Mehr als 30 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion halten sich noch immer kolonialistische Einflüsse in Kasachstan. Russisch ist nach wie vor weit verbreitet und dient als wichtigste Sprache für die interethnische Kommunikation. Diese fortwährende sprachliche Dominanz stellt eine große Herausforderung für die vollständige Dekolonialisierung der kasachstanischen Identität dar. Der Einmarsch in die Ukraine hat jedoch eine junge urbane Mittelschicht dazu veranlasst, die imperialistischen Überbleibsel zu konfrontieren und ihre Landessprache zurückzuerobern.
Russlands kolonialistischer Krieg gegen die Ukraine löste Schockwellen in Zentralasien aus. Moskaus Betonung historischer, kultureller und sprachlicher Verbindungen sorgt in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken zunehmend für Unbehagen.
Besonders in Kasachstan, Heimat einer großen ethnisch-russischen Bevölkerung, fürchten viele, dass ihr Land als nächstes auf der Liste des Kremls stehen könnte. Diese Befürchtungen sind nicht unbegründet. Seit Beginn des Krieges in der Ukraine haben russische Propagandist:innen wiederholt kaum verhohlene Drohungen geäußert, Teile ihres südlichen Nachbarn zu annektieren.
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Obwohl Kasachstans Regierung in den letzten drei Jahrzehnten versucht hat eine neue nationale Identität zu formen, bleibt der russische Einfluss bestehen. Seit der Eroberung der kasachischen Steppe im 19. Jahrhundert durch zaristische Truppen wurden das Land und die Menschen, die auf dem Gebiet des heutigen Kasachstan leben, durch die imperialistische Herrschaft geprägt; zuerst durch das Russische Reich, dann durch die Sowjetunion.
Im 20. Jahrhundert zerstörte die Zwangskollektivierung die traditionellen Lebensweisen und führte zu Hungersnöten. Unzählige Menschen zogen in einer verzweifelten Suche nach Essen und Arbeit in die Städte, die selbst koloniale Räume mit imperialer Infrastruktur und Gebäuden waren. Die rasante Urbanisierung und Industrialisierung haben Narben in der Landschaft hinterlassen und verursachen bis heute Umweltverschmutzung sowie Gesundheits- und Umweltprobleme.
Russlands sprachliches Erbe
Neben diesen abstrakten postkolonialen Realitäten existiert aber noch immer die bedeutende, wenn auch kontroverse Frage der Sprache. Als Folge von Russlands Einmarsch in die Ukraine sind sich viele schmerzhaft des Einflusses bewusst geworden, den Russland nach wie vor über die Sprache in Kasachstan ausübt.
Über 30 Jahre nach der Unabhängigkeit bleibt Russisch die wichtigste interethnische Sprache des Landes. Der Politikwissenschaftler Dossym Satpayev schreibt in einem Artikel für Chatham House, dass die Russifizierungsmaßnahmen in der Kolonialzeit die kasachische Sprache so gründlich unterdrückten, dass die meisten vergessen haben, wie man ihre Muttersprache spricht. Als De-facto Amtssprache der UdSSR war Russisch der Schlüssel zu sozialer Mobilität.
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion blieben die Vorteile des Kasachisch-Lernens gering. Obwohl Kasachisch die Staatssprache ist und Russisch nur eine offizielle Sprache, genossen die Russischsprechenden in Wahrheit immer noch beträchtliche Privilegien und Vorteile. Bis vor kurzem wurden mangelhafte Kenntnisse des gesprochenen Kasachisch kaum als Problem angesehen, da Russischkenntnisse ausreichten, um ein komfortables Leben zu führen. Besonders galt dies im Norden und in den Städten, wo der Großteil der russischsprachigen Bevölkerung Kasachstans lebt.
Im Bildungsbereich war Russisch vorteilhafter, um die Chancen zu erhöhen an renommierten Schulen und Universitäten in Russland zu studieren, teilweise auch wegen der Verfügbarkeit einer größeren Menge wissenschaftlicher Ressourcen. Auch in beruflicher Hinsicht hatten Russischsprechende traditionell mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Kasachisch hingegen wurde als rückständig und unterlegen betrachtet, so erinnert sich der Soziologe Azamat Junisbai, dass er Kasachisch als Heranwachender ausschließlich mit einer ländlichen, unkultivierten Sprache von niedrigem Ansehen assoziierte.
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Die Angst Moskau zu verärgern
Anfangs unternahm Kasachstans Regierung wenig, um die kasachische Sprache zu stärken. Die politischen Entscheidungsträger waren besorgt, dass solche Schritte Kasachstans zunehmenden Nationalismus bestärken würde, der wiederum die interethnische Stabilität des Landes gefährden könnte.
Deshalb entschied man sich ab den 1990ern, diesen frühen national-patriotischen Bewegungen entgegenzuwirken, indem man die Entwicklung einer kasachstanischen staatsbürgerlichen Identität priorisierte. Diese staatsbürgerliche Identität, die durch den Slogan „Einheit in der Diversität“ verkörpert wurde, sollte alle Menschen in Kasachstan unter der Flagge der neuen unabhängigen Republik versammeln, unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit.
Aber die größte Gefahr für die interethnische Stabilität ging weder vom kasachischen Nationalismus, noch von der großen russischen Minderheit des Landes aus. Tatsächlich war Astanas Haltung in dieser Frage lange Zeit von der Befürchtung geleitet, dass Kasachstan mit einer stärker ethnisch-nationalen Politik riskieren würde, seinen nördlichen Nachbarn gegen sich aufzubringen.
Demografie verursacht Wandel
Derweil wurde es für die Regierung immer schwieriger, die nationalen Interessen und lokale Wünsche nach einer Stärkung der kasachisch-ethnischen Identität auszubalancieren. Nach der Unabhängigkeit verließen Millionen Russen Kasachstan, was das demografische Gesicht des Landes dramatisch veränderte. Kasachen sind nun die klare Mehrheit. Sie sind die am schnellsten wachsende ethnische Gruppe des Landes, und es wird angenommen, dass ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung weiter wächst.
Satpayev argumentiert in seinem Beitrag für Chatham House, dass die Stärkung national-patriotischer Einstellungen und Bewegungen organischen Ursprungs ist. Mit Blick auf demografische Trends wird die Unterstützung für eine kasachische Identität weiter wachsen, während gleichzeitig der Gebrauch der russischen Sprache vermutlich zurückgehen wird.
Die russische Invasion der Ukraine katalysierte soziale Prozesse, die aus diesen demografischen Entwicklungen resultierten, und derzeitge und zukünftige politische Präferenzen beeinflussen. Noch vor kurzem war die Debatte um die nationale Identität recht unbedeutend, hauptsächlich diskutiert in kleinen Zirkeln kasachischsprechender intellektueller Eliten. Durch den Krieg wurde diese Diskussion in die Öffentlichkeit gerückt und eine zunehmende Zahl an Menschen entdeckt dabei neu, was es bedeutet, kasachisch zu sein im Kontext des kolonialen Erbes.
Sprache als Werkzeug der Dekolonialisierung
Sprache ist wahrscheinlich die hartnäckigste Bastion des russischen Einflusses in Kasachstan. In einer Folge des Majlis Podcast von RFE/RL erläutert der Soziologe Junisbai, dass ältere Generationen hauptsächlich russische Medien konsumieren, was sie empfänglicher für russische Propaganda macht. Als Folge ist die Idee eines sogenannten „wohlwollenden Kolonialismus“ unter Älteren immer noch weit verbreitet. Viele glauben, dass Kasachstan der Fremdherrschaft viel zu verdanken habe, etwa die Industrialisierung und Modernisierung.
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Dieses Gefühl wird von jüngeren Generationen nicht geteilt. Sie haben keine eigene Erinnerung an die Sowjetunion und versuchen die letzten Überreste des sowjetischen und russischen Kolonialismus in einem Streben nach einer neuen kasachischen Identität aufzulösen. Für sie ist Sprache ein Instrument der Dekolonialisierung. Auf den Straßen spiegelt sich dies beispielsweise in einer wachsenden Beliebtheit der Modemarke Qazaq Republic wider. Das Unternehmen, bekannt für seine trendige Kleidung und andere Artikel mit patriotisch-kasachischen und englischen Slogans, verdankt seinen Erfolg weitgehend diesen gesellschaftlichen Entwicklungen.
In einem Artikel des Medienunternehmens „The Diplomat“ sagt Biybaris Seitak, Gründer des beliebten kasachischsprachigen Instagram-Kanals „Kazakh Bubble“, dass die russische Invasion der Ukraine vielen Kasachen bewusst gemacht habe, dass „Kasachisch zu sprechen eine Frage der nationalen Sicherheit“ sei. Der Krieg habe dazu geführt, dass sich viele unwohl dabei fühlten, in der Sprache des ehemaligen Kolonialherren über Dekolonialisierung zu sprechen.
Daher hat Russlands Einmarsch viele dazu veranlasst, Worte in Taten umzusetzen. Die Beliebtheit von Kasachisch-Sprachschulen und Clubs ist explodiert und die kasachstanische Regierung ist auf den Zug aufgesprungen, indem sie neue Pläne zur Förderung der kasachischen Sprache auf den Weg bringt.
Obwohl Präsident Qasym-Jomart Toqaev erklärte, dass die angekündigte Alphabetreform, die den Übergang vom Kyrillischen zu einem lateinbasierten Schriftsystem vorsieht, nicht übereilt werden sollte, hat er mehrere andere Pläne für eine unabhängigere Sprachpolitik vorgelegt. Diese beinhalten einen verpflichtenden Kasachisch-Sprachtest für Menschen, die die Staatsbürgerschaft beantragen, einen Entwurf für ein neues Medien-Gesetz zur Steigerung des Gebrauchs der kasachischen Sprache, und Bildungsreformen zur Verbesserung der Kasachisch-Kenntnisse.
Eine unaufhaltsame Entwicklung
Aber die Angst vor Gegenreaktionen bleibt. Die wachsende Bedeutung des Kasachischen könnte die nicht kasachischsprachige Bevölkerung vor den Kopf stoßen, so wie die immer noch bedeutende russische Minderheit des Landes. Satpayey beschreibt in seiner Arbeit für Chatham House, dass diese Menschen sich „in der Falle“ oder sogar diskriminiert fühlen könnten. Ein Identitätskonflikt droht, was das Risiko von Radikalisierung und prorussischen Separatismus erhöht – und möglicherweise eine Reaktion aus Moskau hervorrufen könnte.
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Vor der großangelegten Invasion der Ukraine nutzte Russland die vermeintliche Verletzung der Rechte russischer Minderheiten im Ausland, um in Nachbarländern zu intervenieren, sei es diplomatisch, wirtschaftlich oder militärisch. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass Russland auf Grund der Förderung der kasachischen Sprache in Kasachstan einmarschiert. Moskau ist mit anderen Dingen beschäftigt, und wichtiger noch, braucht Kasachstan aus wirtschaftlichen Gründen, etwa für den Import von Dual-Use-Gütern, die Russland helfen, seinen Krieg gegen die Ukraine aufrechtzuerhalten.
Letztlich sind weder Astana noch Moskau in der Lage, die wachsende Bedeutung der kasachischen Sprache aufzuhalten, selbst wenn sie es wollten. Der Krieg in der Ukraine und Spannungen mit dem Westen schränken derzeit eine bedeutende russische Reaktion ein. Gleichzeitig drängt die demografische Entwicklung Tokayevs Regierung zunehmend dazu, eine ethnisch geprägte nationale Identität zu fördern. Was die Zukunft bereithält, bleibt abzuwarten. Doch solange die derzeitige geopolitische Realität bestehen bleibt, wird sich die Dekolonialisierung Kasachstans voraussichtlich fortsetzen.
Für die Redaktion von Novastan Julian Postulart
Aus dem Englischen von Baibolsin
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