Minaret Moschee Buchara Mir-Arab-Madrasa

Usbekistan: Der Muezzin ruft wieder

Seit November ist es Moscheen in Usbekistan wieder gestattet, den Gebetsruf über Lautsprecher zu übertragen. Es ist das Resultat eines Appells der oberen Geistlichkeit sowie gläubiger Muslime an den Präsidenten. Open Asia berichtet über diese und andere Änderungen im religiösen Leben Usbekistans. Wir übersetzen und veröffentlichen den Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Für die meisten Gemeindemitglieder war es schlicht verwunderlich.  Zum ersten Mal seit Jahren ertönte der für die Ohren mittlerweile ungewohnte Azan, der Gebetsruf . Der 68-jährige Rachmatullo Rusijew, der neben der Kalon-Moschee in Buchara lebt, erzählt, dass er den ersten Azan am 5. November früh morgens hörte. Das letzte Mal war der Azan in dieser Moschee im Mai 2005 zu hören.

Nach den tragischen Ereignissen von Andischan mussten die Muezzins auf die Verwendung von Lautsprechern verzichten. In der Stadt im Fergana-Tal wurden damals religiös motivierte Demonstrationen durch Militäreinheiten niedergeschlagen. Mehrere hundert Menschen starben. Nun ist die Tradition des lauten Azans zurückgekehrt. Für die Gläubigen ist dies ein wichtiges Ereignis, sie sind sehr froh darüber.

Ein Zugeständnis an gläubige Muslime?

„Die Erlaubnis des lauten Azans bedeutet für uns Muslime, dass die Staatsmacht den Bedürfnissen und Hoffnungen der Gläubigen entgegen kommt. Wir beten für unseren Präsidenten und unterstützen die positiven Tendenzen im religiösen Leben der Muslime Usbekistans“, sagt Rachmatullo.

Laut dem Online-Portal azan.uz war der erste über Lautsprecher übertrage Aufruf zum Gebet am 1. November in der Taschkenter Minor-Moschee zu hören. Mit der Frage des lauten Azans beschäftigte sich zuvor die Geistige Leitung der Muslime Usbekistans (DUMU). An dem Treffen am 26. Oktober nahmen Geistliche aus dem ganzen Land teil.

Die Bitten der Geistlichen

Einer der geistigen Führer Usbekistans, Scheich Abdulaziz Mansur, teilte mit, dass sich die DUMU zuvor an den Präsidenten mit der Bitte gewandt hatte, Frauen zu erlauben, muslimische Kleidung zu tragen, den Imamen den lauten Gebetsruf zu gestatten und in den Schulen Religionsunterricht einzuführen.

Der im Dezember 2016 an die Macht gekommene Präsident, Schawkat Mirsijojew lässt dem Islam gegenüber Nachsicht walten. Unter anderen wurde die jährliche Quote für die Teilnahme an der Hadsch – der islamischen Pilgerfahrt nach Mekka – von 5200 auf 7200 erhöht. Im nächsten Jahr soll sie bei 10.000 usbekischen Pilger*innen liegen.

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Die bedeutendste Änderung ist aber die Rehabilitierung von 16.000 Menschen. Sie standen auf den sogenannten „Schwarzen Listen“ der Sicherheitsorgane, da sie mit einer Reihe verbotener religiöser Organisationen in Verbindung gebracht wurden. Darüber hinaus begannen im Sommer die Bauarbeiten für ein Islamisches Kulturzentrum in Taschkent.

Was empfiehlt der Referent der Vereinten Nationen?

Vom 2. Bis zum 12. Oktober besuchte Achmed Schahid, der Referent der Vereinten Nationen in Sachen Religionsfreiheit, Usbekistan. Bei seinem Bericht im Uno-Hauptquartier in New York gab er der usbekischen Regierung folgende Empfehlung:

„Es ist davon auszugehen, dass die von Präsident Mirsijojew versprochenen Reformen dazu dienen, Vertrauen zu schaffen. Er hat schon viel getan, um seinen Guten Willen zu demonstrieren. Deswegen gibt es im Land großes Potenzial für Veränderungen. Aber dafür muss die Regierung den eingeschlagenen Kurs halten. Usbekistan braucht auch internationale Unterstützung.“

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Der Islam zu Zeiten der Sowjetunion

Des Weiteren verwies Schahid auf die Rolle, die der Kommunismus jahrzehntelang bei der Unterdrückung des Islams spielte, sodass die intellektuellen Ressourcen in Bezug auf Religion fast vollkommen vernichtet wurden. Das religiöse Wissen müsse erst wieder hergestellt werden. Nach der Öffnung des Landes seien auch solche Ideen nach Usbekistan gekommen, die eine nicht immer friedliche Auslegung des Islam mit sich brachten. Aus dieser bitteren Erfahrung resultiere die Haltung der vergangen Jahre.

Als Empfehlung sprach Schahid sich für eine Rechtsreform und mehr religiöse Bildung aus: „Usbekistan ist noch nicht bereit, offene Diskussionen über religiöse Themen zu führen. Aber gerade solche offenen Erörterungen verschiedener Überzeugungen  – und nicht etwa strafrechtliche Mittel – können ein Filter für extremistische Ideen sein.“

Erschienen auf  The Open Asia

Aus dem Russischen von Robin Roth

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