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„Ich hatte nur ein Ziel – bei ihm zu sein“ – Kirgisische Zweitfrauen erzählen

Nachdem der ehemalige Mufti von Kirgistan, Tschubak Dschalilow, sich für Polygamie ausgesprochen hatte, wurde das Thema breit in der kirgisischen Öffentlichkeit diskutiert. Die Mehrheit der Bevölkerung vertritt diesbezüglich eine andere Meinung als der Geistliche. Menschenrechtler*innen meinen sogar, dass Dschalilow gegen das Gesetz verstoßen habe, indem er Männer zur Polygamie aufrief. Der Staat hat indes noch nicht auf den Aufruf des Geistlichen reagiert.

Betroffene Frauen sehen sich oft Stress ausgesetzt und brauchen psychologische Hilfe. Viele von ihnen bereuen mittlerweile, dass sie sich bereit erklärten, eine zweite und damit inoffizielle Ehefrau zu werden. Auf Radio Azattyq erzählen einige dieser Frauen ihre Geschichten. Wir übersetzen den Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Nadira (alle Namen auf Wunsch der Betroffenen geändert) lernte vor sieben Jahren einen Mann kennen, der um einiges älter war als sie. Sie glaubte ihm, dass er sich scheiden lassen und sie heiraten wollte.

Ich war zwanzig und studierte noch. Mein Mann war ein schöner, stattlicher Mann. Er fuhr ein teures Auto. Ich lernte ihn in einem Café kennen, in das ich mit Freundinnen gegangen war. Er war sehr generös und ich kann nicht leugnen, dass ich an seinem materiellen Wohlstand interessiert war. Wir begannen, uns regelmäßig zu treffen, gefielen einander und begannen, gemeinsam zu leben.

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Später erfuhr ich, dass er verheiratet ist und vier Kinder hat. Aber in dem Moment interessierte mich seine Familie nicht. Ich dachte nicht über sie nach. Ich hatte nur ein Ziel – bei ihm zu sein. Er mietete mir eine Wohnung, ernährte mich. Meine Altersgenossinnen beneideten mich. Er besuchte mich einmal pro Woche, mir reichte das. Den Rest der Zeit verbrachte ich mit Freundinnen und gab sein Geld aus. Nach zwei bis drei  Jahren erfuhr seine Frau von unserer Beziehung und es gab einen regelrechten Familienskandal. Ich habe versucht, sie auseinanderzubringen, damit er bei mir bleibt. Meine Eltern wussten von meiner Beziehung nichts.

Mittlerweile war ich schwanger und wir waren zur Moschee gegangen, um zu heiraten. Ich gebar eine Tochter. Danach entschloss ich mich, meinen Eltern die ganze Wahrheit zu erzählen. Seine Frau stellte ihn vor die Wahl: Wir oder sie. Aber er lebte weiterhin mit zwei Familien. Und während wir früher eine warmherzige Beziehung hatten, begannen nach der Geburt des Kindes die Meinungsverschiedenheiten und Skandale.

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Am Ziel und doch nicht glücklich

Mittlerweile hat Nadira schon ein zweites Kind. So wie sie es sich immer gewünscht hat, verbringt der Mann trotz des Widerstands der Erstfrau mehr Zeit bei seiner Zweitfamilie. Aber Nadira verbirgt nicht, dass sie es bereut, einen älteren Mann geheiratet zu haben und der Grund für das Zerbrechen seiner Familie zu sein.

Mein Mann ist sehr eifersüchtig, manchmal kommt er sogar zur Arbeit. Ich kann nicht offen mit meinen Freundinnen reden, da er jeden Telefonanruf genau verfolgt. Er selbst geht nirgendwo hin. Zu meinen Veranstaltungen kommt er mit seiner ersten Frau. Gegenüber seinen Freunden spiele ich immer die glückliche Ehefrau, aber ich spüre genau ihre verurteilenden Blicke. Seine Verwandten verurteilen mich auch für die Zerstörung seiner ersten Familie. Zeitweise ist es sehr schwer für mich. Ich hörte, dass seine erste Frau zu Wahrsagerinnen und zum Moldo (Islamgelehrter, Anm. d. Red.) ging. Es ist gut, wenn die Familie vollständig ist, wenn der Mann nicht mit zwei Familien leben muss. Ehrlich gesagt, bereue ich es. Ich hätte einen Gleichaltrigen heiraten und in Ruhe mit ihm leben sollen. Aber wir können die Zeit nicht zurückdrehen. Wenn es die Möglichkeit gäbe, würde ich ein anderes Leben führen.

Wenn sie sich auf eine Zweitehe nach religiösem Brauch einlassen, haben einige Frauen Schwierigkeiten mit den Geburtsurkunden ihrer Kinder, da der Staat diese Ehen nicht anerkennt. Manchmal sind sie unzufrieden damit, dass der Ehemann nicht gleich viel Zeit mit jeder Familie verbringen kann.

Zweitfrauen für das männliche Ego

Die 30-jährige Aigül erfuhr, wohin es führt, wenn man zustimmt, Zweitfrau zu werden:

Schön, wenn er gemäß der Scharia lebt. Aber weltliche Interessen stehen oft darüber. Wie es scheint, kann auch der religiöseste Mensch nicht in allem gerecht sein. Unser Prophet sagte, dass man nur ein zweites Mal heiraten darf, wenn man gerecht ist. Der Prophet selbst zweifelte daran, ob er zu seinen Frauen gerecht sein könne.

Aigül meint, dass sich die Männer meistens nicht entsprechend der Scharia Zweitfrauen halten, sondern nur um ihr männliches Ego zu befriedigen.

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Streit ist vorprogrammiert

Aimira, 40, heiratete vor fast zehn Jahren einen bereits verheirateten Mann, der vier Kinder erzieht. Mittlerweile haben sie drei gemeinsame Kinder.

Mein Mann möchte, dass wir mit seiner ersten Familie Kontakt haben, aber wir können uns nicht ausstehen. Manchmal kann ich nicht an mich halten. Das geht bis zu Beleidigungen und Schlägen. Ein Treffen mit seiner Frau führt immer zu einem Skandal und sogar zu Prügeleien. Einmal hat unser Mann uns kaum auseinandergekriegt.

Er hat nie darüber gesprochen, aber ich fühle, dass auch er unsere Ehe bereut. Seine Erstfrau jagt ihn weg zu mir und hier stürze ich mich auf ihn. Es kam schon vor, dass er sagte, alles Leid zu sein. Und ich denke die ganze Zeit darüber nach, wie man sie los werden könnte, wie es sich machen lässt, dass er nur mir gehört.

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Die Leiden der ersten Frauen

Die negativen Folgen der Polygamie spüren nicht nur die Zweit- oder Drittfrauen. Psycholog*innen weisen darauf hin, dass insbesondere die ersten Ehefrauen dieser Männer leiden.

Sabira heiratete in jungen Jahren. Gemeinsam mit ihrem Mann fuhr sie nach Russland um dort Geld zu verdienen. Aber nach der Rückkehr in die Heimat schaffte sich der Mann eine zweite Ehefrau an. Sabiras Empörung war grenzenlos. Sie versuchte sogar, sich umzubringen. Verwandten und Psycholog*innen gelang es kaum sie davon abzubringen. Sabira flüchtete sich in die Religion. Sie zieht drei Kinder groß und versucht nicht zu zeigen, dass sie leidet. Aber ihrem Mann verzeihen kann sie nicht:

Das, was in meiner Seele abgeht, können nur die verstehen, deren Männer sich Zweitfrauen genommen haben. Ich möchte nicht daran denken, das Leben hat vollkommen den Sinn verloren, ich bin allem gegenüber gleichgültig geworden. In solchen Momenten denkst du selbst nicht an die Kinder, alles ist egal. Ich wollte meinen Mann umbringen für die Qualen, die ich erlitten habe. Ich habe ihn und seine Zweitfrau verflucht. Aber das ist vorbei. Ich habe verstanden, dass meine Kinder mich brauchen, bin religiös geworden. Das hat es einfacher gemacht. Aber ich verzehre mich dennoch innerlich. Ich mache mir Sorgen, dass mein Zustand sich auf die Psyche der Kinder auswirkt.

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 Die psychologischen Folgen der Polygamie

Betroffene Frauen brauchen oft Hilfe von Psycholog*innen. Darika Asylbekova leitet das Krisenzentrum „Ak Zhurok“ in Osch. Aufgrund eigener Beobachtungen kommt die Menschenrechtlerin zu dem Schluss, dass auch religiöse Frauen ihre Männer nicht mit einer anderen teilen wollen. Sie meint, dass die Polygamie gefährlich für die Zukunft der Gesellschaft und  insbesondere die der Kinder, sei:

Tatsächlich ist es schwer so etwas durchzustehen. Solche Situationen lösen sich nicht auf Befehl eines einzigen Menschen. Alles beginnt mit den Interessen einer Person, aber es leiden mehrere. Es leiden beide Frauen, die Männer selbst, die Kinder, die unbewusst beginnen sich von der Gesellschaft zu isolieren, als ob sie irgendein Verbrechen begangen hätten. Die schwerste moralisch-psychologische Last tragen die Erstfrauen. Viele glauben, dass die Frauen selbst der zweiten Ehe des Mannes zustimmen, aber so ist das überhaupt nicht.

Frauen haben ihr eigenes Wesen. Selbst eine alte, kranke Frau wünscht nicht ihren Mann mit jemandem zu teilen. Die erste Frau wird immer die zweite missbilligen. Auch ohne Druck wird sich die zweite Frau nicht frei fühlen. Wir haben viel mit solchen Fällen zu tun. Ohne Meinungsverschiedenheiten geht es nicht. Und mag der Mann auch noch so klug, einflussreich, stark sein – er wird Probleme haben zweien Familien ein Oberhaupt zu sein. Man wird es ihm nicht ansehen, aber er wird sich innerlich selbst verzehren. All das führt zur Zerstörung der Familie und ihrer Werte.

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 Dschalilows Vorstoß und die Folgen

Menschenrechtler schlagen vor das Problem zu lösen, indem man die soziale und wirtschaftliche Situation von Frauen verbessert. In Kirgistan ist Polygamie per Gesetz verboten und wird mit Freiheitsstrafen bis zu zwei Jahren geahndet. Aber von Zeit zu Zeit werden Initiativen zur Legalisierung der Polygamie gestartet und es kursieren Gerüchte über Vielehen von Abgeordneten und ranghohen Beamten.

Nachdem sich Tschubak Dschalilow öffentlich zur Zweitehe geäußert hatte, meinten Kritiker, er solle sich lieber um Bedürftigen und Menschen mit Behinderungen sorgen. Ein Teil der Gesellschaft unterstützt aber auch Dschalilows Vorstoß und begründet dies damit, dass man die kirgisischen Frauen vor einer Ehe mit Ausländern bewahren müsse. Der Großteil der Unterstützer*innen des Ex-Muftis sind Männer.

Tschubak Dschalilow selbst erklärt seinen Vorstoß mit den Regeln des Islam und der Sorge um die Zukunft der Nation. Und auch andere geistliche Vertreter meinen ihrerseits, dass die Frauen mehrheitlich die Legalisierung der Polygamie unterstützen würden.

Wissenschaftler aus Saudi-Arabien haben indes herausgefunden, dass Männer, die mehrere Ehen eingehen, ein vierfach erhöhtes Risiko für Herzerkrankungen haben.

Nurzhan Toktonazarowa, Radio Azattyq

Aus dem Russischen von Robin Roth

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