„Ich muss für meine Kinder leben“: Die Geschichte von Sholpan Begaidarova, die von drei Kugeln getroffen wurde

Am 6. Januar geriet die 30-jährige Sholpan Begaidarova, eine alleinerziehende Mutter von drei Kindern, unter Beschuss. Sie war mit ihrem Auto im Stadtzentrum unterwegs, als es unter Beschuss geriet. Die Frau befindet sich jetzt in der chirurgischen Notaufnahme des städtischen Unfallkrankenhauses in Almaty.

The Village Kazahkszan sprach mit Sholpan darüber, wie sie auf wundersame Weise dem Tod entkam und welche Hilfe sie jetzt braucht.

Am Abend des 6. Januars fuhr ich zur Apotheke. Ich wollte Medikamente für die Kinder kaufen, denn es war nicht bekannt, ob die Apotheken geöffnet sein würden.

Es geschah an der Kreuzung Furmanov und Satpaeva bzw. Furmanov und Abay Straße (Anm. d. Red.: Die Furmanov-Straße wurde 2017 in Nazarbaev-Straße umbenannt, Sholpan verwendet hier noch den alten Namen). Ich erinnere mich genau, dass ich am Einkaufsmarkt vorbeikam, als ich die Schüsse hörte. Ich war am Steuer und durch die Tür trafen mich zwei Kugeln in den Oberschenkel. Dann gab ich Gas und eine weitere Kugel traf mich von hinten, durchschlug den Sitz und trat auf der rechten Seite aus.

Von da an war alles nur noch verschwommen. Ich stand unter Schock, ich erinnere mich bruchstückhaft, dass ich um Hilfe schrie. Nach einer Weile hielt ein Kleinbus an und uniformierte Männer stiegen aus, Spezialeinheiten oder Bereitschaftspolizei, ich weiß es nicht. Sie brachten mich in ihrem Auto ins Krankenhaus. Manchmal kam ich wieder zu Bewusstsein. Ich weiß noch, wie ich schrie und um Hilfe bat. Das ganze Auto war voller Blut. Ich erinnere mich daran, wie man mir die Augen öffnete und auf Kasachisch wiederholte: „Wach auf!“, „Nicht schlafen!“.

Über das Krankenhaus

Als ich im Krankenhaus war, sah ich ein vierjähriges Kind sterben. Es lag im Bett nebenan. Es ist vor meinen Augen verstorben. Es muss das Schrecklichste gewesen sein, was ich je gesehen hatte, als ich wieder zu Bewusstsein kam.

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Ein paar Tage später wurde ich von der Intensivstation verlegt. Am 10. oder 11. Januar kam ich endlich wieder zu Kräften. Davor kam ich immer nur zeitweise wieder zu Bewusstsein, schrie vor Schmerzen und bekam ständig Schmerzmittel verabreicht.

Lebenswichtige Organe wurden getroffen. Mein Dickdarm musste genäht werden, mein Oberschenkel wurde zertrümmert, meine Geschlechtsorgane und meine rechte Niere wurden getroffen. Die Kugel, die durch die hintere Fahrertür eintrat, durchschlug meinen Rücken. Es waren nur ein paar Zentimeter bis zu meiner Wirbelsäule. Als die Kugel den Oberschenkel traf, war sie zwei Millimeter vom Ischiasnerv entfernt.

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Man hätte mir das Bein amputieren können, aber die Ärztin, die mich operiert hat, hat das Bein und meine Organe gerettet. Sie schnitten mir den Bauch auf und entfernten die Kugeln. Ich habe jetzt meinen Bauch, meinen Oberschenkel und mein Bein komplett mit Fäden zugenäht. Die Schläuche und Katheter wurden erst vor kurzem abgenommen. Es ist nicht sicher, ob ich in der Lage sein werde, zu arbeiten und meine Familie weiterhin zu unterstützen.

Die Kinder waren die ganze Zeit bei meiner Mutter zu Hause. Sie waren der einzige Grund, warum ich überlebt habe. Nur der Gedanke an sie gab mir Kraft. Als ich bewusstlos war, sah ich, wie meine Großmutter mich aufzog. Ich weiß noch, wie ich es ihr sagte: „Mutti, ich vermisse dich so sehr, komm schon, hilf mir. Ich habe Kinder, ich muss so viel arbeiten“. Darauf antwortete sie mir: „Tochter, alles wird gut, geh zu deinen Kindern“. In diesem Moment sah ich meine Kinder, ging zu ihnen und nahm meinen Sohn an der Schulter.

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Danach habe ich meine Augen geöffnet. Ich hatte einen Schlauch in meinem Mund und meine Hände und Füße waren festgebunden. Das Einzige, was ich tun konnte, war meinen Kopf zu heben und meinen zugenähten Bauch und die Schläuche zu sehen. Dann verlor ich wieder das Bewusstsein.

Es fühlte sich an, als würde all das nicht mir passieren. Alles, was ich fühlte, waren Schock und Schmerz. Jetzt ist es einfacher, die ersten Tage waren viel schmerzhafter als je zuvor in meinem Leben. Der gesamte Bereich unterhalb meines Bauches wurde neu genäht.

Ich hatte eine Operation auf der Intensivstation, und jetzt wurde ich auf die chirurgische Station verlegt. Sie pflegen mich wieder gesund und ich bin bei vollem Bewusstsein. Selbst die ÄrztInnen können noch keine Prognose abgeben. Sie versichern mir, dass alles in Ordnung kommen wird, aber ich muss ständig kontrolliert werden, da es zu Komplikationen kommen kann. Die Ärztin, die mich operiert hat, sagte, es sei ein Wunder, denn niemand überlebt mit solchen Verletzungen.

Ich weiß nicht, was mit meiner Gesundheit passieren wird, aber ich habe PsychologInnen, die jeden Tag mit mir arbeiten, damit es mir besser geht. Aber ich bin auch kein kleines Mädchen und verstehe, dass ein solches Ereignis Folgen haben kann. Mir wurden Kugeln aus dem Unterleib entfernt. Mein Unterleib war völlig aufgeschnitten, weil die Kugeln, so wie ich es verstanden habe, durch die Tür gingen. Es sollen sogar Hautstücke auf den Sitzen gewesen sein.

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Ich wache jeden Tag mit dem Gedanken auf, dass ich für meine Kinder leben muss. sie sind mein Leben. Ich weiß nicht, wann ich sie sehen werde. Bis jetzt sagen die ÄrztInnen, dass ich nicht entlassen werden kann und kontrolliert werden muss. Jeden Tag, an dem ich Verbände trage, kommen die ÄrztInnen, halten Sprechstunden ab und sagen, es sei besser, vorerst im Krankenhaus zu bleiben.

Das Leben vor der Tragödie

Ich bin eine alleinerziehende Mutter, die drei Kinder ohne Vater großzieht. Wir mieten eine Wohnung, aber ich stehe auf einer Warteliste für eine gratis Wohnung von dem Staat. Ich habe an der Fakultät für Journalismus der KazNU studiert, mein Studium aber nicht abgeschlossen, da ich Studium und Arbeit miteinander kombinieren musste.

Ich bin jetzt selbständig. Wir haben einen eigenen Laden, den wir zusammen mit meiner Mutter führen. Während ich im Krankenhaus bin, kümmert sich meine Mutter um die Kinder, deshalb gibt es keine Verkäuferin im Laden. Ich habe zwei Töchter und einen Sohn, meine älteste Tochter ist sieben Jahre alt und geht seit kurzem in die Schule, mein Sohn ist fünf und meine jüngste Tochter wird in ein paar Tagen ein Jahr alt.

Über die Zukunft

Jetzt kann ich die Miete für die Wohnung, in der ich mit meinen Kindern lebe, nicht mehr bezahlen, aber die Leute helfen mir, wo sie nur können. Ich bin dankbar, dass die Gemeinschaft mich und meine Kinder nicht im Stich lässt. Aber ich würde gerne Hilfe von den Behörden bekommen. Zunächst einmal, was meine Gesundheit und meine Rehabilitation betrifft. Ich könnte eine Behinderung davontragen und nicht mehr arbeiten können. Ich bin in Kasachstan geboren, habe mein ganzes Leben lang hier gelebt und zahle steuern, also hoffe ich, dass der Staat mir helfen wird.

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Meine jüngste Tochter wird übermorgen ein Jahr alt. Während ich im Krankenhaus war, machte sie ihre ersten Schritte. Ich kontaktiere meine Familie per Videoanruf, sie weint natürlich, wenn sie mich sieht. Ich habe noch gestillt, aber jetzt ist die Milch weg. Den älteren Kindern muss meine Mutter gesagt haben, dass ich krank sei. Sie wissen, dass ich im Krankenhaus bin, und zeigen jeden Tag ihre Zeichnungen.

Ich vermisse meine Kinder sehr und mache mir Sorgen um sie. Jetzt quält mich der Gedanke, was mit ihnen geschehen wäre, wenn ich gestorben wäre. Es ist mir zwar unangenehm, aber ich bin Gott dankbar, dass ich noch lebe und dass meine Kinder nicht zu Waisen geworden sind. Sie haben niemanden außer mir und meiner Mutter. Wir hatten viele Pläne für 2022. Ich wollte zum ersten Mal mit meinen Kindern in den Urlaub fahren. Das wichtigste für mich ist jetzt, dass ich wieder gesund werde, damit ich meinen Kindern in Zukunft nicht zur Last falle. Das ist nicht der Grund, warum ich sie zur Welt gebracht habe. Zum Glück bin ich eine Frau, und wir sind starke Wesen.

Village Kazakhstan
Aus dem Russischen übersetzt von Aigerim Kozhakhmetova

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