnen auch an Informationen über solche Möglichkeiten. Für die junge, erwerbsfähige Bevölkerung von Kasachstans Monostädten (zum Beispiel Jańatas und Arqalyq) wurde während einer Haushaltsbefragung eine große Anzahl junger Familien mit vielen Kindern identifiziert, deren Haupteinnahmequelle staatliche Zuschüsse sind.

Migration

Wie bereits erwähnt, ist die (Arbeits-)Migration – sowohl im In- als auch ins Ausland – nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zur wichtigsten Überlebensstrategie der Bevölkerung von Monostädten geworden. In Kasachstan und Kirgistan waren die 1990er Jahre durch eine unkontrollierte und verbreitete Migration aus den Monostädten heraus gekennzeichnet, vor allem von Menschen, die über den Komsomol oder das unionsweite Verteilungssystem dorthin gelangt waren. In Zeiten politischer und wirtschaftlicher Instabilität kehrten die Menschen in ihre historische Heimat zurück. So lebten beispielsweise 1989 in Jańatas 53.401 Menschen, während es 2016 noch 21.444 waren. Eine solche Dynamik kann in fast allen Monostädten in beiden Ländern beobachtet werden.

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Heute nimmt die Bevölkerung von Monostädten in Kasachstan und Kirgistan jedoch wieder zu. Dies geschieht infolge der Binnenmigration – insbesondere der jungen Bevölkerung, die aus benachbarten Dörfern in die Städte zieht.

Dies weist darauf hin, dass Lebensqualität, Beschäftigungsmöglichkeiten und informelles Einkommen in Monostädten etwas höher sind als in den ländlichen Gebieten beider Länder. Außerdem ist für die arbeitsfähige Bevölkerung Kirgistans Arbeitsmigration sehr typisch und Männer arbeiten in [mehrwöchigen, Anm. d. Red.] Schichten. In vielen Fällen besteht die Bevölkerung von Monostädten aus Rentner:innen, Staatsangestellten und Kindern.

Deurbanisierung

Der Prozess der Deurbanisierung steht in direktem Zusammenhang mit den beiden vorangegangenen Prozessen – Deindustrialisierung und Migration. Viele ehemalige Industrie- und Wohngebäude sind bis heute herrenlos. In Kasachstan wurden im Rahmen des staatlichen Programms die meisten dieser Gebäude abgerissen, zunächst verlassene Wohngebiete, die in den 1980er Jahren in separaten Mikrobezirken gebaut worden waren. In den 2000er Jahren wurden in einigen Monostädten beider Länder leerstehende Gebäude von den Einwohner:innen selbst abgerissen, um das Baumaterial sekundär zu nutzen: für den Verkauf von Metall und Ziegeln, den Bau von Datschen oder Ställen für Vieh und Geflügel.

In vielen Städten beider Länder findet man noch leere Gebäude und verschlissene Technik- und Kommunikationsnetze, aber nur sehr selten gepflegte öffentliche Plätze oder hochwertige Spielplätze. Außerdem gibt es in allen von mir untersuchten Monostädten nicht genügend Orte der Erholung, Unterhaltung und Kommunikation für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen.

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Insbesondere in Kasachstan sind in den meisten Fällen Toı [große Feiern wie Hochzeiten, Anm. d. Red.] und zu Hause ausgerichtete Beshbarmaq– oder Schlachtfeste die einzige Option für lokale Freizeitaktivitäten. Wie einer der älteren Bewohner von Jańatas treffend feststellte, ist heute in der Monostadt das Toıhana [Lokal für Toı, Anm. d. Red.] beliebter geworden als das Oıhana – „oı“ bedeutet auf Kasachisch „Gedanke“. An solchen Orten werden Feiern zu verschiedenen Anlässen organisiert. Im Herbst finden sie in der Regel jede Woche unter Beteiligung sowohl der älteren als auch der jüngeren Bevölkerung statt. Das Durchführen von Toı ist nicht nur ein funktionierendes und ertragreiches Geschäft […], sondern es geht auch um Sozialisierung, Kommunikation und Vernetzung.

Probleme für Gesundheit und Umwelt

Bei der Durchführung von Sozialerhebungen in 150 Haushalten in Arqalyq, Jańatas und Tasch-Kömür stießen wir häufig auf die gleichen Beschwerden und Symptome bei den Bürger:innen. Ein weiteres Problem ist die Ignoranz und passive Haltung gegenüber der eigenen Gesundheit.

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Die Einwohner:innen von Monostädten denken oft nicht die Schädigung der Gesundheit, die durch die Produktion, die Sicherheitsbedingungen im Unternehmen, die  Gefahren des handwerklichen Bergbaus („artisanal mining“ – zum Beispiel illegaler Kohle- und Goldabbau in Kirgistan) oder die Nähe von radioaktiven Abraumhalden und anderen Industrieabfällen verursacht wird.

„Uns braucht niemand“

Die moderne Monostadt in Kasachstan und Kirgistan befindet sich in einem langwierigen Wandel: von einem Symbol der sowjetischen Moderne im 20. Jahrhundert zu einer modernen Stadt mit einer beeindruckenden Liste an Potenzialen und aktuellen Herausforderungen. Solche Orte erfordern heute die Aufmerksamkeit verschiedener Stakeholder – derjenigen, die das Recht haben, Einfluss zu nehmen und wichtige Entscheidungen zu treffen. „Sie haben uns vergessen“, „Uns braucht niemand“ – im Grunde fasst dies die Einstellung der Einwohner:innen zu sich selbst und zur Staatsmacht zusammen.

Leben in der Monostadt – das bedeutet heute zu leben und „den Moment nicht zu verpassen“. Dazu drängt die totale Abhängigkeit vom Staatshaushalt, dem stadtbildenden Betrieb, dem Oberzentrum und dem Wetter.

Leben in der Monostadt – das bedeutet Schulden aufzunehmen und Lebensmittel und Kleidung „anschreiben“ zu lassen.

Leben in der Monostadt – das bedeutet Schicht- und Saisonarbeit, Toı am Wochenende und mehrstündige Fahrten mit dem Sammeltaxi der Bahn zu Einkaufszentren in Taras, Shymkent, Qostanaı, Óskemen, Qaraģandy und anderen Großstädten.

Leben in der Monostadt – das bedeutet mehr oder weniger überleben und so gut wie nie eine entwickelte Infrastruktur benutzen.

Leben in der Monostadt – das bedeutet, sich nicht sicher zu fühlen und nicht zu wissen, was gute Straßen und Verkehrsmittel, kleine architektonische Formen, gepflegte Rasenflächen, Bänke oder schöne Bürgersteige sind.

Leben in der Monostadt – dabei geht es nicht nur um das Leben in den Regionen, sondern auch darum, wie die junge Generation unter solchen Bedingungen lebt und sich entwickelt. Und darum, wie morgen die Jugend von heute aus der Monostadt in die Haupt- oder Großstadt kommt.

Weitere Bilder findet ihr im Originalartikel.

Zarina Adambussinova für Vlast

Aus dem Russischen von Robin Roth

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Hat Politologie und Slavistik in Göttingen und Torun studiert. Von 2015 bis 2017 war er Sprachassistent des Goethe-Instituts Kasachstan mit dem Einsatzort Qaragandy und hat während dieser Zeit Zentralasien kennen und lieben gelernt.

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