Semipalatinsk Kasachstan

Überreste der sowjetischen Industrie in Zentralasien

Knapp 25 Jahre nach der Unabhängigkeit der zentralasiatischen Republiken ist das Erbe der Sowjetunion dort nicht verschwunden. Das 20. Jahrhundert hat tiefe Spuren im politischen und geopolitischen Geschehen der Region hinterlassen und nicht zuletzt in ihrem Landschaftsbild. Neben der sowjetischen Zeichen in der Stadtplanung, der Architektur und den Denkmälern bilden die industriellen Bauten den sichtbarsten Teil der Vergangenheit. Eine Foto-Reportage in Kasachstan und Kirgistan.

Kasachstan, Kirgistan, Usbekistan, Tadschikistan und Turkmenistan wurden in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts zu sozialistischen sowjetischen Republiken. Nach einem zentralasiatischen Romantismus, in dem die Bildung der zentralasiatischen Grenzen und Identitäten gefördert wurden, wurde die an Naturschätzen reiche Region für Moskau schnell zu nutzbarem Land für die ambitionierten Fünfjahrespläne der Machthaber.

Doch die zentralasiatische Industrie entwickelte sich vor allem kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, nachdem die sowjetischen Rüstungsindustrie in die Region verlagert wurde. Während des Wettrüstens im Kalten Krieg lieferte Zentralasien den Hauptteil des Uraniums zur Herstellung von Atomwaffen. Und diese wurden vor allem in der kasachischen Steppe getestet.

So verändert der militärisch-industrielle Komplex, ein Staat im Staat der Sowjetunion, dauerhaft die Steppen, Wüsten und Berge Zentralasiens. Es explodieren dort einige der mächstigsten je hergestellten Atombomben. Ganze Städte wurden gebaut, um Uranium abzubauen und anzureichern, ihm folgen auch die Eisenbahnlinien und Militärbasen.

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Zeitgleich wächst die zentralasiatische Bevölkerung stark, und mit ihr die Nachfrage nach Nahrung, Energie und Wohnraum. In den drei letzten Jahrzehnten der Sowjetunion werden darum große Wasserkraftwerke geplant und erbaut. Ziel ist, die Flüsse umzuleiten, um den Wasserbedarf für die Baumwollernte in der Steppe zu decken und genügend Elektrizität für die Region erzeugen.

Durch diese aus Moskau koordinierte Politik hat sich die Region sehr schnell entwickelt und wurde mit allen modernen Dienstleistungen ausgestattet. Doch langfristig hat sie auch zu gravierenden Umweltkrisen geführt. Der Aralsee ist heute in weiten Teilen ausgetrocknet, dazu kommen die internationalen Spannungen aufgrund die Wasserverteilung.

Die Spuren dieser Zeit finden sich noch heute in den unabhängig gewordenen Republiken. Oft wurden industrielle Stätten aufgegeben, manche funktionieren weiterhin, und alle  werfen viele ökologische und wirtschaftliche Fragen auf. In dieser Fotoreportage ist Novastan zwischen Kirgistan und Kasachstan auf den Spuren dessen, was einst Teil einer der größten industriellen Weltmächte war.

Flughafen Kirgistan

Das Gebäude des ehemaligen Flughafens von Frunse, der kirgisischen Hauptstadt, die heute Bischkek heißt. Hinter den vielen Bäumen erkennt man nur noch den klassischen Turm in der Mitte. Das Rollfeld ist von Gräsern durchwachsen und wurde vom schnell wachsenden Bischkek eingeholt. Zu Sowjetzeiten stand der Flughafen noch außerhalb der Stadt. Heute dient das Gebäude der Bezirksmeldestelle. Seit den 1980er Jahren hat die kirgissche Hauptstadt einen neuen Flughafen im Westen der Stadt, nachdem dieser aus Platzgründen geschlossen wurde.

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Temirtau Kasachstan

Der Metallurgiebetrieb von Temirtau in Kasachstan, in der Nähe von Karaganda. Diese Fabrik ist weiterhin in Betrieb, seit den Zeiten in denen der jetzige kasachstanische Präsident Nasarbajew dort Arbeiter und Gewerkschafter war. Heute gehört sie der indischen Firma Mittal. Trotz der sehr günstigen Kohlelieferungen droht die Schließung, da die alten Einrichtungen massive Investitionen benötigen.

Zaoziorny Kasachstan

Die alte Heizanlage des Dorfs Zaoziorny im Norden Kasachstans. Heute ist das Gebäude vollkommen sich selbst überlassen. Früher diente die Anlage dazu, die Einwohner des geheimen Dorfes rund um eine Uraniummine, die bis 1992 in Betrieb war, zu heizen. Später sind jedoch fast alle weggezogen, und der einstige Industrieort ist zur Geisterstadt geworden.

TEZ Bischkek

Die „TEZ Heizanlage in Bischkek. Ihr höchster Schornstein ragt in 320 Metern Höhe über der Steppe, auf die sich die kirgisische Hauptstadt öffnet. Dieses in den 1970ern gebaute Kraftwerk arbeitet mit Kohle und Heizöl und beliefert die Stadt mit heißem Wasser, Heizung und sogar Elektrizität.

Ihre laufenden Kosten sind jedoch riesig. 5 der 10 Generatoren funktionieren noch, und das nur dank ausländischer Hilfe aus Japan, China und Deutschland. Die ökologischen Kosten sind ebenfalls bedeutend: während der kalten Winter hängen die Kohledämpfe über der Stadt und verursachen viele Atemkrankheiten.

Heizrohre Bischkek

Das von der TEZ ausgehende Heizungsnetzwerk durchquert Bischkek mit seinen dicken Rohren. Sie sind oft in einem beklagenswerten Zustand und der Grund für Energieverluste. Dennoch bleiben sie die Hauptheizquelle für die meisten Haushalte. Jedes Jahr besteht die Angst, die sichtbare Zersetzung der maroden Rohre könnte zu einer Unterbrechung der Stadtheizung führen.

Semipalatinsk Kasachstan

In Semipalatinsk (heute Semej), im Nordosten Kasachstans, funktioniert eine weitere Heizanlage bei Temperaturen von bis zu -50°C. Die Zugstrecke durch Semipalatinsk stammt aus den Zeiten des Russischen Reiches. Damals wurden Eisenbahnlinien zur Staatstechnologie befördert, eine Entwicklung, die in der Sowjetunion weitergeführt wurde. Diese Züge dienten einst dazu, die wertvollen Bodenschätze aus Zentralasien, wie auch Waffen und Soldaten, über weite Distanzen durch die Steppen der Region zu befördern. Heute ist der Zug eines der Transportmittel, welches die Staaten der ehemaligen Sowjetunion am besten verbindet.

Balyktchy Kirgistan

Eine blaue Lokomotive mit den Abzeichen der Sowjetunion steht auf den Schienen in Balyktschy, am Westende des Issikkölsees in Kirgistan. Diese Fischerstadt liegt am Ende einer Eisenbahnlinie, die über Bischkek bis nach Moskau führt. Heute bildet sie ein Rückgrat für die saisonale Arbeitsmigration von Kirgistan nach Russland.

Bahnhof Zaoziorny Kasachstan

Der verlassene Bahnhof von Zaoziorny in Kasachstan. Während er sich anderswo besser gehalten hat, ist der Zug aus manchen mono-industriellen Städten der ehemaligen UdSSR komplett verschwunden.

Zaoziorny Kasachstan

Auch das Zentrum von Zaoziorny mit seinen so typisch sowjetischen, kubischen Bauten ist heute menschenleer. Es bleibt den wilden Gräsern der Steppe überlassen. Früher war Zaoziorny auf keiner Karte verzeichnet, und seine Einwohner wurden nicht registriert, da die Stadt als strategisches Objekt galt.

Bischkek Kirgistan

Eine im sowjetischen realistischen Stil gebaute Statue eines Bergmanns steht vor dem Gebäude, das heute wie zu Sowjetzeiten das kirgisiche Institut für Geomechanik beinhaltet. Der Bergbau war in der Sowjetunion sehr gut organisiert und einer der Hauptsektoren der zentralasiatischen Wirtschaft. Ein weiteres Symbol: im ehemaligen Gebäude des Geologieministeriums in Bischkek ist heute die russische Botschaft.

Ming-Kusch Kirgistan

Ming-Kusch, im kirgisischen Tian-Schan Gebirge, ist eine weitere geheime Bergarbeiterstadt der Sowjetunion. Dort wurde das Uranium abgebaut, das in Kara-Balta, in der Nähe Bischkeks bereichert wurde. Heute ist die Stadt nur noch ein Schatten ihrer selbst und leidet unter den Strahlungen des schlecht kontrollierten radioaktiven Abbaus.

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Denkmal Semipalatinsk Kasachstan

Semipalatinsk ist ein Symbol für die Exzesse der Militärindustrie und dem atomaren Wettrüsten des Kalten Krieges. Unweit dieser Stadt liegt das Polygon, wo die atmosphärischen Atomtests des Sowjetunion durchgeführt wurden. Diese Tests haben tausende Kasachen, die in der Steppe lebten, das Leben gekostet und nehmen noch heute einen wichtigen Platz im kollektiven Gedächnis Kasachstans ein. Seit den 1980ern kämpfte das Land für die Beendigung der Tests, und heute ist es ein Vorreiter der weltweiten Bewegung für Denuklearisierung.

Utsch-Korgon Kirgistan

Der Ütsch-Korgon Staudamm in der Region Talas in Kirgistan. Über ihm ist ein imposanter Leninkopf in den Berg gemeißelt. Der Damm reguliert die sommerlichen Wasserlieferungen an den kasachischen Nachbarn. Durch diese Unterstützung für die kasachische Landwirtschaft erhofft sich Kirgistan günstige Stromimporte aus Kasachstan im Winter.

Das Wasserkraftwerk ist auch Teil eines komplexen Systems für Wassermanagement auf regionaler Ebene, das von der Sowjetunion erdacht wurde. Heute mangelt es in Zentralasien sowohl an Wasser als auch an Strom, die Infrastruktur (Staudämme, Übertragungsleitungen und Bewässerungskanäle) altert und die Wasserverteilung zwischen den Republiken führt zu Spannungen.

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Kambarata-1 Kirgistan

Die zum Teil aufgegebene Baustelle des großen Staudamms Karambata-1 auf dem Fluss Naryn in Kirgistan. Dieser schon zu Sowjetzeiten geplante Staudamm wird seit den 1980ern gebaut.

Heute führt das Projekt zu heftigen Drohungen von Usbekistan gegenüber Kirgistan, da der Staudamm die Baumwollernte des Nachbarn beeinträchtigen würde. Troz seiner knappen Finanzen und den geopolitischen Folgen hat Russland versprochen, den Bau zu bezahlen.

Aralsk Kasachstan

Am anderen Ende dieses sowjetischen Hydrauliksystems liegt der Aralsee. Hier ist die einstige Mündung des Flusses Naryn, der zwischenzeitlich in Amu-Daria umbenannt wurde. Die Stadt Aralsk, in Kasachstan, zeigt noch ihre frühere Größe. Doch die großen Staudämme und die sowjetische Industrie haben diesen See ausgetrocknet.

Aralsk Kasachstan

Früher lebte Aralsk vor allem von der Fischerei. In der Nähe der Stadt liegen die Fischerbote nun auf Grund, und rosten im heißen Sand der Wüste.

Anatole Douaud
Mitgründer von Novastan.org

Aus dem französischen übersetzt von
Florian Coppenrath

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