Obwohl Polygamie seit 2018 verboten ist, ist sie in der turkmenischen Gesellschaft weiterhin tief verwurzelt. Die Bedeutung der Tradition und der sozio-ökonomische Kontext sind die Hauptursachen.
Laut einer im Dezember von Radio Free Europe veröffentlichten Recherche ist Polygamie in Turkmenistan weit verbreitet. Sie gilt als neue Norm im Alltag der Turkmen:innen. Allerdings hat das turkmenische Parlament 2018 ein Gesetz verabschiedet, das die Polygamie verbietet.
Den Quellen von Radio Free Europe zufolge ist Polygamie immer häufiger geworden, insbesondere unter Geschäftsleuten und Beamten. Diese Männer haben mehrere Ehefrauen, eine offiziell und weitere durch religiöse oder inoffizielle Vereinbarungen. Unter dem Sowjetregime war Polygamie bereits verboten und wurde mit bis zu zwei Jahren Arbeitslager bestraft.
Die Last der Tradition
Tradition wird als einer der Gründe für dieses Phänomen benannt. Diese Begründung gab Turkmenistans erster Präsident Saparmyrat Nyyazow 1999, um Polygamie zu legalisieren. Er sprach insbesondere von der Notwendigkeit, „lokale Gebräuche und alte Traditionen zu respektieren“, ohne die Legalisierung jedoch offiziell umzusetzen.
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Als vereinsgetragene, unabhängige Plattform lebt Novastan vom Enthusiasmus seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen – und von eurer Unterstützung!„Polygamie ist ein fester Bestandteil der turkmenischen Kultur, ob es uns gefällt oder nicht. Sie ist ein Element der nationalen Identität“, erklärt Aynabat Yaylymova, Leiterin der Progres Foundation, einer auf Menschenrechte in Turkmenistan spezialisierten, in den USA ansässigen Nichtregierungsorganisation, gegenüber Novastan.
„Traditionelle Praktiken, die einst als ‚rückständig‘ und ‚frauenerniedrigend‘ galten (einschließlich Polygamie, Anm. d. Red.), tauchen wieder auf und werden durch die Untätigkeit und das Schweigen des Staates begünstigt“, fügt sie hinzu.
Soziale Akzeptanz
Laut Yaylymova befürworte ein Teil der turkmenischen Bevölkerung die Polygamie als Reaktion auf die Versuche der Behörden, sie während der Sowjetzeit zu verbieten. „Zu Sowjetzeiten galt diese Praxis den Turkmenen als archaisch und entwürdigend für die Geschlechterbeziehungen. […] Die neue postsowjetische Generation der Turkmenen ist mit der Akzeptanz oder Normalisierung dieser Beziehungsform aufgewachsen. Es könnte deutlich mehr Akzeptanz für diese Praxis geben“, erklärt die Expertin.
Das Thema Polygamie ist in Turkmenistan jedoch weiterhin ein Tabu. „Die Mehrheit der Bevölkerung betrachtet es als Privatsache, ähnlich wie häusliche Gewalt oder Abtreibung. Man spricht nicht gern offen darüber, zumal Polygamie unter Strafe steht. Das Thema wird selten öffentlich diskutiert“, so Yaylymova.
Sozio-ökonomische Faktoren
Die Praxis der Polygamie wird auch durch die sozio-ökonomischen Gegebenheiten des Landes begünstigt. Laut der Recherche von Radio Free Europe akzeptieren turkmenische Familien aus Gründen wirtschaftlicher Notlage mitunter die Verheiratung ihrer Töchter als Zweit- oder Drittfrau. Denn für arme Familien ist es schwierig, eine Hochzeit zu organisieren, da die Mitgift sehr hoch ausfallen kann.
Viele dieser polygamen Beziehungen basieren auf religiösen Eheschließungen. Dies verhindert allerdings, dass die Frauen und ihre Kinder rechtlichen Schutz erhalten. Weitere zu berücksichtigende Faktoren sind familiärer Druck, Unfruchtbarkeit, die Stigmatisierung unverheirateter Frauen und arbeitsbedingte Migration.
Schwierige Umstände für Frauen und Kinder
Laut Aynabat Yaylymova bietet die ultrakonservative Frauenpolitik der turkmenischen Regierung einen fruchtbaren Boden für die Polygamie. „Häusliche Gewalt wurde entkriminalisiert, und die Frist für einen Schwangerschaftsabbruch wurde von zwölf auf fünf Wochen verkürzt. Es ist schwierig geworden, sich scheiden zu lassen und eine gewalttätige Familie zu verlassen“, erklärt sie.
„Und wenn man Indikatoren wie den sich verschlechternden Zugang von Frauen und Mädchen zu Bildung und reproduktiver Gesundheitsversorgung, die zunehmende Armut und Ungleichheit sowie die verstärkte Arbeitsmigration berücksichtigt, ergibt sich diese explosive Mischung“, fügt sie hinzu.
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Turkmenische Männer, die zur Arbeit ins Ausland gehen, gründen dort oft Zweitfamilien und lassen ihre Familien in Turkmenistan vernachlässigt und in Armut zurück. Yaylymova ist überzeugt, dass Kinder in polygamen Beziehungen am meisten leiden, da das turkmenische Zivilrecht die religiöse Ehe nicht anerkennt. „Daher fällt es ihnen schwer zu verstehen, wie schutzlos sie werden, wenn der Familienvater sie verlässt“, so die Expertin.
Ein Machtsymbol einflussreicher Männer
Andererseits ist die Forscherin der Ansicht, dass Polygamie ein „Symbol des sozialen Status [und] der Macht in einer patriarchalischen Gesellschaft“ ist. „Es ist eine Art der Behauptung: Ich habe die Mittel und die Ressourcen, und ich kann tun, was ich will, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen“, meint Yaylymova.
Sie weist aber auch darauf hin, dass einige Frauen, insbesondere alleinerziehende Mütter und Witwen, den Wunsch hegen, die zweite oder dritte Partnerin eines Mannes zu sein. Ihrer Ansicht nach sehen sie dies als eine Möglichkeit, „die umständlichen zivilrechtlichen Verfahren zu umgehen“.
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„Der zunehmende Konsum und die hohen Ansprüche an ein besseres Leben machen die Vorstellung, die Zweitfrau eines Mannes zu sein, der ihr einen angemessenen Lebensstandard bieten und ihre Bedürfnisse befriedigen kann, attraktiv. Offiziell ist es schön, Ehefrau und Mutter zu sein, aber inoffiziell scheint es einfacher zu sein, mit einem reichen und einflussreichen Mann zusammenzuleben“, fügt sie hinzu.
Leugnung durch die Behörden
Obwohl Polygamie laut Verfassung und internationalen Verpflichtungen illegal ist, leugnen die turkmenischen Behörden deren Existenz und meiden es, die damit verbundenen Probleme öffentlich anzusprechen. Daher wird sie im Verborgenen praktiziert.
Aynabat Yaylymova sieht darin eine institutionelle und administrative Schwäche des Staates. „Es gibt zwar ein Gesetz, aber keine Durchführungsrichtlinien, keine Finanzierung, keine Umsetzung, keine Evaluierung. Es ist ein systemisches Versagen“, sagt sie.
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„Die Leugnung entspricht der Weltanschauung der Regierung. Sie dient ihren Interessen. Sie läuft darauf hinaus, einem Mann zu sagen, dass er in seiner Familie tun und lassen kann, was er will. […] Der Staat setzt Männer aber auch dadurch unter Druck, dass er von ihnen erwartet, die Ernährer der Familie zu sein“, fügt sie hinzu.
Für sie sind Gesetze in Turkmenistan lediglich eine Formsache. „Die turkmenische Gesellschaft weiß nicht, wie dieses Gesetz angewendet und umgesetzt wird und welche Position die Regierung zu dieser Praxis und diesem tief verwurzelten kulturellen Problem vertritt. […] Viele Aspekte des turkmenischen Lebens entziehen sich jeglicher rechtlichen Grundlage.“
William Onkur für Novastan
Aus dem Französischen von Robin Roth
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Trotz Verbot: Polygamie bleibt in Turkmenistan verbreitet