Das ist Temirtau, Baby! (2/3)

Temirtau, 180 Kilometer südlich von der kasachischen Hauptstadt Astana, ist vor allem für eines bekannt: die Fabrik „Arselor Mittal Temirtau“. Was bewegt die Bewohner einer Stadt, die von ihren Hochöfen abhängt? Tengrinews.kz poträtiert die Stadt und ihre Bewohner in einer dreiteiligen Fotoreportage, die Novastan mit freundlicher Genehmigung der Redaktion übersetzt.

Temirtau, die Stadt in der Großmutter fast erfriert. In dem zweiten Teil unserer Reportage geht es um die Wärme in den Häusern der Stadt und wie die Einwohner dieser Stadt, die fast ausschließlich von ihren Hochöfen lebt, ihren Alltag bestreiten. Teil eins der Reihe findet ihr hier.

Vor dem Neujahrsfest hat der Premierminister Kasachstans vom Akim (dem regionalen Regierungsoberhaupt, Anm. d. Red.) der Karagandinischen Oblast (Region in Zentralkasachstan, Anm. d. Red.) verlangt, den Häusern der Bewohner von Temirtau eine ordentliche Beheizung zu ermöglichen (zu dieser Zeit lag die Temperatur in den Wohnungen einiger Bürger nicht höher als 12 Grad). Seitdem sind schon zwei Monate vergangen, aber bis jetzt beklagt man in Temirtau eine unbeständige Beheizung der Wohnungen.

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Diese Mikrorajon (Plattenbausiedlung außerhalb des Zentrums, Anm. d. Red.) von Temirtau wurde uns als die kälteste der ganzen Stadt vorgestellt. Augenzeugen bestätigen, dass die Menschen hier in einigen Wohnungen Filzstiefel tragen.

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In einer der Eckwohnungen lebt die Rentnerin Sofja Georgiewna Popandopolo. Unsere Frage nach der Heizsituation hörend, greift sie sich an den Kopf.

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„Hier war es unmöglich, selbst ein Hund wäre hier erfroren, ehrlich. Oh, wie kalt es war, bewahre uns Gott“, sagt die Frau. Jetzt sind die Heizungen in ihrer Wohnung warm, aber noch zu Beginn des Jahres, erzählt sie, war es nicht auszuhalten.

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Sofja Georgiewna zeigt uns ihren elektrischen Heizkörper, den sie für 4000 Tenge (ca. 12 Euro, Anm. d. Red) erworben hat. Seit in ihre Wohnung die Wärme zurückgekehrt ist, hat sie ihn in die Kiste zurückgepackt. „Wenn ich mich schlafen legte, habe ich den Heizkörper angemacht, die Füße gewärmt, die Hände, bevor ich das Bett wärme… Jetzt danke ich Gott, dass die Heizungen wenigstens ein bisschen warm sind“, sagt sie.

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„Das erste Mal seit drei Jahren kann ich die Hände an die Heizung legen und sie wärmen. Drei Jahre lang hatte ich kalte Hände, konnte sie nicht wärmen. Dieses Jahr sind die Nachbarinnen ins Akimat (die Regionalverwaltung, Anm. d. Red.) gegangen und haben gesagt, dass die Oma im ersten Stock erfriert. Dann kamen Leute aus dem Akimat, mit irgendwelchem speziellen Werkzeug, haben sich das angeschaut. Danach ist es wärmer geworden“, sagt die Frau.

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„Aber sonst war es nicht überall in der Stadt kalt, in einer anderen Mikrorajon zum Beispiel machen die Leute sogar die Fenster auf, weil es so heiß ist. Ich weiß nicht, warum das so ist, wir leben doch in derselben Stadt“, wundert sich die Großmutter. „Jetzt kann man hier, Gott sei Dank, wieder leben“, sagt sie.

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Wir gingen in andere Wohnungen im selben Haus, dort tragen die Bewohner in der Wohnung warme Kleidung und benutzen immer noch elektrische Heizkörper.

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Die berühmte Regierungssitzung vor Silvester, an der der Premierminister den Akim der Oblast’ für die niedrigen Temperaturen in den Häusern Temirtaus rügte, nennen die Anwohnern einen „Aufschrei aus tiefster Seele“.

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Der Journalist Oleg Gusew erzählt, dass die Frage der Beheizung der Wohnhäuser Temirtaus bis heute nicht im Ansatz gelöst ist. „Der Winter ist noch nicht vorbei, aber wir hatten keine Woche, in der kein Kessel des Heizkraftwerkes ausgefallen ist. Die gesamte Ausstattung ist völlig überaltert, aber niemand will ins Heizkraftwerk investieren, obwohl der Tarif kurzfristig angehoben wurde“, sagt er.

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„Das heißt, wir schlagen weiter Purzelbäume, sozusagen. Gerade vor kurzem gab es wieder Frost, und die Heizungen haben schon wieder nichts geleistet“, sagt Gusew.

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Wir versuchen uns ein bisschen von dem Problem der Beheizung abzulenken und spazieren ein wenig durch die Stadt.

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In Temirtau gibt es viele alte Häuser.

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Möglich, dass sie von außen baufällig und schäbig aussehen. Die Anwohner aber sagen, dass diese Häuser gewissenhaft gebaut sind und den gewöhnlichen Fünfstöckern einiges voraushaben.

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Die Innenhöfe sind meist gepflegt und gemütlich.

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Eine weitere örtliche Sehenswürdigkeit ist die Straßenbahn.

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Auch wenn heutzutage nur noch eine Straßenbahnlinie existiert, welche zum Metallurgiekombinat führt, ist dieses Transportmittel sehr beliebt.

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 Täglich fahren 11 Straßenbahnen durch die Stadt.

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Die Fahrt kostet 50 Tenge (etwa 15 Cent, Anm. d. Red.)

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Die Frauen, die die Straßenbahnen fahren, haben eine besondere Beziehung zu den Waggons.

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Wir haben uns schon an sie gewöhnt. Manchmal sagst du so: Waggonchen, mein Goldjunge, geh nicht kaputt, mach langsam. Sie sind ja schon alt, und wir bewahren sie, damit sie nicht kaputt gehen“, sagt Tatjana Akupowa.

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Als Straßenbahnfahrerin arbeitet Tatjana Akupowa schon 21 Jahre. „Unsere Stadt ist doch klein, wir kennen alle Passagiere, wissen, wo wer aus- und einsteigt“, sagt sie.

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Die Straßenbahn wird vor allem von den Arbeitern des Kombinats genutzt.

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Die Straßenbahn ist etwa aus den siebziger Jahren.

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„Der Arbeitstag hat bei uns 8 Stunden: Entweder von früh Morgens bis Mittags, oder nach dem Mittag bis Abends. Alles nach Zeitplan. Wir haben die ganze Stadt vor Augen – du siehst alles, du weißt alles“, sagt Tatjana Akupowa.

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Einen besonderen und unvergleichlichen Anblick bieten die Straßenbahnen in der Nacht.

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Es scheint, als würde mit der Abfahrt der letzten Straßenbahn und dem Eintritt der Nacht das Leben in der Stadt einfrieren.

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Aber wenn man das Objektiv der Kamera in Richtung Kombinat bewegt, kann man außergewöhnliche Fotografien machen. Die Arbeit im größten Betrieb Temirtaus, dem Metallurgiekombinat, hört nicht auf.

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„Die Stadt ist schön, gut, es gibt viele Vorteile, die Bewohner sind auch ruhig“, sagt der Taxifahrer Amanschol.

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Er lebt seit 15 Jahren in Temirtau. In dieser Zeit hat er in der Vertragsorganisation des Metallurgiekombinats gearbeitet, schließlich aber entschieden, dass die Arbeit als Taxifahrer besser zu ihm passt.

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Amanschol liebt es, sich mit Menschen zu unterhalten. Er kann viele außergewöhnliche Geschichten erzählen.

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„Einmal habe ich einen Menschen zu einer Adresse gebracht, dort abgesetzt, wollte weiterfahren, und plötzlich kommt ein Mädchen angerannt, setzt sich ins Auto und hält mir ein Messer an die Kehle…“, beginnt der Mann seine Erzählung.

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„Sie setzt mir also ein Messer an die Kehle, total verheult, und schreit mich an: Fahr los. Ich bewege mich langsam, sage: Wohin soll es denn gehen? Sie meinte, fahr nach Schachtinsk. Während wir fuhren, haben wir uns unterhalten, sie hat sich beruhigt. Es zeigte sich, dass ihr Ehemann sie ständig schlägt und die Schwiegermutter sie nicht in Ruhe leben lässt. Ich habe sie dahin gebracht, wohin sie wollte. Danach holt mich eine Gazelle ein (russische Automarke, Anm. d. Red.). Darin saß ihr Bruder, wie sich herausstellte. Er bedankt sich, dass ich sie hingebracht habe. E sagte, ich hab kein Geld, hier, nimm den Benzingutschein für 40 Liter, und ihren Ehemann, sagt er, will er umbringen, sobald er kommt. So war das“, erzählt Amanschol.

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In Temirtau, sagt er, gefällt ihm alles – außer vielleicht, dass die Menschen in letzter Zeit etwas trauriger geworden sind.

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Früher haben alle ein Lächeln auf dem Gesicht gehabt. Du schaust in den Bus – alle lächeln, alle sind froh. Und jetzt fahre ich mit dem Auto am Bus vorbei, und alle haben den selben Blick – gerichtet auf irgendeinen Punkt, und alle sitzen in ihren Gedanken verloren, alle haben irgendwelche Probleme, selten sieht man jemanden lächeln“, überlegt der Taxifahrer.

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Nächsten Montag folgt der dritte Teil: Was essen die Temirtauer denn gerne? Eine kulinarische Exkursion…

Im Russischen Original erschienen auf tengrinews.kz
Aus dem Russischen übersetzt von Katharina Kluge

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